An die Galater 4:1-31

4  Nun sage ich: Solange der Erbe ein kleines Kind ist, unterscheidet er sich nicht von einem Sklaven, obwohl er Herr von allem ist.  Allerdings untersteht er bis zu dem Tag, den sein Vater im Voraus festgelegt hat, Aufsichtspersonen und Verwaltern.  Bei uns ist es genauso. Wir waren als Kinder den elementaren Dingen der Welt versklavt.+  Als aber die festgesetzte Zeit gekommen war, sandte Gott seinen Sohn, der von einer Frau geboren wurde+ und dem Gesetz unterstand.+  Er sollte die loskaufen, die dem Gesetz unterstehen,+ sodass wir als Söhne angenommen werden könnten.+  Weil ihr nun Söhne seid, hat uns Gott den Geist+ seines Sohnes ins Herz gegeben,+ und der Geist ruft aus: „Ạbba, Vater!“+  Du bist also kein Sklave mehr, sondern ein Sohn, und wenn du ein Sohn bist, dann bist du auch ein Erbe durch Gott.+  Als ihr Gott jedoch nicht kanntet, wart ihr Sklaven von Göttern, die nicht wirklich Götter sind.  Jetzt aber habt ihr Gott kennengelernt oder vielmehr seid ihr von Gott erkannt worden. Wie kommt es da, dass ihr wieder zu den schwachen+ und armseligen elementaren Dingen zurückkehrt und euch wieder davon versklaven lassen wollt?+ 10  Ihr achtet peinlich genau auf Tage und Monate,+ Festzeiten und Jahre. 11  Ich fürchte für euch, dass ich mich umsonst um euch bemüht habe. 12  Brüder, ich bitte euch: Werdet, wie ich bin, denn auch ich war früher so wie ihr.+ Ihr habt mir kein Unrecht getan. 13  Ihr wisst ja, dass ich das erste Mal wegen einer Krankheit die Gelegenheit hatte, euch die gute Botschaft bekannt zu machen. 14  Obwohl mein körperlicher Zustand für euch eine Prüfung* war, habt ihr mich nicht mit Verachtung behandelt oder mit Abscheu*, sondern ihr habt mich wie einen Engel Gottes aufgenommen, wie Christus Jesus. 15  Wo ist die Freude geblieben, die ihr hattet? Ich kann euch bezeugen, dass ihr euch damals die Augen ausgerissen und sie mir gegeben hättet, wenn es euch möglich gewesen wäre.+ 16  Bin ich denn euer Feind geworden, weil ich euch die Wahrheit sage? 17  Sie geben sich alle Mühe, euch für sich zu gewinnen, aber nicht mit guter Absicht. Sie wollen euch von mir entfremden, damit ihr ihnen mit Eifer folgt. 18  Es ist natürlich immer schön, wenn sich jemand um euch bemüht, solange es mit guter Absicht ist und nicht nur, wenn ich bei euch bin. 19  Meine lieben Kinder,+ ich habe euretwegen wieder Geburtsschmerzen, bis Christus in euch Gestalt annimmt. 20  Ich wünschte, ich könnte jetzt bei euch sein und anders mit euch reden*, denn ich bin euretwegen ratlos. 21  Ihr wollt dem Gesetz unterstehen.+ Dann frage ich euch: Hört ihr nicht, was das Gesetz sagt? 22  Zum Beispiel steht in den Schriften, dass Abraham zwei Söhne hatte: einen von der Dienerin+ und einen von der freien Frau.+ 23  Der Sohn der Dienerin wurde auf natürliche Weise geboren,+ der Sohn der freien Frau jedoch aufgrund eines Versprechens*.+ 24  Das Ganze kann symbolisch verstanden werden. Diese Frauen stehen für zwei Bündnisse. Das eine wurde am Berg Sịnai geschlossen+ und bringt Sklaven hervor. Das ist Hạgar. 25  Hạgar steht für den Sịnai,+ einen Berg in Arabien, und entspricht dem heutigen Jerusalem, denn sie ist mit ihren Kindern in Sklaverei. 26  Das Jerusalem oben dagegen ist frei und es ist unsere Mutter. 27  In den Schriften steht ja: „Freu dich, du Unfruchtbare, die nicht gebiert. Brich in Jubel aus, du, die keine Geburtsschmerzen hat. Denn die Kinder der Vereinsamten sind zahlreicher als die Kinder der Frau, die den Mann hat.“+ 28  Ihr nun, Brüder, seid Kinder aufgrund eines Versprechens, wie es auch Isaak war.+ 29  Und jetzt ist es genauso wie damals, als der auf natürliche Weise Geborene den durch Geist Geborenen zu verfolgen begann.+ 30  Doch wie heißt es in der Schriftstelle? „Jag die Dienerin und ihren Sohn weg. Der Sohn der Dienerin soll auf keinen Fall mit dem Sohn der freien Frau Erbe sein.“+ 31  Wir sind also nicht Kinder einer Dienerin, Brüder, sondern der freien Frau.

Fußnoten

Oder „mich angespuckt“.
Oder „Versuchung“.
Evtl. auch „in einem anderen Ton mit euch reden“. Wtl. „meine Stimme (ver)ändern“.
Oder „Verheißung“.

Studienanmerkungen

untersteht er … Aufsichtspersonen und Verwaltern: Zur Zeit von Paulus war es nichts Ungewöhnliches, dass Minderjährige einen Vormund hatten, der als Aufsichtsperson und Vermögensverwalter eingesetzt war. Es gab aber auch Verwalter, die für das Vermögen der gesamten Familie verantwortlich waren. „Solange der Erbe ein kleines Kind“ war, konnte er in beiden Fällen genauso wenig über das Vermögen verfügen wie ein Sklave – obwohl er theoretisch „Herr von allem“ war (Gal 4:1). Erst als Erwachsener unterstand er nicht mehr anderen. Paulus verdeutlicht an diesem Beispiel, dass die Juden in ähnlicher Weise dem Gesetz unterstanden, bis der Sohn Gottes sie zur festgelegten Zeit davon befreite (Gal 4:4-7).

den elementaren Dingen: Der griechische Ausdruck bezieht sich allgemein auf „die Grundbestandteile, aus denen etwas besteht“. Man bezeichnete damit z. B. die einzelnen Laute und Buchstaben des griechischen Alphabets, also die Grundbestandteile von Wörtern. Hier und in Kol 2:8, 20 gebraucht Paulus den Ausdruck in einem negativen Sinn. Mit den „elementaren Dingen der Welt“ – der menschlichen Gesellschaft, die sich von Gott entfernt hat – meint er die Grundprinzipien, von denen sich die Menschen seiner Zeit leiten ließen. Dazu gehörten 1. Philosophien, die sich auf menschliche Überlegungen und mythologische Vorstellungen gründeten (Kol 2:8), 2. unbiblische jüdische Lehren, die eine asketische Lebensweise und die „Engelsanbetung“ förderten (Kol 2:18), und 3. die Lehre, dass Christen das mosaische Gesetz halten müssten, um gerettet zu werden (Gal 4:4 bis 5:4; Kol 2:16, 17). Die Galater waren auf solche „elementaren Dinge“ nicht angewiesen, da sich ihre Anbetung auf den Glauben an Jesus Christus stützte und somit überlegen war. Sie sollten diesen Dingen nicht versklavt sein, indem sie sich dem mosaischen Gesetz unterwarfen; sonst wären sie wie Kinder, die einem „Betreuer“ unterstanden (Gal 3:23-26). Ihr Verhältnis zu Gott sollte vielmehr dem eines erwachsenen Sohnes zu seinem Vater gleichen. Auf keinen Fall durften sie sich von Menschen, die nicht an Christus glaubten, dazu drängen lassen, wieder zum Gesetz oder zu anderen „schwachen und armseligen elementaren Dingen“ zurückzukehren (Gal 4:9).

Abendessen: Gemeint ist offenbar das Passahmahl, das Jesus mit seinen Jüngern einnahm, bevor er das Abendmahl des Herrn einführte. Er feierte das Passah so, wie es damals üblich war. Er änderte nichts ab und unterbrach es auch nicht, um etwas Neues einzuführen. So hielt er sich als gebürtiger Jude an das mosaische Gesetz. Doch danach stand es ihm frei, eine neue Feier ins Leben zu rufen. Er führte dieses neue Abendessen oder Abendmahl als Feier zur Erinnerung an seinen Tod ein, den er noch an jenem Passahtag erleiden würde.

die festgesetzte Zeit: Wtl. „die Fülle der Zeit“. Wie der Vers zeigt, hatte Jehova einen genauen Zeitpunkt festgelegt, um sein Versprechen zu erfüllen, für einen „Nachkommen“ zu sorgen; das tat er, als er seinen einziggezeugten Sohn als Messias zur Erde sandte (1Mo 3:15; 49:10). Auch der Apostel Petrus spricht in Verbindung mit Christus von einer „besonderen Zeit“ oder einem „Zeitabschnitt“ (1Pe 1:10-12). Schon die Hebräischen Schriften ließen erkennen, dass der Messias zu einem bestimmten Zeitpunkt erscheinen sollte (Da 9:25). Jesus wurde im Jahr 2 v. u. Z. von einer Frau geboren, der jüdischen Jungfrau Maria.

dem Gesetz unterstand: Als gebürtiger Jude hielt sich Jesus während seines Dienstes auf der Erde an das mosaische Gesetz (Mat 5:17; siehe Anm. zu Luk 22:20). Erst nach seinem Tod wurde es abgeschafft (Rö 10:4).

für uns zum Fluch geworden: Laut dem mosaischen Gesetz war jemand, der in den Gesetzesbund aufgenommen worden war, verflucht, wenn er sich nicht an die Vorschriften hielt. (Siehe Anm. zu Gal 3:10.) Im vorliegenden Vers zitiert Paulus aus 5Mo 21:22, 23. Dort heißt es, dass der Körper von jemandem, der „von Gott verflucht“ war, an einen Stamm gehängt wurde. Um den Fluch, der auf den Juden lastete, voll und ganz auf sich zu nehmen, musste Jesus somit als Verfluchter an einen Stamm gehängt werden. Dadurch ermöglichte sein Tod jedem Juden, der ihn als Messias annahm, vom Fluch des Gesetzes befreit zu werden. Die Erklärung von Paulus erinnert an das, was Jesus dem Pharisäer Nikodemus sagte. (Siehe Anm. zu Joh 3:14.)

als seine Söhne anzunehmen: Oder „zu adoptieren“. Im Griechischen steht hier das Wort hyiothesía (wtl. „Sohn-Setzung“). Bei den Griechen und Römern waren Adoptionen nichts Ungewöhnliches. Der römische Kaiser Augustus war z. B. ein Adoptivsohn von Julius Cäsar. Meistens wurden Jugendliche oder junge Erwachsene adoptiert, nicht Kinder. Manchmal ließ ein Sklavenbesitzer einen Sklaven frei, um ihn dann zu adoptieren. Paulus gebrauchte die Adoption als Veranschaulichung dafür, dass die von Gott Berufenen und Auserwählten in ein neues Verhältnis zu Gott kommen. Als Nachkommen Adams sind alle Menschen Sklaven der Sünde und keine Kinder Gottes. Doch weil Jesus das Lösegeld erbracht hat, kann Jehova Menschen von der Sklaverei der Sünde freikaufen und adoptieren; dadurch werden sie Miterben mit Christus (Rö 8:14-17; Gal 4:1-7). Um dieses neue Verhältnis zu betonen, schreibt Paulus, dass diejenigen, die von Gott als Söhne angenommen wurden, ihn mit „Abba, Vater!“ anreden dürfen. Diese vertraute Anrede hätte ein Sklave gegenüber seinem Herrn nie verwenden dürfen. (Siehe Anm. zu Abba in diesem Vers.) Jehova entscheidet, wen er als Sohn annimmt (Eph 1:5). Sobald er die Betreffenden mit heiligem Geist gesalbt hat, sieht er sie als seine Kinder an (Joh 1:12, 13; 1Jo 3:1). Bevor sie diese Ehre endgültig erhalten und als Miterben mit Christus im Himmel auferweckt werden, müssen sie natürlich hier auf der Erde Gott treu bleiben (Off 20:6; 21:7). Deshalb sagt Paulus, dass sie „sehnsüchtig auf die Annahme als Söhne warten, auf die Befreiung von … [ihrem] Körper durch Lösegeld“ (Rö 8:23).

die loskaufen, die dem Gesetz unterstehen: Gemeint sind gläubige Juden. Paulus sagt weiter: „sodass wir als Söhne angenommen werden könnten“ (mit „wir“ meint er offenbar sowohl Juden als auch Nichtjuden). Das griechische Wort für „loskaufen“ (exagorázō) kommt auch in Gal 3:13 vor, wo Paulus schreibt: „Christus hat uns losgekauft und uns vom Fluch des Gesetzes befreit, indem er für uns zum Fluch geworden ist.“ (Siehe Anm. zu Gal 3:13.)

als Söhne angenommen werden: In seinen Briefen vergleicht Paulus den Stand, in den jemand durch die Geistsalbung gelangt, öfter mit einer Adoption. Die von Gott Berufenen haben die Aussicht auf unsterbliches Leben im Himmel. Als Nachkommen des unvollkommenen Adam waren sie Sklaven der Sünde und somit nicht von Geburt an Söhne Gottes. Durch das Loskaufsopfer Jesu wurden ihre Sünden gesühnt. Deshalb können sie als Söhne angenommen werden und „Miterben mit Christus“ sein (Rö 8:14-17). Das ist nicht ihre Entscheidung, sondern hängt vom Willen Gottes ab (Eph 1:5). Vom Zeitpunkt ihrer Geistzeugung an betrachtet Jehova sie als seine Söhne bzw. Kinder (Joh 1:12, 13; 1Jo 3:1). Damit ihre Adoption als Geistsöhne Gottes endgültig vollzogen wird, müssen sie jedoch bis zum Ende ihres Lebens auf der Erde treu bleiben (Rö 8:17; Off 21:7). Deshalb schreibt Paulus: „Wir [warten] sehnsüchtig auf die Annahme als Söhne …, auf die Befreiung von unserem Körper durch Lösegeld“ (Rö 8:23; siehe Anm. zu Rö 8:15). Adoptionen waren bei den Griechen und Römern nichts Ungewöhnliches. Meistens ging es dabei um Vorteile für den Adoptierenden und weniger für den Adoptierten. Bei Jehova ist es anders: Paulus hebt hervor, dass Gott aus Liebe zu denen, die er adoptieren wollte, aktiv wurde (Gal 4:3, 4).

den Geist seines Sohnes: Gemeint ist hier der heilige Geist, Gottes aktive Kraft. Wenn ein Christ gesalbt wird, gibt Gott ihm diesen Geist durch seinen Sohn ins Herz. (Vgl. Apg 2:33 und Anm. zu Apg 16:7.)

Abba: Ein hebräisches oder aramäisches Wort, das ins Griechische transkribiert wurde und in den Christlichen Griechischen Schriften drei Mal vorkommt. Wörtlich bedeutet es „Vater“ oder „o Vater“. Es ist eine liebevolle Anrede, in der die Vertrautheit eines Sohnes mit seinem Vater zum Ausdruck kommt. (Siehe Anm. zu Mar 14:36.) Paulus gebraucht das Wort hier und in Rö 8:15 im Zusammenhang mit den geistgesalbten Söhnen Gottes. Da sie von Jehova adoptiert wurden, dürfen sie ihn mit Abba ansprechen. Ein Sklave hätte diesen Ausdruck gegenüber seinem Herrn nie gebraucht. Gesalbte Christen wurden einerseits „für einen Preis freigekauft“ und sind „Sklaven Gottes“, andererseits sind sie aber auch Söhne im Haushalt eines lieben Vaters. Dass sie dieses Verhältnis zu Jehova haben, macht ihnen der heilige Geist klar und deutlich bewusst (Rö 6:22; 1Ko 7:23).

Vater: An allen drei Stellen in den Christlichen Griechischen Schriften, wo das Wort Abba erscheint, steht direkt danach ho patḗr (wtl. „der Vater“, „o Vater“) als Übersetzung ins Griechische.

der Geist Jesu: Gemeint ist offenbar der heilige Geist oder die aktive Kraft, die Jesus „vom Vater empfangen“ hatte und hier einsetzte (Apg 2:33). Als Haupt der Christenversammlung leitete Jesus durch den Geist die Predigttätigkeit der ersten Christen und zeigte ihnen, worauf sie ihre Anstrengungen konzentrieren sollten. In diesem Fall hielt Jesus Paulus und dessen Reisegefährten durch den „heiligen Geist“ davon ab, in den Provinzen Asien und Bithynien zu predigen (Apg 16:6-10). Später erreichte die gute Botschaft aber auch diese Gebiete (Apg 18:18-21; 1Pe 1:1, 2).

Abba: Ein hebräisches oder aramäisches Wort, das ins Griechische transkribiert wurde und in den Christlichen Griechischen Schriften drei Mal vorkommt (Rö 8:15; Gal 4:6). Wörtlich bedeutet es „Vater“ oder „o Vater“. Es drückt sowohl die Vertrautheit des deutschen Wortes „Papa“ als auch die Würde des Wortes „Vater“ aus. Abba war eine ungezwungene und gleichzeitig respektvolle Anrede. Es war eines der ersten Wörter, die ein Kind sagen konnte. Doch wie aus alten hebräischen und aramäischen Schriftstücken hervorgeht, redete auch ein erwachsener Sohn seinen Vater mit Abba an. Es war also mehr eine liebevolle Anrede, weniger ein Titel. Dass Jesus seinen Vater mit Abba ansprach, zeigt, wie eng und vertraut sein Verhältnis zu ihm war.

dich … kennenzulernen: Oder „immer mehr über dich … zu erfahren“, „dich … immer besser kennenzulernen“. Das griechische Verb ginṓskō hat die Grundbedeutung „(er)kennen“. Es steht hier im Präsens und drückt somit einen anhaltenden Vorgang aus. Es kann den Gedanken vermitteln, immer mehr über jemand zu erfahren, jemand kennenzulernen oder mit jemandem besser bekannt zu werden. Es kann auch beinhalten, sich ständig darum zu bemühen, jemand, den man schon kennt, noch besser kennenzulernen. In diesem Vers bezieht sich ginṓskō darauf, dass man seine persönliche Beziehung zu Gott vertieft. Dazu ist es nötig, immer mehr über Gott und Christus zu erfahren und ihnen immer mehr zu vertrauen. Für eine enge Beziehung zu Gott reicht es natürlich nicht, zu wissen, wer er ist und wie er heißt. Man muss herausfinden, was ihm gefällt und was nicht und welche Werte und Maßstäbe er vertritt (1Jo 2:3; 4:8).

habt ihr Gott kennengelernt: Viele der Christen in Galatien hatten Gott durch Paulus kennengelernt. Das griechische Verb, das hier mit „kennenlernen“ und „erkannt werden“ übersetzt ist, kann auch den Gedanken einer freundschaftlichen Beziehung beinhalten (1Ko 8:3; 2Ti 2:19). Gott kennenzulernen heißt also nicht nur, dass man sich Wissen über ihn aneignet, sondern auch, dass man eine persönliche Bindung zu ihm aufbaut. (Siehe Anm. zu Joh 17:3.)

oder vielmehr seid ihr von Gott erkannt worden: Mit seiner Ausdrucksweise macht Paulus deutlich: Wer Gott kennenlernen möchte, muss auch von ihm erkannt oder anerkannt werden. Das griechische Verb für „kennenlernen“ bzw. „erkannt werden“ kann laut einem Fachwörterbuch „das Vertrauensverhältnis zwischen Personen … beschreiben“ und daher mit „als Freund anerkennen“ übersetzt werden. Um von Gott als Freund anerkannt zu werden, muss die eigene Lebensweise mit dem übereinstimmen, wie Gott empfindet, denkt und handelt.

armseligen: Einige Christen in Galatien kehrten zu den „elementaren Dingen“ zurück. Dazu könnten menschliche Philosophien gehört haben oder die Ansicht, dass sich Christen an das mosaische Gesetz halten müssten bzw. zumindest an einige Vorschriften daraus (Kol 2:8, 16-18, 20; siehe Anm. zu Gal 4:3). Das griechische Wort für „armselig“ bedeutet wtl. „arm und hilflos“. Im übertragenen Sinn kann es auch „wertlos“ oder „erbärmlich“ bedeuten – eine passende Bezeichnung für die „elementaren Dinge“, verglichen mit dem „Reichtum“, der durch Jesus Christus möglich wird.

den elementaren Dingen: Der griechische Ausdruck bezieht sich allgemein auf „die Grundbestandteile, aus denen etwas besteht“. Man bezeichnete damit z. B. die einzelnen Laute und Buchstaben des griechischen Alphabets, also die Grundbestandteile von Wörtern. Hier und in Kol 2:8, 20 gebraucht Paulus den Ausdruck in einem negativen Sinn. Mit den „elementaren Dingen der Welt“ – der menschlichen Gesellschaft, die sich von Gott entfernt hat – meint er die Grundprinzipien, von denen sich die Menschen seiner Zeit leiten ließen. Dazu gehörten 1. Philosophien, die sich auf menschliche Überlegungen und mythologische Vorstellungen gründeten (Kol 2:8), 2. unbiblische jüdische Lehren, die eine asketische Lebensweise und die „Engelsanbetung“ förderten (Kol 2:18), und 3. die Lehre, dass Christen das mosaische Gesetz halten müssten, um gerettet zu werden (Gal 4:4 bis 5:4; Kol 2:16, 17). Die Galater waren auf solche „elementaren Dinge“ nicht angewiesen, da sich ihre Anbetung auf den Glauben an Jesus Christus stützte und somit überlegen war. Sie sollten diesen Dingen nicht versklavt sein, indem sie sich dem mosaischen Gesetz unterwarfen; sonst wären sie wie Kinder, die einem „Betreuer“ unterstanden (Gal 3:23-26). Ihr Verhältnis zu Gott sollte vielmehr dem eines erwachsenen Sohnes zu seinem Vater gleichen. Auf keinen Fall durften sie sich von Menschen, die nicht an Christus glaubten, dazu drängen lassen, wieder zum Gesetz oder zu anderen „schwachen und armseligen elementaren Dingen“ zurückzukehren (Gal 4:9).

Tage und Monate, Festzeiten und Jahre: Nach dem mosaischen Gesetz war Gottes Volk verpflichtet, zu festgelegten Zeiten bestimmte Anlässe zu begehen. Es gab z. B. Sabbate und Sabbatjahre (2Mo 20:8-10; 3Mo 25:4, 8, 11), Neumondstage (4Mo 10:10; 2Ch 2:4), den jährlichen Sühnetag (3Mo 16:29-31), das Passahfest (2Mo 12:24-27), das Fest der ungesäuerten Brote (3Mo 23:6), das Fest der Wochen (2Mo 34:22) und das Laubhüttenfest (3Mo 23:34). Bevor sie Christen wurden, hatten einige in Galatien lange das mosaische Gesetz einschließlich dieser Verpflichtungen eingehalten. Als sie dann von Jesu Loskaufsopfer erfuhren, freuten sie sich über die damit verbundenen Segnungen und die Befreiung vom Gesetz (Apg 13:38, 39). Paulus machte sich zu Recht Sorgen um diejenigen, die sich wieder versklaven ließen und genau darauf achteten, die im Gesetz vorgeschriebenen Anlässe zu begehen (Gal 4:11). Das Gleiche galt für Christen aus den anderen Völkern: Es hätte einen Mangel an Glauben an das Loskaufsopfer Christi verraten, wenn sie wieder zu heidnischen Bräuchen zurückgekehrt wären.

wegen einer Krankheit: Möglicherweise hatte Paulus ein Augenleiden (Gal 4:15; 6:11; vgl. Apg 23:1-5). Was auch immer er mit der Krankheit meinte, sie führte dazu, dass er das erste Mal die gute Botschaft in Galatien verkündete. Das könnte um 47–48 u. Z. gewesen sein, als Paulus mit Barnabas auf seiner ersten Missionsreise durch Galatien reiste und nach Antiochia in Pisidien sowie Ikonion, Lystra und Derbe kam (Apg 13:14, 51; 14:6, 21). Um 49 u. Z., also bevor er den Galaterbrief schrieb, besuchte er diese Städte erneut (Apg 15:40 bis 16:1).

dass ihr euch damals die Augen ausgerissen und sie mir gegeben hättet: Paulus gebraucht hier ein sprachliches Stilmittel, um zu unterstreichen, wie viel den Galatern an ihm lag. Sie hätten alles für ihn gegeben, sogar etwas so Kostbares wie ihr Augenlicht. Diese Formulierung wäre umso passender, falls mit der Krankheit, die Paulus kurz zuvor anspricht, tatsächlich ein chronisches Augenleiden gemeint war (Gal 4:13, 14; siehe auch Apg 23:2-5; 2Ko 12:7-9; Gal 6:11).

Meine lieben Kinder: Paulus vergleicht sich in diesem Vers mit einer Mutter und die Christen in Galatien mit seinen Kindern. Er schreibt: „Ich habe euretwegen wieder Geburtsschmerzen.“ Damit will Paulus offenbar ausdrücken, wie sehr er sich um die Galater sorgt und wie sehnlich er sich wünscht, dass sie zu reifen Christen werden. In manchen alten Handschriften steht hier das griechische Wort téknon („Kind“), in anderen, maßgebenden Manuskripten steht jedoch das Diminutiv tekníon („Kindchen“). Mit der Verkleinerungsform wird in den Christlichen Griechischen Schriften oft Zuneigung und Vertrautheit zum Ausdruck gebracht. Deswegen steht in der Neuen-Welt-Übersetzung hier „meine lieben Kinder“. (Siehe Worterklärungen zu „Diminutiv“.)

Für eine solche Freiheit hat Christus uns frei gemacht: Oder „Mit ihrer Freiheit hat Christus uns frei gemacht“. Paulus verwendet im Galaterbrief wiederholt die griechischen Wörter für „Freiheit“ und „frei“ und betont so die „Freiheit …, die wir dank Jesus Christus haben“ (Gal 2:4). Er stellt diese Freiheit der im vorangehenden Kapitel beschriebenen Sklaverei gegenüber. Die Übersetzungsvariante „mit ihrer Freiheit“ hebt hervor, dass nur Kinder des „Jerusalem oben“ – der „freien Frau“ – eine solche Freiheit genießen (Gal 4:26).

der freien Frau: Damit ist Abrahams Frau Sara gemeint, die für „das Jerusalem oben“ steht (Gal 4:26). Das buchstäbliche Jerusalem seiner Zeit vergleicht Paulus mit Abrahams Dienerin Hagar (Gal 4:25). Die Nation Israel mit Jerusalem als Hauptstadt war an das Gesetz gebunden. Deshalb konnte sie nicht als „freie Frau“ bezeichnet werden. Das Gesetz machte deutlich, dass die Juden der Sünde unterworfen und dadurch versklavt waren. Im Gegensatz dazu war Gottes sinnbildliche Frau, „das Jerusalem oben“, wie Sara schon immer eine freie Frau. Bei ihren „Kindern“ handelt es sich um diejenigen, die der Sohn Gottes von der Sklaverei der Sünde und vom mosaischen Gesetz befreit hat (Gal 4:31; 5:1 und Anm.; Joh 8:34-36).

als Mensch: Wtl. „nach dem Fleisch“. Das griechische Wort sarx („Fleisch“) kann sich auf Blutsverwandtschaft beziehen. Hier ist Jesu irdische Abstammung gemeint. Maria kam aus dem Stamm Juda und stammte von David ab. Jesus kam also als Mensch aus der Nachkommenschaft Davids. Durch seine Mutter war er „die Wurzel und der Nachkomme Davids“ und hatte daher ein Erbrecht auf „den Thron Davids, seines Vaters“ (Off 22:16; Luk 1:32). Durch seinen Adoptivvater Joseph, der ebenfalls ein Nachkomme Davids war, hatte Jesus auch ein gesetzliches Anrecht auf den Thron Davids (Mat 1:1-16; Apg 13:22, 23; 2Ti 2:8; Off 5:5).

auf natürliche Weise: Wtl. „nach dem Fleisch“. (Siehe Anm. zu Rö 1:3.)

kann symbolisch verstanden werden: Oder „kann als Allegorie betrachtet werden“. Paulus verwendet eine Allegorie, d. h. eine Erzählung, in der Personen, Gegenstände und Ereignisse als Symbol für etwas anderes stehen. Hier bezieht er sich auf den Bericht in 1. Mose 16 bis 21 und stellt die „freie Frau“ (Sara) der „Dienerin“ (Hagar) gegenüber (Gal 4:22 bis 5:1; siehe Mediengalerie, „Zwei Frauen und ihre symbolische Bedeutung“).

Diese Frauen stehen für zwei Bündnisse: Mit den beiden Bündnissen sind offensichtlich der Gesetzesbund und der abrahamische Bund gemeint. Hagar und Sara symbolisieren nicht die Bündnisse an sich, sondern verdeutlichen, dass Jehova in den beiden Bündnissen jeweils ein anderes Verhältnis zu seinem Volk hat. Der Gesetzesbund hatte gewissermaßen mit Sklaverei zu tun, der abrahamische Bund dagegen führt zu wahrer Freiheit.

auf natürliche Weise: Wtl. „nach dem Fleisch“. (Siehe Anm. zu Rö 1:3.)

zu verfolgen begann: Paulus bezieht sich hier auf 1Mo 21:9, wo es heißt, dass sich Ismael „über Isaak lustig machte“. Er bezeichnet Ismael als den auf natürliche Weise Geborenen und Isaak als den durch Geist Geborenen. Im Fall von Isaak sorgte Jehova durch seinen Geist dafür, dass Abraham und Sara wieder fortpflanzungsfähig wurden, und erfüllte so sein Versprechen (1Mo 12:3; 13:14-16; 17:7-9, 19; Gal 4:28). Wie Paulus sagt, kann die Tatsache, dass Isaak von Ismael verfolgt wurde, „symbolisch verstanden“ werden (Gal 4:24). Er schreibt: „Jetzt ist es genauso wie damals.“ Wie er erklärt, würden die „Kinder aufgrund eines Versprechens“ – Jesu geistgesalbte Nachfolger – von den gebürtigen Juden verfolgt, die sich als rechtmäßige Erben Abrahams betrachteten (Gal 4:28).

als Mensch: Wtl. „nach dem Fleisch“. Das griechische Wort sarx („Fleisch“) kann sich auf Blutsverwandtschaft beziehen. Hier ist Jesu irdische Abstammung gemeint. Maria kam aus dem Stamm Juda und stammte von David ab. Jesus kam also als Mensch aus der Nachkommenschaft Davids. Durch seine Mutter war er „die Wurzel und der Nachkomme Davids“ und hatte daher ein Erbrecht auf „den Thron Davids, seines Vaters“ (Off 22:16; Luk 1:32). Durch seinen Adoptivvater Joseph, der ebenfalls ein Nachkomme Davids war, hatte Jesus auch ein gesetzliches Anrecht auf den Thron Davids (Mat 1:1-16; Apg 13:22, 23; 2Ti 2:8; Off 5:5).

Medien

Zwei Frauen und ihre symbolische Bedeutung
Zwei Frauen und ihre symbolische Bedeutung

In seinem Brief an die Galater bezieht sich Paulus auf Abrahams Frau Sara und seine Nebenfrau Hagar und erklärt die symbolische Bedeutung ihrer Geschichte (Gal 4:24). Wie er schreibt, steht die Sklavin Hagar für „das heutige Jerusalem“, d. h. Israels Hauptstadt zu seiner Zeit. Hagars Nachkommen symbolisieren die Juden, die sich weiter an das mosaische Gesetz mit seinen Tieropfern halten wollten (Gal 4:25). Sara, die „freie Frau“, steht für „das Jerusalem oben“, womit Jehovas himmlische Organisation gemeint ist, die aus Geistgeschöpfen besteht und für Jehova wie eine Ehefrau ist. Auch diese „Frau“ hat Nachkommen: Jesus Christus und seine geistgesalbten Brüder (Gal 3:16, 28, 29; 4:26). Die Brüder Christi und diejenigen, die sich ihnen angeschlossen haben, bringen Jehova durch ihre christliche Lebensweise heiligen Dienst dar; sie machen seinen Namen öffentlich bekannt und kommen zur Anbetung zusammen (Heb 10:23, 25; 13:15). Im Galaterbrief zeigt Paulus, dass Diener Gottes nur dann wirklich frei sind, wenn sie Christus treu nachfolgen (Gal 5:1).

Berg Sinai
Berg Sinai

Der Berg Sinai, auch Horeb genannt, wird in der Bibel als „Berg des wahren Gottes“ bezeichnet (2Mo 3:1, 12; 24:13, 16; 1Kö 19:8; Apg 7:30, 38). Am Fuß des Sinai wurde der Gesetzesbund geschlossen (2Mo 19:3-14; 24:3-8; Gal 4:24). Paulus nennt den Sinai „einen Berg in Arabien“; seine genaue Lage ist jedoch unbekannt (Gal 4:25). Überlieferungen zufolge handelt es sich dabei um ein Gebirgsmassiv aus Granit (hier in der Bildmitte zu sehen), das sich zwischen den beiden N-Armen des Roten Meeres auf der Sinaihalbinsel befindet.