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Der Wachtturm  |  Dezember 2014

Timgad: Geheimnisse einer versunkenen Stadt

Timgad: Geheimnisse einer versunkenen Stadt

ER KONNTE es kaum glauben. Vor ihm, vom Sand der algerischen Wüste teilweise verdeckt, stand ein römischer Triumphbogen! Als der unerschrockene schottische Forscher James Bruce 1765 diese Entdeckung machte, ahnte er nicht, dass unter ihm die Überreste der größten von den Römern in Nordafrika angelegten Stadt verborgen lagen — das antike Thamugadi, heute Timgad genannt.

Mehr als einhundert Jahre später, nämlich 1881, begannen französische Archäologen, die gut erhaltenen Ruinen freizulegen. Was sie fanden, lässt auf ein ziemlich angenehmes, luxuriöses Leben in einer unwirtlichen, abgeschiedenen Gegend schließen. Wie kamen die Römer dazu, an so einem Ort eine auf Wohlstand ausgelegte Kolonialstadt zu gründen? Haben uns diese Stadt und ihre Bewohner heute noch etwas mitzuteilen?

EIN RAFFINIERTER POLITISCHER SCHACHZUG

Als die Römer ihr Reich im 1. Jahrhundert vor Christus auf Nordafrika ausweiteten, stießen sie auf erbitterten Widerstand vonseiten der Nomadenvölker. Wie würden die Römer für Ruhe und Frieden in der ausgedehnten Berggegend des heutigen Nordalgeriens sorgen? Zunächst ließen sie durch die III. Augusteische Legion viele befestigte Lager und Wachttürme errichten. Später versuchten sie es dann mit einer anderen Strategie und bauten die Stadt Timgad.

Offiziell hieß es, dass Timgad ein Ruhesitz für römische Veteranen werden sollte. Doch in Wirklichkeit wurde die Stadt gebaut, um den Widerstand der ansässigen Nordafrikaner zu schwächen. Der Reiz des komfortablen Lebens in Timgad zeigte seine Wirkung. Schon bald wollten Einheimische, die in die Stadt kamen, um ihre Waren zu verkaufen, auch selbst dort wohnen. Dafür musste man allerdings römischer Staatsbürger sein. Also verpflichteten sich viele freiwillig für 25 Jahre als Legionäre, um so für sich und ihre Söhne die römische Staatsbürgerschaft zu erwerben.

Doch manchen der Afrikaner war das nicht genug. Im Laufe der Zeit besetzten sie sogar hohe Posten in Timgad und anderen römischen Städten. Der Plan der Römer ging auf. Nur ein halbes Jahrhundert nach Stadtgründung bestand die Bevölkerung Timgads hauptsächlich aus Nordafrikanern.

ROM STIEHLT SICH IN DIE HERZEN

Überreste vom Marktplatz mit seinen eleganten Kolonnaden

Wie konnte Rom es schaffen, sich so schnell in die Herzen der Einheimischen zu stehlen? Zum Beispiel mit dem vom römischen Staatsmann Cicero propagierten Gleichheitsgedanken. Timgad wurde gerecht aufgeteilt. Jedem Bürger, ob römischer oder afrikanischer  Herkunft, stand die gleiche Fläche Grund und Boden zu. Schachbrettartige Grundflächen von 20 mal 20 Metern, auf denen die Häuser standen, waren durch schmale Straßen voneinander abgetrennt. Diese Ordnung und die gerechte Aufteilung übten zweifellos einen besonderen Reiz aus.

So wie in vielen anderen römischen Städten gab es auch in Timgad ein Forum, auf dem man sich an geschäftigen Markttagen treffen konnte, um die neusten Neuigkeiten auszutauschen und sich mit Spielen zu vergnügen. Vielleicht wünschten sich die Bewohner der umliegenden kargen Berge an trockenen, heißen Tagen so manches Mal unter die schattigen Kolonnaden. Wie gerne würden sie sich in einem der vielen, kostenlosen öffentlichen Bäder entspannen und dem beruhigenden Geplätscher des Wassers lauschen! Oder wäre es nicht nett, mit Freunden an einem der Springbrunnen zu sitzen und ein bisschen zu plaudern? Timgad — die Stadt der Träume!

Auf diesem Grabstein sieht man oben eine Göttertriade

Auch das, was im Amphitheater geboten wurde, spielte eine entscheidende Rolle dabei, die Herzen der Bewohner zu stehlen. In das mehr als 3 500 Personen fassende Theater strömten die Massen aus Timgad und den umliegenden Ortschaften. Die ausgelassene Menge bekam oft unmoralische und gewalttätige Schauspiele geboten, wodurch sie mit Roms Vorliebe für anzügliche Unterhaltung vertraut gemacht wurden.

Und auch ihre Religion setzten die Römer gekonnt ein. In den Badehäusern waren Wände und Böden überall mit bunten Mosaiken verziert, die Szenen aus der heidnischen Mythologie darstellten. Weil das Baden einfach zum Alltag gehörte, waren die römischen Götter bald ein gewohnter Anblick, und so wurden die Badenden allmählich mit der Religion der Römer vertraut. Die römische Kultur hatte schließlich derart an Einfluss gewonnen, dass beispielsweise auf Grabsteinen oft römische und einheimische Gottheiten zusammen als Triaden abgebildet waren.

DIE SCHÖNE STADT VERSCHWINDET IN DER VERSENKUNG

Nach der Stadtgründung durch Kaiser Trajan im Jahr 100 nach Christus wurde in ganz Nordafrika die Getreide-, Wein- und Olivenölproduktion vorangetrieben. Bald galt diese Gegend als Kornkammer Roms. Unter römischer Herrschaft erlebte Timgad, so wie auch andere Kolonialstädte, eine Blütezeit. Die Bevölkerung wuchs und wuchs und bald dehnte sich Timgad weit über seine Stadtmauern hin aus.

Wer in der Stadt lebte und Grundbesitzer war, konnte durch den Handel mit Rom wohlhabend werden. Doch die umliegenden Bauern sahen wenig davon. Soziale Ungerechtigkeit und überzogene Steuern beschworen im 3. Jahrhundert Aufstände herauf. Manche Bauern, die den katholischen Glauben angenommen hatten, schlossen sich den Donatisten an. Diese Gruppe hatte sich gegen die katholische Kirche erhoben, weil sie mit den üblen Zuständen, die darin herrschten, nicht einverstanden war. (Siehe auch „ Die ‚reine Kirche‘ der Donatisten — nur ein Etikett“.)

Das ganze römische Reich wurde über Jahrhunderte hinweg von religiösen Konflikten, Bürgerkriegen und Invasionen schwer mitgenommen, und so glitt dem Imperium auch die Kontrolle über  Nordafrika aus der Hand. Timgad wurde im 6. Jahrhundert von arabischen Stämmen niedergebrannt und versank schließlich in Vergessenheit — für über 1 000 Jahre.

„DAS HEISST LEBEN!“

Lateinische Inschrift am Forum: „Jagen, baden, spielen, lachen — das heißt leben!“

Als Timgad schließlich ausgegraben wurde, brachte eine Inschrift am Forum die Archäologen zum Schmunzeln. Da stand: „Jagen, baden, spielen, lachen — das heißt leben!“ Darin „spiegelt sich zwar vielleicht keine besonders ehrgeizige Lebenseinstellung wider, doch mancher wird nicht umhinkommen, es als echte Lebensweisheit zu würdigen“, so ein französischer Historiker.

Die Römer jedenfalls lebten eine ganze Weile nach diesem Motto. Der Apostel Paulus erwähnte im 1. Jahrhundert auch Leute, für die nur galt: „Lasst uns essen und trinken, denn morgen werden wir sterben.“ Obwohl die Römer religiös waren, verschwendeten sie kaum einen Gedanken an den eigentlichen Sinn im Leben und interessierten sich nur für das Hier und Jetzt. Paulus warnte Christen vor solchen Personen mit den Worten: „Lasst euch nicht täuschen: ‚Schlechter Umgang verdirbt gute Sitten!‘ “ (1. Korinther 15:32, 33, BasisBibel).

Die Einwohner von Timgad sind zwar bereits 1 500 Jahre tot, doch ihre Einstellung hat bis heute überlebt. Für viele Menschen zählt nur der Moment. Ihnen sind „Zustände wie im alten Rom“ gerade recht; das Morgen interessiert sie kein bisschen. Doch auf der Weltbühne gibt es ständig Veränderungen. Die Bibel ist da ganz realistisch. „Die Szene dieser Welt wechselt“, sagt sie und legt uns deshalb ans Herz, „nicht vollen Gebrauch von ihr [zu] machen“ (1. Korinther 7:31).

Die Ruinen Timgads beweisen eindrucksvoll, dass die in Stein gehauene Weisheit im Wüstensand ganz sicher nicht den Weg zu echtem Glück und einem erfüllten Leben weist. Auf die Bibel ist deutlich mehr Verlass, wenn sie verspricht: „Die Welt aber mit ihren Verlockungen wird vergehen. Nur wer tut, was Gott gefällt, wird ewig leben“ (1. Johannes 2:17, Hoffnung für alle).

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