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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM SEPTEMBER 2013

 LEBENSBERICHT

Materiell arm, aber geistig reich

Materiell arm, aber geistig reich

Mein Großvater und mein Vater wohnten in einem unfertigen Haus in Kotjuschany, einem Bauerndorf im Norden des heutigen Moldawien. Dort kam ich im Dezember 1939 zur Welt. Vater und Großvater waren in den frühen 1930er-Jahren Zeugen Jehovas geworden. Mutter tat es ihnen gleich, nachdem sie gemerkt hatte, dass Großvater die Bibel besser kannte als der Dorfgeistliche.

Als ich drei Jahre war, wurden Vater, Großvater und mein Onkel wegen ihrer neutralen christlichen Haltung in Arbeitslager deportiert. Nur Vater überlebte. Nach dem Zweiten Weltkrieg kam er 1947 mit angebrochener Wirbelsäule nach Hause. Er war körperlich ein Wrack, doch sein Glaube war ungebrochen.

DRAMATISCHE VERÄNDERUNGEN

Im Jahr 1949 — ich war damals neun — wurde meine Familie mit Hunderten anderen moldawischen Zeugen nach Sibirien verbannt. Am 6. Juli pferchte man uns in Viehwaggons. Nach 12 Tagen und über 6 400 Kilometern ununterbrochener Fahrt kamen wir am Bahnhof in Lebjaschje an. Dort wurden wir bereits von der Polizei erwartet. Man bildete kleine Gruppen und verteilte uns sofort in der ganzen Gegend. Unsere Gruppe wurde in einer kleinen leer stehenden Schule einquartiert. Wir waren traurig und am Ende unserer Kräfte. Eine ältere Frau fing an, ein Lied zu summen, das Zeugen Jehovas im Zweiten Weltkrieg komponiert hatten. Bald sangen wir anderen von Herzen den Text mit:

So viele Brüder wurden verbannt,

weit weg in den Norden und Osten.

Für Gottes Werk zum Leiden verdammt, das Schlimmste erdulden sie mussten.

Nach einiger Zeit konnten wir jeden Sonntag biblische Zusammenkünfte besuchen — an einem Ort, der 13 Kilometer entfernt war. An Wintertagen machten wir uns oft schon frühmorgens im Dunkeln auf den Weg und stapften bei minus 40 Grad durch hüfthohen Schnee. Am Ziel angekommen quetschten sich 50 oder mehr Personen in einen Raum von knapp 20 Quadratmetern. Am Anfang sangen wir ein Lied oder auch zwei oder drei. Nach einem von Herzen kommenden Gebet wurden ungefähr eine Stunde lang biblische Fragen besprochen. Dann sangen wir wieder und weiter ging es mit biblischen Fragen. Das war wirklich eine sehr glaubensstärkende Zeit!

NEUE HERAUSFORDERUNGEN

Am Bahnhof von Dschankoi (um 1974)

1960 hatten wir Zeugen in der Verbannung dann schon etwas mehr Freiheit. Obwohl wir arm waren, konnte ich nach Moldawien fahren. Dort lernte ich Nina kennen, deren Eltern und Großeltern auch Zeugen Jehovas waren. Nina wurde bald meine Frau, und wir kehrten nach Sibirien zurück, wo 1964 unsere Tochter Dina geboren wurde und 1966 unser Sohn Viktor. Zwei Jahre später siedelten wir in die Ukraine um und bezogen ein kleines Haus in Dschankoi auf der Halbinsel Krim, rund 160 Kilometer von Jalta entfernt.

 Auf der Krim — wie damals überall in der Sowjetunion — war die Tätigkeit von Jehovas Zeugen verboten. Doch uns waren die Hände nicht völlig gebunden und wir wurden auch nicht direkt verfolgt. Deswegen machte sich bei manchen Brüdern eine gewisse Selbstzufriedenheit breit. Nachdem sie in Sibirien so viel erduldet hatten, dachten sie jetzt, es wäre an der Zeit, sich etwas materiellen Wohlstand zu erarbeiten.

SPANNENDE ENTWICKLUNGEN

Am 27. März 1991 wurde das Verbot unseres Werks auf dem gesamten Gebiet der Sowjetunion aufgehoben. Sofort schmiedete man Pläne für sieben zweitägige Sonderkongresse an verschiedenen Orten im Land. Wir waren zu dem Kongress nach Odessa (Ukraine) eingeladen, der am 24. August beginnen sollte. Ich fuhr schon einen Monat früher hin, um mitzuhelfen, das große Fußballstadion für den Kongress vorzubereiten.

Wir arbeiteten von früh bis spät und verbrachten die Nacht oft auf den Stadionbänken. Trupps von Glaubensschwestern machten den Park um das Stadion herum sauber. Rund 70 Tonnen Müll wurden weggeschafft! Die Unterkunftsabteilung suchte in der ganzen Stadt nach Übernachtungsmöglichkeiten für die 15 000 erwarteten Kongressbesucher. Dann kam plötzlich eine Hiobsbotschaft!

Am 19. August — gerade mal fünf Tage vor Kongressbeginn — wurde Michail Gorbatschow, damals Präsident der UdSSR, an seinem Urlaubsort in der Nähe von Jalta unter Hausarrest gestellt. Die Genehmigung für unseren Kongress wurde zurückgezogen. Im Kongressbüro häuften sich die Anrufe von Delegierten, die Plätze in Bussen oder Zügen reserviert hatten und nun anfragten, was sie denn tun sollten. Nach intensiven Gebeten sagten die Brüder von der Kongressorganisation: „Kommt trotzdem!“

Die Vorbereitungen — und das Beten — gingen weiter. Die Brüder vom Fahrdienst holten schon die ersten Delegierten ab, die aus vielen Teilen der Sowjetunion anreisten, und brachten sie zu ihren Unterkünften. Jeden Morgen machten sich Mitglieder vom Kongresskomitee auf, um sich mit Behördenvertretern zu treffen. Abends kamen sie dann immer nach erfolgloser Mission zurück.

DIE ANTWORT AUF UNSERE GEBETE

Am Donnerstag, den 22. August — zwei Tage vor dem geplanten Kongressbeginn —, kamen Brüder vom Kongresskomitee mit der freudigen Nachricht: Der Kongress war genehmigt! Als das Anfangslied gesungen und ein Gebet gesprochen wurde, kannte unsere Freude keine Grenzen. Am Samstag nach Programmschluss blieben wir noch bis spätabends auf dem Gelände, unterhielten uns und frischten alte Freundschaften auf. Hier waren Christen zusammen, die einen so starken Glauben hatten, dass sie die schwersten Prüfungen durchstehen konnten.

Kongress in Odessa (1991)

In den gut 22 Jahren seit jenem Kongress hat es gewaltige Fortschritte gegeben. Überall in der Ukraine wurden Königreichssäle gebaut, und die Zahl der Verkündiger des Königreichs ist von 25 000 im Jahr 1991 auf heute über 150 000 gestiegen.

NACH WIE VOR GEISTIG REICH

Wir wohnen noch im selben Haus in Dschankoi, einer Stadt mit jetzt rund 40 000 Einwohnern. Als wir 1968 aus Sibirien kamen, gab es hier nur ein paar Familien, die Zeugen Jehovas waren. Daraus sind inzwischen sechs Versammlungen geworden.

Auch unsere Familie ist gewachsen. Wir sind jetzt vier Generationen, die Jehova dienen: meine Frau und ich, unsere Kinder, Enkel und Urenkel.