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DER WACHTTURM JUNI 2013

Ein Schatz, der Jahrhunderte verborgen war

Ein Schatz, der Jahrhunderte verborgen war

Der Professor kann es kaum fassen. Immer wieder prüft er das alte Textstück aufs Genauste. Nach Kalligrafie und Grammatik zu urteilen hat er es mit Fragmenten der ältesten bekannten Bibelübersetzung in Georgisch zu tun.

DIESEN Schatz entdeckte der georgische Wissenschaftler Iwane Dschawachischwili Ende Dezember 1922 bei seinen Forschungen zur Entwicklung des georgischen Alphabets. Er stieß auf ein Exemplar des Jerusalemer Talmuds. Als er es genauer untersuchte, entdeckte er unter den hebräischen Wörtern einen georgischen Text, von dem nur noch Teile zu sehen waren. *

Bei diesem „verborgenen“ Text handelte es sich um einen Teil des Bibelbuches Jeremia aus dem 5. nachchristlichen Jahrhundert. Die bis dahin älteste bekannte Bibelhandschrift in Georgisch datierte aus dem 9. Jahrhundert. Bald fand man auch Teile von anderen Bibelbüchern aus dem 5. Jahrhundert oder sogar früher. Man muss sich das einmal vorstellen: Das waren biblische Texte, die nur wenige Jahrhunderte nach der Zeit Jesu und der Apostel entstanden waren!

Wer hatte sie übersetzt? Stammten sie aus der Feder eines Einzelnen oder hatte eine ganze Gruppe von Übersetzern mit Hingabe daran gearbeitet? Bisher gibt es dazu keine geschichtlichen Hinweise. Wie dem auch sei, offensichtlich war die Bibel ganz oder zumindest in Teilen schon im 4. Jahrhundert ins Georgische übersetzt worden und steht den Georgiern seit dieser Zeit in ihrer Muttersprache zur Verfügung beziehungsweise ist ihnen bekannt.

Wie gut man in Georgien mit der Heiligen Schrift vertraut war, zeigt das Buch Das Martyrium der heiligen Schuschanik, das wahrscheinlich aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhunderts stammt. Der tragische Bericht über die Leiden dieser Königin enthält Zitate aus den Psalmen, den Evangelien und anderen Teilen der Bibel sowie Anspielungen darauf. Er handelt davon, dass Schuschaniks Mann Varxenes (Vizekönig des georgischen Königreiches Kartli) in seinem Bemühen, die persischen Lehnsherren zu beschwichtigen, dem „Christentum“ den Rücken kehrte und zum persischen Zoroastrismus übertrat. Dasselbe verlangte er von seiner Frau. Diese habe  sich jedoch geweigert, ihrem Glauben abzuschwören, und in den letzten Tagen vor ihrem Tod aus den Schriften Trost geschöpft.

Offensichtlich hat das Übersetzen und Abschreiben der Bibel in Georgien seit dem 5. Jahrhundert eine ungebrochene Tradition. Die Flut georgischer Bibelhandschriften zeugt von der hingebungsvollen Arbeit eifriger Abschreiber und Übersetzer. Leuchten wir einmal zwei Bereiche der bewegenden Geschichte etwas aus: Übersetzung und Druck der Bibel.

ENORME ZUNAHME AN BIBELÜBERSETZUNGEN

„Ich, Giorgi, ein bescheidener Mönch, habe dieses Buch der Psalmen mit großer Sorgfalt und Mühe aus dem Neugriechischen ins Georgische übersetzt.“ Dies schrieb Giorgi Mtazmideli, ein georgischer Mönch aus dem 11. Jahrhundert. Wieso bestand Bedarf für eine neue Übersetzung, wo es doch schon seit einigen Jahrhunderten eine georgische Bibel gab?

Im 11. Jahrhundert waren von den frühen georgischen Bibelhandschriften nur noch sehr wenige im Umlauf. Manche Bibelbücher waren ganz verschwunden. Auch hatte sich die Sprache gewandelt, sodass ältere Texte nicht mehr so verständlich waren. Zwar versuchten verschiedene Übersetzer, den Text der georgischen Bibel wiederherzustellen, doch Giorgi leistete auf diesem Gebiet am meisten. Er verglich bestehende georgische Versionen mit griechischen Manuskripten und übersetzte fehlende Teile bis hin zu ganzen Bibelbüchern. Tagsüber kümmerte er sich um die Leitung eines Klosters, abends widmete er sich dem Übersetzen.

Giorgis Zeitgenosse Ephrem Mcire ging beim Übersetzen der Bibel noch einen Schritt weiter. Er verfasste zusätzlich eine Art Leitfaden für Übersetzer, der Grundprinzipien des Übersetzens enthielt — etwa dass man nach Möglichkeit von der Ursprache ausgeht und sich eng an den Ausgangstext hält, ohne jedoch bei der Natürlichkeit Abstriche zu machen. Auch führte er den Gebrauch von Fußnoten und Randbemerkungen in georgischen Übersetzungen ein. Ephrem übersetzte eine Reihe von Bibelbüchern komplett neu. Die Arbeiten Giorgis und Ephrems bildeten eine gute Ausgangsbasis für spätere Übersetzungen.

Im Lauf des nächsten Jahrhunderts erlebte die literarische Produktion in Georgien einen ziemlichen Aufschwung. In Gelati und Ikalto wurden Akademien gegründet. Wie man in Fachkreisen allgemein annimmt, war die sogenannte Gelati-Bibel, die gegenwärtig im nationalen Handschrifteninstitut in Tiflis aufbewahrt wird, eine völlig neue Bibelübersetzung von einem Gelehrten aus Gelati oder Ikalto.

Wie wirkte sich die Tätigkeit der Bibelübersetzer auf das Volk aus? Im 12. Jahrhundert verfasste der georgische Dichter Schota Rustaweli das  Epos Der Recke im Tigerfell, das über die Jahrhunderte derart an Einfluss gewann, dass es als Georgiens zweite Bibel bezeichnet wurde. Wie der georgische Philologe K. Kekelidse bemerkte, habe Rustaweli immer wieder den Inhalt von Passagen aus der Bibel durchscheinen lassen, ob er nun bewusst daraus zitierte oder nicht. Das Werk — wiewohl stark idealisierend — hat oft Themen wie echte Freundschaft, Großmut, Respekt vor Frauen und selbstlose Liebe zu Fremden zum Gegenstand. Diese und andere Werte aus der Bibel spielten im Denken der Georgier über Generationen eine Rolle und gelten noch heute als moralische Ideale.

KÖNIGSHAUS TREIBT BIBELDRUCK VORAN

Ende des 17. Jahrhunderts machte es sich die georgische Königsfamilie zum Anliegen, die Bibel drucken zu lassen. König Wachtang VI. ließ dazu in der Hauptstadt Tiflis eine Druckerei errichten. Doch es gab noch keinen druckreifen Text. Die georgische Bibel war sozusagen erneut in der Versenkung verschwunden. Es existierten nur unvollständige Manuskripte von Teilen der Bibel in veralteter Sprache. Sulchan-Saba Orbeliani, ein fachkundiger Linguist, wurde mit der Revision und Restauration des Bibeltextes betraut.

Orbeliani ging mit akribischer Genauigkeit ans Werk. Als Kenner mehrerer Sprachen, darunter Griechisch und Latein, konnte er außer auf bestehende georgische Manuskripte auch auf andere Quellen zurückgreifen. Die georgische orthodoxe Kirche war von diesem offenen Ansatz allerdings nicht erbaut. Die Geistlichkeit bezichtigte ihn des Verrats an der Kirche und brachte den König so weit, Orbelianis Arbeit an der Bibel zu unterbinden. Laut einer georgischen Quelle zwang man ihn bei einem Kirchenkonzil, die Bibel, an der er jahrelang gearbeitet hatte, zu verbrennen!

Eine Ausgabe der Mzcheta-Handschrift („Saba-Bibel“), die bis heute erhalten geblieben ist, enthält interessanterweise Orbelianis handschriftliche Anmerkungen. Ob es sich jedoch dabei um die von der Kirche bekämpfte Bibel handelt, steht nicht zweifelsfrei fest. Nur der Anmerkungsapparat stammt mit Sicherheit von ihm.

Trotz aller Herausforderungen war das Drucken der Bibel für einige Mitglieder des Königshauses stets ein wichtiges Anliegen. Zwischen 1705 und 1711 wurden Teile der Bibel gedruckt. Dank der Bemühungen der georgischen Prinzen Bakari und Wakuschti ging 1743 schließlich die vollständige Bibel in Druck. Die georgische Bibel blieb nicht länger verborgen.

^ Abs. 3 Schreibmaterial war in alter Zeit rar und kostspielig. Deswegen war es nicht unüblich, Texte von Handschriften abzuschaben und das Material neu zu beschreiben. Solche Manuskripte werden Palimpseste genannt, nach einem griechischen Wort, das „wieder abgekratzt“ bedeutet.

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