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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm  |  Mai 2011

Friedliebende Menschen verteidigen ihren guten Ruf

Friedliebende Menschen verteidigen ihren guten Ruf

AN DIE BÜRGER RUSSLANDS: Der folgende Bericht soll Millionen Menschen in über 230 Ländern und Territorien darauf aufmerksam machen, dass in Russland die Religionsfreiheit zu Unrecht eingeschränkt wird. Der Wachtturm wird in mehr Sprachen übersetzt und ist international weiter verbreitet als jede andere Zeitschrift. Er hat eine Auflage von über 40 Millionen und der vorliegende Artikel erscheint in 188 Sprachen. Manche Stellen werden nicht erfreut sein, wenn die internationale Gemeinschaft erfährt, was mit Jehovas Zeugen in Russland passiert. Doch Jesu Worte werden sich bewahrheiten: „Da ist nichts sorgsam verhüllt, was nicht geoffenbart werden wird, und verborgen, was nicht bekannt werden wird“ (LUKAS 12:2).

IM Dezember 2009 und im Januar 2010 wurden in Russland auf höchster gerichtlicher Ebene die Glaubensansichten von Jehovas Zeugen als „extremistisch“ eingestuft. Es drängte sich einem der Gedanke auf, die Geschichte würde sich wiederholen. Unter der Sowjetherrschaft waren Tausende von Zeugen in diesem Land zu Unrecht beschuldigt worden, Staatsfeinde zu sein. Sie wurden deportiert, in Gefängnisse gesperrt oder in Arbeitslagern interniert. Nach dem Zusammenbruch des Sowjetregimes wurden Jehovas Zeugen von der neuen Regierung offiziell rehabilitiert. * Nun scheint man es erneut darauf abgesehen zu haben, ihren guten Namen zu beschmutzen.

Die Offensive gegen die Religionsfreiheit von Jehovas Zeugen begann Anfang 2009. Allein im Februar kam es landesweit zu über 500 Ermittlungsverfahren. Das Ziel? Es sollten vermeintliche Gesetzesübertretungen der Zeugen aufgedeckt werden. In den darauffolgenden Monaten stürmte die Polizei friedliche religiöse Zusammenkünfte in Königreichssälen und Privatwohnungen. Literatur und persönlicher Besitz wurde konfisziert. Anwälte aus dem Ausland, die bei der Verteidigung der Zeugen Jehovas Unterstützung leisteten, wurden ausgewiesen und nicht mehr ins Land gelassen.

 Am 5. Oktober 2009 hielten Zollbeamte an der Grenze nahe Sankt Petersburg eine Lieferung biblischer Schriften zurück, die in Deutschland gedruckt worden waren und an eine ganze Reihe von Versammlungen der Zeugen Jehovas in Russland gehen sollten. Beamte einer Spezialabteilung für gefährliche Schmuggelware untersuchten die Ladung. Wieso das? In einem amtlichen Schreiben hieß es, sie könne „Schriftmaterial enthalten, das darauf angelegt ist, religiöse Zwietracht zu stiften“.

Die Schikanen erreichten bald einen Höhepunkt. Das Oberste Gericht der Russischen Föderation und das Oberste Gericht der Republik Altai (Teilrepublik Russlands) erklärten eine Anzahl Schriften von Jehovas Zeugen — auch die Zeitschrift, die Sie gerade lesen — für „extremistisch“. Jehovas Zeugen legten Berufung ein und auf internationaler Ebene wurden Bedenken geäußert, doch vergeblich. Die Entscheide sind derzeit rechtskräftig, das heißt, es ist verboten, diese religiösen Publikationen in Russland einzuführen und zu verbreiten.

Wie würden Jehovas Zeugen auf diese Anwürfe und Einschränkungen reagieren? Was bedeuten die Gerichtsurteile für die Religionsfreiheit der russischen Staatsbürger insgesamt?

Wachsende Bedrohung verlangt Reaktion

Wladimir Litwin (81) wurde als 14-Jähriger in den Bezirk Krasnojarsk deportiert. Am ersten Tag der Aktion, in aller Frühe, leitete er eine Gruppe Zeugen Jehovas bei der Verteilung des besonderen Faltblatts.

Am Freitag, dem 26. Februar 2010, begannen rund 160 000 Zeugen Jehovas in ganz Russland mit der Verteilung von 12 Millionen besonderen Faltblättern mit dem Titel „Wiederholt sich die Geschichte? Eine Frage an die Bürger Russlands“. In Ussolje-Sibirskoje (Sibirien) zum Beispiel trafen sich ein paar Hundert Zeugen morgens um halb sechs auf der Straße, darunter einige, die 1951 wegen ihres Glaubens nach Sibirien deportiert worden waren. Bei eisigen 40 Grad minus verteilten sie ihren Anteil von 20 000 Faltblättern.

Nikolai Jassinski (73) war ebenfalls mit Feuereifer bei der Aktion dabei. Er fragte: „Stimmt das wirklich? Wollen sie uns jetzt wieder verfolgen und uns verbieten, Jehova anzubeten?“

Zur Ankündigung der dreitägigen Aktion hielten Jehovas Zeugen in Moskau eine Pressekonferenz ab. Dabei kam Lew Lewinson vom Institut für Menschenrechte zu Wort. Er referierte kurz über die sinnlosen Schikanen und die Verfolgung von Jehovas Zeugen unter der NS-Diktatur sowie in der Sowjetunion und ging auch auf ihre anschließende Rehabilitierung ein. Außerdem sagte er: „Alle Religionsgemeinschaften, die in der Sowjetära verfolgt wurden, sollten laut einem Dekret des Präsidenten Jelzin rehabilitiert werden. Was sie verloren hatten, musste ihnen zurückgegeben werden. Jehovas Zeugen hatten unter dem Sowjetregime zwar keinen nennenswerten Besitz, aber sie bekamen ihren guten Ruf zurück.“

 Dieser gute Ruf ist jetzt wieder in Gefahr. „Ausgerechnet in dem Land, das sein Bedauern zum Ausdruck gebracht hat“, so Lewinson, „werden diese Menschen jetzt absolut grundlos verfolgt.“

Positive Resonanz auf die Aktion

Wurde mit der Verteilung des Faltblatts das gewünschte Ziel erreicht? Lew Lewinson sagte: „Auf dem Weg zur Pressekonferenz habe ich in der Metro Leute mit dem Flugblatt gesehen, das die Zeugen Jehovas heute in ganz Russland verteilen. . . . [die] Leute sitzen da und lesen es, und zwar aufmerksam.“ * Hier einige Reaktionen.

Eine ältere Frau in einer überwiegend muslimischen Gegend in Zentralrussland nahm ein Faltblatt entgegen und fragte, worum es ging. Als sie erfuhr, dass darin von Menschenrechten und Grundfreiheiten in Russland die Rede ist, sagte sie begeistert: „Endlich legt mal jemand den Finger auf die Wunde! Russland fällt da ja wieder in alte Sowjetzeiten zurück. Vielen Dank! Das macht ihr gut.“

Als eine Frau in Tscheljabinsk ein Faltblatt angeboten bekam, sagte sie: „Ich habe das schon bekommen und durchgelesen. Ich stehe voll auf eurer Seite. Ich weiß von keiner anderen Religion, die sich so gezielt für ihren Glauben einsetzt. Es gefällt mir, wie ihr euch anzieht, und ihr seid immer nett und freundlich. Man sieht, dass ihr hinter eurem Glauben steht. Ich habe den Eindruck, dass Gott mit euch ist.“

Ein Mann in Sankt Petersburg, der das Faltblatt auch schon hatte, sagte auf die Frage, ob es ihm denn gefallen habe: „Ja. Beim Lesen habe ich eine Gänsehaut bekommen und mir kamen sogar die Tränen. Meine Großmutter hatte [unter den  Sowjets] schwer zu leiden. Sie hat mir eine Menge über die Leute erzählt, die mit ihr inhaftiert waren. Viele waren Verbrecher, aber es gab auch Unschuldige, die wegen ihres Glaubens eingesperrt waren. Ich finde, dass jeder wissen sollte, was damals passiert ist. Ihr macht das genau richtig.“

Wie wird es in Russland weitergehen?

Stepan Lewitski (85) und seine Frau Jelena. Er saß zehn Jahre im Gefängnis, weil er eine einzige Ausgabe des Wachtturms besaß.

Jehovas Zeugen wissen die Freiheit zu schätzen, die man ihnen in den vergangenen zwei Jahrzehnten in Russland gewährt hat. Ihnen ist allerdings nur allzu bewusst, wie schnell sich das Blatt wenden kann. Ob die jüngste Verleumdungskampagne gegen Jehovas Zeugen ein Anzeichen dafür ist, dass Russland wieder in eine finstere Epoche der Repressionen zurückfällt, bleibt abzuwarten.

Jehovas Zeugen jedenfalls sind fest entschlossen, die biblische Botschaft des Friedens und der Hoffnung auch in Zukunft zu den Menschen zu bringen, komme, was da wolle. Dieser Entschluss wird in dem erwähnten Faltblatt so zum Ausdruck gebracht: „Repressionen werden nichts nützen. Wir werden weiter freundlich und mit Respekt über Jehova und sein Wort, die Bibel, sprechen (1. Petrus 3:15). Wir haben unter dem Terror der NS-Diktatur nicht aufgehört, wir haben in den dunkelsten Tagen der Repressionen in unserem Land nicht aufgehört, und wir werden auch jetzt nicht aufhören (Apostelgeschichte 4:18-20).“

^ Abs. 13 Jehovas Zeugen in Moskau hatten einige Stunden vor der Pressekonferenz mit der Verteilung des Faltblatts begonnen.