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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm  |  November 2010

Weisen biblische Prophezeiungen auf den heutigen Staat Israel hin?

Weisen biblische Prophezeiungen auf den heutigen Staat Israel hin?

RAKETENANGRIFFE, Zusammenstöße bewaffneter Milizen, Terroranschläge — alle Welt beobachtet angespannt die Vorgänge im Nahen Osten. Zu diesem hochexplosiven Gemisch kommt noch die durchaus reale Gefahr eines Atomwaffeneinsatzes. Kein Wunder, dass viele sich Sorgen machen!

Auch vor 62 Jahren, im Mai 1948, blickte die Welt mit Besorgnis auf den Nahen Osten. Zu der Zeit lief das britische Mandat für das damalige Palästina aus und es roch nach Krieg. Im Jahr zuvor hatten die Vereinten Nationen der Schaffung eines unabhängigen jüdischen Staates auf einem Teil der von Großbritannien verwalteten Gebiete zugestimmt. Die arabischen Nachbarstaaten wollten das jedoch um jeden Preis verhindern. Die Arabische Liga verkündete: „Jede Trennlinie, die durch Palästina gezogen wird, wird eine Linie von Feuer und Blut sein.“

Es war an einem Freitagnachmittag, am 14. Mai 1948 um 16 Uhr. Die letzten Stunden des britischen Mandats waren angebrochen und im Museum von Tel Aviv hatte sich eine nicht allzu große, handverlesene Gruppe von 350 Personen zu einem schon sehnlichst erwarteten Akt zusammengefunden: der offiziellen Gründung des neuzeitlichen Staates Israel. Die Sicherheitsmaßnahmen waren streng, denn der junge Staat hatte viele Feinde, die diesen Schritt am liebsten verhindert hätten.

David Ben Gurion am 14. Mai 1948

David Ben Gurion, Vorsitzender des jüdischen Nationalrats, verlas die Unabhängigkeitserklärung des Staates Israel, in der es auszugsweise hieß: „[Wir,] die Mitglieder des Nationalrates, als Vertreter der jüdischen Bevölkerung . . . verkünden hiermit kraft unseres natürlichen und historischen Rechtes und aufgrund des Beschlusses der Vollversammlung der Vereinten Nationen die Errichtung eines jüdischen Staates im Lande Israel — des Staates Israel.“

Erfüllung einer biblischen Prophezeiung?

Manche evangelikale Protestanten glauben, dass sich dadurch an Israel eine biblische Prophezeiung erfüllt hat. Der Prediger John Hagee zum Beispiel schreibt in seinem Buch Jerusalem Countdown: „Dieses bedeutsame Ereignis ist von dem Propheten Jesaja aufgeschrieben worden: ,Eine Nation wird an einem Tag  geboren werden.‘ (Siehe Jesaja 66:8.) . . . Es war der größte Moment in der prophetischen Geschichte des 20. Jahrhunderts — ein sprechender Beweis für alle Welt, dass der Gott Israels sehr wohl existiert.“

Hat Hagee damit Recht? Wird in Jesaja 66:8 wirklich die Errichtung des heutigen Staates Israel vorausgesagt? War der 14. Mai 1948 tatsächlich der „größte Moment in der prophetischen Geschichte des 20. Jahrhunderts“? Falls Israel noch heute Gottes auserwählte Nation ist und bei der Erfüllung biblischer Prophezeiungen eine Rolle spielt, wäre das für Bibelleser in aller Welt bestimmt von Interesse.

Die Prophezeiung Jesajas lautet folgendermaßen: „Wer hat so etwas gehört? Wer hat Dinge wie diese gesehen? Wird ein Land an e i n e m Tag mit Wehen hervorgebracht werden? Oder wird eine Nation auf einmal geboren werden? Denn Zion ist in die Wehen gekommen und hat auch ihre Söhne geboren“ (Jesaja 66:8). Hier wird eindeutig die plötzliche Entstehung einer ganzen Nation vorausgesagt, so als würde sie an einem einzigen Tag ins Leben gerufen. Aber wer würde sie entstehen lassen? Der nächste Vers gibt einen Hinweis: „ ,Was mich betrifft, soll ich den Durchbruch verursachen und nicht gebären lassen?‘, spricht Jehova. ,Oder lasse ich gebären und lasse tatsächlich verschließen?‘, hat dein Gott gesprochen.“ Wie Jehova Gott deutlich machte, würde er selbst die spektakuläre „Geburt“ dieser Nation veranlassen.

Das heutige Israel versteht sich als säkulare Demokratie und erhebt offiziell nicht den Anspruch, sich auf den Gott der Bibel zu stützen. Sahen die Israelis hinter der Gründung ihres Staates im Jahr 1948 die Hand Jehovas? Nein. Im gesamten Text der Erklärung kam weder Gottes Name noch das Wort „Gott“ vor. In dem Buch Great Moments in Jewish History heißt es über die Abfassung des Textes: „Noch um 13 Uhr, als der Nationalrat zusammentrat, war man sich über den endgültigen Wortlaut der Unabhängigkeitserklärung nicht einig. . . . Die gläubigen Juden bestanden darauf, den ,Gott Israels‘ zu erwähnen. Die säkularen Mitglieder sperrten sich. Ben Gurion, auf Ausgleich bedacht, entschied, anstelle von ,Gott‘ das Wort ,Fels‘ zu gebrauchen.“

Bis heute stützt Israel seinen Anspruch auf Eigenstaatlichkeit auf einen UN-Beschluss und das „natürliche und historische Recht“ des jüdischen Volkes. Ist es vernünftig, anzunehmen, der Gott der Bibel würde das größte prophetische Wunder des 20. Jahrhunderts für ein Volk wirken, das ihm keine Anerkennung zollen will?

Der Anspruch auf einen eigenen Staat im Spiegel der biblischen Geschichte

Die säkulare Haltung des heutigen Staates Israel passt so gar nicht zu dem, was im Jahr 537 v. u. Z. passierte. Damals wurde die Nation Israel tatsächlich neu „geboren“ — gewissermaßen an einem Tag —, nachdem das Land 70 Jahre zuvor von den Babyloniern verwüstet und entvölkert worden war. Jesaja 66:8 erfüllte sich zu der Zeit auf beeindruckende Weise, als der persische Eroberer Cyrus der Große den Juden die Rückkehr in ihre Heimat erlaubte (Esra 1:2).

Der Perserkönig erkannte, dass bei den Vorgängen im Jahr 537 v. u. Z. Jehova die Hand im Spiel hatte. Auch kehrten die Juden nach Jerusalem zurück, um den Tempel aufzubauen und ihren Gott Jehova dort wieder anzubeten; das war ihr erklärtes Ziel. Im heutigen Staat Israel ist davon allerdings nie offiziell die Rede gewesen.

Immer noch Gottes auserwählte Nation?

Im Jahr 33 u. Z. lehnte Israel Jehovas Sohn, den Messias, ab; seitdem kann es nicht mehr zu Recht beanspruchen, Gottes auserwählte Nation zu sein. Jesus selbst drückte das einmal so aus: „Jerusalem, Jerusalem, die da tötet die Propheten und steinigt, die zu ihr gesandt sind . . . Seht! Euer Haus wird euch verödet überlassen“ (Matthäus 23:37, 38). Das bestätigte sich 70 u. Z., als römische Heere die Stadt Jerusalem und den Tempel zerstörten, wodurch auch die Priesterschaft ein Ende fand. Doch was sollte nun aus Gottes Vorhaben werden, ein „besonderes Eigentum aus allen anderen Völkern“ zu haben, „ein Königreich von Priestern und eine heilige Nation“? (2. Mose 19:5, 6).

 Der Apostel Petrus, der selbst ein gebürtiger Jude war, beantwortete diese Frage in einem Brief an jüdische und nichtjüdische Christen. Er schrieb, sie seien „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, eine heilige Nation, ein Volk zum besonderen Besitz“. Weiter sagte er: „Denn einst wart ihr kein Volk, jetzt aber seid ihr Gottes Volk; ihr wart die, denen keine Barmherzigkeit erwiesen worden war, seid jetzt aber die, denen Barmherzigkeit erwiesen worden ist“ (1. Petrus 2:7-10).

Christen, die durch heiligen Geist auserwählt wurden, bilden also eine Nation im übertragenen Sinn — eine Nation, zu der man nicht aufgrund seiner Abstammung gehört oder weil man an einem bestimmten Ort lebt. Der Apostel Paulus erklärte dazu: „Weder Beschneidung ist etwas noch Unbeschnittenheit, sondern eine neue Schöpfung ist etwas. Und alle, die nach dieser Regel des Benehmens ordentlich wandeln werden, über sie komme Frieden und Barmherzigkeit, ja über das Israel Gottes“ (Galater 6:15, 16).

Im heutigen Israel kann man Staatsbürger werden, wenn man jüdischer Abstammung ist oder zum jüdischen Glauben übergetreten ist. Zu dem „Israel Gottes“, von dem die Bibel spricht, können dagegen nur Menschen gehören, die Gott gehorchen und „mit dem Blut Jesu Christi“ besprengt worden sind (1. Petrus 1:1, 2). Über diese „Juden“ schrieb Paulus in seinem Brief an die Römer: „Nicht der ist ein Jude, der es äußerlich ist, noch besteht die Beschneidung in dem, was äußerlich am Fleisch vollzogen worden ist; sondern der ist ein Jude, der es innerlich ist, und seine Beschneidung ist die des Herzens durch Geist und nicht durch ein geschriebenes Recht. Das Lob eines solchen kommt nicht von Menschen, sondern von Gott“ (Römer 2:28, 29).

Diese Passage erklärt einen viel diskutierten Vergleich, den Paulus in demselben Brief zog. Er verglich gebürtige Juden, die nicht an Jesus glaubten, mit den Zweigen eines symbolischen Olivenbaums, die ausgebrochen wurden, damit „Zweige“ von einem „wilden“ Olivenbaum, das heißt Nichtjuden, eingepfropft werden könnten (Römer 11:17-21). Er schloss seinen Vergleich mit der Bemerkung: „Eine Abstumpfung des Empfindungsvermögens [ist] Israel zum Teil widerfahren . . ., bis die Vollzahl der Menschen aus den Nationen hereingekommen ist, und auf diese Weise wird ganz Israel gerettet werden“ (Römer 11:25, 26). Wollte Paulus damit andeuten, dass es im letzten Moment noch eine Massenbekehrung von Juden zum Christentum geben würde? Eine solche Bekehrung hat eindeutig nicht stattgefunden.

Wie ist Paulus’ Vergleich mit dem Olivenbaum zu verstehen?

Mit „ganz Israel“ meinte Paulus nicht das buchstäbliche Israel, sondern das „Israel Gottes“ — also Christen, die durch heiligen Geist ausgewählt worden sind. Er wollte Folgendes sagen: Auch wenn die Juden den Messias abgelehnt hatten, würde Gottes Vorhaben, einen „Olivenbaum“ mit lauter fruchttragenden Zweigen zu haben, nicht scheitern. Das passt gut zu dem, was Jesus einmal über sich selbst sagte. Er verglich sich mit einem Weinstock, von dem alle Zweige entfernt werden, die keine Frucht bringen: „Ich bin der wahre Weinstock, und mein Vater ist der Weingärtner. Jeden Zweig an mir, der nicht Frucht trägt, nimmt er weg, und jeden, der Frucht trägt, reinigt er, damit er mehr Frucht trage“ (Johannes 15:1, 2).

Die Gründung des heutigen Staates Israel wurde nicht in der Bibel vorausgesagt, wohl aber die Entstehung einer Nation im übertragenen Sinn: des „Israels Gottes“. Wer diese Nation sucht und sich ihr anschließt, wird für immer und ewig gesegnet werden (1. Mose 22:15-18; Galater 3:8, 9).