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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM JUNI 2010

„Warum halten die denn ausgerechnet hier?“

„Warum halten die denn ausgerechnet hier?“

 Ein Brief aus Südafrika

„Warum halten die denn ausgerechnet hier?“

„GEFAHRENZONE — RAUBÜBERFÄLLE UND PROSTITUTION“, so heißt es warnend auf einem Schild an der schmalen Landstraße, auf der wir unterwegs sind. Wir fahren von der Straße herunter auf einen staubigen Platz, wo schon einige Autos parken. Eine riesige Plakattafel kündigt eine luxuriöse Ferienanlage mit Kasino an. Ein paar Luxusautos brettern an uns vorbei und man sieht regelrecht die Fragezeichen in den Gesichtern der Insassen. „Warum halten die denn ausgerechnet hier?“, scheinen sie zu denken.

Im Schatten der Tafel stehen ein paar ordentlich gekleidete Leute. Wir steigen aus dem Auto und gehen zu ihnen hin. Es ist eine bunt gemischte, multikulturelle Truppe — in Südafrika immer noch ein seltener Anblick. Wir sind hier 100 Kilometer nordwestlich von Johannesburg und haben uns vorgenommen, mit den Einheimischen in den Siedlungen rundum über die Bibel zu sprechen.

Wir reden kurz über einen Bibeltext und sprechen uns dann ab, wer mit wem wohin geht. Nach einem Gebet steigen wir wieder ins Auto. So weit das Auge reicht, sieht man Häuser und Hütten. Es sieht aus, als seien sie auf die Ebene hingewürfelt. Neben den riesigen schwarzen Abraumhalden der Platinminen wirken sie verschwindend klein. Bei der allgemeinen Armut um uns herum vermutet man gar nicht, dass hier im Boden so reiche Schätze lagern.

Meine Frau und ich gehen mit unseren zwei Besuchern aus Deutschland erst einmal von Haus zu Haus. Etwa ein Drittel der Einheimischen sind arbeitslos und wohnen daher sehr einfach. Hier stehen viele Hütten mit Wellblechdächern — wacklige Holzkonstruktionen, zusammengehalten mit langen Nägeln, die einfach durch platt geklopfte Kronkorken von Bierflaschen geschlagen wurden.

Vor jedem Tor machen wir uns durch einen lauten Gruß bemerkbar. Meist kommt dann die Frau aus dem Haus. Wir sind gern gesehene Gäste, und alle sind sehr an dem interessiert, was wir zu sagen haben. Da die Sonne die Hütten im Lauf des Tages in wahre Öfen verwandelt, holen die Kinder oft Stühle aus dem Haus und stellen sie unter einen Baum, damit wir uns in den Schatten setzen können.

Die ganze Familie kommt dazu und setzt sich auf zusammengezimmerte Hocker oder umgedrehte Flaschenkästen. Sogar die Kleinen, die gerade mit ihrem selbst gebastelten Spielzeug spielen, sollen kommen und zuhören. Wir lesen einige Bibeltexte vor und bitten die Größeren, die schon zur Schule gehen, etwas aus unserer Bibelliteratur vorzulesen.  Fast alle nehmen gern etwas zum Lesen, und viele wollen, dass wir wiederkommen.

Mittags machen wir eine kleine Pause, essen ein paar belegte Brote und freuen uns über etwas Kaltes zum Trinken. Danach geht es zu einigen Leuten, die wir bereits kennen. Als Erstes wollen wir zu Jimmy, einem Einwanderer aus Malawi, der in einer der Platinminen arbeitet. Mittlerweile besuchen wir ihn schon ein paar Monate, und er freut sich immer, wenn wir kommen. Wir konnten mit ihm schon viel über die Bibel reden. Er ist mit einer Bantu-Frau verheiratet und hat zwei niedliche Kinder. Das letzte Mal war er nicht da, und wir sind gespannt, wie es ihm geht.

Als wir vor seiner Hütte halten, merken wir gleich, dass da etwas nicht stimmt. Sein normalerweise tipptopp gepflegter Garten ist von Unkraut überwuchert. Sein kleines Maisfeld ist verdorrt und auch die Hühner, die hier sonst immer nach etwas Essbarem gescharrt haben, sind verschwunden. Vor der Tür hängt eine schwere Kette. Eine Nachbarin sieht uns und kommt herüber. Wir fragen nach Jimmy. Da eröffnet sie uns, dass er gestorben ist und seine Frau mit den Kindern wieder bei ihrer Familie lebt. Wir sind schockiert.

Eigentlich ist es unhöflich nachzufragen, doch wir würden es gern etwas genauer wissen. „Er war krank und ist dann gestorben“, meint sie. „Es gibt heutzutage viele Krankheiten. Ständig stirbt jemand.“ Auf Einzelheiten geht sie zwar nicht ein, weil man nicht viel darüber redet, aber die zahllosen Gräber, die neu dazukommen, sprechen für sich und bestätigen, was die Frau gesagt hat. Wir erzählen ihr ein wenig von der Auferstehung. Danach machen wir uns auf den Weg zum nächsten Besuch — wenn auch etwas bedrückt.

In dem Dorf, wo wir jetzt sind, fahren wir zur letzten Häuserreihe, direkt vor einer riesigen Abraumhalde. Am Ende der Straße biegen wir in eine kleine Einfahrt. Im Hof ist ein großer Stein zu sehen, auf dem in leuchtenden Farben der Spruch steht: „Unentschlossenheit ist der Dieb der Zeit, und der Aufschub ist sein Komplize“. Hingeschrieben hat ihn ein Mann, den wir einmal David nennen wollen und der jetzt hinter der Motorhaube seines alten VW-Käfers hervorlugt und in die tief stehende Sonne blinzelt. Als er uns erkennt, geht ein breites Lächeln über sein Gesicht, und seine vergoldeten Schneidezähne (hier gerade groß in Mode) funkeln im Licht. Er wischt sich die Hände ab und kommt uns begrüßen.

„Da seid ihr ja endlich!“, ruft er uns zu. „Ich habe euch schon vermisst!“ Es ist schön, ihn wiederzusehen. Er entschuldigt sich, dass er heute nicht so viel Zeit für uns hat. Inzwischen hat er nämlich Arbeit in der Mine gefunden und muss gleich dorthin. Während unseres angeregten Gesprächs strahlt er uns die ganze Zeit an. „Seit ihr zum ersten Mal bei mir wart, hat sich mein Leben verändert“, sagt er voller Begeisterung. „Im Ernst, ich wüsste nicht, wo ich heute wäre, wenn ihr nicht gekommen wärt!“

Als wir uns von ihm verabschieden, ist unser Stimmungsbarometer wieder merkbar gestiegen. Die Sonne versinkt langsam hinter dem Horizont und wir machen uns auf die Heimfahrt. Wir werfen noch einen letzten Blick über die Ebene, die vor lauter Staub in der Abendsonne flimmert, und fragen uns, wie nur all die Menschen hier mit der guten Botschaft bekannt gemacht werden können. Uns wird so richtig klar, warum Jesus sagte: „Die Ernte ist wirklich groß, aber der Arbeiter sind wenige“ (Lukas 10:2).

[Bildnachweis auf Seite 17]

Mit frdl. Gen.: South African Post Office