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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm  |  Juni 2010

Sünde: Was hat sich geändert?

Sünde: Was hat sich geändert?

  Sünde: Was hat sich geändert?

„DIE Vorstellung von der Erbsünde — dass wir alle in irgendeine schreckliche, urzeitliche Katastrophe verwickelt sind — stößt uns modernen Menschen unangenehm auf. Mit dem Konzept der Sünde ganz allgemein ist es allerdings genauso. . . . Leute wie Hitler und Stalin haben vielleicht gesündigt, aber wir sind doch nur Opfer der Umstände, eine Fehlanpassung eben“ (The Wall Street Journal).

Wie dieses Zitat zeigt, scheint das Konzept der Sünde in einer schweren Krise zu stecken. Wie kam es dazu? Was hat sich geändert? Was hat es eigentlich mit der Sünde, von der man heute so gar nichts mehr wissen will, auf sich?

Spricht man von Sünde, sind zwei Bereiche zu unterscheiden: Zum einen die Erbsünde, die wir wohl oder übel in uns tragen, zum anderen die persönliche Sündentat, der Fehltritt, den wir selber tun. Sehen wir uns diese beiden Bereiche einmal näher an.

Mit der Erbsünde behaftet?

Wie die Bibel sagt, hat sich die Sünde — das moralische Versagen unserer Ureltern — auf die gesamte Menschheit vererbt. Deswegen sind wir alle von Anfang an mit dem Makel der Unvollkommenheit behaftet. „Jede Ungerechtigkeit ist Sünde“, heißt es in der Heiligen Schrift (1. Johannes 5:17).

Der Gedanke, dass der Mensch wegen irgendeines Fehlers in grauer Vorzeit, für den er gar nichts kann, von Geburt an unvollkommen sein soll, ist vielen Kirchgängern jedoch unbegreiflich. Mit dieser Lehre, so der Theologieprofessor Edward Oakes, „stößt man entweder auf betretenes Schweigen, kategorische Ablehnung oder bestenfalls eine Art halbherziges Lippenbekenntnis, das die Lehre nicht unbedingt in Abrede stellt, sie aber im gläubigen Leben auch nicht einzuordnen weiß“.

Wieso tun sich viele so schwer, die Vorstellung von der Erbsünde zu akzeptieren? Das liegt zum einen an den Lehren der Kirchen. Auf dem Konzil von Trient (1545—1563) zum Beispiel verdammte die Kirche jeden, der leugnete, dass neugeborene Kinder zur Sündenvergebung getauft werden müssen. Stirbt ein kleines Kind ohne Taufe, so die Theologen, wäre es wegen seiner ungetilgten Sünden für immer von der Gottesschau im Himmel ausgeschlossen. Calvin ging sogar so weit zu lehren, dass Kinder „vom Mutterleibe an ihr Verdammungsurteil mit sich tragen“. „Ihre ganze Natur“, erklärte er, müsse „Gott verhasst und abscheulich sein“.

Die meisten Menschen spüren instinktiv, dass die Vorstellung, unschuldige Wesen wie Neugeborene müssten wegen der Erbsünde leiden, der menschlichen Natur zuwiderläuft. Wen wundert es da, dass solche Behauptungen die Menschen von der Lehre der Erbsünde eher abgeschreckt haben? Nicht einmal die hohen Geistlichen konnten es geschlossen mit ihrem  Gewissen vereinbaren, ungetaufte Kleinkinder dem Feuer der Hölle zu überantworten. Für sie blieb ihr endgültiges Geschick eine Art theologisches Dilemma. Wenngleich es auch nie ein Dogma war, besagte doch die traditionelle katholische Lehre jahrhundertelang, die Seelen der ungetauften Neugeborenen würden ins Niemandsland des Limbus eingehen. *

Der Glaube an die Erbsünde wurde auch dadurch geschwächt, dass Philosophen, Wissenschaftler und Theologen im 19. Jahrhundert die historische Zuverlässigkeit der Bibelberichte infrage zu stellen begannen. Durch Darwins Evolutionstheorie rückte die Geschichte von Adam und Eva ins Reich des Mythos. Die Folge? Für viele ist die Bibel mehr ein Spiegelbild der Kultur und der Mentalität ihrer Schreiber als eine göttliche Offenbarung.

Wie passt da die Lehre von der Erbsünde hinein? Wenn Kirchgänger davon überzeugt sind, dass Adam und Eva nie wirklich gelebt haben, dann ist doch die logische Schlussfolgerung, dass es auch die Ursünde nicht gegeben hat. Und selbst für den, der noch damit einiggeht, dass der Menschheit ein grundlegender Makel anhaftet, ist die Vorstellung der Erbsünde kaum mehr als eine Umschreibung für die menschliche Unvollkommenheit.

So viel zur Erbsünde. Wie steht es jetzt aber mit der Auffassung, dass man sich durch persönliche Sündentaten ebenfalls den Zorn Gottes zuzieht?

Ist das wirklich Sünde?

Auf die Frage, was denn persönliche Sündentaten sind, fallen vielen die Zehn Gebote ein, die Mord, Untreue, Begierden, unerlaubten Sex, Stehlen und anderes verbieten. Nach traditionellen Kirchenlehren muss jeder, der sich solcher Sünden schuldig macht und nicht bereut, nach dem Tod auf ewig im Höllenfeuer schmachten. *

Um diesem Geschick zu entgehen, muss man nach katholischer Lehre seine Sünden einem Priester bekennen, der, wie es heißt, die Macht besitzt, einen loszusprechen. Die Mehrheit der Katholiken hält den Ritus von Beichte, Absolution und Buße inzwischen allerdings für völlig überholt. Einer neueren Umfrage zufolge gehen zum Beispiel über 60 Prozent der italienischen Katholiken nicht mehr zur Beichte.

Heute ist nicht zu übersehen, dass die traditionelle Auffassung über persönliche Sündentaten  und ihre Folgen — wie sie von den Kirchen erklärt werden — dem Sündigen keinen Einhalt gebieten konnte. Viele Kirchgänger halten Vergehen, die früher als Sünden galten, nicht mehr für verkehrt. Manche argumentieren beispielsweise: Als Erwachsener Sex zu haben, ohne verheiratet zu sein, ist doch nicht verkehrt, solange beide es wollen und einem Dritten kein Schaden entsteht.

Eine solche Denkweise entspringt vielleicht daraus, dass man tief im Innern von der traditionellen Sündenlehre nicht überzeugt ist. Viele tun sich tatsächlich schwer mit der Vorstellung, ein liebevoller Gott würde Sünder für immer in einem Höllenfeuer quälen. Das mag zumindest teilweise erklären, warum das Thema Sünde offensichtlich nicht mehr so ernst genommen wird. Es gibt jedoch noch andere Entwicklungen, die dazu beigetragen haben, dass das Gefühl für Sünde abhandengekommen ist.

Traditionelle Werte über Bord geworfen

Die Ereignisse der letzten Jahrhunderte haben zu enormen gesellschaftlichen und ideologischen Umwälzungen geführt. Zwei Weltkriege, unzählige kleinere Kriege und diverse Völkermorde haben bei vielen Menschen Fragen über die Bedeutung traditioneller Werte aufgeworfen. „Hat es in einer Zeit des technischen Fortschritts noch Sinn, nach jahrhundertealten, völlig realitätsfernen Grundsätzen zu leben?“, so fragt man sich. Viele Rationalisten und Moralisten haben darauf eine klare Antwort: Nein. Ihrer Meinung nach sollte der Mensch gewisse moralische Fesseln und abergläubische Vorstellungen abwerfen und sein unglaubliches Potenzial durch Bildung erschließen.

Dieses Denken hat unsere Kultur enorm säkularisiert. In vielen europäischen Ländern sind die Kirchen fast leer. Immer mehr Menschen glauben an nichts Konkretes mehr und nicht wenige greifen die Glaubenslehren der Kirchen offen an, weil sie sie für absurd halten. Ihr Standpunkt ist: Wenn doch der Mensch nur Opfer der Umstände und Produkt einer evolutionären Entwicklung ist, was soll dann all das Reden von Schuld und moralischen Verfehlungen?

Im 20. Jahrhundert hat sich in der westlichen Welt die Moral ziemlich gelockert. Das führte unter anderem zur sogenannten sexuellen Revolution. Studentenrevolten, gegenkulturelle Bewegungen und die verbreitete Verwendung von Verhütungsmitteln haben ihren Teil dazu getan, dass althergebrachte Vorstellungen von Sitte und Anstand über Bord gegangen sind. Biblische  Werte waren schon bald nicht mehr angesagt. Eine neue Generation schrieb sich eine neue Moral auf die Fahnen und die Einstellung zur Sünde wandelte sich. Von nun an, so schrieb ein Autor, „galt nur noch das Gesetz der Liebe“, das sich hauptsächlich darin ausdrückte, dass unerlaubter Sex allgemein akzeptiert wurde.

Religiöse Wohlfühlkultur

Die Zeitschrift Newsweek nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es um die Situation in den Vereinigten Staaten geht: „Viele Geistliche, die auf dem Markt der Religionen konkurrenzfähig bleiben wollen, meinen, sie könnten es sich nicht erlauben, die Leute vor den Kopf zu stoßen.“ Sie haben Angst, ihre Gläubigen zu verlieren, wenn sie die moralische Messlatte sehr hoch legen. Man will heute nichts mehr hören von Demut, Selbstdisziplin und Tugendhaftigkeit, von Gewissensgehorsam und Reue über begangene Sünden. Deshalb vertreten viele Kirchen eine „therapeutische, auf den Nutzeffekt ausgerichtete, geradezu narzisstische christliche Botschaft, in der sich alles um das eigene Ich dreht. Und das Evangelium bleibt auf der Strecke“ (Chicago Sun-Times).

Aus dieser Art Denken erwuchsen eine religiöse Kultur, die Gott mit eigenen Begriffen definiert, und Kirchen, bei denen nicht mehr Gott und seine Erwartungen im Mittelpunkt stehen, sondern der Mensch mit allem, was sein Selbstwertgefühl steigert. Einziges Ziel ist es, die Bedürfnisse der Gläubigen zu bedienen. Die Folge sind Religionen bar jeder Lehre. „Was füllt denn die zentrale Lücke, wo früher der christliche Moralkodex war?“, fragt das Wall Street Journal. „Eine zweifelhafte Ethik des Mitgefühls, wo alles entschuldbar ist, solange jemand ein ,netter Mensch‘ ist.“

Die logische Konsequenz von alldem? Man denkt, jede Religion mit Wohlfühleffekt sei völlig in Ordnung. Wer so eingestellt ist, „kann eigentlich jeden Glauben annehmen, sofern er ihm moralisch nicht wirklich etwas abverlangt — ihn tröstet, aber nicht verurteilt“, heißt es im Wall Street Journal. Und die Kirchen ziehen mit. Sie nehmen die Menschen „genau so, wie sie sind“, ohne irgendwelche moralischen Ansprüche zu stellen.

Wer sich in der Bibel auskennt, denkt hier vielleicht sofort an eine Prophezeiung, die der Apostel Paulus im 1. Jahrhundert aufschrieb: „Es wird eine Zeitperiode geben, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern sich nach ihren eigenen Begierden Lehrer aufhäufen werden, um sich die Ohren kitzeln zu lassen; und sie werden ihre Ohren von der Wahrheit abwenden“ (2. Timotheus 4:3, 4).

Wenn religiöse Leiter Sünden entschuldigen, sie wegdiskutieren und ihren Gläubigen die Ohren „kitzeln“, indem sie ihnen nach dem Mund reden, statt biblische Lehren zu vermitteln, erweisen sie den Menschen einen denkbar schlechten Dienst. So etwas ist falsch und gefährlich. Es erzeugt ein Zerrbild von einer der Grundlehren des Christentums, spielen doch Sünde und Vergebung in der guten Botschaft, die Jesus und seine Apostel predigten, eine zentrale Rolle. Näheres dazu im nächsten Artikel.

[Fußnoten]

^ Abs. 9 Vielleicht war die Verwirrung, die durch diese unbiblische Doktrin gestiftet wurde, der Grund dafür, dass der Limbus in den neusten katholischen Katechismen nicht mehr auftaucht. Siehe den Kasten „Eine theologische Kehrtwendung“ auf Seite 10.

^ Abs. 14 Der Glaube an eine ewige Qual in einem Höllenfeuer wird durch die Bibel nicht gestützt. Näheres dazu enthält das Buch Was lehrt die Bibel wirklich?, Kapitel 6, „Wo sind die Toten?“ (herausgegeben von Jehovas Zeugen).

[Herausgestellter Text auf Seite 7]

In einer religiösen Wohlfühlkultur gedeiht allerhand Schlechtes

[Kasten auf Seite 6]

Sünde? „Aus der Phase sind wir raus“

„Eine der größten Hürden der Kirche ist, dass wir uns nicht mehr als ,Sünder‘ sehen, die Vergebung nötig haben. Früher war die Sünde vielleicht ein Problem, aber aus der Phase sind wir raus. Die Kirche hat also die Lösung für ein Problem, das für die meisten Amerikaner gar keins mehr ist — zumindest kein gravierendes“ (John A. Studebaker jr., Theologe und Autor).

„Manchmal hört man: ,Ich stelle hohe moralische Anforderungen an mich selber und andere, aber wir sind alle nur Menschen, also gebe ich einfach mein Bestes.‘ Wir bewegen uns moralisch in einer sicheren Zone, einer Art mittelständischem Mittelmaß, wo wir unserer Meinung nach ganz gut abschneiden. Wir mähen den Rasen. Wir parken nicht in der zweiten Reihe. Aber die großen Fragen zum Thema Sünde gehen völlig an uns vorbei“ (Albert Mohler, Präsident des Theologischen Seminars der Südlichen Baptisten).

„Was man früher sanktioniert hat [wie zum Beispiel die „sieben Todsünden“], wird heute zelebriert: Eltern erziehen ihre Kinder zum Stolz, weil das ihr Selbstbewusstsein stärken soll; eine Gruppe französischer Meisterköche hat beim Vatikan einen Vorstoß gemacht, Schlemmerei aus dem Sündenregister zu streichen. Neid ist der Motor der Regenbogenpresse. Begierde ist Teil von Werbestrategien, Zorn die legitime Waffe der Benachteiligten. Und wie oft würde ich nicht alles drum geben, so ein bisschen faul sein zu dürfen?“ (Nancy Gibbs, Time).

[Bild auf Seite 5]

Heute halten viele den Bericht über Adam und Eva für einen Mythos