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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM OKTOBER 2009

Er musste gegen Ängste und Zweifel ankämpfen

Er musste gegen Ängste und Zweifel ankämpfen

  Ihren Glauben nachahmen

Er musste gegen Ängste und Zweifel ankämpfen

PETRUS mühte sich beim Rudern schwer ab und spähte angestrengt in die Nacht: War da nicht ein matter Schimmer im Osten zu sehen? Würde endlich der Morgen dämmern? Vom stundenlangen Rudern taten ihm Rücken und Schultern weh. Der Wind pfiff ihm um die Ohren, während eine Welle nach der anderen gegen den Bug des Fischerboots krachte. Das Galiläische Meer brodelte. Von der kalten Gischt durchnässt ruderte Petrus weiter.

Irgendwo hinter sich am Ufer hatten Petrus und seine Gefährten Jesus zurückgelassen. Sie waren dabei gewesen, als Jesus tags zuvor mit nur wenigen Broten und Fischen Tausende von hungrigen Mägen gefüllt hatte. Daraufhin wollten die Leute Jesus zum König machen, doch er hatte nicht die Absicht, in die Politik einzusteigen. Auch wollte er nicht, dass seine Jünger auf diese Idee kämen. Jesus zog sich zurück und überredete seine Jünger, mit einem Boot ans andere Ufer zu rudern; er selbst würde auf einen Berg steigen und dort beten (Markus 6:35-45; Johannes 6:14, 15).

Als die Jünger losgerudert waren, hatte der Mond — es war kurz vor Vollmond — hoch am Himmel gestanden, nun verschwand er schon langsam, aber sicher am westlichen Horizont. Dennoch waren sie nur wenige Kilometer vorangekommen. Die Kraftanstrengung und das unentwegte Tosen von Wind und Wellen machte jedes Gespräch unmöglich. Petrus war mit seinen Gedanken wohl ganz allein.

Es gab ja auch unglaublich viel, worüber er nachdenken konnte! Mehr als zwei spannende Jahre lang war er nun Jesus von Nazareth gefolgt. Petrus hatte schon eine Menge gelernt, aber längst noch nicht genug. Dass er bereit war, dazuzulernen und dabei gegen Glaubensbarrieren wie Zweifel und Ängste anzukämpfen, macht ihn für uns zu einem leuchtenden Beispiel. Sehen wir uns das doch einmal näher an.

„Wir haben den Messias gefunden“!

Nie würde Petrus den Tag vergessen, an dem er Jesus von Nazareth zum ersten Mal begegnet war. Sein Bruder Andreas hatte ihm die erstaunliche Nachricht überbracht: „Wir haben den Messias gefunden.“ Diese Worte sollten dazu führen, dass sich das Leben des Petrus für immer veränderte (Johannes 1:41).

Petrus lebte in Kapernaum am Galiläischen Meer, einem Süßwassersee. Dort führten er und Andreas gemeinsam mit Jakobus und Johannes, Söhne von Zebedäus, einen Fischereibetrieb. Petrus wohnte außer mit seiner Frau auch noch mit seiner Schwiegermutter und seinem Bruder Andreas unter einem Dach. Eine Familie vom Fischfang zu ernähren hieß sicher Schwerstarbeit und erforderte eine Menge Findigkeit. Man muss sich einmal vorstellen, was so ein Fischerleben bedeutete: zahllose mit Arbeit angefüllte Nächte, in denen die Männer ihre Schleppnetze zwischen zwei Booten ins Wasser ließen und dann mit dem, was der See gerade hergab, wieder einholten. Und danach noch stundenlange Knochenarbeit bei Tag: Fische sortieren, Fische verkaufen; Netze flicken, Netze säubern.

Andreas war, wie die Bibel zeigt, ein Jünger von Johannes dem Täufer. Petrus hörte ihm sicher immer gespannt zu, wenn er erzählte, was Johannes predigte. Eines Tages sah Andreas, wie Johannes auf Jesus von Nazareth zeigte und ausrief: „Siehe, das Lamm Gottes!“ Auf der Stelle folgte Andreas Jesus nach. Der Messias war da! Das musste er unbedingt seinem Bruder Petrus berichten (Johannes 1:35-40). Rund 4 000  Jahre vorher, direkt nach der Rebellion im Garten Eden, hatte Jehova versprochen, dass jemand ganz Besonderes kommen würde, um der Menschheit eine echte Hoffnung zu geben (1. Mose 3:15). Und nun hatte Andreas diesen Retter, den Messias höchstpersönlich, getroffen. Petrus machte sich schleunigst auf den Weg: Er wollte Jesus ebenfalls kennenlernen.

Bis dahin kannte man Petrus unter dem Namen Simon oder Simeon. Doch Jesus sah ihn an und sagte: „ ,Du bist Simon, der Sohn des Johannes; du wirst Kephas genannt werden‘ (was übersetzt Petrus ist)“ (Johannes 1:42). „Kephas“ ist ein Hauptwort und bedeutet „Stein“ oder „Felsstück“, „Felsblock“. Mit seiner Äußerung machte Jesus offensichtlich eine Voraussage: Petrus würde für die anderen Christen wie ein unerschütterlicher Fels in der Brandung werden. Ob Petrus sich selbst auch so einschätzte? Wahrscheinlich nicht. Auch heute noch ist Petrus in den Augen so mancher Leser der Evangelien nicht gerade ein unerschütterlicher Fels in der Brandung, sondern eher ein schwankendes Rohr im Wind.

Sicher, Petrus hatte seine Fehler. Und davor verschloss Jesus auch nicht die Augen. Doch wie sein Vater, Jehova, achtete Jesus stets auf das Gute im Menschen. Er sah, was alles in Petrus steckte, und er wollte ihm helfen, seine guten Seiten zu entfalten. Auch bei uns suchen Jehova und sein Sohn nach dem Guten. Wir selbst denken eventuell, dass sie da nicht allzu fündig werden. Aber auf eins müssen wir vertrauen: Sie können uns viel besser einschätzen als wir uns selbst. Hauptsache, wir sind wie Petrus bereit, dazuzulernen und uns formen zu lassen (1. Johannes 3:19, 20).

„Fürchte dich nicht mehr“

Petrus begleitete Jesus vermutlich eine Zeit lang auf seiner anschließenden Predigttour. So hat er wohl miterlebt, wie Jesus sein allererstes Wunder wirkte und bei einem Hochzeitsfest in Kana Wasser zu Wein machte. Und noch viel wichtiger: Petrus hörte mit eigenen Ohren die herrliche, so viel Mut machende Botschaft vom Königreich Gottes. Dennoch riss er sich wieder von Jesus los und kehrte zu seinem Fischereibetrieb zurück. Doch schon wenige Monate später stand er Jesus erneut gegenüber. Diesmal lud Jesus ihn ein, ihm als sein Jünger ständig zu folgen und das zu seiner Lebensaufgabe zu machen.

Petrus hatte gerade eine frustrierende Nacht hinter sich. Immer wieder hatten sie die Netze ausgeworfen, aber einfach nichts gefangen. Bestimmt hatte Petrus als erfahrener Fischer sämtliche Kniffe angewandt und an etlichen Stellen nach den Plätzen gesucht, wo sich die Fische zum Fressen aufhielten. Wie so mancher Fischer muss er sich ab und zu gewünscht haben, durch das trübe Wasser hindurchspähen zu können oder die Fische irgendwie in die Netze zu dirigieren. Solche Gedanken hoben natürlich nicht gerade die Stimmung. Nein, zu seinem reinen Vergnügen war Petrus nicht auf dem Wasser; er hatte eine Familie zu ernähren. Letztlich war er mit leeren Händen ans Ufer zurückgekommen. Und trotzdem mussten die Netze gesäubert werden. Als Jesus eintraf, war Petrus also schwer beschäftigt.

Jesus war von einem Pulk von Menschen umringt, die förmlich an seinen Lippen hingen. Da er sich kaum rühren konnte, stieg er in das Boot von Petrus und bat ihn, vom Ufer abzustoßen. Vom Boot aus lehrte Jesus dann die vielen Menschen, die ihn dank der guten Akustik klar und deutlich verstehen konnten. Petrus war ganz Ohr, genauso wie die Menschen am Ufer. Es ging um das Reich Gottes, den Dreh- und Angelpunkt des Predigens Jesu; nie wurde Petrus müde, davon zu hören. Was wäre es doch für eine Ehre, den Christus beim Verbreiten dieser ermutigenden  Botschaft im ganzen Land zu unterstützen! Aber wie sollte das funktionieren? Von irgendetwas müsste man ja auch leben . . . Vielleicht hatte Petrus noch lebhaft die vergangene Nacht im Sinn, in der er sich so lange vergeblich abgerackert hatte (Lukas 5:1-3).

Als Jesus aufgehört hatte zu reden, sagte er zu Petrus: „Fahr hinaus zu einer Stelle, wo es tief ist, und lasst eure Netze zu einem Fang hinab.“ Petrus war ausgesprochen skeptisch: „Unterweiser, wir haben uns die ganze Nacht abgemüht und nichts gefangen, doch auf dein Geheiß hin will ich die Netze hinablassen.“ Jene Netze erneut auszuwerfen dürfte das Letzte gewesen sein, wozu Petrus Lust hatte — vor allem jetzt am Tag, wo kein einziger Fisch zum Fressen nach oben kommen würde. Dennoch kam er der Aufforderung nach und gab wohl auch seinen Partnern ein Zeichen, ihm mit einem zweiten Boot zu folgen (Lukas 5:4, 5).

Als Petrus die Netze einholen wollte, merkte er, dass sie richtig schwer waren. Ungläubig zog er noch kräftiger und schon bald sah er zig Fische in den Maschen zappeln. Wie wild winkte er die Männer im zweiten Boot heran. Sie kamen ihm zu Hilfe, und es zeigte sich schnell, dass ein Boot allein niemals alle Fische fassen konnte. Sie beluden also beide Boote mit Fischen, doch es waren einfach zu viele — unter der Last begannen die Boote zu sinken. Petrus kam aus dem Staunen nicht heraus! Er hatte zwar schon vorher die Macht des Christus in Aktion gesehen — aber diesmal ging es um ihn selbst. Hier war jemand, der sogar die Fische ins Netz dirigieren konnte. Petrus wurde ganz anders zumute. Er fiel zu den Knien Jesu nieder und sagte: „Geh von mir weg, denn ich bin ein sündiger Mann, Herr.“ Wie könnte er sich je als würdig erweisen, mit jemand zusammen zu sein, der so überwältigend über die Macht Gottes verfügte? (Lukas 5:6-9).

Jesus erwiderte freundlich: „Fürchte dich nicht mehr. Von nun an wirst du Menschen lebendig fangen“ (Lukas 5:10, 11). Jetzt war nicht die Zeit für Ängste oder Zweifel. Die Sorgen, die sich Petrus wegen alltäglicher Dinge wie das Fischen machte, waren unbegründet und seine Selbstzweifel wegen eigener Fehler und Unzulänglichkeiten ebenso. Vor Jesus lag ein großes Werk; sein Wirken sollte die Geschichte der Menschheit verändern. Jesus diente einem Gott, der „in großem Maße“ vergibt (Jesaja 55:7). Jehova würde für sie sorgen, und das in jeder Beziehung (Matthäus 6:33).

Petrus reagierte umgehend, wie auch Jakobus und Johannes: „Da brachten sie die Boote ans Land zurück und verließen alles und folgten ihm“ (Lukas 5:11). Petrus glaubte Jesus und dem, der ihn gesandt hatte. Damit traf er die beste Entscheidung seines Lebens. Heute zeigen Christen, die Selbstzweifel und Ängste überwinden und  Jehova dienen, dass sie wie Petrus Glauben haben. Ein solches Gottvertrauen wird niemals enttäuscht werden (Psalm 22:4, 5).

„Warum hast du dem Zweifel Raum gegeben?“

Petrus’ erste Begegnung mit Jesus lag also rund zwei Jahre zurück, als er in besagter stürmischer Nacht auf dem Galiläischen Meer gegen die Wellen ankämpfte. Wir wissen natürlich nicht, was ihm dabei alles durch den Kopf ging. Es gab ja auch wirklich eine Menge, woran sich Petrus erinnern konnte: Jesus hatte die Schwiegermutter von ihm geheilt. Er hatte die Bergpredigt gehalten. Immer wieder hatte er durch sein Lehren und seine machtvollen Taten bewiesen, dass er der Messias war, der Auserwählte Jehovas. Im Lauf der Monate hatte Petrus seine Schwächen — zum Beispiel die Tendenz, plötzlich aufkommenden Ängsten und Zweifeln nachzugeben — sicher schon ein wenig besser in den Griff bekommen. Er war ja von Jesus sogar zu einem der 12 Apostel erwählt worden. Doch völlig überwunden hatte Petrus seine Ängste und Zweifel noch nicht; das sollte er ziemlich schnell merken.

In der vierten Nachtwache (irgendwann zwischen 3 Uhr morgens und Sonnenaufgang) hörte Petrus abrupt auf zu rudern und saß kerzengerade im Boot. Über den Wellen, da bewegte sich doch etwas! War es das im Spritzwasser der Wellen reflektierende Mondlicht? Nein, dafür war die Bewegung zu gleichmäßig; es war etwas Längliches. Genau! Es war ein Mann. Und er ging auf dem Wasser! Es sah aus, als würde er direkt auf sie zukommen. Die verängstigten Jünger dachten, es wäre eine Erscheinung. Doch dann hörten sie eine Stimme sagen: „Fasst Mut, ich bin’s; fürchtet euch nicht.“ Es war Jesus! (Matthäus 14:25-28).

Aus dem ersten Impuls heraus sagte Petrus mutig: „Herr, wenn du es bist, so gebiete mir, über die Wasser zu dir zu kommen.“ Petrus war von diesem einzigartigen Wunder völlig hin und weg und wünschte sich eine weitere Glaubensbestätigung. Er wollte mittendrin im Geschehen sein. Freundlich winkte Jesus ihn zu sich heran, worauf Petrus über den Bootsrand kletterte. Wie muss er sich wohl gefühlt haben, als er festen Boden unter den Füßen spürte und auf dem wogenden Meer stehen konnte? Einfach unglaublich! Und was für ein Gefühl, auf Jesus zugehen zu können! Doch schon bald stieg ein ganz anderes Gefühl in ihm auf (Matthäus 14:29).

Petrus hätte Jesus im Auge behalten müssen. Schließlich war er es, der ihn durch die Kraft Jehovas über den Wellen hielt und damit auf das Vertrauen reagierte, das Petrus ihm entgegenbrachte. Aber Petrus ließ sich ablenken. Wodurch? Die Bibel sagt: „Als er aber auf den Windsturm blickte, wurde ihm angst.“ Er schaute auf die ans Boot krachenden Wellen und das wild  aufsprühende, schäumende Wasser und geriet in Panik. Wahrscheinlich sah er sich bereits im aufgewühlten Meer versinken und ertrinken. Je mehr die Angst in ihm hochkroch, desto weniger Vertrauen spürte er. Der Mann, der das Zeug dazu hatte, standhaft wie ein Fels zu sein, schwankte im Glauben und versank wie ein Stein. Petrus war ein guter Schwimmer, aber darauf verließ er sich jetzt nicht. „Herr, rette mich!“, schrie er. Jesus fasste ihn an der Hand und zog ihn hoch. Noch auf dem Wasser stehend gab er Petrus eine wichtige Lektion mit auf den Weg: „Du Kleingläubiger, warum hast du dem Zweifel Raum gegeben?“ (Matthäus 14:30, 31).

Dem Zweifel Raum geben — wie gut das doch ausgedrückt war. Zweifel können stark und zersetzend sein. Wenn wir ihnen nachgeben, können sie an unserem Glauben nagen und uns zum Sinken bringen. Wir müssen uns mit aller Macht gegen Zweifel wehren. Wie? Indem wir uns immer auf das wirklich Wichtige konzentrieren. Verweilen wir nämlich bei dem, was uns Angst macht, uns den Mut nimmt, uns von Jehova und seinem Sohn ablenkt, dann werden wir sehen, dass unsere Zweifel zunehmen. Konzentrieren wir uns dagegen auf Jehova und seinen Sohn — auf das, was sie für Menschen, die ihnen Liebe entgegenbringen, getan haben, gerade tun und noch tun werden —, dann halten wir uns zerstörerische Zweifel vom Leibe.

Als Petrus Jesus ins Boot folgte, merkte er, dass der Sturm nachließ. Stille legte sich über das Galiläische Meer. Petrus und die anderen Jünger konnten nicht anders, als auszurufen: „Du bist wirklich Gottes Sohn“ (Matthäus 14:33). Der Morgen dämmerte und Petrus war bestimmt einfach nur froh und dankbar. Er hatte gelernt, dass er Furcht und Zweifeln keine Chance geben durfte. Zwar lag noch ein langer Weg vor ihm, ehe er der felsenfeste Christ sein würde, den Jesus in ihm bereits gesehen hatte. Doch es war für Petrus beschlossene Sache, den Kampf nie aufzugeben und zu versuchen, als Christ immer weiter zu wachsen. Und wie ist es mit uns persönlich? Sind wir genauso entschlossen dazu? Es lohnt sich wirklich, sich vom Glauben des Petrus eine Scheibe abzuschneiden.

[Bild auf Seite 22, 23]

Jesus sah, was alles in diesem einfachen Fischer steckte

[Bild auf Seite 23]

„Ich bin ein sündiger Mann, Herr“

[Bild auf Seite 24, 25]

„Als er aber auf den Windsturm blickte, wurde ihm angst“