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DER WACHTTURM SEPTEMBER 2009

Rettung einer kostbaren Bibelhandschrift

Rettung einer kostbaren Bibelhandschrift

 Rettung einer kostbaren Bibelhandschrift

SCHREIBMATERIAL war in früheren Zeiten längst nicht so einfach zu beschaffen wie heute. Deshalb wurden Pergamentblätter und andere Beschreibstoffe mitunter recycelt, wenn man einen Text nicht mehr benötigte. Dazu schabte oder wusch man die Tinte vom Beschreibstoff ab. Solche Blätter nennt man „Palimpseste“ nach einem griechischen Ausdruck, der „wieder abgeschabt“ bedeutet. Auch Bibeltexte wurden von Pergamentblättern abgeschabt, damit man sie für andere Inhalte wiederverwenden konnte.

Ein wichtiger biblischer Palimpsest ist der Codex Ephraemi Syri rescriptus; „rescriptus“ heißt so viel wie neu oder wieder beschrieben. Dieser Kodex ist extrem wertvoll, handelt es sich doch um eine der ältesten erhalten gebliebenen Abschriften von Teilen der Christlichen Griechischen Schriften. Er zählt somit zu den besten Quellen, an denen sich nachweisen lässt, wie genau dieser Teil des Wortes Gottes überliefert wurde.

Der biblische Text jenes aus dem 5. Jahrhundert u. Z. stammenden Kodex wurde im 12. Jahrhundert ausradiert und überschrieben mit 38 Abhandlungen des syrischen Kirchenlehrers Ephräm in griechischer Übersetzung. Ende des 17. Jahrhunderts wird dann der darunter verborgene Bibeltext entdeckt. Über die nächsten Jahre hinweg versucht man, die ursprüngliche Schrift wieder lesbar zu machen, doch nur mit sehr begrenztem Erfolg. Den Text vollständig zu entziffern erweist sich — abgesehen von der Überlagerung der beiden Texte — wegen der stark verblichenen Tintenreste und des sehr verschlissenen Zustands vieler Blätter als extrem schwierig. Um die Schriftzeichen des Bibeltextes deutlicher hervortreten und lesbar werden zu lassen, bearbeitet man die Handschrift mit chemischen Mitteln, aber auch das bleibt praktisch vergeblich. Allgemein herrscht deshalb in der damaligen Fachwelt die Ansicht, das ausradierte Material sei unwiederbringlich verloren.

 Anfang der 1840er-Jahre wagt sich der begabte deutsche Linguist Konstantin von Tischendorf an die Aufgabe, den Kodex zu entziffern, und nach zwei Jahren hat er es tatsächlich geschafft. Wieso gelingt ihm, was allen anderen vor ihm versagt geblieben war?

Tischendorf ist bestens mit der griechischen Unzialschrift vertraut, die aus großen, voneinander abgesetzten Kapitalbuchstaben besteht. * Zudem hat er außergewöhnlich gute Augen, weshalb ihm auffällt, dass er den ursprünglichen Text ausmachen kann, indem er die Blätter einfach gegen das Licht hält. Heutzutage werden solche Texte oft mit optischen Hilfsmitteln wie ultraviolettem, infrarotem oder polarisiertem Licht wieder sichtbar gemacht.

Den wieder lesbar gemachten Text des Codex Ephraemi gibt Tischendorf 1843 und 1845 in gedruckter Form heraus. Mit seiner Leistung macht er sich einen Namen als „Stern auf dem Gebiet der Paläografie“.

Die Blätter dieses Kodex sind 33 Zentimeter hoch und 26 Zentimeter breit. Er ist die älteste bekannte Handschrift mit nur einer Spalte pro Seite. 145 der 209 erhalten gebliebenen Blätter enthalten Teile aller Bücher der Christlichen Griechischen Schriften (mit Ausnahme von 2. Thessalonicher und 2. Johannes). Auf den übrigen findet sich eine griechische Übersetzung von Teilen der Hebräischen Schriften.

Aufbewahrt wird der Kodex in der französischen Nationalbibliothek in Paris. Wo die Handschrift entstand, ist nicht bekannt, auch wenn Tischendorf ihren Ursprung in Ägypten vermutete. Fachleute rechnen den Codex Ephraemi zu den vier großen Unzialhandschriften der Christlichen Griechischen Schriften. Die anderen drei sind der Codex Sinaiticus, der Codex Alexandrinus und der Codex Vaticanus 1209, die alle aus dem 4. oder 5. Jahrhundert u. Z. stammen.

Die Botschaft der Heiligen Schrift ist für uns auf bemerkenswerte Weise und in den unterschiedlichsten Formen bewahrt worden, unter anderem auch durch Palimpseste. Obwohl der Bibeltext in diesem Fall von jemand, der seinen Wert offenbar nicht zu schätzen wusste, sogar ausradiert wurde, ging der Inhalt dennoch nicht verloren. Umso sicherer können wir uns sein, dass der Apostel Petrus recht hatte, wenn er schrieb: „Das von Jehova Gesagte bleibt für immer“ (1. Petrus 1:25).

[Fußnote]

^ Abs. 6 Bis heute in Erinnerung geblieben ist Tischendorf besonders durch den Fund des Codex Sinaiticus — eine der ältesten je entdeckten griechischen Übersetzungen der Hebräischen Schriften — im Katharinenkloster am Sinai.

[Diagramm/Bild auf Seite 16]

(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

Codex Ephraemi Syri rescriptus, ein von Tischendorf (1815—1874) entzifferter wichtiger Palimpsest

URSPRÜNGLICHER BIBELTEXT

BESCHRIFTUNG MIT EINER GRIECHISCHEN ABHANDLUNG

[Bildnachweis]

© Bibliothèque nationale de France

[Bild auf Seite 17]

Codex Sinaiticus, entdeckt im Katharinenkloster

[Bild auf Seite 17]

Konstantin von Tischendorf