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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM SEPTEMBER 2009

Fühle ich mich angegriffen?

Fühle ich mich angegriffen?

  Fühle ich mich angegriffen?

„RACHE ist süß“, hört man oft. Was steckt dahinter? Eigentlich ist jeder empört, wenn er in irgendeiner Form gekränkt oder angegriffen wird. Unser angeborener Sinn für Recht und Unrecht verlangt, dass gegen Ungerechtigkeit angegangen wird. Die Frage ist nur: Wie?

Es gibt natürlich Angriffe verschiedenster Art — von einem einfachen Klaps über Schubsen und Beleidigungen bis hin zu verbaler und körperlicher Misshandlung oder sogar brutalen Überfällen. Was geht in uns vor, wenn man uns in der einen oder anderen Form angegriffen hat? Heute haben viele offenbar nur noch einen Gedanken: es den Betreffenden heimzuzahlen.

In den USA haben einige Unterstufenschüler aus Rache für Disziplinarmaßnahmen ihre Lehrer zu Unrecht beschuldigt, sie misshandelt oder missbraucht zu haben. Dazu sagte Brenda Mitchell, Vorsitzende der Lehrervereinigung in New Orleans: „Solch eine Anschuldigung schadet dem Ruf eines Lehrers auf jeden Fall.“ Selbst wenn sie sich als frei erfunden herausstellt, bleibt oft ein Makel zurück.

In der Arbeitswelt rächen sich immer mehr verärgerte Mitarbeiter an ihrem Arbeitgeber, indem sie im Computersystem ihrer Firma wichtige Informationen unbrauchbar machen oder löschen. Andere stehlen oder verraten Betriebsgeheimnisse. Neben dem Stehlen von Computerdateien „gehört das althergebrachte Mitgehenlassen immer noch zum Racherepertoire der Mitarbeiter“, berichtet die New York Times. Um Racheaktionen vorzubeugen, lassen viele Firmen einen gekündigten Mitarbeiter nur noch in Begleitung eines Sicherheitsbeauftragten zu seinem Schreibtisch zurückkehren, um persönliche Dinge einzupacken. Dieser bringt ihn dann auch zum Ausgang.

Weit häufiger rächt man sich allerdings an Personen, die einem nahestehen: an Freunden, Kollegen oder Angehörigen. Verletzte Gefühle wegen eines unfreundlichen Wortes oder gedankenlosen Handelns lösen nicht selten eine Gegenreaktion aus. Wie verhalten wir uns, wenn sich ein Freund im Ton vergreift? Tun wir es dann ebenfalls? Angenommen, jemand aus unserer Familie hat uns durch irgendetwas in Rage gebracht. Überlegen wir uns dann, wie wir es ihm heimzahlen können? Offenbar haben viele kaum Hemmungen, so zu handeln, wenn der Betreffende ihnen nahesteht.

 Der Irrweg der Rache

Wer Rache sucht, weil er sich angegriffen fühlt, möchte dadurch oft seinen emotionellen Schmerz lindern. Die Bibel berichtet beispielsweise, wie es den Söhnen des hebräischen Patriarchen Jakob erging, als sie erfuhren, dass der Kanaaniter Sichem ihre Schwester Dina vergewaltigt hatte: „Die Männer fühlten sich verletzt und wurden sehr zornig“ (1. Mose 34:1-7). Um sich an Sichem und seiner Familie für das Unrecht zu rächen, das ihrer Schwester angetan worden war, legten sich Simeon und Levi, zwei von Jakobs Söhnen, einen Plan zurecht. Sie überlisteten die Kanaaniter und töteten jeden männlichen Bewohner der Stadt, darunter auch Sichem (1. Mose 34:13-27).

Wurde die Angelegenheit durch all das Blutvergießen bereinigt? Als Jakob erfuhr, was seine Söhne getan hatten, rief er aus: „Ihr habt mich in Verruf gebracht, indem ihr mich bei den Bewohnern des Landes zu einem Gestank macht, . . . und sie werden sich gewiss gegen mich versammeln und über mich herfallen, und ich werde bestimmt vertilgt werden, ich und mein Haus“ (1. Mose 34:30). Durch das rachsüchtige Vorgehen wurde nichts bereinigt, sondern genau das Gegenteil bewirkt: Jakobs Familie drohten jetzt Gegenangriffe erzürnter Bewohner aus dem Umland. Wahrscheinlich um das zu vermeiden, wies Gott Jakob an, mit seiner Familie das Gebiet zu verlassen und nach Bethel zu ziehen (1. Mose 35:1, 5).

Das Geschehen in Verbindung mit Dinas Vergewaltigung macht eines deutlich: Rache löst oft eine Lawine weiterer Vergeltungsakte aus. Wie wahr ist doch das deutsche Sprichwort: „Rache bleibt nicht lange ungerächt.“

Der Schmerzkreislauf

Es ist völlig destruktiv, seine Gedanken und seine Kräfte darauf zu konzentrieren, jemand zu bestrafen, der einem Unrecht getan hat. In dem Buch Verstehen, Verzeihen, Versöhnen: Wie man sich selbst und anderen vergeben lernt heißt es: „Die Wut frisst einen auf. Es kostet Zeit und Energie, die Wut über die alten schmerzlichen Erlebnisse ständig am Kochen zu halten, innerlich die Menschen zu verfluchen, die einen verletzt haben, und Racheaktionen zu planen.“ Anschaulich ist auch, was die Bibel dazu sagt: „Eifersucht . . . ist Fäulnis für das Gebein“ (Sprüche 14:30).

 Kann sich jemand, in dem sich Hass und negative Gefühle aufstauen, überhaupt noch freuen? Ein Kommentator sagte: „Wer meint, Rache sei süß, sollte sich einmal die Gesichter von Menschen ansehen, die seit Jahren nach dieser Devise leben.“

Man denke nur daran, was in den Teilen der Welt vor sich geht, wo große ethnische oder religiöse Spannungen herrschen. Ein Mord zieht oft den nächsten nach sich, was einen endlosen Kreislauf von Hass und Tod in Gang hält. Ein Beispiel: Als bei einem Terroranschlag 18 Jugendliche durch eine Bombe getötet wurden, schrie eine trauernde Frau: „Wir sollten es ihnen tausendfach heimzahlen!“ Doch dadurch dreht sich die Spirale der Gewalt immer weiter und noch mehr Menschen werden in den Konflikt hineingezogen.

„Auge um Auge“

Manche führen sogar die Bibel an, um ihre rachsüchtige Haltung zu rechtfertigen. Sie sagen: „Heißt es nicht in der Bibel: ‚Auge um Auge, Zahn um Zahn‘ “? (3. Mose 24:20). Auf den ersten Blick könnte es so aussehen, als würde diese gesetzliche Bestimmung den Rachegedanken fördern. In Wirklichkeit diente sie jedoch dazu, sinnlosen Rachakten Einhalt zu gebieten. Wieso?

Wenn ein Israelit einen anderen angriff und ihm ein Auge ausstach, ermöglichte das Gesetz eine gerechte Bestrafung. Doch das Opfer hatte nicht das Recht, den Angreifer oder einen seiner Angehörigen selbst zu bestrafen. Das Gesetz verlangte von ihm, die Angelegenheit von der zuständigen Institution — den ernannten Richtern — beurteilen zu lassen. Wer vorsätzlich eine Straftat oder einen Gewaltakt gegen einen anderen verübte, musste mit einer entsprechend schweren Strafe rechnen. Das war ein wirksames Abschreckungsmittel. Aber es ging um noch mehr.

Bereits bevor Jehova Gott das oben erwähnte Prinzip der Vergeltung gesetzlich regelte, hatte er der Nation Israel durch Moses sagen lassen: „Du sollst deinen Bruder in deinem Herzen nicht hassen. . . . Du sollst nicht Rache nehmen an den Söhnen deines Volkes noch Groll gegen sie hegen“ (3. Mose 19:17, 18). Die Bestimmung „Auge um Auge, Zahn um Zahn“ muss deshalb im Kontext des gesamten Gesetzes der Juden gesehen werden, das gemäß Jesu Worten an zwei Geboten hing: „Du sollst Jehova, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Sinn.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“ (Matthäus 22:37-40). Wie sollten wahre Christen also reagieren, wenn ihnen Unrecht widerfährt?

Dem Weg des Friedens folgen

Gemäß der Bibel ist Jehova „der Gott des Friedens“, der jeden seiner Anbeter auffordert: „Suche Frieden und jage ihm nach“ (Hebräer 13:20; 1. Petrus 3:11). Lässt sich das aber wirklich umsetzen?

Wie reagierte denn Jesus, als seine Feinde ihn verfolgten, anspuckten und auspeitschten, ein vertrauter Gefährte ihn verriet und sogar alle seine Nachfolger ihn im Stich ließen? (Matthäus 26:48-50; 27:27-31). Der Apostel Petrus schrieb: „Als er beschimpft wurde, gab er nicht schimpfend zurück. Als er litt, begann er nicht zu drohen, sondern übergab sich weiterhin dem, der gerecht richtet“ (1. Petrus 2:23).

„Christus hat für euch gelitten“, erklärte Petrus, „euch ein Beispiel hinterlassend, damit ihr seinen Fußstapfen genau nachfolgt“ (1. Petrus 2:21). Christen sollen Jesus nachahmen,  auch darin, wie er mit Ungerechtigkeit umging. Dazu sagte er in der Bergpredigt: „Fahrt fort, eure Feinde zu lieben und für die zu beten, die euch verfolgen, damit ihr euch als Söhne eures Vaters erweist, der in den Himmeln ist“ (Matthäus 5:44, 45).

Wie reagiert jemand, der von christlicher Liebe geprägt ist, auf tatsächliches oder vermeintliches Unrecht? Sprüche 19:11 lautet: „Eines Menschen Einsicht verlangsamt sicherlich seinen Zorn, und es ist für ihn etwas Schönes, Übertretung zu übergehen.“ Er beherzigt auch die Aufforderung: „Lass dich nicht vom Bösen besiegen, sondern besiege das Böse stets mit dem Guten“ (Römer 12:21). Was für ein Gegensatz zu der rachsüchtigen Einstellung in der heutigen Gesellschaft! Echte christliche Liebe kann uns helfen, dem Drang zur Rache zu widerstehen und so „Übertretung zu übergehen“, denn Liebe „rechnet das Böse nicht an“ (1. Korinther 13:5).

Heißt das, wir müssen es einfach hinnehmen, wenn wir Opfer eines Verbrechens werden oder man uns anderweitig bedroht? Nein! Wenn Paulus sagt, „besiege das Böse stets mit dem Guten“, fordert er Christen damit nicht auf, sich zum Märtyrer zu machen. Im Gegenteil: Greift man uns an, haben wir das Recht, uns zu verteidigen. Bei Übergriffen auf uns selbst oder unseren Besitz werden wir gegebenenfalls die Polizei rufen. Spielt sich so etwas am Arbeitsplatz oder in der Schule ab, können wir uns durchaus an die zuständigen Stellen wenden (Römer 13:3, 4).

Dabei darf aber nicht vergessen werden, dass es in der heutigen Welt schwierig sein kann, wirklich recht zu bekommen. Manche haben ihr ganzes Leben darum gekämpft, sind letztlich aber nur von Verbitterung und Empörung aufgezehrt worden, weil sich ihre Erwartungen nicht erfüllt haben.

Satan reibt sich die Hände, wenn Menschen durch Rache- und Hassgefühle entzweit werden (1. Johannes 3:7, 8). Verinnerlichen wir daher unbedingt folgende biblische Aufforderung: „Rächt euch nicht selbst, Geliebte, sondern gebt dem Zorn Raum; denn es steht geschrieben: ‚Mein ist die Rache; ich will vergelten, spricht Jehova‘ “ (Römer 12:19). Überlassen wir die Probleme Jehova, bleiben uns Schmerz, Wut und Verletzung weitestgehend erspart (Sprüche 3:3-6).

[Herausgestellter Text auf Seite 22]

„Du sollst Jehova, deinen Gott, lieben mit deinem ganzen Herzen und mit deiner ganzen Seele und mit deinem ganzen Sinn.“ Und: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“

[Bilder auf Seite 23]

Liebe „rechnet das Böse nicht an“ (1. Korinther 13:5)