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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm  |  Januar 2009

Wie weit konnten Missionare nach Osten vordringen?

Wie weit konnten Missionare nach Osten vordringen?

 Wie weit konnten Missionare nach Osten vordringen?

NICHT einmal 30 Jahre nach Jesu Tod schrieb der Apostel Paulus, die gute Botschaft sei „in der ganzen Schöpfung, die unter dem Himmel ist“, gepredigt worden (Kolosser 1:23). Seine Worte sind zwar nicht so zu verstehen, dass damals jeder die gute Botschaft gehört hatte. Aber er wollte auf jeden Fall eines deutlich machen: Missionare predigten in der ganzen damals bekannten Welt.

Wie weit sind sie wohl vorgedrungen? Gemäß der Bibel war es Paulus durch die Handelsschifffahrt möglich, seine Predigttätigkeit weit in den Westen, ja bis nach Italien auszudehnen. Dieser unerschrockene Missionar wollte sogar in Spanien predigen (Apostelgeschichte 27:1; 28:30, 31; Römer 15:28).

Was ist über Reisen in die entgegengesetzte Richtung zu sagen? Wie weit drangen die ersten Evangeliumsverkündiger nach Osten vor? Das lässt sich nicht genau sagen, weil Angaben darüber in der Bibel fehlen. Doch vielleicht ist man überrascht, über welche Entfernungen hinweg im ersten Jahrhundert zwischen dem Mittelmeerraum und dem Fernen Osten Handel getrieben wurde. Die Existenz dieser Handelsrouten lässt zumindest darauf schließen, dass es gute Reisemöglichkeiten in den Osten gab.

Das Vermächtnis Alexanders

Die Eroberungen Alexanders des Großen führten ihn im Osten bis Babylonien und Persien und sogar in den Pandschab in Nordindien. Dadurch lernten die Griechen die Küstenlinie von der Mündung des Euphrat in den  Persischen Golf bis zur Mündung des Indus in das Arabische Meer kennen.

Über den Indischen Ozean und das Rote Meer fanden Gewürze und Weihrauch ihren Weg in die griechische Welt. Der Handel damit war zunächst die Domäne indischer und arabischer Kaufleute. Doch als die Ptolemäer in Ägypten die Vorteile der Monsunwinde entdeckten, nahmen auch sie den Fernhandel über den Indischen Ozean auf.

Von Mai bis September herrscht auf dem Indischen Ozean ständig Südwestwind. Das ermöglicht es Schiffen, vom Ausgang des Roten Meeres entweder an der Südküste Arabiens entlang zu segeln oder direkt Kurs nach Südindien zu nehmen. Von November bis März weht der Wind aus der Gegenrichtung, was die Rückfahrt erleichtert. Das machten sich jahrhundertelang arabische und indische Frachtschiffe zunutze, die zwischen Indien und dem Roten Meer verkehrten und Kassie, Zimt, Narde und Pfeffer geladen hatten.

Seerouten nach Alexandria und Rom

Als Rom die von Alexanders Nachfolgern regierten Gebiete eroberte, wurde es zum Hauptabnehmer kostbarer Waren aus dem Osten: Elfenbein aus Afrika, Weihrauch und Myrrhe aus Arabien, Gewürze und Edelsteine aus Indien sowie Seide aus China. Schiffe mit dieser Fracht liefen die beiden wichtigsten Häfen im Roten Meer an: Berenike und Myos Hormos. Beide Häfen wiederum hatten eine Karawanenanbindung an Koptos am Nil.

Von Koptos aus wurden die Waren auf dem Nil, der Lebensader Ägyptens, nach Alexandria gebracht. Anschließend verschiffte man sie nach Italien und in andere Länder. Eine weitere Route nach Alexandria führte durch einen Kanal zwischen der Westspitze des Roten Meeres — in der Nähe des heutigen Sues — und dem Nil. Die ägyptischen Seehäfen waren nicht allzu weit von den Gegenden entfernt, in denen Jesus predigte, und daher gut zu erreichen.

Gemäß dem griechischen Geografen Strabo (1. Jahrhundert) verkehrten jedes Jahr 120 alexandrinische Handelsschiffe zwischen Myos Hormos und Indien. Ein Handbuch mit Seerouten-Beschreibungen aus dieser Zeit ist bis heute erhalten geblieben. Es wurde wahrscheinlich von einem Griechisch sprechenden ägyptischen Kaufmann verfasst und enthält wichtige Angaben für Händler. Was ist aus diesem alten Buch zu erfahren?

 Der Reiseführer, bekannt unter dem lateinischen Titel Periplus Maris Erythraei, beschreibt Tausende von Meilen lange Seerouten, unter anderem bis zum weit entfernten Sansibar im Süden. Mit Blick in den Osten nennt er Entfernungen, Ankerplätze, Handelszentren und Handelswaren. Ferner beschreibt er die Besonderheiten einheimischer Völker an der arabischen Südküste, an der Westküste Indiens über Sri Lanka bis hin zum Ganges an der indischen Ostküste. Die genauen, anschaulichen Beschreibungen verraten, dass der Verfasser jene Orte selbst besucht hatte.

Abendländer in Indien

Die Kaufleute aus dem Abendland nannte man in Indien Yavanas. Einer ihrer Zielhäfen im 1. Jahrhundert u. Z. war Muziris in der Nähe der Südspitze Indiens. * Das geht aus dem Periplus hervor. In tamilischen Gedichten jener Zeit ist häufig von diesen Kaufleuten die Rede. „Die schön gebauten Schiffe der Yavanas [kamen] mit Gold und kehrten zurück mit Pfeffer, und Muziris widerhallte von Lärm“, heißt es in einem dieser Gedichte. In einem anderen wird ein südindischer Fürst aufgefordert, den von den Yavanas mitgebrachten duftenden Wein zu trinken. Auch Glas, Metalle, Korallen und Stoffe gehörten zu den abendländischen Waren, die in Indien reißenden Absatz fanden.

Archäologen haben in Indien viele Hinweise auf Importwaren aus dem Abendland gefunden. In Arikamedu an der Südostküste entdeckte man Bruchstücke römischer Weinkrüge, Becher und Schüsseln, die den Stempel des Töpfers trugen, der sie in Arezzo (Mittelitalien) hergestellt hatte. „Kaum etwas könnte die Fantasie eines modernen Forschers mehr entzünden, als aus dem Schwemmland des Bengalischen Meerbusens Scherben mit den Namen von Handwerkern zu heben, deren Brennöfen in der Umgebung von Arezzo gelegen waren!“, heißt es in einem Werk. Der Handel zwischen dem Mittelmeerraum und Indien wird außerdem belegt durch Unmengen römischer Gold- und Silbermünzen, die man in Südindien fand. Die meisten stammen aus dem 1. Jahrhundert und tragen Bildnisse der römischen Kaiser Augustus, Tiberius und Nero.

Römer haben wahrscheinlich Handelsniederlassungen in Südindien gegründet. Das bestätigt eine Landkarte aus dem Mittelalter. Auf dieser Karte, bekannt als Peutingersche Tafel, die die römische Welt des 1. Jahrhunderts darstellen soll, ist an der Stelle von Muziris ein  Tempel des Augustus eingetragen. „Ein solches Gebäude“, heißt es in einem Buch, „hätte nur von Römern gebaut werden können, vermutlich von solchen, die in Muziris lebten oder längere Zeit dort verbrachten“ (Rome’s Eastern Trade: International Commerce and Imperial Policy, 31 BC–AD 305).

In römischen Aufzeichnungen ist von mindestens drei indischen Delegationen die Rede, die während der Herrschaft des Augustus von 27 v. u. Z. bis 14 u. Z. Rom besuchten. „Diese Gesandten hatten wichtige diplomatische Aufträge“, heißt es in einer einschlägigen Studie: zum Beispiel zu vereinbaren, wo Geschäfte zwischen Bürgern verschiedener Länder abzuwickeln waren, Steuern erhoben werden konnten und Ausländer wohnen durften.

Im 1. Jahrhundert u. Z. waren Reisen zwischen dem Mittelmeerraum und Indien weder selten noch ungewöhnlich. Für einen Missionar wäre es ein Leichtes gewesen, sich am Nordende des Roten Meeres nach Indien einzuschiffen.

Über Indien hinaus?

Wie weit sich aber Kaufleute und andere aus dem Mittelmeerraum nach Osten wagten und wann bereits, lässt sich schwer sagen. Vermutlich reisten jedoch Abendländer im 1. Jahrhundert u. Z. sogar bis nach Thailand, Kambodscha, Sumatra und Java.

In den Annalen der späten Han-Dynastie (Hou-Han Shu), die über die Zeit von 23 bis 220 u. Z. Auskunft geben, wird ein festes Datum für eine solche Reise genannt. Im Jahr 166 u. Z. traf An-tun, ein Gesandter des Königs von Daqin mit dem Tribut für Kaiser Huan-ti am chinesischen Hof ein. Daqin war die chinesische Bezeichnung für das römische Reich. An-tun war anscheinend die Wiedergabe von „Antonius“, des Familiennamens von Mark Aurel, dem damaligen römischen Kaiser. Historiker vermuten, dass es dabei nicht um eine offizielle Mission ging, sondern lediglich um das Bestreben geschäftstüchtiger westlicher Händler, Seide direkt aus China zu erhalten, statt über Zwischenhändler.

Nun zurück zu der eingangs aufgeworfenen Frage: Wie weit in den Osten könnten Missionare im 1. Jahrhundert gelangt sein? Bis Indien und noch darüber hinaus? Vielleicht. Die christliche Botschaft verbreitete sich jedenfalls sehr weit. Denn der Apostel Paulus konnte sagen, dass „sie in der ganzen Welt Frucht trägt“ — bis an die äußersten Enden der damals bekannten Welt (Kolosser 1:6).

[Fußnote]

^ Abs. 15 Die genaue Lage von Muziris ist unbekannt, vermutlich lag dieser Hafen unweit der Mündung des Periyar im Bundesstaat Kerala.

[Kasten/Bild auf Seite 22]

Die Klage eines Kaisers

Der römische Kaiser Tiberius beklagte 22 u. Z. die Maßlosigkeit seiner Landsleute. Die hemmungslose Gier nach Luxusgütern und das unmäßige Verlangen römischer Matronen nach Schmuck zehrten am Reichtum seines Imperiums und „fremde oder feindliche Völker“ profitierten davon. Auch der römische Schriftsteller Plinius der Ältere (23 bis 79 u. Z.) beklagte ähnliche Ausgaben mit den Worten: „Sehr niedrig geschätzt, erleichtern Indien, die Serer und die arabische Halbinsel unser Reich jedes Jahr um hundert Millionen Sesterzen — so viel legen wir für unseren Luxus und unsere Frauen hin.“ *

[Fußnote]

^ Abs. 28 100 Millionen Sesterzen entsprachen nach Schätzungen von Analysten 2 Prozent des römischen Bruttoinlandsprodukts.

[Bildnachweis]

Museo della Civiltà Romana, Roma; Todd Bolen/Bible Places.com

[Kasten/Bild auf Seite 23]

Woher Kaufleute ihre Waren holten

Jesus sprach von „einem reisenden Kaufmann . . ., der schöne Perlen suchte“ (Matthäus 13:45). Auch im letzten Buch der Bibel ist von „reisenden Kaufleuten“ die Rede, die kostbare Steine, Seide, aromatisches Holz, Elfenbein, Zimt, Räucherwerk und indische Gewürze auf Lager hatten (Offenbarung 18:11-13). Diese Güter stammten von Orten an Handelsrouten östlich von Palästina. Duftende Hölzer wie Sandelholz kamen zum Beispiel aus Indien. Hochwertige Perlen waren im Persischen Golf, im Roten Meer und gemäß dem Periplus Maris Erythraei auch in der Gegend von Muziris und in Sri Lanka zu finden. Perlen aus dem Indischen Ozean waren wahrscheinlich die besten und wertvollsten.

[Karte auf Seite 20, 21]

(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

Handelsrouten zwischen Rom und Asien im 1. Jahrhundert

Arezzo

Rom

MITTELMEER

AFRIKA

Alexandria

ÄGYPTEN

Koptos

Nil

Myos Hormos

Berenike

Sansibar

Rotes Meer

Jerusalem

ARABIEN

Euphrat

BABYLONIEN

Persischer Golf

PERSIEN

Nordostmonsun

Südwestmonsun

Indus

PANDSCHAB

Ganges

Golf von Bengalen

INDIEN

Arikamedu

Muziris

SRI LANKA

INDISCHER OZEAN

CHINA

HAN-REICH

THAILAND

KAMBODSCHA

VIETNAM

Sumatra

Java

[Bild auf Seite 21]

Modell eines römischen Handelsschiffs

[Bildnachweis]

Schiff: Pictorial Archive (Near Eastern History) Est.