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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM OKTOBER 2008

Wie glaubwürdig sind die Evangelien?

Wie glaubwürdig sind die Evangelien?

 Wie glaubwürdig sind die Evangelien?

„Die Evangelien müssen heute als Produkt frühchristlicher Legendenbildung gelten“ (Burton L. Mack, emeritierter Professor für neutestamentliche Bibelwissenschaft).

MIT dieser Ansicht steht der zitierte Professor nicht allein da. Es gibt eine ganze Reihe von Gelehrten, die die Evangelien — die Bibelberichte von Matthäus, Markus, Lukas und Johannes über das Leben und Wirken Jesu — mit einem großen Fragezeichen versehen haben. Warum behaupten manche, es handle sich dabei um Legenden? Sollte man etwas auf diese Meinung geben und die Evangelien mit Skepsis betrachten? Untersuchen wir den Sachverhalt etwas genauer.

Die Glaubwürdigkeit angezweifelt

In den ersten 17 Jahrhunderten unserer Zeitrechnung wurde die Glaubwürdigkeit der Evangelien nie ernsthaft angezweifelt. Vor allem aber seit dem 19. Jahrhundert ist von etlichen Gelehrten behauptet worden, die Evangelien seien nicht auf göttliche Eingebung zurückzuführen, sondern von Menschen ausgedacht worden. Man hat auch bestritten, dass die Evangelisten ihre Informationen über Jesus aus erster Hand hatten, und ihnen die Fähigkeit abgesprochen, zuverlässige Geschichte geschrieben zu haben. Weil sich die ersten drei Evangelien — auch „synoptische Evangelien“ genannt (nach dem griechischen Wort für „gleiche Sicht“) — in Aufbau und Inhalt sehr ähneln, hat man zudem geschlussfolgert, die Evangelisten hätten ausgiebig voneinander abgeschrieben. Und die Wunder Jesu sowie seine Auferstehung, wie in den Evangelien beschrieben, sind rundweg geleugnet worden. Manche haben sogar in Abrede gestellt, dass Jesus überhaupt je gelebt hat!

Diese Kritiker sind auch davon ausgegangen, Markus müsse als Erster ein Evangelium verfasst haben, weil bei ihm so gut wie keine Inhalte zu finden seien, die nicht auch Matthäus und Lukas verwendet hätten. Diese beiden wiederum sollen für ihre Evangelien bei Markus abgeschrieben sowie ergänzend auf eine sogenannte Logien- oder Redequelle (abgekürzt mit „Q“) zurückgegriffen haben. Wie der Bibelgelehrte A. F. J. Klijn bemerkt, wurden die Evangelisten durch diese populäre Hypothese „zu bloßen Sammlern einzelner Geschichten degradiert“. Stimmte diese „Zweiquellentheorie“, müsste man ihnen ja Diebstahl geistigen Eigentums und Legendenbildung vorwerfen. Der Glaube an den göttlichen Ursprung der Bibel ist dadurch jedenfalls untergraben worden (2. Timotheus 3:16).

Waren die Evangelisten Plagiatoren?

Ist denn die Ähnlichkeit der synoptischen Evangelien zwangsläufig ein Beleg dafür, dass die Verfasser einfach voneinander abgeschrieben haben? Nein. Warum nicht? Zum einen hatte Jesus seinen Jüngern versprochen, der heilige Geist werde sie „an alle Dinge erinnern“, die er ihnen gesagt hatte (Johannes 14:26). Da leuchtet es ein, wenn so manches, was die Evangelisten aufschrieben, Erinnerungen an die gleichen Ereignisse waren. Es ist durchaus nicht auszuschließen, dass ein Bibelschreiber die Texte eines anderen nachlas oder darauf verwies, aber das lässt eher auf sorgfältiges Nachforschen schließen als auf geistigen Diebstahl (2. Petrus 3:15). Zum anderen gilt zu berücksichtigen, wie das Anchor Bible Dictionary erklärt, dass es damals „üblich war, Überlieferungen mündlich weiterzugeben, und sich damit leicht erklären ließe, weshalb man die denkwürdigen Reden Jesu  praktisch im gleichen Wortlaut aufgezeichnet findet“.

Lukas erklärte, er habe mit vielen Augenzeugen gesprochen und sei „allen Dingen von Anbeginn genau nachgegangen“ (Lukas 1:1-4). Hört sich das nach geistigem Diebstahl oder Legendenbildung an? Ganz im Gegenteil! Nach einem gründlichen Studium seiner Schriften kam der Archäologe William Ramsay zu dem Schluss: „Lukas ist ein Historiker ersten Ranges: Nicht nur, dass seine Tatsachenberichte verbürgt sind, er besaß auch ein echtes Gespür für Geschichtsschreibung . . . Dieser Autor muss zu den ganz großen Historikern gerechnet werden.“

Im Übrigen lässt das Zeugnis früher Kirchenväter wie das des Theologen Origenes aus dem 3. Jahrhundert darauf schließen, dass der Apostel Matthäus der Erste war, der ein Evangelium verfasste. Origenes schrieb: „Zuerst wurde das Evangelium nach Matthäus, dem früheren Zöllner und späteren Apostel Jesu Christi, für die Gläubigen aus dem Judentum in hebräischer Sprache geschrieben.“ Als Apostel und Augenzeuge hatte es Matthäus wohl kaum nötig, bei Markus — der kein Augenzeuge war — abzuschreiben! Worauf stützt sich denn die Behauptung, Matthäus und Lukas hätten von Markus und einer angeblichen Quelle „Q“ abgeschrieben?

Wurde das Markusevangelium als Erstes verfasst?

Für die Theorie, das Markusevangelium sei als Erstes verfasst und von Matthäus und Lukas als Quelle genutzt worden, „gibt es keinen hieb- und stichfesten Einzelbeweis“, räumt das Anchor Bible  Dictionary ein. Trotzdem wird sie von vielen Gelehrten vertreten mit dem Argument, das Markusevangelium enthalte so gut wie nichts, was nicht auch bei Matthäus und Lukas zu finden sei. So schrieb zum Beispiel Johannes Kuhn, ein Bibelgelehrter des 19. Jahrhunderts und Verfechter dieser Theorie, man müsse sich ja sonst „denken, Markus habe die beiden Rollen des Matthäus- und Lukas-Evangeliums in kleine Theile zerschnitten, diese in einem Topfe untereinander gemengt, und aus dieser Mischung sein Evangelium hervorgehen lassen“.

Dass das Markusevangelium vergleichsweise wenige Informationen enthält, die nicht auch bei den anderen zu finden sind, kann eigentlich kaum überraschen, denn es ist das kürzeste der vier Evangelien. Aber das ist noch lange kein Beleg dafür, dass es als Erstes verfasst worden sein muss. Davon abgesehen trifft die Behauptung, bei Markus kämen keine eigenständigen Informationen vor, auch gar nicht zu. Über 180 Passagen und faszinierende Details aus diesem packenden, lebendigen Bericht über Jesu Wirken sind bei Matthäus und Lukas nicht zu finden! Das Markusevangelium ist durchaus eine einzigartige Schilderung des Lebens Jesu (dazu auch der  Kasten auf Seite 13).

Und die Quelle „Q“?

Was hat es mit der Quelle „Q“ auf sich, aus der Matthäus und Lukas angeblich geschöpft haben? Der Religionsprofessor J. M. Robinson erklärte: „ ‚Q‘ ist zweifelsohne der wichtigste christliche Text, den wir haben.“ Über diese Aussage kann man sich nur wundern, wenn man bedenkt, dass heute nirgendwo eine Quelle „Q“ existiert und niemand beweisen kann, dass sie überhaupt je existiert hat — und das, obwohl Gelehrte behaupten, davon müssten mehrere Exemplare in Umlauf gewesen sein. Nebenbei bemerkt findet sich auch bei den Kirchenvätern kein einziges Zitat daraus.

Die Vermutung, es habe eine Quelle „Q“ gegeben, stützt sich auf die Hypothese, das Markusevangelium sei als Erstes verfasst worden. Worauf läuft das denn hinaus, wenn nicht auf den Versuch, eine unbewiesene Annahme mit einer anderen unbewiesenen Annahme zu begründen? Bei solchen Theorien ist man gut beraten, an den Bibelspruch zu denken: „Nur ein gedankenloser Mensch glaubt jedes Wort! Der Vernünftige prüft alles“ (Sprüche 14:15, Hoffnung für alle).

Die Evangelien: authentisch und glaubwürdig

Solche reinen Mutmaßungen und unbewiesenen Behauptungen von Bibelkritikern haben viele Menschen davon abgehalten, sich genauer mit den Evangelien zu beschäftigen. An diesen glaubwürdigen Berichten über Jesu Leben und Wirken sowie seinen Tod und seine Auferstehung wird deutlich, dass die Urchristen all das nicht für Legenden hielten. Dafür, dass es sich wirklich so abgespielt hatte, gab es Hunderte von Augenzeugen. Jenen ersten Christen, die sich verfolgen ließen, ja sogar ihr Leben riskierten, war völlig klar, wie sinnlos die Nachfolge Jesu gewesen wäre, hätte es sich bei seinem Wirken und seiner Auferstehung um reine Fiktion gehandelt (1. Korinther 15:3-8, 17, 19; 2. Timotheus 2:2).

Zu der Kontroverse um die ominöse, verschollene Quelle „Q“ und die Hypothese, das Markusevangelium sei als Erstes geschrieben worden, erklärte der Theologieprofessor G. W. Buchanan: „Setzt man sich beim Studium der Bibel zu sehr mit Hypothesen zu ihrer Entstehung auseinander, kommt leicht der eigentliche Text zu kurz.“ Das passt zu dem Rat des Apostels Paulus an seinen Freund Timotheus, keinen „unwahren Geschichten und Geschlechtsregistern Aufmerksamkeit zu schenken, die zu nichts führen, sondern eher Fragen zur Nachforschung hervorrufen, als etwas von Gott darzureichen, was mit Glauben in Verbindung ist“ (1. Timotheus 1:4).

Die Evangelien sind glaubwürdig. Sie enthalten verbürgte Berichte von Augenzeugen. Sie stützen sich auf gründliche Nachforschungen. Sie vermitteln ein detailreiches, faszinierendes Bild vom Leben Jesu Christi. Deshalb können wir wie damals Timotheus nur davon profitieren, wenn wir den Rat des Paulus beherzigen: „Bleibe bei den Dingen, die du gelernt hast und zu glauben überzeugt worden bist.“ Wir haben wirklich allen Grund zu glauben, dass „die ganze Schrift . . . von Gott inspiriert“ ist — die vier Evangelien nicht ausgenommen! (2. Timotheus 3:14-17).

[Kasten auf Seite 13]

 Ohne das Markusevangelium wüssten wir nicht, . . .

dass Jesus mit Zorn in die Runde schaute, tief betrübt wegen der Gefühllosigkeit ihres Herzens (Markus 3:5)

dass Jesus den Brüdern Johannes und Jakobus den Beinamen Boanerges gab (Markus 3:17)

dass die Frau mit dem Blutfluss ihr ganzes Vermögen verbraucht hatte (Markus 5:26)

dass Herodias gegen Johannes den Täufer einen Groll hegte und dass Herodes Johannes fürchtete und ihn verwahrte (Markus 6:19, 20)

dass Jesus seinen Jüngern sagte, sie sollten ein wenig ausruhen (Markus 6:31)

dass sich die Pharisäer die Hände bis zum Ellbogen wuschen (Markus 7:2-4)

dass Jesus die Kinder in seine Arme schloss (Markus 10:16)

dass Jesus für den jungen Vorsteher Liebe empfand (Markus 10:21)

dass Petrus, Jakobus, Johannes und Andreas Jesus befragten, als sie mit ihm allein waren (Markus 13:3)

dass ein junger Mann sein leinenes Kleid zurückließ (Markus 14:51, 52)

Darüber hinaus sind zwei Wunder und ein Gleichnis Jesu nur im Markusevangelium zu finden (Markus 4:26-29; 7:32-37; 8:22-26).

Das Markusevangelium enthält noch viele weitere bedeutsame Einzelheiten, die in den anderen Evangelien fehlen. Nimmt man sich die Zeit, bewusst über ihre volle Bedeutung nachzudenken, wird man dieses Evangelium sicher noch viel mehr schätzen lernen.