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Jehovas Zeugen

Deutsch

Der Wachtturm — Studienausgabe  |  Oktober 2017

 LEBENSBERICHT

Sich von Jehova gebrauchen zu lassen wird gesegnet

Sich von Jehova gebrauchen zu lassen wird gesegnet

„Wir sind dabei!“ So reagierten mein Mann und ich sowie mein Bruder und seine Frau auf die Einladung zu einer besonderen Aktion. Warum waren wir dazu bereit und wie hat uns Jehova dafür gesegnet? Bevor ich darauf eingehe, möchte ich ein bisschen über mich erzählen.

ICH wurde 1923 in Hemsworth geboren, einer Stadt in Yorkshire (England). Mein älterer Bruder hieß Bob. Als ich etwa neun war, bekam unser Vater einige Bücher, in denen die falsche Religion entlarvt wurde. Da er die religiöse Heuchelei verurteilte, beeindruckten ihn die Bücher sehr. Wenige Jahre später sprach Bob Atkinson bei uns vor und spielte einen Schallplattenvortrag von Bruder Rutherford ab. Wir merkten, dass der Vortrag von der gleichen Gruppe war, von der die Bücher stammten. Meine Eltern schlugen Bruder Atkinson vor, jeden Abend bei uns zu essen und unsere vielen Fragen über die Bibel zu beantworten. Er lud uns zu Zusammenkünften im Haus eines Bruders ein, der nur wenige Kilometer entfernt wohnte. Wir nahmen die Einladung an und in Hemsworth entstand eine kleine Versammlung. Schon bald beherbergten wir Zonendiener (heute Kreisaufseher genannt) und luden Pioniere aus der Gegend zum Essen ein. Mit ihnen zusammen zu sein hat mich sehr geprägt.

Obwohl wir gerade angefangen hatten, einen Familienbetrieb aufzubauen, sagte mein Vater zu meinem Bruder: „Wenn du Pionier werden willst, geben wir das Geschäft wieder auf.“ Bob wollte — mit 21 zog er von zu Hause aus und wurde Pionier. Zwei Jahre später, mit 16, wurde auch ich Pionier. Mit einer Zeugniskarte und einem Grammofon predigte ich außer an den Wochenenden meistens allein. Doch Jehova belohnte mich mit einem Bibelstudium. Es war eine Frau, die gute Fortschritte machte; viele aus ihrer Familie kamen schließlich zur Wahrheit. Im Jahr darauf ernannte man mich zusammen mit Mary Henshall zur Sonderpionierin. Wir erhielten nicht zugeteiltes Gebiet in der Grafschaft Cheshire.

Der Zweite Weltkrieg war in vollem Gange und Frauen wurden aufgefordert, den Krieg zu unterstützen. Als Vollzeitdiener erwarteten wir, wie andere Religionsdiener freigestellt zu werden. Doch die Gerichte lehnten das ab und ich kam für 31 Tage ins Gefängnis. Im Jahr darauf wurde ich 19 und  ließ mich als Wehrdienstverweigerer aus Gewissensgründen registrieren. Ich wurde vor zwei Gerichte gestellt, aber nicht verurteilt. Die ganze Zeit spürte ich, dass mir der heilige Geist half und Jehova meine Hand ergriff, um mich zu stärken (Jes. 41:10, 13).

EIN NEUER PARTNER

1946 traf ich Arthur Matthews. Er hatte gerade eine dreimonatige Gefängnisstrafe wegen Wehrdienstverweigerung verbüßt und ging zu seinem Bruder Dennis, einem Sonderpionier, nach Hemsworth. Von klein auf waren die beiden von ihrem Vater über Jehova belehrt worden und hatten sich als Teenager taufen lassen. Dennis wurde schon bald nach Irland gesandt und Arthur blieb ohne Partner zurück. Meine Eltern waren von diesem jungen, fleißigen Pionier beeindruckt und boten ihm an, bei ihnen zu wohnen. Wenn ich sie besuchte, meldeten Arthur und ich uns immer freiwillig für den Abwasch. Schließlich schrieben wir uns. 1948 musste Arthur noch einmal für drei Monate ins Gefängnis. Wir heirateten im Januar 1949 und wollten so lange wie möglich im Vollzeitdienst bleiben. Im Urlaub halfen wir bei der Obsternte und verdienten ein bisschen Geld dazu. Mit guter Planung und dem Segen Jehovas konnten wir Pioniere bleiben.

Kurz nach unserer Heirat (Hemsworth, 1949)

Ein gutes Jahr später wurden wir gebeten, nach Nordirland zu gehen, zuerst nach Armagh und dann nach Newry — beides überwiegend katholische Städte. Das religiöse Klima war aufgeheizt und wir mussten in Gesprächen sehr vorsichtig und überlegt vorgehen. Zusammenkünfte fanden bei einem Ehepaar zu Hause statt, ungefähr 16 Kilometer von unserem Wohnort entfernt. Etwa acht Personen besuchten sie. Wenn wir über Nacht blieben, schliefen wir auf dem Fußboden und bekamen am nächsten Tag ein gutes Frühstück. Es freut mich, dass es in dieser Gegend inzwischen viele Zeugen gibt.

„WIR SIND DABEI!“

Mein Bruder und seine Frau Lottie waren schon Sonderpioniere in Nordirland, als wir 1952 mit ihnen einen Bezirkskongress in Belfast besuchten. Freundlicherweise brachte ein Bruder nicht nur uns vier unter, sondern auch Pryce Hughes, den damaligen Zweigdiener von Großbritannien. An einem Abend sprachen wir über die neue Broschüre Gottes Weg ist Liebe, die speziell für Irland veröffentlicht worden war. Bruder Hughes erzählte, wie schwer es sei, Katholiken in Nordirland zu predigen. Angestachelt von Priestern wurden Brüder aus ihrer Unterkunft vertrieben und vom Pöbel angegriffen. Pryce sagte: „Wir brauchen Ehepaare mit Autos, die bei einer besonderen Aktion mitmachen und die Broschüre im ganzen Land verteilen.“ * Wie eingangs erwähnt, war unsere Reaktion sofort: „Wir sind dabei!“

Mit anderen Pionieren auf einem Motorrad mit Beiwagen

Benötigten Pioniere in Dublin eine Unterkunft, war „Mutter“ Rutland, eine langjährige treue  Schwester, immer eine gute Adresse. Nachdem wir vier bei ihr untergekommen waren und einige persönliche Sachen verkauft hatten, zwängten wir uns auf Bobs Motorrad mit Beiwagen und machten uns auf die Suche nach einem Auto. Wir fanden einen passenden Gebrauchtwagen und baten den Verkäufer, uns das Auto zu bringen, da keiner von uns fahren konnte. Arthur saß den ganzen Abend auf dem Bett und übte im Geiste, Gänge einzulegen. Als er am nächsten Morgen versuchte, das Auto aus der Garage zu fahren, kam die Missionarin Mildred Willett vorbei (sie heiratete später John Barr). Sie konnte fahren! Nachdem das Auto auf der Straße war und wir etwas geübt hatten, konnte es losgehen.

Unser Auto und unser Wohnwagen

Doch wo würden wir wohnen? Man hatte uns von einem Wohnwagen abgeraten, weil ihn Gegner in Brand setzen könnten. Also suchten wir eine Wohnung, doch vergeblich. In dieser Nacht schliefen wir vier im Auto. Das Einzige, was wir am nächsten Tag fanden, war ein kleiner selbst gebauter Wohnwagen mit einem kleinen Etagenbett. Das wurde unser Zuhause. Erstaunlicherweise war es kein Problem, den Wohnwagen auf dem Grundstück freundlicher Farmer abzustellen. Wir predigten immer rund 20 Kilometer vom Stellplatz entfernt. Anschließend parkten wir den Wohnwagen woanders und predigten dann in dem Gebiet rund um den vorherigen Stellplatz.

Wir bearbeiteten den Südosten der Republik und hatten so gut wie keine Schwierigkeiten. Dabei verbreiteten wir über 20 000 Broschüren und leiteten die Namen interessierter Personen an das britische Zweigbüro weiter. Wie schön, dass es in diesem Gebiet heute Hunderte von Zeugen gibt.

ZURÜCK NACH ENGLAND UND DANN NACH SCHOTTLAND

Einige Jahre später bat man uns, in den südlichen Teil von London zu gehen. Schon nach wenigen Wochen wurde Arthur vom britischen Zweigbüro angerufen. Er sollte am nächsten Tag mit dem Kreisdienst beginnen. Wir wurden eine Woche geschult, bevor wir zu unserem Kreis in Schottland reisten. Die Vorträge musste Arthur irgendwie nebenbei ausarbeiten. Doch wie immer war er bereit, schwierige Aufgaben im Dienst für Jehova anzunehmen. Das hat mich sehr angespornt. Wir waren sehr gern im Kreisdienst. Nach Jahren in nicht zugeteiltem Gebiet war es jetzt ein Segen, unter so vielen Brüdern und Schwestern zu sein.

1962 bekam Arthur die Einladung zur zehnmonatigen Gileadschule. Wir standen vor der großen Entscheidung, ob Arthur diese Einladung annehmen sollte, da das für mich bedeutete, allein zurückzubleiben. Doch wir willigten ein. Da ich keine Pionierpartnerin hatte, sandte man mich als Sonderpionierin zurück nach Hemsworth. Als Arthur nach einem Jahr wieder da war, kamen wir in den Bezirksdienst nach Schottland, Nordengland und Nordirland.

 UNSERE NEUE ZUTEILUNG: IRLAND

1964 wurde Arthur als Zweigdiener für die Republik Irland eingesetzt. Da wir uns im Kreisdienst sehr wohl fühlten, hatte ich zuerst Bedenken, ins Bethel zu gehen. Wenn ich zurückblicke, bin ich heute sehr dankbar, dass ich dort mithelfen konnte. Ich denke, dass man für jede Aufgabe von Jehova gesegnet wird, selbst wenn man erst nicht so viel Freude daran hat. Ich erledigte Büroarbeit und arbeitete im Versand, in der Küche sowie im Haushalt mit. Außerdem waren wir auch im Bezirksdienst und konnten mit Brüdern im ganzen Land zusammen sein. Und wir sahen, wie unsere Bibelschüler Fortschritte machten. Das alles schaffte eine enge Bindung zu unserer geistigen Familie in Irland. Was für ein Segen!

EIN WENDEPUNKT IN DER THEOKRATISCHEN GESCHICHTE VON IRLAND

Der erste internationale Kongress in Irland fand 1965 in Dublin statt. * Obwohl von allen Seiten heftiger Widerstand geleistet wurde, war der Kongress ein großer Erfolg. 3 948 waren anwesend und 65 ließen sich taufen. Jeder, der sich an der Unterbringung der 3 500 internationalen Delegierten beteiligt hatte, erhielt einen Dankbrief. Die Gastgeber wiederum lobten das Verhalten der Delegierten. Es war wirklich ein Wendepunkt für das Werk in Irland.

Arthur begrüßt Nathan Knorr, der 1965 zum Kongress angereist war

Arthur kündigt Mein Buch mit biblischen Geschichten in Irisch an (1983)

1966 kamen Nord- und Südirland unter die Aufsicht des Zweigbüros in Dublin und waren damit vereint. Politisch und religiös blieb Irland geteilt. Welch krasser Gegensatz! Es begeisterte uns, dass so viele Katholiken die Wahrheit annahmen und mit Brüdern zusammenarbeiteten, die früher einmal Protestanten waren.

EINE VÖLLIG NEUE AUFGABE

2011 veränderte sich unser Leben völlig. Die Zweigbüros in Großbritannien und Irland wurden zusammengelegt und wir kamen nach London ins Bethel. Ich machte mir gerade Sorgen über Arthurs Gesundheit. Man stellte bei ihm die Parkinsonkrankheit fest. Am 20. Mai 2015 starb Arthur nach über 66 gemeinsamen Jahren.

In den letzten Jahren musste ich oft mit Kummer, Trauer und Verzweiflung kämpfen. Arthur war immer für mich da. Wie sehr ich ihn vermisse! Doch wenn man so etwas durchmacht, kommt man Jehova näher. Es berührte mich immer sehr, wie beliebt Arthur war. Ich habe Briefe von Brüdern aus Irland, Großbritannien und sogar aus den Vereinigten Staaten bekommen. Diese Briefe und der Zuspruch von Arthurs Bruder Dennis, seiner Frau Mavis und meinen Nichten Ruth und Judy haben mich mehr getröstet, als Worte ausdrücken können.

Jesaja 30:18 hat mich sehr ermuntert, wo es sinngemäß heißt: „Jehova wartet geduldig darauf, euch seine Gunst zu schenken, er wird sich erheben, um euch Barmherzigkeit zu zeigen. Denn Jehova ist ein Gott der Gerechtigkeit. Glücklich sind alle, die sehnsüchtig auf ihn warten.“ Es tröstet mich, dass Jehova geduldig darauf wartet, alles wiedergutzumachen und uns in seiner neuen Welt spannende Aufgaben zu geben.

Wenn ich auf unser Leben zurückblicke, ist deutlich, wie Jehova die Tätigkeit in Irland geleitet und gesegnet hat. Es freut mich, dass ich an diesem Wachstum einen kleinen Anteil haben durfte. Ohne Frage: Jehova segnet uns immer, wenn wir uns von ihm gebrauchen lassen.

^ Abs. 12 Siehe Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1988, Seite 101, 102.

^ Abs. 22 Siehe Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1988, Seite 109—112.