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Jehovas Zeugen

Deutsch

Der Wachtturm — Studienausgabe  |  Februar 2018

 LEBENSBERICHT

Für Jehova ist alles möglich

Für Jehova ist alles möglich

„ES WIRD keinen Tod mehr geben. Und die Toten werden sogar wieder zum Leben kommen.“ Diese Worte schnappte meine Frau, Mairambubu, im Bus auf. Sie war neugierig und wollte mehr erfahren. Als der Bus anhielt und die Leute ausstiegen, lief sie der Frau nach, die das gesagt hatte. Sie hieß Apun Mambetsadikowa und war eine Zeugin Jehovas. Mit den Zeugen zu sprechen war damals nicht ganz ungefährlich. Doch was wir später von Apun lernten, veränderte unser Leben grundlegend.

ARBEIT VON FRÜH BIS SPÄT

Ich stamme aus Kirgisistan und wurde 1937 in der Nähe von Tokmok auf einer Kolchose (einem staatlich geführten Landwirtschaftsbetrieb) geboren. Unsere Familie gehört zum Volk der Kirgisen und wir sprechen Kirgisisch. Meine Eltern waren Landarbeiter und arbeiteten von früh bis spät auf der Kolchose. Als Landarbeiter erhielten sie zwar regelmäßig Nahrungsmittel, aber Lohn bekamen sie nur einmal im Jahr. Meine Mutter hatte es schwer, für meine jüngere Schwester und mich zu sorgen. Ich ging nur fünf Jahre zur Schule. Dann arbeitete auch ich ganztags auf der Kolchose.

Das Hochgebirge Terskej-Alatau

In unserer Gegend gab es viel Armut und man kam nur schwer über die Runden. Als junger Mann dachte ich kaum über den Sinn des Lebens oder die Zukunft nach. Ich hätte nie erwartet, dass die wunderbaren Wahrheiten über Jehova Gott und seinen Vorsatz mein Leben so verändern würden. Doch wie kam die Königreichsbotschaft nach Kirgisistan und wie konnte sie sich dort ausbreiten? Das ist eine spannende Geschichte. Alles begann in meiner Heimat im Norden von Kirgisistan.

WIE ALLES ANFING

Die Wahrheit über Jehova fasste in den 1950er-Jahren in Kirgisistan Fuß. Dazu musste sie eine mächtige Ideologie überwinden. Denn das heutige Kirgisistan gehörte damals zu der Union der Sozialistischen Sowjetrepubliken (UdSSR). Jehovas Zeugen verhielten sich in der ganzen UdSSR politisch neutral (Joh. 18:36). Deshalb betrachtete man sie als Feinde des kommunistischen Staates  und verfolgte sie. Doch das Wort Gottes erreicht das Herz von aufrichtigen Menschen immer. Das kann keine Ideologie verhindern. Für Jehova „sind alle Dinge möglich“ (Mar. 10:27). Das ist mit das Wichtigste, was ich in meinem langen Leben gelernt habe.

Emil Janzen

Die Verfolgung von Jehovas Zeugen führte dazu, dass sich die Wahrheit in Kirgisistan ausbreitete. Wieso? Zur UdSSR gehörte Sibirien, wohin Staatsfeinde verbannt wurden. Viele kamen nach ihrer Freilassung nach Kirgisistan und einige brachten die Wahrheit mit. Zum Beispiel Emil Janzen, der 1919 in Kirgisistan auf die Welt gekommen war. Er hatte Zeugen Jehovas in einem Arbeitslager kennengelernt und die Wahrheit angenommen. 1956 kehrte er aus Sibirien zurück und ließ sich in meiner Heimat in der Nähe von Sokuluk nieder. Dort entstand 1958 die erste Versammlung in Kirgisistan.

Viktor Winter

Etwa ein Jahr später zog Viktor Winter nach Sokuluk. Dieser treue Bruder hatte viel durchgemacht. Wegen seiner Neutralität hatte man ihn zweimal für drei Jahre inhaftiert. Dann war er für weitere zehn Jahre ins Gefängnis gekommen und anschließend noch für fünf Jahre in die Verbannung. Doch Verfolgung konnte die Ausbreitung der wahren Anbetung nicht aufhalten.

DIE WAHRHEIT KOMMT NÄHER

Eduard Warter

1963 gab es in Kirgisistan etwa 160 Zeugen. Viele von ihnen kamen ursprünglich aus Deutschland, Russland und der Ukraine. Einer von ihnen war Eduard Warter, der sich 1924 in Deutschland hatte taufen lassen. In den 1940er-Jahren brachten ihn die Nationalsozialisten in ein Konzentrationslager. Nur wenige Jahre später verbannten ihn die Kommunisten in der UdSSR nach Sibirien. 1961 zog dieser treue Bruder nach Kant, ganz in die Nähe meiner Heimat.

Elisabeth Foth; Aksamai Sultanaliewa

In Kant lebte auch Elisabeth Foth, die Jehova treu diente. Sie war Näherin und verstand ihr Handwerk so gut, dass auch studierte Leute wie Ärzte und Lehrer zu ihren Kunden gehörten. Eine Kundin war Aksamai Sultanaliewa, die Frau eines Beamten der Staatsanwaltschaft. Eigentlich kam Aksamai wegen ihrer Kleidung zu Elisabeth, stellte ihr dann aber Fragen über den Sinn des Lebens und den Zustand der Toten. Elisabeth beantwortete ihre Fragen direkt aus der Bibel. Aksamai wurde eine eifrige Predigerin der guten Botschaft.

Nikolai Tschimpojesch

Ungefähr zur gleichen Zeit wurde Nikolai Tschimpojesch aus Moldawien Kreisaufseher und blieb das fast 30 Jahre lang. Er besuchte nicht nur Versammlungen, sondern organisierte auch die Vervielfältigung und Verbreitung der Literatur. Da das bei den Behörden nicht unbemerkt blieb, gab Eduard Warter ihm einen guten Rat: „Wenn dich die Beamten befragen, dann sag ihnen ganz offen, dass wir unsere Literatur von der Weltzentrale in Brooklyn bekommen. Sieh dem KGB-Beamten in die Augen. Du brauchst keine Angst zu haben“ (Mat. 10:19).

Kurz darauf wurde Nikolai zur KGB-Zentrale in Kant zitiert. Er erzählt, was dann geschah: „Der Beamte fragte, woher wir unsere Literatur bekommen würden. Ich sagte ihm, dass wir sie aus Brooklyn erhalten. Das verschlug ihm die Sprache. Er ließ mich einfach gehen und bestellte mich nie wieder.“ Solche unerschrockenen Zeugen predigten weiter vorsichtig die gute Botschaft in meiner  Heimat im Norden von Kirgisistan. Als die kostbare Wahrheit über Jehova in den 1980er-Jahren schließlich meine Familie erreichte, hörte meine Frau zuerst davon.

MEINE FRAU ERKENNT SCHNELL DIE WAHRHEIT

Mairambubu kommt ursprünglich aus dem Gebiet Naryn in Kirgisistan. Wir lernten uns kennen, als sie im August 1974 meine Schwester besuchte. Ich mochte Mairambubu sofort. Wir heirateten noch am gleichen Tag.

Apun Mambetsadikowa

Im Januar 1981 war meine Frau mit dem Bus zu einem Markt unterwegs und bekam das anfangs erwähnte Gespräch mit. Weil sie mehr wissen wollte, fragte sie die Frau nach ihrem Namen und ihrer Adresse. Da die Tätigkeit der Zeugen auch in den 1980er-Jahren noch verboten war, reagierte die Schwester vorsichtig. Sie stellte sich zwar als Apun vor, gab Mairambubu aber nicht ihre Adresse, sondern schrieb sich unsere auf. Meine Frau kam ganz aufgeregt nach Hause.

Sie sagte: „Ich habe etwas Wunderbares gehört! Eine Frau hat mir erzählt, dass Menschen bald nicht mehr sterben werden. Sogar wilde Tiere werden zahm sein.“ Für mich hörte sich das wie ein Märchen an und ich meinte: „Lass uns mal abwarten, bis sie kommt und uns Genaueres erzählt.“

Drei Monate später besuchte uns Apun. Bei weiteren Gesprächen lernten wir einige der ersten kirgisischen Zeugen kennen. Sie erzählten uns von den großartigen Wahrheiten über Jehova und seinem Vorhaben mit der Menschheit. Dabei verwendeten sie das Buch Vom verlorenen Paradies zum wiedererlangten Paradies. * Da es in ganz Tokmok nur dieses eine Exemplar gab, schrieben wir uns das Buch von Hand ab.

Eine der ersten Wahrheiten, die wir kennenlernten, war die Prophezeiung aus 1. Mose 3:15. Sie wird sich durch Jesus, Gottes messianischen König, erfüllen. Was für eine wichtige Botschaft! Jeder musste sie hören! Wir wollten uns unbedingt an der Verkündigung beteiligen (Mat. 24:14). Die Wahrheit aus der Bibel veränderte schon bald unser Leben.

ZUSAMMENKÜNFTE UND TAUFE TROTZ VERBOT

Ein Bruder lud uns zu einer Hochzeit in Tokmok ein. Meiner Frau und mir fiel schnell auf, dass die Zeugen ganz anders waren. Es gab keinen Alkohol  und die Feier lief gesittet ab — ganz im Gegensatz zu anderen Hochzeiten, wo sich die Gäste oft betranken, sich schlecht benahmen und eine schmutzige Sprache gebrauchten.

Wir besuchten auch Zusammenkünfte in Tokmok. Sofern das Wetter mitspielte, wurden sie im Wald abgehalten. Die Brüder und Schwestern wussten, dass die Polizei sie im Auge behielt. Also postierten sie einen Bruder als Wache. Im Winter fanden Zusammenkünfte bei Brüdern zu Hause statt. Mehrmals kam die Polizei und wollte wissen, was wir machten. Mairambubu und ich wollten uns im Juli 1982 taufen lassen. Wir wurden in einem Fluss getauft, dem Tschüi, und mussten sehr vorsichtig sein (Mat. 10:16). Die Brüder kamen nach und nach in kleinen Grüppchen in den Wald. Wir sangen ein Königreichslied und dann folgte die Taufansprache.

DIE GELEGENHEIT, MEHR FÜR JEHOVA ZU TUN

1987 bat mich ein Bruder, in Balyktschy jemand zu besuchen, der Interesse an der Wahrheit hatte. Um dorthin zu kommen, waren Mairambubu und ich vier Stunden mit dem Zug unterwegs. Nachdem wir dort mehrere Male gepredigt hatten, stellten wir fest, dass sich viele für die Botschaft interessierten. Das war für uns die Gelegenheit, im Dienst mehr zu tun.

Die Wochenenden verbrachten wir meistens in Balyktschy. Wir gingen in den Dienst und hielten Zusammenkünfte ab. Die Nachfrage nach unseren Publikationen stieg von Mal zu Mal. Wir brachten die Literatur in einem meschok mit — einer Art Kartoffelsack. Zwei voll gepackte Säcke pro Monat reichten gerade. Wir konnten sogar auf der Zugfahrt Zeugnis geben.

1995 wurde in Balyktschy eine Versammlung gegründet — acht Jahre nach unserem ersten Besuch. All die Jahre zwischen Tokmok und Balyktschy hin- und herzureisen kostete viel Geld und unsere Mittel waren knapp. Wie schafften wir es trotzdem? Ein Bruder gab uns regelmäßig Geld. Jehova sah, wie gern wir mehr für ihn tun wollten, und öffnete „die Schleusen der Himmel“ (Mal. 3:10). Für Jehova ist wirklich alles möglich!

MIT FAMILIE UND DIENST BESCHÄFTIGT

1992 wurde ich zum Ältesten ernannt. Ich war der erste kirgisische Älteste im Land. In unserer Heimatversammlung in Tokmok eröffneten sich neue Dienstmöglichkeiten. Es gab in der Stadt mehrere Bildungsinstitute und wir konnten mit vielen jungen kirgisischen Studenten die Bibel studieren. Einer davon ist heute im Zweigkomitee und zwei andere sind Sonderpioniere. Auch in den Zusammenkünften war es möglich zu helfen. Anfang der 1990er-Jahre gab es die Publikationen nur in Russisch und auch die Zusammenkünfte fanden in Russisch statt. Doch zu der Versammlung gehörten immer mehr kirgisische Muttersprachler. Also dolmetschte ich. Das half ihnen, die Wahrheit schneller zu verstehen.

1989 zusammen mit meiner Frau und acht von unseren Kindern

Mairambubu und ich hatten auch alle Hände voll zu tun, uns um die immer größer werdende Familie zu kümmern. Wir nahmen die Kinder mit in den Dienst und in die Zusammenkünfte. Unsere Tochter  Gulsaira — damals erst 12 Jahre alt — liebte es, mit Leuten auf der Straße über die Bibel zu sprechen. Die Kinder lernten auch gern Bibeltexte auswendig. So konnten sie und später auch ihre Kinder sich fleißig an Versammlungsaktivitäten beteiligen. Von den 9 Kindern und 11 Enkeln, die noch am Leben sind, dienen 16 Jehova oder besuchen mit ihren Eltern die Zusammenkünfte.

BEMERKENSWERTE VERÄNDERUNGEN

Seit den 1950er-Jahren hat sich in unserer Gegend viel getan. Die lieben Brüder und Schwestern, die das Werk in Gang gebracht haben, würden staunen, wenn sie sehen könnten, was daraus geworden ist. Wir können seit den 1990er-Jahren zum Beispiel freier predigen und in großem Rahmen zusammenkommen.

Mairambubu und ich im Dienst

1991 besuchten meine Frau und ich in Kasachstan unseren ersten großen Kongress in Alma-Ata, dem heutigen Almaty. 1993 hielten die Brüder in Kirgisistan im Spartak-Stadion von Bischkek ihren ersten eigenen Kongress ab. Verkündiger hatten eine Woche lang das Stadion gereinigt. Der Stadionverwalter war so beeindruckt, dass er uns das Stadion umsonst überließ.

1994 gab es einen weiteren Meilenstein: Die ersten kirgisischen Publikationen wurden gedruckt. Inzwischen gibt es ein reguläres Übersetzungsteam im Zweigbüro in Bischkek, das ins Kirgisische übersetzt. 1998 wurde die Tätigkeit von Jehovas Zeugen in Kirgisistan rechtlich anerkannt. Das Werk hat sich immer mehr ausgedehnt. Es gibt jetzt weit über 5 000 Verkündiger. Sie gehören zu insgesamt 83 Versammlungen und 25 Gruppen in Chinesisch, Englisch, Kirgisisch, Russisch, Russischer Gebärdensprache, Türkisch, Uigurisch und Usbekisch. Trotz unterschiedlichster Herkunft dienen die Brüder und Schwestern Jehova vereint. Diese beeindruckenden Veränderungen sind nur Jehova zu verdanken.

Auch mein Leben hat Jehova grundlegend verändert. Ich bin in einer einfachen Bauernfamilie aufgewachsen und nur fünf Jahre zur Schule gegangen. Doch Jehova hat mir geholfen, als Ältester zu dienen und die wertvollen biblischen Wahrheiten sogar Menschen näherzubringen, die gebildeter sind als ich. Jehova lässt wirklich die unglaublichsten Dinge geschehen. Ich möchte weiter treu für Jehova Zeugnis ablegen, denn ich habe selbst erlebt: Für ihn sind „alle Dinge möglich“ (Mat. 19:26).

^ Abs. 21 Herausgegeben von Jehovas Zeugen; wird nicht mehr aufgelegt.