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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm — Studienausgabe  |  August 2016

 LEBENSBERICHT

Geben hat mich glücklich gemacht

Geben hat mich glücklich gemacht

MIT zwölf wurde mir zum ersten Mal klar, dass ich etwas Wertvolles besaß, was ich mit anderen teilen konnte. Auf einem Kongress fragte mich ein Bruder, ob ich gern predigen gehen würde. Spontan sagte ich: „Ja.“ Dabei hatte ich noch nie gepredigt. Wir gingen ins Gebiet und er gab mir einige Broschüren über Gottes Königreich. Dann meinte er: „Du besuchst die Leute auf dieser Straßenseite und ich gehe auf die andere Seite.“ Nervös ging ich von Tür zu Tür und war überrascht, dass ich schon bald alles abgegeben hatte. Anscheinend interessierten sich viele für das, was ich ihnen geben wollte.

Ich wurde 1923 in Chatham (Kent, England) geboren und wuchs in einer Welt voller Enttäuschung auf. Der Große Krieg hatte das Versprechen auf eine bessere Welt nicht erfüllt. Zudem waren meine Eltern von Baptistenpastoren enttäuscht, die offensichtlich eher an ihrem eigenen Vorwärtskommen interessiert waren. Als ich ungefähr neun war, begann meine Mutter zu der internationalen Bibelforscher-Vereinigung zu gehen. Diese Personen hatten den Namen Jehovas Zeugen angenommen und hielten Zusammenkünfte ab. Eine der Schwestern gab uns Kindern Bibelstunden und verwendete dabei die Bibel und das Buch Die Harfe Gottes. Mir gefiel, was ich lernte.

ÄLTERE BRÜDER BRACHTEN MIR VIEL BEI

Als Jugendlicher sprach ich mit anderen gern über die Hoffnung der Bibel. Obwohl ich oft allein von Haus zu Haus predigte, bot mir der Dienst mit anderen die Gelegenheit, viel zu lernen. Als ich einmal mit einem älteren Bruder mit dem Fahrrad ins Gebiet fuhr, sahen wir einen Geistlichen und ich sagte: „Da ist ein Bock.“ Der Bruder hielt an und wir setzten uns zusammen auf einen Baumstamm. Er fragte: „Wer hat dir das Recht gegeben zu beurteilen, wer ein Bock ist? Wir konzentrieren uns darauf, Menschen die gute Botschaft zu bringen, und das Richten überlassen wir Jehova.“ Damals lernte ich, wie glücklich Geben macht (Mat. 25:31-33; Apg. 20:35).

Ein anderer älterer Bruder brachte mir bei, dass man manchmal geduldig ausharren muss, bis sich das Glück des Gebens einstellt. Seine Frau konnte Jehovas Zeugen nicht leiden. Als er mich einmal zu einer Erfrischung mit nach Hause nahm, bewarf sie uns mit Teepackungen — so wütend war sie, dass er  predigen war. Statt sie zurechtzuweisen, stellte er den Tee einfach wieder zurück. Seine Geduld wurde Jahre später belohnt, als sich seine Frau taufen ließ.

Mein Wunsch, anderen eine Hoffnung zu vermitteln, wurde immer größer. Mutter und ich ließen uns im März 1940 in Dover taufen. Großbritannien hatte Deutschland im September 1939 den Krieg erklärt. Ich war gerade 16. Im Juni 1940 beobachtete ich vom Hauseingang aus, wie Tausende traumatisierte Soldaten in Lkws vorbeifuhren. Es waren Überlebende der Schlacht von Dünkirchen. Ich sah in ihren Augen keinen Hoffnungsschimmer und hätte ihnen am liebsten von Gottes Königreich erzählt. Später in diesem Jahr kam es zu einer Serie von Luftangriffen auf Großbritannien. Jede Nacht sah ich Geschwader der deutschen Luftwaffe über uns hinwegfliegen. Man hörte das Pfeifen der Bomben und dann ihren Einschlag — das machte alles noch bedrohlicher. Wenn wir morgens nach draußen gingen, waren ganze Wohngebiete zerstört. Mir wurde immer mehr bewusst, dass das Königreich meine einzige Hoffnung für die Zukunft war.

DER START IN EIN SELBSTLOSES LEBEN

Ich arbeitete in der königlichen Schiffswerft in Chatham als angehender Schiffsbauer und hatte eine begehrte Stellung mit vielen Begünstigungen. Jehovas Zeugen hatten schon lange verstanden, dass es für Christen unpassend ist, sich an Kampfhandlungen zu beteiligen. Um das Jahr 1941 erkannten wir dann, dass wir auch nicht für die Rüstungsindustrie arbeiten sollten (Joh. 18:36). Da die Werft U-Boote baute, entschied ich mich, meine Arbeit aufzugeben. 1941 startete ich in ein Leben, das mich sehr glücklich gemacht hat. In Cirencester, einer malerischen Stadt in den Cotswolds, begann ich mit dem Vollzeitdienst.

Mit 18 wurde ich für neun Monate inhaftiert, weil ich den Militärdienst verweigerte. Es war ein entsetzliches Gefühl, als die Zellentür zuschlug und ich allein zurückblieb. Doch schon bald fragten mich Wärter und Mitgefangene, warum ich in Haft war, und ich erklärte ihnen nur zu gern meinen Glauben.

Nach meiner Freilassung predigte ich mit Leonard Smith * in verschiedenen Städten der Grafschaft von Kent. Ab 1944 stürzten über tausend unbemannte, mit Sprengstoff beladene Marschflugkörper auf Kent. Wir lagen genau auf der Flugroute zwischen dem nationalsozialistisch besetzten Europa und London. Die Geschosse wurden doodlebugs  genannt. Es war der reinste Terror. Hörte man den Motor ausgehen — und das hörten wir sehr oft —, wusste man, das Flugzeug würde Sekunden später abstürzen und explodieren. In dieser Zeit studierten Leonard und ich mit einer fünfköpfigen Familie die Bibel. Manchmal saßen wir alle unter einem Tisch aus Eisen, der als Schutz dienen sollte, falls das Haus einstürzen würde. Die ganze Familie kam schließlich zur Wahrheit.

ZUM PREDIGEN INS AUSLAND

Als junger Pionier beim Ankündigen eines Kongresses in Irland

Nach dem Krieg ging ich als Pionier für zwei Jahre nach Südirland. Wie sehr sich Irland doch von England unterschied! Wir gingen von Tür zu Tür, stellten uns als Missionare vor, fragten nach Unterkunft und boten auf der Straße unsere Zeitschriften an. Wie konnte man in einem erzkatholischen Land nur auf so eine Idee kommen! Nachdem uns ein Mann bedroht hatte, beschwerte ich mich bei einem Polizisten. Er fragte mich: „Was erwarten Sie denn?“ Uns war nicht bewusst, wie viel Macht die Pfarrer hatten. Sie entließen Leute, die unsere Bücher nahmen, und vertrieben uns aus unseren Unterkünften.

Wie wir schnell herausfanden, war es in einer neuen Gegend das Beste, von unserer Unterkunft aus mit dem Fahrrad weit wegzufahren und nur dort zu predigen, wo ein anderer Pfarrer zuständig war. Ganz zum Schluss bearbeiteten wir das Gebiet in der Nähe. In Kilkenny studierten wir dreimal die Woche mit einem jungen Mann, und das, obwohl wir von Mobs bedroht wurden. Da es mir so viel Freude machte, anderen biblische Wahrheiten zu erklären, bewarb ich mich für die Gileadschule.

Der Schoner Sibia war von 1948 bis 1953 unser Missionarheim

Nach dem fünfmonatigen Kurs in New York sollten vier aus unserer Klasse in der Karibik die kleineren Inseln bearbeiten. Im November 1948 verließen wir New York mit dem 18-Meter-Schoner Sibia. Da ich noch nie zuvor gesegelt hatte, war ich aufgeregt. Einer aus unserer Gruppe, Gust Maki, war ein erfahrener Kapitän. Er brachte uns einige Grundkenntnisse der Schiffsführung bei: wie man die verschiedenen Segel setzt und einholt, wie man einem Kompasskurs folgt und wie man gegen den Wind kreuzt. 30 Tage manövrierte Gust den Schoner geschickt durch gefährliche Stürme, bis wir die Bahamas erreichten.

PREDIGEN „AUF DEN FERNEN INSELN“

Nachdem wir einige Monate auf den kleineren Inseln der Bahamas gepredigt hatten, segelten wir zu den Leeward und Windward Islands, die sich über etwa 800 Kilometer von den Jungferninseln bei Puerto Rico bis fast nach Trinidad erstrecken. Fünf Jahre predigten wir hauptsächlich auf abgelegenen Inseln, wo es keine Zeugen gab. Manchmal waren wir Wochen unterwegs und konnten weder Post verschicken noch erhalten. Doch es machte uns sehr glücklich, Jehovas Wort auf den Inseln zu verkündigen (Jer. 31:10).

Die Crew der Sibia (von links nach rechts): Die Missionare Ron Parkin, Dick Ryde, Gust Maki und Stanley Carter

Gingen wir in einer Bucht vor Anker, sorgte das stets für große Aufregung. Die Dorfbewohner liefen zum Anleger und wollten sehen, wer da gekommen war. Einige hatten noch nie einen Schoner oder einen Weißen gesehen. Die Insulaner waren freundliche, religiöse Menschen und kannten sich gut in der Bibel aus. Oft gaben sie uns frischen Fisch, Avocados oder Erdnüsse. Auch wenn wir auf unserem kleinen Schiff nur wenig Platz zum Schlafen, Kochen und Waschen der Kleidung hatten, bekamen wir das irgendwie hin.

 Wir gingen an Land und waren immer den ganzen Tag unterwegs, um zu einem biblischen Vortrag einzuladen. Wenn es dunkel wurde, läuteten wir die Schiffsglocke. Es war ein schöner Anblick, die Leute kommen zu sehen. Ihre Öllampen waren wie funkelnde Sterne, die die Hänge herunterkamen. Manchmal versammelten sich an die hundert Personen und stellten bis spätabends Fragen. Da sie gern sangen, tippten wir einige Königreichslieder ab und verteilten die Texte. Während wir vier unser Bestes gaben, die Melodie zu singen, stimmten die Leute mit ein. Es hörte sich fantastisch an. Was für eine schöne Zeit!

Einige Bibelschüler begleiteten uns nach ihrem Studium zur nächsten Familie, um auch bei deren Studium dabei zu sein. Wenn wir dann nach einigen Wochen wieder aufbrechen mussten, baten wir meistens diejenigen mit dem größten Interesse, mit den anderen bis zu unserer Rückkehr weiter zu studieren. Es war nett zu sehen, wie ernst einige diese Aufgabe nahmen.

Was heute belebte Touristenziele sind, waren damals abgelegene Orte, wo man nur türkisfarbene Lagunen, Sandstrände und Palmen vorfand. Normalerweise segelten wir immer nachts von einer Insel zur anderen. Längs des Bootes schwammen verspielte Delfine und man hörte nur, wie der Bug durchs Wasser schnitt. Der Mond schien auf die ruhige See und zeichnete eine silberne Straße bis zum Horizont.

Nachdem wir fünf Jahre die Inseln bearbeitet hatten, brachen wir nach Puerto Rico auf, um den Schoner gegen ein Motorboot auszutauschen. Kaum angekommen traf ich die hübsche Maxine Boyd und verliebte mich sofort in sie. Sie war eine Missionarin und verkündigte schon von klein auf eifrig die gute Botschaft. Maxine hatte als Missionarin in der Dominikanischen Republik gedient, bis sie 1950 von der katholischen Regierung des Landes verwiesen wurde. Als Besatzungsmitglied durfte ich nur einen Monat in Puerto Rico bleiben. Schon bald wäre ich wieder auf dem Weg zu den Inseln und damit für einige Jahre unterwegs. Also sagte ich mir: „Ronald, wenn du dieses Mädchen haben willst, musst du schnell sein.“ Nach drei Wochen machte ich ihr einen Antrag und nach sechs Wochen heirateten wir. Da Maxine und ich als Missionare in Puerto Rico bleiben sollten, fuhr ich nie mit dem neuen Boot auf See.

1956 begannen wir mit dem Kreisdienst. Viele Brüder waren arm, aber wir besuchten sie sehr gern. Im Dorf Potala Pastillo wohnten zum Beispiel zwei Familien mit vielen Kindern. Für sie spielte ich immer Flöte. Ich fragte die kleine Hilda, ob sie mit uns predigen gehen möchte. Sie antwortete: „Ich würde gern, aber ich kann nicht. Ich habe keine Schuhe.“ Wir kauften ihr ein Paar und sie ging mit uns in den Dienst. Als Maxine und ich dann 1972 das Bethel in Brooklyn besuchten, kam eine Schwester auf uns zu, die gerade die Gileadschule besucht hatte. Sie stand kurz vor der Abreise in ihre Zuteilung nach Ecuador und sagte: „Ihr könnt euch nicht mehr an mich erinnern, oder? Ich bin das kleine Mädchen aus Pastillo, das keine Schuhe hatte.“ Es war Hilda. Wir waren so gerührt, dass uns die Tränen kamen.

1960 wurden wir gebeten, ins Bethel nach Puerto Rico zu kommen, das in einem zweigeschossigen Gebäude in Santurce (San Juan) untergebracht war. Anfangs erledigten Lennart Johnson und ich den Großteil der Arbeit. Er und seine Frau waren die ersten Zeugen Jehovas in der Dominikanischen Republik und waren 1957 nach Puerto Rico geschickt worden. Maxine war später für die Zeitschriftenabonnements zuständig — über tausend jede Woche. Diese Arbeit bereitete ihr viel Freude, weil sie dabei an all die Menschen dachte, die dadurch geistige Speise erhielten.

Ich diente gern im Bethel, weil man gerade dort so viel geben kann. Aber es lief nicht immer alles glatt. Als beispielsweise 1967 in Puerto Rico der erste internationale Kongress stattfand, wuchs mir die Verantwortung fast über den Kopf. Nathan Knorr, der zu dieser Zeit die Führung unter Jehovas Zeugen übernahm, kam auch zum Kongress. Irrtümlich nahm er an, dass ich für die anreisenden Missionare keine Transportmöglichkeit organisiert hatte. Später gab er mir offenen Rat, mich doch besser zu organisieren, und sagte, er sei von mir enttäuscht. Ich wollte nicht mit ihm diskutieren, aber ich fühlte  mich ungerecht behandelt und war einige Zeit verärgert. Doch als Maxine und ich Bruder Knorr das nächste Mal sahen, lud er uns auf sein Zimmer ein und kochte etwas für uns.

Von Puerto Rico aus besuchten wir mehrmals meine Familie in England. Als meine Mutter und ich damals die Wahrheit annahmen, war mein Vater noch nicht so weit. Mutter nahm oft Redner bei uns zu Hause auf, die vom Bethel zu Besuch kamen. Dadurch konnte mein Vater beobachten, wie demütig diese Brüder waren — ganz im Gegensatz zu den Geistlichen, die ihn Jahre zuvor so angewidert hatten. 1962 ließ er sich schließlich taufen.

Zusammen mit Maxine kurz nach unserer Heirat in Puerto Rico und bei unserer goldenen Hochzeit 2003

Meine liebe Maxine verstarb 2011. Ich kann es kaum erwarten, sie in der Auferstehung wiederzusehen. Schon der Gedanke daran macht mich glücklich. In unseren 58 gemeinsamen Jahren konnten wir sehen, wie Jehovas Volk in Puerto Rico von ungefähr 650 auf 26 000 anwuchs. Als 2013 das Zweigbüro in Puerto Rico mit dem Zweigbüro in den Vereinigten Staaten zusammengelegt wurde, bat man mich, nach Wallkill (New York) zu ziehen. Nach 60 Jahren auf der Insel fühlte ich mich als Puerto Ricaner, als coquí, der bekannte kleine puerto-ricanische Baumfrosch, der beim Dunkelwerden ko-kee, ko-kee singt. Aber es war Zeit weiterzuziehen.

„GOTT LIEBT EINEN FRÖHLICHEN GEBER“

Ich diene Gott immer noch gern im Bethel. Ich bin jetzt über 90 und es ist meine Aufgabe, Mitglieder der Bethelfamilie durch Gespräche zu ermuntern. Wie mir gesagt wurde, habe ich schon mehr als 600 von ihnen besucht, seit ich in Wallkill bin. Einige kommen zu mir und möchten über persönliche oder familiäre Probleme sprechen. Andere wollen wissen, wie man den Betheldienst zum Erfolg machen kann. Wieder andere haben erst geheiratet und bitten um Tipps für die Ehe. Manche haben auch eine Zuteilung außerhalb des Bethels bekommen. Ich höre ihnen allen zu und wenn es passend ist, sage ich: „ ‚Gott liebt einen fröhlichen Geber.‘ Sei deshalb freudig bei deiner Arbeit. Du machst es für Jehova“ (2. Kor. 9:7).

Wie schafft man es, im Bethel oder woanders glücklich zu sein? Konzentriere dich darauf, warum das, was du gerade tust, wichtig ist. Alles, was wir im Bethel tun, ist heiliger Dienst. Wir können den „treuen und verständigen Sklaven“ darin unterstützen, die weltweite Bruderschaft mit geistiger Speise zu versorgen (Mat. 24:45). Egal wo wir Jehova dienen — wir haben überall die Möglichkeit, ihn zu preisen. Machen wir daher alles, worum er uns bittet, mit Freude, denn „Gott liebt einen fröhlichen Geber“.

^ Abs. 13 Der Lebensbericht von Leonard Smith erschien im Wachtturm vom 15. April 2012.