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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM NR. 3 2016

 IHREN GLAUBEN NACHAHMEN | REBEKKA

„Ich will gehen“

„Ich will gehen“

IM WEICHEN Licht der Abenddämmerung lässt Rebekka den Blick über die öde Landschaft schweifen. Längst hat sie sich an den langsamen, schwankenden Gang ihres Kamels gewöhnt. Nach Wochen der Reise liegt ihre Heimat Haran schon Hunderte von Kilometern hinter ihr im Nordosten. Ob sie ihre Familie wohl je wiedersehen wird? Das ist eine von vielen Fragen, die ihr gerade durch den Kopf gehen, denn bald wird sie ihr Ziel erreichen.

Die Karawane hatte Kanaan schon fast durchquert und zog jetzt durch das unwirtliche Gelände des Negeb (1. Mose 24:62). Der karge, ausgedörrte Boden ließ sich zwar nicht gut bebauen, bot den vielen Schafen aber genügend Gras zum Weiden. Rebekkas älterer Reisegefährte kam jetzt in wohlbekanntes Gebiet und wurde immer aufgeregter. Er hatte großartige Neuigkeiten für seinen Herrn: Rebekka würde Isaaks Frau werden! Doch was ging in Rebekka vor? Wie würde ihr Leben hier aussehen? Und ihr Bräutigam Isaak — wie würde er wohl sein? Sie kannten sich ja noch gar nicht! Würde er sie mögen? Und sie — würde sie ihn mögen?

Heute noch sind arrangierte Ehen in einigen Teilen der Welt alltäglich. In den meisten Gegenden kommen sie einem aber eher fremd vor. Ganz gleich, was bei uns üblich ist, wir können uns die Situation dieser jungen Frau ausmalen. Sie wusste nicht, was sie erwartete. Ihr Verhalten zeugt von außergewöhnlichem Glauben und Mut — zwei Eigenschaften, die jeder braucht, der vor großen Veränderungen steht. Und Rebekka hatte noch andere ansprechende Eigenschaften, die man heute nicht so oft sieht.

„AUCH FÜR DEINE KAMELE WERDE ICH WASSER SCHÖPFEN“

Für Rebekka begann die große Veränderung in ihrem Leben mit einer ganz normalen Alltagssituation. Sie war in Haran aufgewachsen, einer Stadt in Mesopotamien. Ihre Eltern waren anders als die meisten dort. Sie beteten nämlich einen anderen Gott an: nicht den Mondgott Sin, sondern Jehova (1. Mose 24:50).

Rebekka wuchs zu einer attraktiven jungen Frau heran. Aber statt eine gelangweilte, eingebildete Schönheit zu sein, sprühte sie vor Lebensfreude und blieb doch immer anständig. Obwohl sich ihre Familie Diener leisten konnte, wurde sie nicht wie eine Prinzessin behandelt oder verhätschelt. Sie lernte, hart zu arbeiten. Wie so viele Frauen ihrer Zeit hatte sie körperlich anstrengende Aufgaben. Abends schwang sie sich einen Krug auf die Schulter und holte für ihre Familie Wasser vom Brunnen (1. Mose 24:11, 15, 16).

Eines Abends — sie hatte ihren Krug gerade gefüllt — kam ein älterer Herr auf sie zu und bat: „Gib mir bitte einen kleinen Schluck Wasser aus deinem Krug.“ Was für eine höfliche und bescheidene Bitte! Wie Rebekka erkannte, musste er weit gereist sein. Schnell ließ sie ihren Krug von der Schulter gleiten und gab ihm nicht nur einen kleinen Schluck, sondern so viel von dem frischen, kühlen Wasser, wie er wollte. Dabei fielen ihr seine zehn Kamele auf, die in der Nähe ausruhten. Aber noch hatte niemand den Wassertrog gefüllt. Der Fremde beobachtete sie aufmerksam. Weil Rebekka ihm helfen wollte, so gut sie konnte, sagte sie: „Auch für deine Kamele werde ich Wasser schöpfen, bis sie mit Trinken fertig sind“ (1. Mose 24:19).

 Interessanterweise bot Rebekka nicht nur an, den Kamelen ein wenig Wasser zu geben — sondern so viel, bis sie genug getrunken hatten. Ein durstiges Kamel trinkt gut und gerne 95 Liter. Hätten alle zehn Kamele so großen Durst gehabt, wäre sie stundenlang beschäftigt gewesen. Ganz so durstig waren sie wohl nicht, doch das konnte Rebekka im Voraus natürlich nicht wissen. * Sie war einfach bereit, so hart wie nötig zu arbeiten, um gastfreundlich zu sein. Der alte Mann nahm ihr Angebot an. Und während sie immer wieder hin- und hereilte, um den Trog zu füllen, beobachtete er sie erwartungsvoll (1. Mose 24:20, 21).

Rebekka war gastfreundlich und fleißig

Stellt man sich diese fleißige junge Frau mit ihrem Krug am Brunnen vor, stellt man fest: Sie ist heute noch ein Vorbild für uns alle. Denn wie vorausgesagt, lieben die meisten nur sich selbst und sind nicht bereit, etwas für andere zu tun (2. Timotheus 3:1-5). Rebekka ist ein stiller Beweis dafür, dass man sich gegen diesen egoistischen Zeitgeist wehren kann.

Rebekka hat bestimmt mitbekommen, wie der ältere Mann sie ansah: In seinem Blick war nichts Anzügliches, eher spiegelten sich in seinem Gesichtsausdruck Erstaunen und Freude. Als sie schließlich fertig war, beschenkte er sie sogar mit kostbarem Schmuck! Dann fragte er, wer ihr Vater sei und fügte hinzu: „Ist im Haus deines Vaters für uns Platz zum Übernachten?“ Sie erzählte ihm von ihrer Familie und er war begeistert. Spontan fügte sie hinzu: „Es gibt bei uns sowohl Stroh als auch viel Futter, auch einen Ort zum Übernachten.“ Das war ein großzügiges Angebot, denn der alte Mann reiste ja nicht allein. Sie eilte nach Hause, um ihrer Mutter alles zu erzählen (1. Mose 24:22-28, 32).

Rebekka war dazu erzogen, gastfreundlich zu sein. Auch darin können wir diese liebenswerte junge Frau nachahmen, denn Gastfreundschaft wird heute immer seltener. Jehova Gott legt Wert auf Gastfreundschaft. Schließlich ist er selbst zu allen großzügig. Deshalb ist es ein Zeichen von Glauben,  gastfreundlich zu sein. Unser himmlischer Vater freut sich, wenn wir andere gern als Gäste aufnehmen, selbst wenn sie uns dafür vielleicht nie etwas zurückgeben können (Matthäus 5:44-46; 1. Petrus 4:9).

„DU SOLLST FÜR MEINEN SOHN EINE FRAU NEHMEN“

Wer war dieser alte Mann am Brunnen? Er hieß wahrscheinlich Elieser und war Abrahams Diener. * Abraham war der Bruder von Rebekkas Großvater. Deshalb nahm ihr Vater Bethuel den Reisenden gern auf und lud ihn zum Essen ein. Doch Elieser wollte zuerst erklären, warum er gekommen war, vorher würde er nichts essen (1. Mose 24:31-33). Sicher erzählte er voller Begeisterung, hatte er doch gerade deutlich gesehen, wie sein Gott Jehova ihm in einer wichtigen Mission zur Seite stand.

Rebekkas Vater Bethuel und auch ihr Bruder Laban hörten der spannenden Geschichte gebannt zu. Elieser berichtete, wie sehr Jehova Abraham und Sara in Kanaan gesegnet hatte. Er erzählte von ihrem Sohn Isaak, der alles erben würde. Und für diesen Sohn sollte der Diener unter Abrahams Verwandten in Haran nun eine Frau finden. Eine verantwortungsvolle Aufgabe (1. Mose 24:34-38).

Elieser hatte Abraham schwören müssen, für Isaak keine kanaanitische Frau auszusuchen. Warum nicht? Die Kanaaniter beteten Jehova weder an noch respektierten sie ihn. Jehova würde dieses Volk für all seine bösen Taten bestrafen. Das wusste Abraham und er wollte nicht, dass sein geliebter Sohn Isaak irgendwie an diese Leute oder ihre gottlose Lebensweise gebunden wäre. Außerdem war Abraham bewusst: Sein Sohn würde zu der Erfüllung von allem beitragen, was Jehova versprochen hatte (1. Mose 15:16; 17:19; 24:2-4).

Elieser beschrieb seinen Gastgebern, wie er am Brunnen bei Haran ankam und zu Jehova betete. Gott selbst sollte die Frau aussuchen, die Isaak heiraten würde — das war seine Bitte. Woran wollte Elieser Jehovas Wahl erkennen? Die junge Frau sollte zum Brunnen kommen und er würde sie bitten, ihm zu trinken zu geben. Dann sollte sie von sich aus anbieten, auch seinen Kamelen Wasser zu geben (1. Mose 24:12-14). Und wer kam und tat genau das? Es war Rebekka! Wie wird sie sich da wohl gefühlt haben, falls sie diese Erzählung mitbekam?

Bethuel und Laban waren jedenfalls berührt. Sie waren sich sicher: Hinter all dem stand Jehova. Also arrangierten sie gemäß damaligem Brauch die Ehe und Rebekka wurde Isaak versprochen (1. Mose 24:50-54). Aber heißt das, Rebekka hatte kein Wort mitzureden?

Die Meinung der jungen Frau zählte sehr wohl, denn Elieser hatte Wochen vorher seinen Herrn gefragt: „Was nun, wenn die Frau nicht mit mir kommen wird?“ Darauf hatte Abraham ihm versichert, dies würde ihn von seinem Eid entbinden (1. Mose 24:39, 41). Elieser war so begeistert, wie erfolgreich seine Mission verlaufen war, dass er gleich am nächsten Morgen mit Rebekka nach Kanaan abreisen wollte. Doch ihre Familie hätte sie lieber noch zehn Tage dabehalten. Wieder war Rebekkas Meinung wichtig: Man einigte sich darauf, sie selbst zu befragen (1. Mose 24:57).

Rebekka stand vor einer der wichtigsten Entscheidungen ihres Lebens. Wie würde sie antworten? Würde sie versuchen, an das Mitgefühl ihres Vaters und ihres Bruders zu appellieren und sie anflehen, nicht auf diese Reise ins Unbekannte gehen zu müssen? Oder würde sie Jehovas Hand in den Ereignissen erkennen und es als Ehre ansehen, daran beteiligt zu sein? Ihre Antwort spricht Bände. Sie verrät, wie Rebekka diese einschneidende, plötzliche Veränderung empfand. Sie sagte nur: „Ich will gehen“ (1. Mose 24:58).

Was für eine Einstellung! Heute gehen wir bei der Wahl des Ehepartners vielleicht ganz anders vor, doch wir können immer noch viel von Rebekka lernen. Für sie galt: Es geht nicht um meine Wünsche — was Jehova will, das zählt! Zum Thema Ehe hat Gottes Wort heute noch den besten Rat, ob für die Partnerwahl oder wenn es darum geht, ein  guter Ehepartner zu sein (2. Korinther 6:14, 15; Epheser 5:28-33). Machen wir es wie Rebekka — leben wir so, wie Jehova es will!

„WER IST JENER MANN?“

Mit guten Wünschen schickte Bethuels Familie ihre liebe Rebekka auf die Reise. Neben Elieser und seinen Begleitern kamen noch einige Dienerinnen und Rebekkas früheres Kindermädchen Debora mit (1. Mose 24:59-61; 35:8). Schon bald hatten sie Haran weit hinter sich gelassen, aber vor ihnen lagen gut 800 Kilometer. Die dreiwöchige Reise auf dem Kamel war nicht gerade bequem. Diese Tiere waren für Rebekka zwar nichts Neues, aber sie war bestimmt nicht besonders geübt darin, sie zu reiten. Die Bibel beschreibt ihre Familie nämlich als Hirtenvolk und nicht als Händler mit Kamelkarawanen (1. Mose 29:10). Für jemanden, der noch nie auf einem Kamel geritten ist, kann schon ein kurzer Ausflug ganz schön unangenehm sein!

Wie dem auch sei: Rebekka blickte nicht zurück. Sicher nutzte sie die Zeit mit Elieser, um so viel wie möglich über Isaak und seine Familie herauszufinden. Man kann die beiden förmlich vor sich sehen — im Schein des Lagerfeuers erzählt der alte Mann ihr von seinem Freund Abraham und von Jehovas Versprechen: Aus Abrahams Familie sollte jemand kommen, durch den Gott für alle Völker der Erde Gutes bewirken würde. Sie erfährt, dass dieses Versprechen durch ihren Bräutigam Isaak wahr werden soll — und damit auch durch sie. Was für eine Ehre! (1. Mose 22:15-18).

Rebekkas Demut war außergewöhnlich

Schließlich kam der Tag, der am Anfang beschrieben wurde. Die Karawane zog durch den Negeb. Als es bereits dämmerte, sah Rebekka einen Mann. Er ging gedankenversunken auf dem Feld spazieren. Schnell stieg sie vom Kamel — vielleicht ohne zu warten, bis es sich hingelegt hatte — und fragte ihren Begleiter: „Wer ist der Mann, der uns dort entgegenkommt?“ Es war Isaak! Sofort bedeckte sie den Kopf mit ihrem Schal (1. Mose 24:62-65). Anscheinend tat sie das aus Respekt vor ihrem zukünftigen Mann. Sich jemandem so unterzuordnen kommt manchen heute vielleicht altmodisch vor. Männer wie Frauen können aber von Rebekkas Demut einiges lernen. An dieser wunderschönen Eigenschaft können wir doch alle noch arbeiten!

Isaak war damals etwa 40. Seine Mutter Sara war drei Jahre zuvor verstorben und er trauerte noch immer. Daran sieht man, wie warmherzig und feinfühlig er war. Für ihn war diese fleißige, gastfreundliche und demütige Frau ein echter Segen! Wie ging es mit den beiden weiter? Die Bibel sagt einfach: „Er gewann sie lieb“ (1. Mose 24:67; 26:8).

Rebekka muss man lieb gewinnen — sogar 3 900 Jahre später! Man kann ihren Mut, ihren Fleiß, ihre Gastfreundschaft und ihre Demut einfach nur bewundern. Ganz gleich, ob jung oder alt, Mann oder Frau, verheiratet oder alleinstehend: Ihr Glaube ist für uns alle wirklich nachahmenswert!

^ Abs. 10 Aus dem Bericht geht nicht hervor, dass Rebekka ungewöhnlich lang am Brunnen beschäftigt war. Es war schon Abend und ihre Familie schlief offensichtlich noch nicht, als sie nach Hause kam. Niemand suchte sie, weil sie so lang weg war.

^ Abs. 15 Elieser wird hier nicht namentlich erwähnt. Bevor Abraham einen Erben hatte, wollte er seinen gesamten Besitz Elieser vermachen. Er war offensichtlich sein ältester Diener, dem Abraham besonders vertraute. Da der Diener in diesem Bericht ebenso beschrieben wird, kann man davon ausgehen, dass es sich hier um Elieser handelte (1. Mose 15:2; 24:2-4).

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