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DER WACHTTURM NR. 2 2016

Wie kam die Bibel zu Kapiteln und Versen?

Wie kam die Bibel zu Kapiteln und Versen?

IN EINER Christengemeinde im 1. Jahrhundert: Ein Brief vom Apostel Paulus ist eingetroffen und wird gerade vorgelesen. Immer wieder zitiert Paulus darin aus „den heiligen Schriften“, also den vorchristlichen Schriften (2. Timotheus 3:15). Man würde nur zu gerne nachschauen, wo genau das steht, was Paulus da zitiert. Doch das ist gar nicht so einfach . . .

ES GAB WEDER KAPITEL NOCH VERSE

Wie die Manuskripte der heiligen Schriften aussahen, die zur Zeit von Paulus üblich waren, erkennt man hier auf dem Bild. Darauf sieht man einen Ausschnitt der Schriftrollen vom Toten Meer mit einem Teil des Bibelbuches Jesaja. Was fällt auf? Es wirkt wie ein endloser Fließtext, ohne Punkt und Komma — und auch ohne Kapitel- und Verseinteilung, wie wir sie heute kennen.

Die Schreiber der Bibel unterteilten ihre Aufzeichnungen nicht in Kapitel und Verse. Die Botschaft, die sie von Gott bekamen, schrieben sie als ein Ganzes auf, damit der Leser sie auch als Ganzes liest und nicht nur Teile davon. So macht man es ja auch, wenn man einen wichtigen Brief von einem Freund bekommt. Man liest alles, vom ersten bis zum letzten Wort, und nicht nur hier ein bisschen, da ein bisschen.

Ohne Kapitel und Verse gab es allerdings ein gewisses Problem. Paulus konnte Zitate nur mit solchen Hinweisen kennzeichnen wie „so wie geschrieben steht“ oder „so wie Jesaja vorhergesagt hatte“ (Römer 3:10; 9:29). Und wenn man sich nicht wirklich gut in den heiligen Schriften auskannte, war es schwer, die entsprechenden Stellen zu finden.

Außerdem waren die heiligen Schriften nicht einfach nur eine kurze, knappe Mitteilung von Gott, sondern eine ganze Sammlung von Schriften. Gegen Ende des 1. Jahrhunderts umfasste sie insgesamt 66 einzelne Bücher! Wie gut ist es doch, heute durchnummerierte Kapitel und Verse zu haben. Sie machen es viel leichter, bestimmte Passagen zu finden, wie zum Beispiel die vielen Stellen, die Paulus in seinen Briefen zitierte.

Bleibt natürlich die Frage: Wie kam die Bibel zu Kapiteln und Versen?

DIE KAPITEL

Die Einteilung der Bibel in Kapitel geht auf den englischen Theologen Stephen Langton zurück, den späteren Erzbischof von Canterbury. Er widmete sich dieser Aufgabe Anfang des 13. Jahrhunderts, als er Magister an der Universität von Paris war.

Schon vor Langton unternahmen Gelehrte verschiedene Anläufe, die Bibel in kleinere Abschnitte oder Kapitel zu unterteilen. Und das wohl hauptsächlich, um leichter auf bestimmte Passagen verweisen zu können. Schließlich wäre es viel einfacher, nur ein Kapitel nach einer bestimmten Stelle zu durchsuchen als ein ganzes Bibelbuch — denkt man nur an das Bibelbuch Jesaja mit seinen heute 66 Kapiteln.

All das verursachte allerdings ein Problem. Die vielen unterschiedlichen Systeme, die die Gelehrten entwickelt hatten, stimmten nicht miteinander überein. In einem Fall war das Markusevangelium in fast 50 Kapitel aufgeteilt, nicht in 16, wie heute. Im Paris der Tage Langtons trafen sich Studenten aus aller Herren Länder und brachten ihre Bibeln mit. Doch für die  Studenten und ihre Dozenten war es gar nicht so einfach, einander zu erklären, auf welche Textstelle genau sie sich bezogen. Warum? Aus dem einfachen Grund, weil die Kapiteleinteilung in den verschiedenen Bibelausgaben nicht übereinstimmte.

Also entwickelte Langton eine neue Einteilung der Kapitel. Sein System begeisterte die Bibelleser und -schreiber und „verbreitete sich rasch in ganz Europa“, bemerkt Das Buch — Eine Geschichte der Bibel. Ihm verdanken wir die heute übliche Kapiteleinteilung.

DIE VERSE

Ungefähr 300 Jahre später, Mitte des 16. Jahrhunderts, machte jemand das Ganze noch einfacher: der angesehene französische Gelehrte und Drucker Robert Estienne. Sein Ziel war es, das Bibelstudium für jedermann schmackhaft zu machen. Wie gut es da doch wäre, ein einheitliches System für die Kapitel- und Versnummerierung zu entwickeln.

Die Idee, die Bibel in Verse einzuteilen, stammte allerdings nicht von Estienne. Schon Jahrhunderte vor ihm hatten beispielsweise jüdische Abschreiber die gesamte Hebräische Bibel (Altes Testament) in Verse unterteilt, jedoch nicht in Kapitel. Doch auch bei der Verseinteilung gab es kein einheitliches System.

Estienne teilte die Christlichen Griechischen Schriften (Neues Testament) in Verse ein und brachte die jüdischen Systeme mit seinem eigenen in Übereinstimmung. So vereinte er die verschiedenen Systeme zu einem. 1553 veröffentlichte er dann in Französisch die erste komplette Bibel mit der Kapitel- und Verseinteilung, wie sie im Prinzip heute noch besteht. Daraufhin wurden kritische Stimmen laut: Die Bibel sei zerstückelt; sie wirke nur noch wie eine Sammlung einzelner, unzusammenhängender Aussagen. Doch Estiennes System setzte sich schnell bei anderen Druckern durch.

EIN SEGEN FÜR JEDEN BIBELLESER

Die Idee ist so einfach wie genial: durchnummerierte Kapitel und Verse. So bekommt quasi jeder Bibelvers eine eigene Adresse. Es stimmt schon, diese Einteilung hat Gott nicht vorgegeben und manchmal wird der Text dadurch an etwas ungewöhnlichen Stellen unterteilt. Aber so kann der Bibelleser bestimmte Aussagen treffsicher finden. Wenn man etwas in einem Dokument oder einem Buch wiederfinden will, markiert man die Stelle. Die Bibelkapitel und -verse funktionieren wie solche Markierungen. Sie helfen einem, eine Passage, die einem wichtig ist, auf Anhieb zu finden und so auch anderen zu zeigen.

So praktisch die Einteilung der Bibel in Kapitel und Verse auch ist, man darf nicht das Gesamtbild aus den Augen verlieren: Wichtig ist die ganze Botschaft, die Gott uns mitteilen will. Einzelne Verse zu lesen ist gut, dazu den Kontext zu lesen noch besser. Dann wird man immer mehr „mit den heiligen Schriften vertraut“ werden, die „die Weisheit vermitteln können, die zur Rettung nötig ist“ (2. Timotheus 3:15, Neue evangelistische Übersetzung).

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