Zurück zum Inhalt

Zurück zum Untermenü

Zum Inhaltsverzeichnis springen

Jehovas Zeugen

Deutsch

Der Wachtturm — Studienausgabe  |  Oktober 2015

 LEBENSBERICHT

Er hat die Entscheidung seiner Jugend nie bereut

Er hat die Entscheidung seiner Jugend nie bereut

MEIN Großonkel Nikolaj Dubowinskij verbrachte einen Großteil seines Lebens unter Verbot in der ehemaligen Sowjetunion. Doch trotz Problemen und Schwierigkeiten blieb er Jehova immer treu ergeben und war außergewöhnlich lebensfroh. In seinen letzten Lebensjahren schrieb er sowohl schöne als auch schlimme Erlebnisse aus seinem Leben auf. Er wollte, dass junge Leute seine Geschichte erfahren. Deshalb möchte ich einige Highlights aus seinem Leben erzählen. Er wurde 1926 in eine Bauernfamilie hineingeboren, und zwar in Podvirivka, einem Dorf in der Oblast Tscherniwzi (Ukraine).

WIE ONKEL NIKOLAJ DIE WAHRHEIT KENNENLERNTE

Onkel Nikolaj fängt so an: „1941 brachte mein älterer Bruder Iwan eines Tages die Bücher Die Harfe Gottes und Der göttliche Plan der Zeitalter sowie einige Ausgaben des Wachtturms und mehrere Broschüren mit nach Hause. Ich las sie alle durch und stellte überrascht fest, dass nicht Gott, sondern der Teufel für all die Schwierigkeiten in der Welt verantwortlich ist. Zusammen mit den Veröffentlichungen las ich auch die Evangelien. Mir wurde klar, dass ich die Wahrheit gefunden hatte. Begeistert erzählte ich anderen von der Königreichshoffnung. Je gründlicher ich diese Veröffentlichungen studierte, desto besser verstand ich die Wahrheit und desto mehr wollte ich Jehova dienen.

Es herrschte jedoch Krieg und ich war nicht bereit irgendjemand zu töten. Ich begriff daher, dass ich wegen meines Glaubens leiden würde. Um mich darauf vorzubereiten, lernte ich Bibelverse wie Matthäus 10:28 und 26:52 auswendig. Ich war fest entschlossen Jehova immer treu zu bleiben, auch wenn es mich das Leben kosten würde!

1944 wurde ich mit 18 Jahren zum Militärdienst einberufen. Zum allerersten Mal traf ich Glaubensbrüder — junge Brüder im wehrpflichtigen Alter, die sich ebenfalls bei der Einberufungsstelle meldeten. Entschlossen erklärten wir, dass wir uns nicht am Krieg beteiligen würden. Daraufhin drohten uns Armeeangehörige wutentbrannt, uns auszuhungern, uns zu zwingen Schützengräben auszuheben oder uns einfach zu erschießen. Furchtlos antworteten wir: ‚Was immer ihr mit uns macht, wir werden Gottes Gebot „Du sollst nicht morden“ auf keinen Fall missachten‘ (2. Mo. 20:13).

Letztendlich wurden zwei Brüder und ich nach Weißrussland geschickt, um dort auf den Feldern zu arbeiten und beschädigte Häuser zu reparieren. Ich erinnere mich noch immer an die grauenhaften Auswirkungen des Krieges. Im Randgebiet von Minsk säumten verkohlte Bäume die Straßen. In den Gräben und Wäldern lagen überall Leichen und  aufgeblähte Pferdekadaver herum. Außerdem sah ich verlassene Wagen und schwere Geschütze und sogar die Trümmer eines Flugzeuges. Ich konnte deutlich sehen, welche Folgen es hat, Gottes Gebote zu missachten.

Obwohl der Krieg 1945 endete, wurden wir zu 10 Jahren Gefängnis verurteilt, weil wir uns geweigert hatten zu kämpfen. In den ersten drei Jahren konnten wir keine Zusammenkünfte abhalten und wir hatten keine Veröffentlichungen. Wir konnten zwar mit einigen Schwestern brieflich Kontakt aufnehmen, aber auch sie wurden verhaftet und zu 25 Jahren Arbeitslager verurteilt.

1950 wurden wir dann vorzeitig entlassen und kehrten nach Hause zurück. Während ich im Gefängnis war, hatten sich meine Mutter und meine jüngere Schwester Maria als Zeugen Jehovas taufen lassen. Und meine älteren Brüder studierten bereits die Bibel. Ich predigte fleißig weiter und deshalb wollte mich die sowjetische Staatssicherheit wieder hinter Gitter bringen. Dann baten mich die Brüder, die das Predigtwerk beaufsichtigten, im Untergrund bei der Vervielfältigung von Veröffentlichungen mitzuhelfen — ich war gerade mal 24 Jahre alt.“

ER VERVIELFÄLTIGTE VERÖFFENTLICHUNGEN

„Die Zeugen sagten immer gern: ‚Wenn das Königreichswerk auf der Erde verboten ist, dann gehen wir eben unter die Erde‘ (Spr. 28:28). Damals wurden die meisten Veröffentlichungen in unterirdischen Verstecken vervielfältigt. Mein erstes ‚Büro‘ war ein Bunker unter dem Haus, in dem mein älterer Bruder Dmitry lebte. Manchmal kam ich ganze zwei Wochen lang nicht aus dem Bunker.  Sobald die Petroleumlampe wegen Sauerstoffmangel ausging, legte ich mich gewöhnlich hin und wartete bis wieder genug frische Luft im Raum war.

Zeichnungen des unterirdischen Bunkers, in dem Nikolaj Veröffentlichungen vervielfältigte

Eines Tages fragte mich ein Bruder, mit dem ich zusammenarbeitete: ‚Nikolaj, bist du eigentlich getauft?‘ Obwohl ich Jehova schon 11 Jahre gedient hatte, war ich das nicht. Daraufhin sprach er mit mir darüber und in derselben Nacht ließ ich mich mit 26 Jahren in einem See taufen. Da ich noch in Freiheit war, wurde ich drei Jahre später zu einem Mitglied des Landeskomitees ernannt. Die verantwortlichen Brüder, die verhaftet worden waren, wurden nämlich ersetzt, und so konnte das Königreichswerk weitergehen.“

ARBEITEN IM UNTERGRUND — DIE GEFAHREN

„Veröffentlichungen im Untergrund zu vervielfältigen war viel schwieriger, als im Gefängnis zu sein! Um vom KGB nicht überwacht zu werden, konnte ich 7 Jahre lang keine Zusammenkunft besuchen und musste meinen Glauben selbst stark erhalten. Meine Familie konnte ich leider nur selten sehen. Doch sie verstanden meine Situation und das ermunterte mich. Ständig vorsichtig sein zu müssen und angespannt zu sein laugte mich völlig aus. Wir mussten auf alles gefasst sein. Zum Beispiel kamen eines Abends zwei Polizisten auf das Haus zu, in dem ich mich aufhielt. Sofort sprang ich auf der anderen Seite aus dem Fenster und flüchtete in den Wald. Als ich durch ein Feld rannte, hörte ich plötzlich ein seltsames Pfeifen. Dann Gewehrschüsse. Da wurde mir klar, woher das Pfeifen kam — von den Kugeln! Einer meiner Verfolger sprang auf ein Pferd und schoss so lange auf mich, bis ihm die Munition ausging. Eine der Kugeln traf mich am Arm. Nach einer Jagd von ungefähr 5 Kilometern schaffte ich es endlich, mich im Wald zu verstecken, und so entkam ich meinen Verfolgern. Als mir später der Prozess gemacht wurde, sagte man mir, man hätte 32 Mal auf mich geschossen!

Da ich so viel Zeit im Bunker verbrachte, war ich sehr blass. Das hätte mich sofort verraten. Deshalb war ich so oft wie möglich in der Sonne. Das Leben im Dunkeln beeinträchtigte auch meine Gesundheit. Einmal konnte ich nicht einmal zu einem wichtigen Treffen mit anderen Brüdern gehen, weil ich aus Mund und Nase blutete.“

ONKEL NIKOLAJ WIRD VERHAFTET

1963 im Arbeitslager in Mordwinien

„Am 26. Januar 1957 wurde ich verhaftet. Sechs Monate später verkündete das Oberste  Gericht der Ukraine das Urteil: Tod durch Erschießen. Da die Todesstrafe allerdings bereits abgeschafft worden war, wurde mein Urteil in 25 Jahre Gefängnis umgewandelt. Acht von uns wurden zu insgesamt 130 Jahren Arbeitslager verurteilt und nach Mordwinien geschickt. Dort waren schon etwa 500 Zeugen und wir trafen uns heimlich in kleinen Gruppen, um den Wachtturm zu studieren. Nachdem ein Wachmann einige der beschlagnahmten Ausgaben durchgesehen hatte, sagte er: ‚Wenn ihr nicht aufhört, das zu lesen, werdet ihr unbesiegbar!‘ Wir arbeiteten immer hart und taten oft mehr, als wir mussten. Dennoch beschwerte sich der Lagerkommandant: ‚Die Arbeit, die ihr hier macht, ist für uns nicht wichtig. Was wir wollen, ist eure Treue und Loyalität.‘ “

„Wir arbeiteten immer hart und taten oft mehr, als wir mussten“

BIS ZUM SCHLUSS VÖLLIG ERGEBEN

Königreichssaal in Welikije Luki

Nachdem Onkel Nikolaj 1967 aus dem Lager entlassen worden war, half er, Versammlungen in Estland und Sankt Petersburg (Russland) zu organisieren. Anfang 1991 wurde das Gerichtsurteil von 1957 aus Mangel an Beweisen aufgehoben. Viele Zeugen, die unter der harten Behandlung der Behörden zu leiden hatten, wurden daraufhin rehabilitiert. 1996 zog Onkel Nikolaj nach Welikije Luki, einer Stadt in der Oblast Pskow etwa 500 km südlich von Sankt Petersburg. Er kaufte ein kleines Haus, und 2003 wurde ein Königreichssaal auf seinem Grundstück gebaut. Heute kommen dort zwei blühende Versammlungen zusammen.

Mein Mann und ich dienen im Zweigbüro von Jehovas Zeugen in Russland. Im März 2011, nur ein paar Monate vor seinem Tod, besuchte uns Onkel Nikolaj zum letzten Mal. Es berührte uns sehr, als er mit leuchtenden Augen sagte: „Wie es aussieht, hat der siebte Tag, an dem wir sozusagen um Jericho marschieren, schon angefangen“ (Jos. 6:15). Onkel Nikolaj wurde 85 Jahre alt. Und obwohl sein Leben nicht leicht war, sagte er: „Ich bin so froh, dass ich mich als junger Mensch dafür entschieden habe, Jehova zu dienen. Das habe ich nie bereut!“