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Jehovas Zeugen

Deutsch

DER WACHTTURM (STUDIENAUSGABE) OKTOBER 2014

 LEBENSBERICHT

Mein Leben für Jehova

Mein Leben für Jehova

Es war im Jahr 1947 in Santa Ana (El Salvador). Katholische Geistliche versuchten gegen Jehovas Zeugen Stimmung zu machen. Einmal hielten wir gerade das Wachtturm-Studium ab, als einige Jungen plötzlich große Steine durch die offene Tür des Missionarheims warfen. Ihnen folgte ein von Geistlichen angeführter Protestzug. Einige der Leute trugen Fackeln, andere Heiligenbilder. Zwei Stunden lang bewarfen sie das Gebäude mit Steinen und riefen im Chor: „Lang lebe Maria!“, und: „Tod dem Jehova!“ Damit wollten sie uns Missionaren Angst einjagen und uns aus der Stadt vertreiben. Das ist jetzt 67 Jahre her. *

ZWEI Jahre zuvor hatten meine spätere Missionarpartnerin Evelyn Trabert und ich die 4. Klasse der Wachtturm-Bibelschule Gilead in Ithaca (New York) absolviert. Wir wurden nach Santa Ana geschickt. Doch bevor ich einiges aus meinen fast 29 Jahren Missionardienst erzähle, will ich berichten, warum ich mich für diese Laufbahn entschieden habe.

MEIN GEISTIGES ERBE

Ich wurde 1923 geboren. Damals lebten meine Eltern John und Eva Olson in Spokane (Washington). Sie waren zwar Lutheraner, sträubten sich aber gegen die Lehre vom Höllenfeuer, weil sie ihrer Vorstellung von einem Gott der Liebe widersprach (1. Joh. 4:8). Vater arbeitete in einer Bäckerei. Eines Nachts erklärte ihm ein Kollege überzeugend, dass die Hölle gemäß der Bibel kein Ort der Qual ist. Schon bald studierten meine Eltern mit Jehovas Zeugen die Bibel und lernten, was sie über das Leben nach dem Tod wirklich lehrt.

Ich war zwar erst 9 Jahre alt, erinnere mich aber noch gut daran, mit welcher Begeisterung meine Eltern über die biblischen Wahrheiten sprachen, die sie kennenlernten. Und wie begeistert sie doch waren,  als sie den Namen des wahren Gottes, Jehova, erfuhren und von der verwirrenden Dreieinigkeitslehre befreit wurden! Ich saugte die wunderbaren biblischen Lehren wie ein Schwamm auf und lernte so ebenfalls die Wahrheit kennen, die frei macht (Joh. 8:32). Die Bibel zu studieren war für mich nie langweilig, sondern immer ein Vergnügen. Und obwohl ich schüchtern war, begleitete ich meine Eltern beim Predigen. 1939 ließ ich mich dann im Alter von 16 Jahren taufen — fünf Jahre nach meinen Eltern.

Mit Mutter und Vater 1941 auf dem Kongress in St. Louis (Missouri)

Im Sommer 1940 verkauften meine Eltern ihr Haus und wir drei begannen in Coeur d’Alene (Idaho) mit dem Pionierdienst. Wir lebten in einer Mietwohnung über einer Autowerkstatt. Damals hatten nur wenige Versammlungen einen Königreichssaal, weshalb man sich in Privatwohnungen oder gemieteten Räumen traf. Auch unsere Wohnung diente als Versammlungsort.

1941 besuchten meine Eltern und ich den Kongress in St. Louis (Missouri). Sonntag war der „Tag der Kinder“ und alle zwischen 5 und 18 Jahren nahmen vor der Bühne Platz. Bruder Joseph F. Rutherford hielt einen Vortrag, an dessen Höhepunkt er sich mit den Worten an uns wandte: „Ihr Kinder, . . . die ihr Gott und seinem König gehorchen wollt, steht bitte auf!“ Wir alle standen auf. Dann sagte Bruder Rutherford mit lauter Stimme: „Seht, mehr als 15 000 neue Zeugen für das Königreich!“ Damit stand für mich endgültig fest: Der Pionierdienst wird der Mittelpunkt meines Lebens!

FAMILIENPROJEKTE

Ein paar Monate nach dem Kongress in St. Louis zogen wir als Familie nach Südkalifornien. Dort sollten wir in Oxnard eine Versammlung gründen. Wir lebten in einem kleinen Wohnwagen, in dem es nur ein Bett gab. Für mich musste der Esstisch deshalb jeden Abend zu einem „Bett“ umgebaut werden. Das war ein ziemlicher Unterschied zu früher, als ich noch ein eigenes Zimmer hatte!

Kurz vor unserer Ankunft in Kalifornien griff Japan am 7. Dezember 1941 Pearl Harbor (Hawaii) an. Am nächsten Tag traten die Vereinigten Staaten in den Zweiten Weltkrieg ein. Da japanische U-Boote vor der kalifornischen Küste patrouillierten, wurde Verdunklung angeordnet, die es ihnen erschweren sollte, Ziele auf dem Festland zu treffen. Daher mussten wir nachts alle Lichter ausschalten.

Einige Monate später, im September 1942, besuchten wir den „Theokratischen Neue-Welt-Kongress“ in Cleveland (Ohio). Dort hörten wir den Vortrag „Weltfriede — ist er von Bestand?“. Bruder Nathan H. Knorr besprach Offenbarung, Kapitel 17. Dort heißt es: „Das wilde Tier . . . war, ist aber nicht und ist doch daran, aus dem Abgrund heraufzusteigen“ (Offb. 17:8, 11). Bruder Knorr erklärte, dass es sich bei dem „wilden Tier“ um den Völkerbund handelt, der bis 1939 aktiv war. Wie die Bibel voraussagte, sollte er abgelöst werden und es sollte eine Zeit relativen Friedens einsetzen. Und so kam es später auch: Der Zweite Weltkrieg endete 1945, danach erschien das „wilde Tier“ wieder — als die Vereinten Nationen — und Jehovas Zeugen dehnten ihr weltweites Predigen weiter aus. Und wie viele sind doch seitdem dazugekommen!

Mein Gilead-Diplom

Die Prophezeiung vom „wilden Tier“ verdeutlichte mir, dass noch so einiges vor uns lag. Als dann für das Jahr 1943 die Gileadschule angekündigt wurde, hat das bei mir den Wunsch entfacht, Missionar zu werden. In jenem Jahr bat man mich  jedoch, als Pionier nach Portland (Oregon) zu gehen. Damals spielten wir an den Türen Predigten auf einem Grammofon ab. Anschließend boten wir biblische Veröffentlichungen über Gottes Königreich an. Das ganze Jahr über ließ mich der Gedanke, Missionar zu werden, nicht mehr los.

1944 wurden meine Freundin Evelyn Trabert und ich nach Gilead eingeladen. Ich war überglücklich! In dem fünfmonatigen Kurs zeigten uns die Unterweiser, wie wir durch das Studium der Bibel Freude schöpfen können. Die Demut dieser Männer beeindruckte mich sehr. Manchmal bedienten sie uns sogar bei den Mahlzeiten. Die Abschlussfeier fand am 22. Januar 1945 statt.

MISSIONARDIENST

Im Juni 1946 kamen Evelyn und ich zusammen mit Leo und Esther Mahan in unserem Missionargebiet El Salvador an. Das Gebiet war wirklich reif zur Ernte (Joh. 4:35). Doch der anfangs erwähnte Vorfall zeigt, wie wütend die Geistlichen über unser Predigen waren. Nur eine Woche zuvor hatte der erste Kreiskongress in Santa Ana stattgefunden. Wir hatten den öffentlichen Vortrag weit und breit angekündigt und freuten uns sehr über die fast 500 Besucher. Jetzt waren wir sogar noch entschlossener, zu bleiben und aufrichtigen Menschen zu helfen, statt uns von dem Vorfall einschüchtern zu lassen. Auch wenn die Geistlichen die Menschen davor gewarnt hatten, in der Bibel zu lesen, und sich nur wenige eine eigene leisten konnten, wollten viele gern die Wahrheit kennenlernen. Wie sehr sie es doch schätzten, dass wir Spanisch lernten, um ihnen von dem wahren Gott, Jehova, und seiner kostbaren Verheißung vom Paradies zu erzählen!

Fünf aus meiner Gileadklasse, die nach El Salvador kamen. Von links nach rechts: Evelyn Trabert, Millie Brashier, Esther Mahan, ich und Leo Mahan

Eine der ersten, mit denen ich die Bibel studierte, war Rosa Ascencio. Es dauerte nicht lange, bis sie sich von ihrem Lebensgefährten trennte. Dann begann auch er, die Bibel zu studieren. Sie heirateten, ließen sich taufen und wurden eifrige Zeugen für Jehova. Rosa war die erste einheimische Pionierin in Santa Ana. *

Rosa hatte einen kleinen Lebensmittelladen. Wenn sie in den Dienst ging, schloss sie ihn und vertraute darauf, dass Jehova für sie sorgen würde. Öffnete sie ihn dann einige Stunden später wieder, strömten die Kunden herbei. Sie hat selbst erlebt, wie wahr die Worte aus Matthäus 6:33 sind. Rosa blieb bis zu ihrem Tod treu.

Einmal besuchte der Ortsgeistliche unseren Vermieter, einen bekannten Geschäftsmann, und drohte, ihn und seine Frau zu exkommunizieren, wenn er das Haus weiterhin an uns sechs Missionare vermieten würde. Da ihm das Verhalten der Geistlichkeit schon länger zuwider war, sagte er dem Priester, es würde ihm gar nichts ausmachen, aus der Kirche hinausgeworfen zu werden. Er gab dem Druck nicht nach und sicherte uns zu, so lange bleiben zu dürfen, wie wir möchten.

 EIN GEACHTETER BÜRGER WIRD EIN BRUDER

Das 1955 errichtete Zweigbüro

In der Hauptstadt San Salvador studierte eine Missionarin mit der Frau eines Ingenieurs namens Baltasar Perla die Bibel. Dieser Mann hatte ein gutes Herz, aber wegen der Heuchelei der Geistlichen hatte er seinen Glauben an Gott verloren. Als ein Zweigbüro gebaut werden sollte, bot er jedoch an, das Gebäude unentgeltlich zu entwerfen und zu bauen.

Durch das Bauprojekt lernte er Jehovas Volk näher kennen. Jetzt war er sich sicher, die wahre Religion gefunden zu haben. Am 22. Juli 1955 ließ er sich taufen und seine Frau Paulina kurze Zeit später. Auch ihre beiden Kinder sind treue Diener Jehovas. Ihr Sohn, Baltasar jr., ist schon seit 49 Jahren im Bethel in Brooklyn und setzt sich für das ständig wachsende weltweite Predigtwerk ein. Mittlerweile ist er im Zweigkomitee der Vereinigten Staaten. *

Als wir in San Salvador anfingen Kongresse abzuhalten, konnten wir dank Bruder Perlas Hilfe die große Sporthalle nutzen. Anfangs konnten wir nur wenige der Blöcke füllen. Aber mit dem Segen Jehovas kamen mit jedem Jahr mehr dazu, bis die Halle sogar zu klein wurde. Bei diesen freudigen Anlässen traf ich meine „Kinder“ wieder, mit denen ich die Bibel studiert hatte. Und wie ich mich erst freute, wenn sie mir meine „Enkel“ vorstellten — Neugetaufte, mit denen sie studiert hatten!

Auf einem Kongress spricht Bruder F. W. Franz zu Missionaren

Bei einem Kongress kam ein Bruder auf mich zu und sagte, er müsse mir etwas beichten. Da ich ihn nicht kannte, war ich neugierig. „Ich war einer der Jungs, die in Santa Ana Steine nach dir geworfen haben.“ Doch jetzt diente er Jehova — genauso wie ich. Ich war überwältigt. Dieses Gespräch bestätigte mir, dass der Vollzeitdienst die lohnendste Laufbahn überhaupt ist.

Der erste Kreiskongress, den wir in El Salvador besuchten

RICHTIGE ENTSCHEIDUNGEN

Fast 29 Jahre war ich in El Salvador im Missionardienst. Erst in Santa Ana, dann in Sonsonate, als nächstes in Santa Tecla und schließlich in San Salvador. 1975 verließ ich, nachdem ich viel gebetet  und nachgedacht hatte, meine Missionarzuteilung und kehrte nach Spokane zurück. Meine treuen betagten Eltern brauchten meine Hilfe.

Vater starb 1979. Danach sorgte ich für meine Mutter, die immer hilfloser und gebrechlicher wurde. Sie starb acht Jahre später im Alter von 94. Diese Zeit hat mich körperlich und emotional ausgelaugt. Infolge der Belastung bekam ich eine schmerzhafte Gürtelrose. Ich überstand diese schwierige Zeit, weil ich viel betete und weil Jehova mich liebevoll in den Arm nahm und über Wasser hielt. Was er zusichert, ist wahr: „Bis zu eurem Ergrauen will ich euch tragen. . . . Ich will auch fernerhin euch heben, tragen und erretten“ (Jes. 46:4, Schlachter).

1990 zog ich nach Omak (Washington). Dort fühlte ich mich im spanischen Gebiet wieder gebraucht und einige, mit denen ich studierte, ließen sich taufen. Als ich mich dann aber nicht mehr um mein Zuhause kümmern konnte, zog ich in eine Wohnung im nahe gelegenen Chelan (Washington). Das war im November 2007. Seitdem hat sich die spanische Versammlung hier gut um mich gekümmert, wofür ich sehr dankbar bin. Da ich die einzige ältere Schwester bin, haben mich die Brüder und Schwestern als ihre „Oma“ adoptiert.

Mir war klar, dass ich jetzt nicht alles haben kann. Deshalb entschied ich mich gegen Ehe und Familie, um Jehova ohne Ablenkung dienen zu können (1. Kor. 7:34, 35). Dennoch habe ich viele geistige Kinder. Ich habe das Wichtigste an die erste Stelle gesetzt: mein Versprechen, Jehova mit ganzem Herzen zu dienen. In der neuen Welt wird es dann viel Zeit geben, all die anderen guten Dinge zu genießen. Mein Lieblingstext ist Psalm 145:16, in dem uns Jehova versichert, „das Begehren alles Lebenden“ zu sättigen.

Der Pionierdienst hält mich jung

Heute bin ich 91 und noch einigermaßen gesund. Daher kann ich weiter Pionier sein. Der Pionierdienst hält mich jung und gibt meinem Leben Sinn. Als ich damals in El Salvador ankam, hatte man dort erst mit dem Predigen begonnen. Der Teufel leistet zwar weiterhin Widerstand, aber trotzdem gibt es dort inzwischen über 39 000 Verkündiger. Das hat meinen Glauben wirklich gestärkt. Es gibt also absolut keinen Zweifel daran: Jehova unterstützt die Bemühungen seiner Diener mit seinem Geist!

^ Abs. 4 Siehe Jahrbuch der Zeugen Jehovas 1981, Seite 45 und 46.

^ Abs. 19 Siehe Jahrbuch 1981, Seite 41 und 42.

^ Abs. 24 Siehe Jahrbuch 1981, Seite 66, 67, 74 und 75.