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Jehovas Zeugen

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DER WACHTTURM (STUDIENAUSGABE) DEZEMBER 2013

Jehova beschützte sie im Schatten der Berge

Jehova beschützte sie im Schatten der Berge

ALS sie frühmorgens die Haustür öffnet, entdeckt sie auf der Schwelle ein Päckchen. Sie hebt es auf und blickt sich nach allen Seiten um. Doch die Straße ist menschenleer. Irgendjemand muss es in der Nacht dort abgelegt haben. Sie öffnet es an einer Ecke. Oh! Schnell verschwindet sie im Haus und verschließt die Tür. Verbotene Literatur! Die Frau drückt das Päckchen an die Brust und dankt Jehova im Stillen für die heiß geliebte geistige Speise.

Solche Szenen waren typisch für das Deutschland der 1930er-Jahre. Als die Nationalsozialisten 1933 an die Macht kamen, wurde das Werk der Zeugen Jehovas in einem Großteil des Landes verboten. Richard Rudolph *, ein Zeitzeuge, der inzwischen über 100 Jahre alt ist, berichtet: „Für uns stand fest, dass die Verkündigung Jehovas und seines Namens niemals durch ein solches menschliches Verbot unterbunden werden konnte. Ein wichtiges Werkzeug für unser Studium und das Predigtwerk war die biblische Literatur. Doch durch das Verbot bedingt war sie nicht mehr uneingeschränkt zu erhalten. Wir fragten uns, wie das Werk weitergehen würde.“ Es ging weiter — und wie Richard bald erfuhr, sollte er dabei mitwirken, den Bedarf auf höchst ungewöhnliche Art und Weise zu decken: im „Schatten der Berge“ (Ri. 9:36).

AUF SCHMUGGLERPFADEN

Wenn man die Elbe flussaufwärts fährt, gelangt man nach langer Reise zum Riesengebirge, das heute beiderseits der polnisch-tschechischen Grenze liegt. Obwohl der höchste Gipfel nur rund 1 600 Meter hoch ist, wird dieses Gebirge als arktische Insel im Herzen Europas bezeichnet. Der Gebirgskamm ist während der Hälfte des Jahres bis zu drei Meter hoch mit Schnee bedeckt. Wer das launenhafte Wetter unterschätzt, kann beim Bergwandern von dichtem Nebel überrascht werden, der die Gipfel oft urplötzlich umhüllt.

Über die Jahrhunderte bildete dieser Gebirgszug eine natürliche Grenze zwischen Völkern, Königreichen und Republiken. Da das tückische Gelände schwer zu kontrollieren war, schmuggelte man in  früheren Zeiten die verschiedensten Waren über die Berge. In den 1930er-Jahren, als das Riesengebirge die Tschechoslowakei von Deutschland trennte, wurden die verlassenen Schmugglerpfade von wagemutigen Zeugen Jehovas genutzt. Sie brachten wertvolle biblische Schriften aus der Tschechoslowakei, wo diese leichter zu erhalten waren, nach Deutschland. Mit von der Partie war der junge Richard.

„Wandervögel“ transportierten Literatur über das Riesengebirge nach Deutschland

GEFÄHRLICHE „WANDERUNGEN“

Richard erzählt: „In Gruppen von meist sieben jungen Brüdern begaben wir uns jedes Wochenende ein- bis zweimal als Wandervögel getarnt ins Gebirge. Von der deutschen Seite aus dauerte unsere Tour über das Gebirge ungefähr drei Stunden, bis wir Spindlermühle erreichten“ — ein Kurort, der etwa 15 Kilometer entfernt auf der tschechischen Seite lag. Damals lebten in der Gegend viele Deutsche, so auch ein Bauer, der sich bereit erklärte, mit den Brüdern zusammenzuarbeiten. Er besaß ein Pferdefuhrwerk, mit dem er normalerweise Kurgäste beförderte. Damit holte er aus einem nahe gelegenen Ort Literaturkartons ab, die von Prag aus mit der Bahn dorthin transportiert worden waren. Er nahm die Kartons mit zu seinem Hof und versteckte sie auf dem Heuboden. Die Kuriere holten die Literatur dann ab und brachten sie auf die deutsche Seite.

Richard fährt fort: „Auf dem Bauernhof angekommen, beluden wir unsere speziell für die schweren Lasten angefertigten Rucksäcke. Jeder von uns trug mindestens einen Zentner auf dem Rücken.“ Um nicht entdeckt zu werden, marschierte man im Schutz der Dunkelheit. Die Brüder zogen in der Abenddämmerung los und waren vor Sonnenaufgang wieder zurück. Ernst Wiesner, damals Kreisaufseher in Deutschland, schildert einige Sicherheitsmaßnahmen bei den Aktionen: „Zwei Brüder bildeten den Vortrupp. Begegneten sie irgendjemandem, ließen sie sofort ihre Taschenlampen aufleuchten. Das war für die Brüder, die ihnen mit schwer bepackten Rucksäcken in einer Entfernung von etwa 100 Metern folgten, das Zeichen, dass sie sich sofort seitwärts in die Büsche schlagen und warten mussten, bis die beiden Brüder, die die Vorhut bildeten, zurückkamen und sich durch ein bestimmtes Kennwort, das jede Woche geändert wurde, bemerkbar machten.“ Allerdings hatte man nicht nur die deutschen Polizisten in ihren blauen Uniformen zu fürchten.

 „Eines Abends, ich hatte länger arbeiten müssen, brach ich später als meine Brüder auf“, erinnert sich Richard. „Es war neblig und finster, Eisschauer ließen mich frieren und vor Kälte zittern. So kam es, dass ich mich im Knieholz verirrte, aus dem ich mehrere Stunden nicht herausfand. Für viele Wanderer hatte so etwas schon das Ende bedeutet. Erst als meine Brüder sich am frühen Morgen bereits auf dem Rückweg befanden, stieß ich wieder auf sie.“

Rund drei Jahre lang machte sich das beherzte Grüppchen jede Woche auf in die Berge. Im Winter transportierten sie die kostbare Fracht entweder mit Skiern oder auf Schlitten. Manchmal überquerte man die Grenze aber auch tagsüber auf gekennzeichneten Wanderwegen. Es waren dann Gruppen von bis zu 20 Brüdern unterwegs. Um als harmlose Wandergesellschaft durchzugehen, nahm man auch Schwestern mit. Einige von ihnen gingen voraus, und sobald ihnen irgendetwas verdächtig schien, warfen sie einfach ihre Hüte in die Luft.

Schneebedeckte Gipfel machten das Überqueren des Riesengebirges zu einem Wagnis

Wie ging es weiter, wenn die Kuriere von ihren nächtlichen „Ausflügen“ zurückkehrten? Man hatte Vorsorge getroffen, dass die Literatur sofort verteilt wurde. Als Seife verpackt wurde sie zum Bahnhof in Hirschberg gebracht. Von dort aus gelangten die Päckchen in verschiedene Teile Deutschlands, worauf Brüder und Schwestern sie wie eingangs beschrieben klammheimlich an andere Zeugen weitergaben. Die Untergrundverteilung war so vernetzt, dass jede Entdeckung weitreichende Folgen haben konnte. Und tatsächlich erlebte man eines Tages eine böse Überraschung.

1936 wurde ein Literaturlager bei Berlin ausgehoben. Unter anderem entdeckte man drei Päckchen aus Hirschberg mit unbekanntem Absender. Durch Handschriftenanalyse identifizierte die Polizei einen wichtigen Kurier und verhaftete ihn. Kurz darauf wurden zwei weitere Verdächtige festgenommen, darunter Richard Rudolph. Da diese Brüder die gesamte Verantwortung auf sich nahmen, konnten andere noch eine Weile die immer riskanter werdenden Wanderungen fortsetzen.

LEHRREICH FÜR UNS

Die Schmugglerpfade, die über das Riesengebirge führten, waren ein wichtiger Verbindungsweg, über den die deutschen Zeugen Jehovas mit biblischer Literatur versorgt wurden. Doch es gab noch andere Versorgungsquellen. Bis 1939, als die deutschen Truppen in die Tschechoslowakei einmarschierten, benutzte man noch weitere, ähnliche Wege über die grüne Grenze. Auch in anderen Nachbarländern Deutschlands wie Frankreich, den Niederlanden und der Schweiz nahmen Zeugen Jehovas auf beiden Seiten der Grenzen große Risiken auf sich, um ihren Glaubensbrüdern geistige Speise zukommen zu lassen.

Heute haben die meisten von uns alles an Literatur, was sie brauchen, und noch dazu in unterschiedlichen Formaten. Wenn wir uns das nächste Mal im Königreichssaal neuen Lesestoff holen oder ihn bei jw.org herunterladen — warum dann nicht kurz innehalten und darüber nachdenken, wie er in unsere Hände gelangt ist? Sicher nicht in einer Nacht-und-Nebel-Aktion über schneebedeckte Gipfel, aber ganz bestimmt durch die harte Arbeit vieler Glaubensbrüder, die sich selbstlos für uns eingesetzt haben.

^ Abs. 3 Er gehörte damals zur Versammlung Hirschberg in Schlesien. Hirschberg liegt heute im Südwesten Polens und heißt Jelenia Góra.