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Jehovas Zeugen

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Der Wachtturm — Studienausgabe  |  Mai 2013

 LEBENSBERICHT

Was unser Leben wirklich lebenswert macht

Was unser Leben wirklich lebenswert macht

MEIN Sohn Gary wurde 1958 geboren. Ich wusste gleich, mit ihm stimmt etwas nicht. Die Ärzte brauchten aber zehn Monate für die Diagnose und es dauerte fünf weitere Jahre, bis Spezialisten in London den Befund bestätigten. Neun Jahre nach Gary kam meine Tochter Louise auf die Welt. Sie wies noch schlimmere Symptome auf als er. Ich war so unsagbar traurig.

„Ihre beiden Kinder haben das LMBB-Syndrom. * Sie werden damit leben müssen“, sagten mir die Ärzte nett, aber deutlich. Damals wusste man noch nicht viel über diese seltene genetische Störung. Typische Symptome sind: Sehbehinderung bis hin zum Erblinden, Fettleibigkeit, überzählige Finger und/oder Zehen, Entwicklungsverzögerung und Koordinationsstörungen, Diabetes mellitus, Osteoarthritis und Nierenanomalien. Wie eine Studie zeigt, ist in England einer von 125 000 von dieser Krankheit betroffen, und viele weitere leiden unter einer abgemilderten Form des Syndroms. Mir war klar, ich stand vor einer großen Herausforderung.

JEHOVA WIRD UNSERE „SICHERE HÖHE“

Kurz nach meiner Heirat sprach ich zum ersten Mal mit einer Zeugin Jehovas. Ich habe sofort gemerkt: Das ist die Wahrheit! Mein Mann war leider überhaupt nicht daran interessiert. Da wir wegen seiner Arbeit ständig umziehen mussten, konnte ich die Zusammenkünfte der Zeugen nicht besuchen. Dennoch las ich weiter in der Bibel und betete zu Jehova. Besonders getröstet haben mich Texte wie: „Jehova wird eine sichere Höhe werden“ für jeden Bedrückten, „eine sichere Höhe in Zeiten der Bedrängnis“ und er wird „bestimmt die nicht verlassen, die . . . [ihn] suchen“ (Ps. 9:9, 10).

Garys Sicht war mit sechs so eingeschränkt, dass wir ihn auf ein Internat, eine Art Förderschule, an die Südküste Englands schickten. Wenn er was auf dem Herzen hatte, rief er mich an. Ich versuchte ihm dann biblische Werte zu vermitteln. Einige Jahre nach Louises Geburt erkrankte ich an multipler Sklerose und Fibromyalgie. Gary kam mit 16 wieder nach Hause. Seine Augen wurden jedoch immer schlechter, bis er 1975 als blind eingestuft wurde. 1977 verließ uns mein Mann.

Kaum war Gary zurück, schlossen wir uns einer liebevollen Versammlung an. 1974 ließ ich mich taufen. Als Gary dann in die Pubertät kam, war ich so dankbar, dass sich ein Ältester seiner annahm. Andere Glaubensbrüder und -schwestern halfen mir bei der Hausarbeit. Fünf von ihnen wurden schließlich von der zuständigen sozialen Einrichtung als offizielle Pfleger anerkannt. Was würde ich nur ohne sie tun?!

Gary machte gute Fortschritte in der Wahrheit und ließ sich 1982 taufen. Er wollte unbedingt Hilfspionier sein, also beschloss ich, ihn zu unterstützen, und machte einige Jahre mit. Einmal  fragte ihn ein Kreisaufseher: „Warum bist du eigentlich kein allgemeiner Pionier?“ Gary war überglücklich, dass man ihm das zutraute. Das war genau der kleine Schubs, den er brauchte. 1990 fing er mit dem Pionierdienst an.

Inzwischen hat Gary zwei künstliche Hüftgelenke bekommen: das erste 1999 und das zweite 2008. Doch der Gesundheitszustand von Louise war noch viel ernster. Sie wurde blind geboren und ihr überzähliger Zeh war für mich ein eindeutiges Indiz für das LMBB-Syndrom. Wie die Untersuchungen ergaben, litt sie auch noch an schweren Organfehlern. Über die Jahre hatte sie einige größere Operationen, fünf davon allein an den Nieren. Außerdem hat sie Diabetes, genau wie Gary.

Louise kennt die Komplikationen, die bei so einer Operation entstehen können. Deshalb erklärt sie schon im Voraus den Chirurgen, Anästhesisten und der Krankenhausleitung, warum sie eine Behandlung ohne Bluttransfusion wünscht. Sie hat sich dadurch einen sehr guten Ruf erworben. Alle kümmern sich wirklich lieb um sie.

EIN WIRKLICH SINNVOLLES LEBEN

Bei uns dreht sich alles um Jehova und deshalb wird es uns nie langweilig. Früher habe ich viele Stunden mit Vorlesen verbracht. Doch jetzt mit der modernen Technik, wie den CDs, DVDs und dank jw.org, kann sich jeder auf die Versammlung dann vorbereiten, wann es ihm am besten passt. Seitdem können wir uns auch viel besser in den Zusammenkünften beteiligen.

Wir sind Jehova für die Wahrheit unendlich dankbar!

Gary lernt seine Antworten manchmal auswendig, doch in der Theokratischen Predigtdienstschule kann er seine Aufgaben frei vortragen. 1995 wurde er zum Dienstamtgehilfen ernannt. Er setzt sich immer gern ein, sei es, um andere im Königreichssaal willkommen zu heißen oder um an der Lautsprecheranlage auszuhelfen.

Die Brüder begleiten Gary in den Dienst und schieben dabei oft seinen Rollstuhl, den er wegen seiner Arthritis benutzt. Mithilfe eines Bruders hat Gary ein Bibelstudium durchführen können. Er hat auch eine Schwester ermuntert, die 25 Jahre untätig war. Beide besuchen jetzt die Zusammenkünfte.

Mit 9 Jahren lernte Louise von ihrer Großmutter Stricken. Eine Pflegerin und ich haben ihr Sticken beigebracht. Weil ihr das Stricken so viel Spaß macht, strickt sie bunte Decken für Babys und Ältere in der Versammlung. Sie bastelt auch gern Karten, verziert sie mit kleinen Aufklebern und verschenkt sie. Jeder, der sie bekommt, freut sich darüber. Als Jugendliche lernte sie Maschinenschreiben. Jetzt hat sie einen Computer mit Sprachausgabe und kann so über E-Mail mit ihren Freunden in Kontakt bleiben. Louise ließ sich mit 17 taufen. Bei besonderen Predigtaktionen sind wir beide gern Hilfspioniere. Louise und Gary lernen Schrifttexte auswendig, damit sie ihren festen Glauben an Jehovas Versprechen einer neuen Welt ausdrücken können, in der „die Augen der Blinden geöffnet“ werden und keiner mehr sagen wird: „Ich bin krank“ (Jes. 33:24; 35:5).

Wir sind Jehova für die Wahrheit unendlich dankbar! Ohne die zu Herzen gehende Unterstützung unserer lieben Brüder und Schwestern, könnten wir nie so aktiv sein. Nur durch Jehova ist unser Leben erst lebenswert geworden.

^ Abs. 5 Das Laurence-Moon-Bardet-Biedl-Syndrom ist nach vier Ärzten benannt, die diesen rezessiven (nicht in Erscheinung tretenden) Gendefekt erstmals beschrieben. Er tritt bei Kindern auf, deren beide Elternteile das rezessive Gen tragen. Heute ist er als Bardet-Biedl-Syndrom bekannt. Diese Krankheit ist unheilbar.