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Jehovas Zeugen

Deutsch

DER WACHTTURM (STUDIENAUSGABE) OKTOBER 2012

 Lebensbericht

60 Jahre Freundschaft, und das ist erst der Anfang

60 Jahre Freundschaft, und das ist erst der Anfang

Ein Sommerabend im Jahr 1951: Vier junge Männer, alle Anfang 20, belagern vier nebeneinanderstehende Telefonzellen in Ithaca (New York) und führen ganz aufgeregt Ferngespräche nach Michigan, Iowa und Kalifornien. Es gibt große Neuigkeiten zu berichten!

IM Februar jenes Jahres waren 122 Pioniere in South Lansing (New York) eingetroffen. Sie sollten in der 17. Klasse der Gileadschule zu Missionaren ausgebildet werden. Mit dabei waren Lowell Turner, William (Bill) Kasten, Richard Kelsey und Ramon Templeton. Lowell und Bill waren beide aus Michigan, Richard kam aus Iowa und Ramon aus Kalifornien. Sie wurden schon bald gute Freunde.

Von links nach rechts: Richard, Lowell, Ramon und Bill wurden in der Gileadschule Freunde

Die Aufregung war groß, als es etwa fünf Monate später hieß, Bruder Nathan Knorr aus der Weltzentrale würde zu den Schülern sprechen. Die vier Brüder hatten den Wunsch geäußert, wenn möglich zusammen in ein Land geschickt zu werden. Würden sie jetzt mehr darüber erfahren, wo sie eingesetzt werden sollten? Und ob!

Es knisterte vor Spannung, als Bruder Knorr vor der ganzen Klasse die Bestimmungsländer der Missionare bekannt gab. Zuerst wurden die vier jungen Männer auf die Bühne gerufen. Sie waren ziemlich nervös, konnten aber jetzt aufatmen: Sie durften zusammenbleiben! Doch wo sollte es hingehen? Die Klasse staunte nicht schlecht und der Applaus wollte kein Ende nehmen, als es hieß: nach Deutschland.

Überall auf der Welt hatte man die Treue der deutschen Zeugen unter dem Hitler-Regime bewundert. Viele in der Klasse erinnerten sich, dass sie nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeholfen hatten, Kleidersendungen und Carepakete für ihre Brüder in Europa zusammenzustellen. Gottes Diener in Deutschland waren leuchtende Vorbilder an Glauben, Entschlossenheit, Mut und Vertrauen auf Jehova. Lowell dachte damals bei sich: „Jetzt lernen wir diese lieben Brüder und Schwestern sogar persönlich kennen.“ Kein Wunder, dass an jenem Abend alle so aufgeregt waren und unbedingt telefonieren mussten!

AUF DEM WEG NACH DEUTSCHLAND

Ramon als Unterweiser in der Königreichsdienstschule

Am 27. Juli 1951 legte die Homeland am Ufer des New Yorker East River ab und die 11-tägige Reise der vier Freunde nach Deutschland begann. Bruder Albert Schroeder, einer ihrer Gileadunterweiser (er gehörte später zur leitenden Körperschaft), hatte ihnen die ersten Brocken Deutsch  beigebracht. Vielleicht konnten sie ja auf der Reise von den Deutschen an Bord noch einiges aufschnappen. Aber, ach du Schreck! Die sprachen anscheinend verschiedene Dialekte.

Nach einer Überfahrt, die nicht ohne Seekrankheit verlief, gingen die Brüder am Dienstag, dem 7. August, morgens in Hamburg an Land. Deutschland war schwer vom Zweiten Weltkrieg gezeichnet, der erst sechs Jahre zuvor zu Ende gegangen war. Ziemlich bedrückt durch das, was sie sahen, stiegen sie in den Nachtzug nach Wiesbaden, wo damals das Zweigbüro lag.

Richard an der Adressiermaschine im Bethel in Wiesbaden

Mittwoch früh trafen sie den ersten deutschen Zeugen, der auch noch einen typisch deutschen Namen hatte. Hans, so hieß der Bruder, brachte sie vom Bahnhof zum Bethel, wo er sie einer recht resoluten älteren Schwester übergab, die kein Wort Englisch sprach. Offensichtlich dachte sie jedoch, man könne Verständigungsschwierigkeiten einfach durch Lautstärke ausgleichen. Also wurde sie immer lauter. Aber je lauter sie redete, desto frustrierter waren alle. Letztendlich kam der Zweigdiener, Bruder Erich Frost, und begrüßte die Neuankömmlinge herzlich auf Englisch. Das Schlimmste war überstanden!

Ende August besuchten die vier Brüder in Frankfurt am Main ihren ersten deutschen Kongress („Reine Anbetung“). Die Höchstzahl der Anwesenden betrug 47 432 und 2 373 ließen sich taufen. Das beflügelte den Missionareifer der vier, und sie hatten richtig Lust, mit dem Predigen loszulegen. Ein paar Tage später eröffnete ihnen Bruder Knorr jedoch, dass sie im Bethel bleiben und dort mithelfen sollten.

Die Freude bei ihren Aufgaben gab ihnen die volle Gewissheit, dass Jehova immer weiß, was das Beste ist

Ramons Herz schlug für den Missionardienst; deswegen hatte er zuvor einmal die Gelegenheit ausgeschlagen, ins Bethel in den Vereinigten Staaten zu gehen. Richard und Bill hatten überhaupt noch nicht an den Betheldienst gedacht. Doch die Freude, die sie anschließend bei ihren Aufgaben erlebten, gab ihnen die volle Gewissheit, dass Jehova immer weiß, was das Beste ist. Es ist also nur klug, sich auf seine Führung zu verlassen und nicht nach eigenen Wünschen zu gehen. Wer das  verstanden hat, wird Jehova gern dienen: egal an welchem Ort und bei welcher Aufgabe.

VERBOTEN!

Viele in der deutschen Bethelfamilie freuten sich über den Zuwachs aus Amerika und dachten, sie könnten nun ihr Englisch aufpolieren. Aber diese Hoffnung sollte sich ganz schnell zerschlagen. In seiner typischen temperamentvollen Art fing Bruder Frost eines Tages im Speisesaal an, etwas auf Deutsch zu erklären: Es schien ziemlich ernst zu sein. In der Familie war es ganz still und die meisten starrten betreten auf ihren Teller. Die vier Neuen verstanden nichts, aber irgendwie schwante ihnen, dass es um sie gehen musste. Als Bruder Frost mit donnernder Stimme „VERBOTEN!“ in den Raum rief und das dann noch lauter und nachdrücklicher wiederholte, da wurde ihnen richtig mulmig. Was hatten sie bloß verbrochen?

Bruder Knorr bei einem Besuch, zusammen mit Bruder Franke, Ramon und Bruder Frost (Pfeil)

Nach dem Essen verschwanden alle blitzschnell in den Zimmern. Ein Bruder gab hinterher die Erklärung: „Damit ihr uns helfen könnt, müsst ihr deutsch sprechen. Deswegen hat Bruder Frost gesagt, wir dürfen nicht mit euch englisch reden, bevor ihr nicht Deutsch gelernt habt. Das ist ‚VERBOTEN‘.“

Die Bethelfamilie hielt sich sofort daran. Das half den Neulingen nicht nur, Deutsch zu lernen, sondern es lehrte sie noch etwas: Auch wenn der Rat eines liebevollen Bruders anfangs schwer umzusetzen ist, er ist oft zu unserem Guten. Aus den Anweisungen von Bruder Frost sprach Interesse für die Organisation Jehovas und Liebe zu seinen Brüdern. * Kein Wunder, dass die vier ihn immer mehr ins Herz schlossen!

VON UNSEREN FREUNDEN LERNEN

Urlaub in der Schweiz (1952)

Von Freunden, die Gott gefallen möchten, können wir allerhand Wertvolles lernen. Das wiederum stärkt unsere Freundschaft mit Jehova. Von treuen Brüdern und Schwestern in Deutschland — es sind zu viele, um sie mit Namen aufzuzählen — haben die vier eine Menge mit auf den Weg bekommen. Sie haben jedoch auch voneinander gelernt. Richard erzählt: „Lowell konnte etwas Deutsch und kam gut zurecht, aber wir anderen waren am Kämpfen. Da er außerdem der Älteste von uns war, wurde er automatisch unsere Anlaufstelle, was Deutsch betraf, und er ging auch sonst führend voran.“ Ramon erinnert sich: „Ich war so begeistert, als uns ein Bruder aus der Schweiz für unseren ersten Urlaub nach einem Jahr in Deutschland sein Chalet anbot. Zwei Wochen . . . nur wir vier . . . und kein Kampf mit dem  Deutschen! Aber da hatte ich die Rechnung ohne Lowell gemacht. Er bestand darauf, dass wir jeden Morgen den Tagestext lasen und besprachen — in Deutsch! Zu meinem großen Leidwesen ließ sich daran auch nichts rütteln. Doch wir haben etwas Wertvolles gelernt: Auch wenn man manchmal anderer Meinung ist, sollte man sich von denen führen lassen, die es wirklich gut mit einem meinen. Diese Einstellung kam uns über die Jahre sehr zugute und hat es uns leichter gemacht, theokratische Anweisungen zu befolgen.“

Die vier Freunde entwickelten auch einen Blick für die Stärken des anderen, so wie es in Philipper 2:3 heißt, dass wir in Demut die anderen höher achten sollen als uns selbst. Deswegen wurden Bill oft Aufgaben überlassen, die er erfahrungsgemäß besser bewältigen konnte. „Waren irgendwo Kohlen aus dem Feuer zu holen“, berichtet Lowell, „dann gingen wir zu Bill. Wenn uns zur Lösung von unangenehmen Situationen manchmal der Mut oder das Können fehlte, wusste er die Sache auf die richtige Weise anzupacken.“

GLÜCKLICHE EHEN

Die vier Brüder entschieden sich einer nach dem anderen, zu heiraten. Da ihre Freundschaft auf der gemeinsamen Liebe zu Jehova und zum Vollzeitdienst beruhte, waren sie fest entschlossen, nur eine Frau zu heiraten, die bereit war, Jehova an die erste Stelle zu setzen. Im Vollzeitdienst hatten sie gelernt, dass Geben glücklicher macht als Empfangen und man persönliche Wünsche den Königreichsinteressen am besten unterordnet. Also suchten sie sich Schwestern aus, die schon von sich aus mit dem Vollzeitdienst angefangen hatten. Das führte zu vier glücklichen, stabilen Ehen.

Eine Freundschaft oder eine Ehe hat nur echten Bestand, wenn Jehova mit eingebunden ist (Prediger 4:12). Bill und Ramon mussten später den Tod ihrer Frau verschmerzen, doch trotzdem haben beide erfahren, wie viel Freude und Unterstützung eine treue Gefährtin einem geben kann. Lowell und Richard genießen das noch heute. Und Bill, der eine zweite Ehe einging, traf seine Wahl so, dass er weiter im Vollzeitdienst bleiben konnte.

In den darauffolgenden Jahren waren die vier Freunde an verschiedenen Orten tätig — hauptsächlich in Deutschland, Österreich, Luxemburg, Kanada und in den Vereinigten Staaten. Sie konnten dadurch nicht so viel Zeit miteinander verbringen, wie sie sich gewünscht hätten. Doch obwohl zum Teil große Entfernungen zwischen ihnen lagen, blieben sie immer in Verbindung und teilten Freud und Leid (Römer 12:15). Solche Freunde sollte man nie für selbstverständlich nehmen, sie sind Gold wert. Es sind kostbare Geschenke von Jehova (Sprüche 17:17). Echte Freunde besitzen heutzutage Seltenheitswert! Doch ein wahrer Christ kann viele davon haben. Als Zeugen Jehovas genießen wir die Freundschaft mit Glaubensbrüdern auf der ganzen Welt, und vor  allem haben wir Jehova Gott und Jesus Christus als Freunde.

Wie es im Leben so ist, ging auch bei den vier Freunden nicht immer alles glatt: Sie haben erlebt, wie weh es tut, wenn der Ehepartner stirbt, wie es ist, wenn ernste Krankheiten auftreten, wenn betagte Eltern Hilfe brauchen, wenn man vor der Herausforderung steht, im Vollzeitdienst ein Kind großzuziehen, oder was es bedeutet, neue theokratische Aufgaben zu übernehmen. Und heute spüren sie zunehmend das Alter. Sie wissen allerdings aus Erfahrung: Wer Jehova liebt, kann sicher sein, dass ihm Freunde — ob nah oder fern — helfen, mit jeder schwierigen Situation fertigzuwerden.

FREUNDE AUF EWIG

Wie gut es doch war, dass sich Lowell, Ramon, Bill und Richard mit 18, 12, 11 beziehungsweise 10 Jahren Jehova hingegeben haben und im Alter von 17 bis 21 Jahren mit dem Vollzeitdienst anfingen. Sie haben umgesetzt, wozu Prediger 12:1 anregt: „Gedenke nun deines großen Schöpfers in den Tagen deines Jünglingsalters.“

Deswegen der Appell an alle jungen christlichen Männer: Wenn es euch möglich ist, nehmt Jehovas Einladung zum Vollzeitdienst an! Dann könnt ihr dank seiner unverdienten Güte vielleicht wie die vier Freunde viele Freuden erleben — im Kreis-, Bezirks- oder Zonendienst, im Bethel (auch im Zweigkomitee), als Unterweiser auf Königreichs- und Pionierdienstschulen oder als Redner auf großen und kleinen Kongressen. Wie sich die vier doch gefreut haben, dass ihre Tätigkeit Zehntausenden zugutekam! Das alles war nur möglich, weil sie als junge Männer Jehovas liebevolle Einladung angenommen haben, ihm mit ganzer Seele zu dienen (Kolosser 3:23).

Von links nach rechts: Richard, Bill, Lowell und Ramon bei der Bestimmungsübergabe der neuen Zweiggebäude in Selters (1984)

Lowell, Richard und Ramon sind heute wieder zusammen — jetzt im deutschen Zweigbüro in Selters. Bill ist leider 2010 verstorben; er war zuletzt Sonderpionier in den Vereinigten Staaten. Ein fast 60 Jahre bestehendes „Vierergespann“ wurde durch den Tod auseinandergerissen! Doch unser Gott Jehova vergisst seine Freunde nie. Wir können sicher sein, dass unter seiner Königreichsherrschaft jede Freundschaft zwischen Christen, die durch den Tod eine Zeit lang unterbrochen war, fortgesetzt wird.

„In den 60 Jahren unserer Freundschaft gab es für mich keinen einzigen unerfreulichen Moment“

Bill schrieb kurz vor seinem Tod: „In den 60 Jahren unserer Freundschaft gab es für mich keinen einzigen unerfreulichen Moment. Das Verhältnis zwischen uns war für mich immer etwas ganz Besonderes.“ Seine drei Freunde, die sich in der neuen Welt wieder mit ihm vereint sehen, können da nur sagen: „Und das war erst der Anfang!“

^ Abs. 17 Der bewegende Lebensbericht von Bruder Frost erschien im Wachtturm vom 1. Juli 1961, Seite 409—415.