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ERWACHET! MAI 2014

Hexenverfolgung in Europa

Hexenverfolgung in Europa

DIE Angst vor Hexerei löste vor nur wenigen Jahrhunderten in Europa Hexenjagden aus. Betroffen waren vor allem Deutschland, Frankreich, Norditalien und die Schweiz sowie Belgien, Luxemburg und die Niederlande. In einem Buch über diese Zeit heißt es: „In Europa und in europäischen Kolonien * starben Zigtausende . . . weitere Millionen wurden verhört, gefoltert und eingesperrt, waren Hass und Beschuldigungen ausgesetzt und lebten in ständiger Angst“ (Witch Hunts in the Western World). Was entfachte den Hexenwahn? Wie breitete er sich aus?

Die Inquisition und der Hexenhammer

Eine wesentliche Rolle bei der Hexenverfolgung spielte die Inquisition. Sie wurde laut dem Buch Der Hexenwahn „zur Bekehrung der Abtrünnigen und zur Verhütung neuen Abfalls“ im 13. Jahrhundert von der römisch-katholischen Kirche ins Leben gerufen. Die Inquisition war sozusagen der Polizeiapparat der Kirche.

Am 5. Dezember 1484 gab Papst Innozenz VIII. eine Bulle heraus, einen feierlichen Erlass, in dem er die Hexerei verdammte. Um dem Problem Einhalt zu gebieten, erteilte er außerdem zwei Inquisitoren die Vollmacht, sich der Sache anzunehmen. Es waren Jakob Sprenger und Heinrich Kramer, der auch unter seinem lateinischen Namen Henricus Institoris bekannt ist. Zusammen verfassten sie das Buch Malleus Maleficarum, auf Deutsch Hexenhammer. Dieses Buch wurde sowohl von katholischer als auch von protestantischer Seite als Standardwerk zur Hexerei akzeptiert. Darin fand man Fantasiegeschichten über Hexen, die sich auf volkstümliche Überlieferungen stützten, außerdem theologische und juristische Argumente gegen die Hexerei und Anweisungen, wie man Hexen überführen und hinrichten könne. Der Hexenhammer wurde als „das verruchteste und . . . unheilvollste Buch der Weltliteratur“ beschrieben.

Der Hexenhammer wurde als „das verruchteste und . . . unheilvollste Buch der Weltliteratur“ beschrieben

 Eine Anklage wegen Hexerei konnte völlig unbegründet erfolgen. Wie das Buch Hexen und Hexenprozesse erklärt, waren die Prozesse „nur darauf gerichtet, die verdächtigen Personen zu einem Schuldbekenntnis zu überreden, zu nötigen, zu zwingen“. Dazu gehörten für gewöhnlich Folterungen.

Als Reaktion auf den Hexenhammer und die Bulle Innozenz’ VIII. brach in Europa die große Hexenverfolgung aus. Die Erfindung des Buchdrucks unterstützte die Ausbreitung des Hexenwahns noch, der sich so seinen Weg sogar über den Ozean hinweg bis nach Amerika bahnte.

Die Angeklagten

Weit über 70 Prozent der Beschuldigten waren Frauen, vor allem Witwen, die oft niemand hatten, der sich für sie einsetzen konnte. Unter den Opfern befanden sich ältere Leute sowie Arme und auch Frauen, die Rezepte aus Heilkräutern zusammenstellten — sie traf es vor allem, wenn die zusammengestellte Medizin nicht wirkte. Es konnte eigentlich jeden treffen, ob arm oder reich, Mann oder Frau, von hohem oder niedrigem Stand.

„Hexen“ waren an allem Möglichen schuld. „So verursachten sie angeblich männliche Impotenz und weibliche Unfruchtbarkeit . . . Frost, Schnecken- und Raupenplagen wurden von ihnen herbeigezaubert, um die Saat und die Früchte der Erde zu vernichten“, schreibt das Magazin DAMALS. Zerstörte ein Hagelsturm die Ernte oder gab die Kuh keine Milch, war gewiss eine Hexe am Werk!

Da Hexen angeblich kaum etwas oder gar nichts wogen, machte man die Wiegeprobe

Wie stellte man fest, wer eine Hexe war? Zum Beispiel durch die Wasserprobe. Man fesselte die Verdächtige und ließ sie unter Gebetsformeln ins kalte Wasser hinab, in „das Element der Reinheit“. Sank sie, so bewies das ihre Unschuld, und man zog sie wieder aus dem Wasser. Trieb sie aber auf dem Wasser, war sie als Hexe überführt und wurde entweder auf der Stelle hingerichtet oder dem Verhör übergeben. Bei einer anderen Probe ließ man die vermeintliche Hexe wiegen, denn man ging davon aus, dass Hexen kaum etwas oder gar nichts wogen.

Oder es wurde nach dem sogenannten Teufelsmal gesucht. In Witch Hunts in the Western World wird es als „nachweisbares Zeichen des Bundes zwischen dem Teufel und der Hexe“ beschrieben. Der Scharfrichter „rasierte dafür alle Körperhaare der verdächtigen Person ab und untersuchte akribisch jede Stelle des Körpers“ — und das in aller Öffentlichkeit! Mit einer Nadel stach er in jeden Fleck, ob Muttermal, Warze oder Narbe. Spürte das Opfer keinen Schmerz und blutete die Stelle nicht, war ein Teufelsmal gefunden.

Die Hexenjagden wurden sowohl von katholischen als auch von protestantischen Herrschern unterstützt, wobei die letzteren in manchen Gegenden weitaus unnachsichtiger vorgingen als ihre katholischen Nachbarn. Doch allmählich fand ein Umdenken statt. So schrieb 1631 der deutsche Jesuitenpater Friedrich Spee, der viele als Hexen Verurteilte bis zum Scheiterhaufen begleitet hatte, er könne von keiner sagen, dass sie wirklich schuldig gewesen sei. Außerdem warnte er, wenn es mit den Hexenjagden so weiterginge, könne bald das ganze Land menschenleer sein. Mit der Zeit kamen auch Ärzte dahinter, dass Krämpfe und Anfälle nicht unbedingt eine Folge von Besessenheit sein mussten, sondern gesundheitliche Ursachen haben konnten. Im Verlauf des 17. Jahrhunderts ging die Zahl der Hexenprozesse dann rapide zurück und gegen Ende kamen sie kaum noch vor.

Was lehrt uns dieses abschreckende Kapitel der Geschichte? Eins ganz gewiss: Menschen, die sich Christen nannten, öffneten unsäglichen Grausamkeiten Tür und Tor, als sie die reine christliche Lehre mit religiösen Lügen und Aberglauben vermischten. Wie in der Bibel warnend angekündigt, geriet das wahre Christentum, der „Weg der Wahrheit“, durch solche gottlosen Menschen in Verruf (2. Petrus 2:1, 2).

^ Abs. 2 Gemeint sind europäische Kolonien in Amerika.