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Erwachet!  |  Dezember 2012

Ungeduld — wirklich so schlimm?

Ungeduld — wirklich so schlimm?

DIE Szene kennt wohl jeder: Eine schmale Straße, Überholverbot. Ein Mann klebt dem Wagen vor ihm geradezu an der Stoßstange. Die Fahrerin fährt nur minimal langsamer als erlaubt, doch ihrem ungeduldigen Hintermann kommt es vor, als ob sie im Schneckentempo fährt. Nach einigen Minuten platzt ihm der Kragen und er rast an ihr vorbei — völlig rechtswidrig und ohne Rücksicht auf Verluste.

Oder was ist mit folgenden Szenen? Eine Frau ist genervt von ihren Kollegen, die nicht mit ihrem Tempo oder ihrer Sachkenntnis mithalten können. Ein Mann wartet auf den Aufzug und drückt hektisch immer wieder auf den Knopf. Jemand ist entnervt, weil er auf seine betagten Eltern Rücksicht nehmen muss oder weil seine kleinen Kinder seine Geduld strapazieren. Und wie oft hat man sich schon selbst dabei erwischt, auf Fehler anderer allzu allergisch zu reagieren.

Jeder ist hin und wieder ungeduldig. Reißt einem im Alltag jedoch ständig der Geduldsfaden, besteht Handlungsbedarf. Warum?

Die Gesundheit leidet

Zum einen wird Ungeduld mit Frustration, Reizbarkeit und sogar Wut in Verbindung gebracht. Gefühle wie diese lassen den Stresspegel ansteigen, was wiederum der Gesundheit schaden kann. Laut einer aktuellen Studie der American Medical Association gilt gerade Ungeduld als Risikofaktor für Bluthochdruck — selbst bei jungen Erwachsenen.

Das ist nicht das einzige Gesundheitsrisiko. Eine andere Studie stellte vor Kurzem einen Zusammenhang zwischen Ungeduld und Übergewicht her. „Die Forscher fanden heraus, dass ungeduldige Personen häufiger übergewichtig sind als gelassenere Zeitgenossen“, so die Washington Post. In vielen Regionen kommt man rund um die Uhr günstig an Fast Food, eine Versuchung, der so mancher mit einem Geduldsproblem nicht widerstehen kann.

 Aufschiebeverhalten

Ein Londoner Forschungszentrum (CEPR) fand heraus, dass Ungeduld und notorisches Aufschieben oft Hand in Hand gehen. Schiebt so mancher zeitintensive Arbeiten vielleicht deshalb vor sich her, weil ihm die Geduld dafür fehlt? Wie dem auch sei, die Neigung zum Aufschieben schadet nicht nur dem Einzelnen, sie hat auch gesamtwirtschaftliche Folgen. In diesem Sinne äußerte sich der Verhaltensökonom Ernesto Reuben in der Zeitung The Telegraph. Wie er sagte, „ist jemand, der alles aufschiebt, bei der Arbeit erheblich unproduktiver. Der finanzielle Schaden kann immens sein, da fällige Büroarbeiten endlos auf die lange Bank geschoben werden.“

Alkohol und Gewalt

„Wer ein Ungeduldsproblem hat“, erläutert die britische Zeitung South Wales Echo, „gerät vergleichsweise häufig in nächtliche Schlägereien, bei denen Alkohol im Spiel ist.“ Diese Verbindung konnten Forscher der Universität Cardiff durch eine groß angelegte Studie mit Hunderten Männern und Frauen belegen. „Unter ungeduldigen Personen gibt es mehr starke Trinker und mehr Gewalt“, so die Zeitung.

Fehlentscheidungen

Ein Expertenteam am Pew-Forschungszentrum in Washington bestätigte, dass ungeduldige Personen „oft übereilte und oberflächliche Entscheidungen treffen“. Zu einem ähnlichen Schluss kommt Ilango Ponnuswami, Professor für Sozialwissenschaften an der Bharathidasan-Universität in Indien. Er erklärt: „Ungeduld hat ihren Preis. Sie kostet Geld und Freundschaften; man bezahlt mit Schmerz und Leid und handelt sich jede Menge Probleme ein — einfach weil Ungeduld häufig zu Fehlentscheidungen führt.“

 Geldsorgen

In einer Veröffentlichung der US-Notenbank in Boston war zu lesen, Ungeduldige würden sich oft höher verschulden (Research Review). Nicht selten wollen Neuverheiratete gleich nach der Hochzeit ein voll ausgestattetes Zuhause haben, obwohl ihre Finanzen dafür nicht ausreichen. Also kaufen sie auf Kredit: Haus, Möbel, Auto und vieles mehr. Der Ehe tut das selten gut. Dazu eine Beobachtung von Forschern an der Universität von Arkansas (USA): „Paare, die mit Schulden in die Ehe gehen, sind weniger glücklich als Neuverheiratete, die sich zu Beginn der Ehe kaum oder gar nicht verschulden.“

Auch der Finanzcrash in den USA wurde nach Ansicht mancher durch Ungeduld ausgelöst. Laut dem Wirtschaftsmagazin Forbes ist „die heutige Wirtschaftslage die Folge von ausgeprägter Ungeduld kombiniert mit ungebremster Habgier. Ungeduld hat Tausende Normalsparer zum Kauf von Immobilien verleitet, für die ihre Ersparnisse längst nicht reichten. Und so haben sie Kredite aufgenommen, die sie selbst nach Jahren nicht hätten abbezahlen können, wenn überhaupt.“

Kaputte Freundschaften

Ungeduld ist Gift für gute Kommunikation. Wer nicht die Geduld für ein tieferes Gespräch aufbringt, neigt dazu, unüberlegt zu reden. In der Rolle des Zuhörers fühlt er sich gar nicht wohl. So jemandem dauert es oft zu lange, bis andere endlich auf den Punkt kommen. Nicht selten fällt er seinem Gesprächspartner ins Wort, beendet dessen Sätze oder greift zu anderen Mitteln, wenn ihm ein Gespräch zu lange dauert.

Ungeduld kann Freundschaften ruinieren. Die bereits zitierte Psychologin Dr. Jennifer Hartstein erklärt: „Wer fühlt sich schon bei jemandem wohl, der ständig mit den Fingern trommelt oder pausenlos auf die Uhr schaut?“ Die Antwort liegt auf der Hand: Ungeduld ist nicht gerade anziehend und vergrault so manchen Freund.

So weit, so schlecht. Nach diesem kurzen Blick auf einige negative Begleiterscheinungen von Ungeduld jetzt zur Frage: Wie kann ich mehr Geduld lernen?