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Jehovas Zeugen

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ERWACHET! JUNI 2011

Swanetien: Land der Berge und Türme

Swanetien: Land der Berge und Türme

 Swanetien: Land der Berge und Türme

AUS dieser Perspektive hatten wir Georgien noch nie gesehen: Hoch oben auf einem 800 Jahre alten Steinturm hielten wir uns am Dachgebälk fest, lehnten uns nach vorn und streckten den Kopf ins Freie. Aus 25 Meter Höhe bot sich uns ein faszinierender Blick auf Mestia, den mit altertümlichen Wehrtürmen gespickten Hauptort der Region Swanetien im Kaukasus.

 Das Grün des sanft abfallenden Tals stand in reizvollem Kontrast zu den mächtigen, schneebedeckten Berggipfeln, die ringsum in die Höhe ragten. An diesem besonderen Ort fühlten wir uns wie auf einer Zeitreise ins Mittelalter. Der weite Weg hatte sich gelohnt — schon allein für den Anblick der berühmten Wehrtürme.

Eine unvergessliche Reise

Unsere Fahrt in die Hochgebirgsregion Swanetien begann in Sugdidi am Schwarzen Meer. Es war ein schöner klarer Morgen und in der Ferne konnten wir bereits die leuchtend weißen Gipfel ausmachen. Als wir die Schlucht des Enguri erreichten, folgten wir seinen Windungen durch enge Täler. Es ging durch dichte Wälder voller Farne, Azaleen, Lorbeerbäume und Unmengen cremefarben blühender Rhododendren.

Gegen Abend erreichte unsere Gruppe das malerische Dorf Betscho. Es liegt am Fuß des atemberaubend schönen Uschba mit seinem steil aufragenden Doppelgipfel aus Granit. Vor allem Bergsteiger fühlen sich von den eisbedeckten Gipfeln des Uschba unwiderstehlich angezogen. Der über 4 700 Meter hohe Berg wird gern als das „Matterhorn des Kaukasus“ bezeichnet.

Müde und hungrig von der langen Fahrt, kauften wir einem Hirten ein Schaf ab, und unsere gastfreundlichen swanetischen Freunde bereiteten ein köstliches Abendessen zu. Schon bald gab es am Lagerfeuer leckere Fleischspieße, die man dort mzwadi nennt, und georgisches Lavash — frisch gebackenes Fladenbrot aus einem Erdofen, der mit Holz befeuert wird. Als krönenden Abschluss ließen wir uns ein Glas Saperawi schmecken, einen kräftigen, trockenen georgischen Rotwein.

Am nächsten Morgen ging es weiter nach Mestia — wo wir aus dem alten Wehrturm ins Land schauten und uns einig waren, dass Swanetien eine der schönsten Bergregionen der Welt ist. Noch tiefer in die Berge eingebettet, liegt etwa 45 Kilometer von Mestia entfernt die Dorfgemeinschaft Uschguli. Die Menschen dort leben in bis zu 2 200 Meter Höhe. Kein Wunder, dass Uschguli schon als „höchstes dauerhaft bewohntes Dorf Europas“ bezeichnet wurde.

Unser Weg in diese Bergsiedlung führte über eine einsame, schmale Straße, die an steilen Abhängen hoch über dem Fluss quasi am Berg klebt. Als wir endlich Uschguli erreichten, wurden wir mit einem Anblick belohnt, den wir so schnell nicht vergessen werden: Eng an eng gebaute Häuser, die sich an mittelalterliche Wehrtürme drängen. Und das Ganze vor der Kulisse des mächtigen Schchara mit seiner blendend weißen Schneekrone vor tiefblauem Himmel.

Mit 5 201 Metern ist der Schchara der höchste Berg Georgiens. Er gehört zu der Bezengi-Gruppe, einer 12 Kilometer langen Reihe von ähnlich hohen Gipfeln. Diese wiederum bilden einen Teil der über 1 100 Kilometer langen Gebirgskette des Großen Kaukasus. Unterwegs erblickten wir überall malerische tiefgrüne Täler, die allerdings kaum zugänglich sind, es sei denn, man ist ausgesprochen abenteuerlustig oder in Swanetien zu Hause.

Die Menschen, die hier leben

Die Swanen sind ein alter Volksstamm mit einer eigenen Sprache. Sie hatten den Ruf, sich von absolut niemandem regieren zu lassen. Im 18. Jahrhundert schrieb ein Forschungsreisender, die Swanen hätten „das neue Ideal einer Gesellschaft verwirklicht, in der Wille und Freiheit des Einzelnen mehr zählen als alles andere“.

Swanetien verdankte seine einzigartige Freiheit wohl vor allem zwei Faktoren: Den extrem hohen Gebirgszügen, die die Swanen von der Außenwelt abschirmten und sie vor Eindringlingen schützten. Und den Wehrtürmen, durch die sich jede Familie ihre Unabhängigkeit  sicherte. Die Türme boten ihnen aber nicht nur Schutz vor Feinden und vor den Bewohnern von Nachbardörfern, mit denen sie vielleicht gerade im Streit lagen, sondern auch vor Lawinen, die kleinere Gebäude leicht unter Schneemassen begraben konnten.

Das Leben im Turm

Wir durften den Turm einer swanetischen Familie besichtigen, der bereits im 12. Jahrhundert erbaut worden war. Die Swanen lebten wie in einer kleinen Festung, die im Wesentlichen aus zwei Gebäuden bestand: dem murqvam, einem Wehrturm, und dem kor, dem anschließenden Wohnhaus. Im Erdgeschoss des Wohnhauses befand sich eine große Feuerstelle, die für Wärme und Licht sorgte. Nicht zu übersehen war der schwere Stuhl aus Holz für das Oberhaupt der Großfamilie, zu der die Frau, die Söhne und die Schwiegertöchter zählten. Die Frauen hielten das Feuer in Gang und kümmerten sich abwechselnd um verschiedene andere Hausarbeiten, wie Mehl mahlen, Brot backen, putzen und Tiere füttern.

Der mächtige Turm aus Stein war grob verputzt. Mit seinen drei Stockwerken überragte er das angebaute Wohnhaus deutlich. Als wir vom Haus in den Turm traten, mussten sich unsere Augen erst einen Moment an das Dämmerlicht gewöhnen. Auf den unteren Etagen des Wehrturms lagerte man früher Mehl, Früchte, Käse, Fleisch, Wein und Wasser.

Mussten die Bewohner Schutz suchen, zogen sie sich in die unteren und mittleren Stockwerke des Turms zurück. Das oberste Stockwerk trug ein Schieferdach, besaß eine Brüstung mit Schießscharten und diente vor allem der Verteidigung. Da es „keinerlei örtliche Autorität gab, die Beschlüsse durchsetzen konnte, ließ man ständig die Waffen sprechen“, berichtete ein Besucher im 19. Jahrhundert. Daher war jede Familie darauf vorbereitet, sich im Notfall selbst zu verteidigen.

Auf unserer Heimfahrt ließen wir die vielen schönen Eindrücke aus Gottes überwältigender Schöpfung noch einmal Revue passieren und spürten Dankbarkeit für die Werke Jehovas. Wenn die Menschen, die in früheren Generationen in den Wehrtürmen Swanetiens Schutz suchten, auferweckt werden und in Gottes neuer Welt leben, werden Wehrtürme und dergleichen nicht mehr nötig sein. Warum nicht? Weil die Bibel verspricht, dass dann „jeder unter seinem Weinstock und unter seinem Feigenbaum“ sitzen wird, „und da wird niemand sein, der sie aufschreckt“ (Micha 4:4; Römer 8:21, 22).

[Bildnachweis auf Seite 16]

Oben: Paata Vardanashvili