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Jehovas Zeugen

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Erwachet!  |  Februar 2010

Vier Aspekte, an die man denken sollte

Vier Aspekte, an die man denken sollte

Die Hauseigentümer schätzen den Schaden ab und stehen nun vor der Wahl: das Haus entweder retten oder abreißen.

WER in seiner Ehe an einem ähnlichen Punkt angekommen ist — weil der Partner das Vertrauen erschüttert hat oder ständig wiederkehrende Konflikte der Ehe ihren Glanz genommen haben —, sagt sich vielleicht: „Wir lieben uns eben nicht mehr.“ Oder: „Wir passen einfach nicht zusammen.“ Oder: „Als wir geheiratet haben, hatten wir keine Ahnung, worauf wir uns da einlassen.“ Womöglich kommt sogar der Gedanke auf: „Vielleicht sollten wir uns besser scheiden lassen.“

Doch halt! Bevor man eine Ehe vorschnell beendet, gilt es, gut zu überlegen. Eine Scheidung führt nicht automatisch zu einem sorgenfreien Leben. Ganz im Gegenteil: Oft wird eine Problematik lediglich gegen eine andere ausgetauscht. Dr. Brad Sachs schreibt in seinem Buch The Good Enough Teen ganz offen: „Scheidungswillige Paare träumen von einer perfekten Scheidung: Die grautrüben, stürmischen Konflikte sind wie weggefegt und man kann wieder aufatmen; die Atmosphäre ist entspannt und es herrscht ein gutes Einvernehmen. Doch die perfekte Scheidung ist genauso utopisch wie die perfekte Ehe.“ Es ist daher wichtig, sich gut zu informieren und an das Thema Scheidung realistisch heranzugehen.

Wie die Bibel zur Scheidung steht

Die Bibel betrachtet eine Scheidung nicht als Bagatelle. Sich seines Partners leichtfertig zu entledigen, eventuell um sich einen anderen Partner zu nehmen, wird von Gott als gemeiner Verrat angesehen (Maleachi 2:13-16). Die Ehe ist keine Partnerschaft auf Zeit (Matthäus 19:6). Viele Ehen, die an Banalitäten gescheitert sind, hätten gerettet werden können, wenn man weniger nachtragend gewesen wäre (Matthäus 18:21, 22).

Das heißt allerdings nicht, dass die Bibel eine Scheidung und Wiederheirat grundsätzlich verbietet. Im Fall von außerehelichen Beziehungen sind Scheidung und Wiederverheiratung möglich (Matthäus 19:9). Wer also feststellt, dass er von seinem Partner betrogen wurde, ist berechtigt, die Ehe zu beenden. Andere dürfen ihm bei seiner Entscheidung nicht hineinreden, und das will auch dieser Artikel nicht. Letztendlich muss jeder selbst mit den Konsequenzen leben, deshalb muss auch jeder selbst entscheiden (Galater 6:5).

Allerdings sagt die Heilige Schrift auch: „Der Kluge achtet auf seine Schritte“ (Sprüche 14:15). Also: Selbst falls man sich nach der Bibel scheiden lassen darf, sollte man sich überlegen, was solch ein Schritt mit sich bringt (1. Korinther  6:12). Dazu David, der in Großbritannien lebt: „So mancher meint, er müsse sich schnell entscheiden, doch ich habe eine Scheidung hinter mir und kann nur sagen, dass man Zeit braucht, um alles zu durchdenken.“ *

Es folgen vier nicht unwichtige Aspekte, die man gut abwägen muss. Vorweg sei aber noch eins betont: Von den Geschiedenen, die zu Wort kommen werden, ist niemand der Meinung, dass seine Entscheidung falsch war. Dennoch ist bei ihren Kommentaren nicht zu übersehen, dass man nach dem Ende einer Ehe mit Schwierigkeiten rechnen muss — und das oft noch nach Monaten oder sogar Jahren.

1 Geldsorgen

Daniela aus Italien fand nach 12 Ehejahren heraus, dass ihr Mann eine Affäre mit einer Kollegin hatte. Sie sagt: „Als ich dann davon erfuhr, war diese Frau schon im sechsten Monat schwanger.“

Nach einer Trennungsphase beschloss Daniela, sich scheiden zu lassen. Sie erklärt: „Ich habe versucht, meine Ehe zu retten, doch mein Mann ist weiter fremdgegangen.“ Daniela denkt, dass sie sich richtig entschieden hat. Sie sagt allerdings auch: „Sobald wir uns getrennt hatten, saß ich finanziell in der Klemme. Manchmal hatte ich noch nicht einmal etwas zum Abendbrot — nur ein Glas Milch.“

Maria aus Spanien erlebte Ähnliches. Sie erzählt: „Von meinem Exmann sehen wir keinen Cent. Es ist sogar so, dass ich mich abstrample, um seine Schulden zu bezahlen. Außerdem musste ich aus unserem schönen Haus ausziehen und mir eine kleine Wohnung in einem unsicheren Viertel nehmen.“

Wie diese Beispiele zeigen, trifft eine Scheidung Frauen finanziell besonders hart. So geht aus einer in Europa durchgeführten siebenjährigen Studie hervor, dass das Einkommen des Mannes nach der Scheidung um 11 Prozent zunimmt, das der Frau dagegen um 17 Prozent abnimmt. „Manche Frauen haben es nicht leicht, denn sie müssen sich um die Kinder kümmern, sich einen Job suchen und auch noch das Scheidungstrauma emotional verarbeiten“, bemerkt Mieke Jansen, die Leiterin der Studie. Wie Rechtsanwälte sagen, würden sich Verheiratete aufgrund dessen „gezwungen sehen, sich eine Scheidung reiflich zu überlegen“, so der Londoner Daily Telegraph.

Womit man also rechnen muss: Wer sich scheiden lässt, muss womöglich mit weniger Geld auskommen, vielleicht auch umziehen. Wenn man das Sorgerecht erhält, kann es schwierig sein, einerseits für den Lebensunterhalt zu sorgen und andererseits den Kindern das zu geben, was sie brauchen (1. Timotheus 5:8).

 2 Die elterliche Verantwortung

„Die Untreue meines Mannes war ein furchtbarer Schlag für mich“, berichtet Jane, die in Großbritannien lebt. „Und dass er sich dann tatsächlich gegen uns entschieden hat, zog mir völlig den Boden unter den Füßen weg.“ Jane ließ sich von ihrem Mann scheiden. Sie steht immer noch hinter ihrer Entscheidung, räumt aber ein: „Was mir wirklich schwerfiel, war, meinen Kindern den Vater zu ersetzen. Alle Entscheidungen hingen an mir.“

Graciela, einer geschiedenen Mutter in Spanien, erging es ähnlich: „Mir wurde das alleinige Sorgerecht für meinen 16-jährigen Sohn zugesprochen. Jugendliche in diesem Alter sind jedoch schwierig; ich war der Aufgabe schlicht nicht gewachsen. Tag und Nacht habe ich nur noch geheult. Ich glaubte, als Mutter völlig versagt zu haben.“

Wer sich das Sorgerecht teilt, steht eventuell noch vor einem anderen Problem: Er muss mit dem Expartner heikle Angelegenheiten wie Besuchsregelungen, Unterhalts- oder Erziehungsfragen absprechen. Dazu Christine, eine geschiedene Mutter aus den Vereinigten Staaten: „Sich mit dem Ex so weit zu verstehen, dass ein funktionierendes Miteinander möglich ist, ist gar nicht einfach. So viele Gefühle kommen in einem hoch. Und wenn du nicht aufpasst, dann benutzt du dein Kind am Ende noch als Druckmittel.“

Womit man also rechnen muss: Die Sorgerechtsregelungen fallen vielleicht anders aus, als man es sich vorgestellt hat. Im Fall eines gemeinsamen Sorgerechts reagiert der Expartner womöglich nicht so vernünftig auf die Besuchsregelungen, Unterhaltsansprüche und dergleichen, wie man es sich gewünscht hätte.

3 Emotionale Auswirkungen

Mark aus Großbritannien, der von seiner Frau betrogen wurde, sagt: „Als es das zweite Mal passierte, kam ich nicht darüber hinweg, dass es immer wieder passieren könnte.“ Mark ließ sich von seiner Frau scheiden, hat aber gemerkt, dass er immer noch sehr an ihr hängt. „Andere meinen vielleicht, sie würden mir einen Gefallen tun, wenn sie sich negativ über sie äußern, aber in  Wirklichkeit tun sie es nicht. Liebe lässt sich nicht so einfach abstellen.“

Auch David, von dem schon gesprochen wurde, war am Boden zerstört, als er erfuhr, dass sich seine Frau mit einem anderen Mann eingelassen hatte. Er erzählt: „Ich war wie vor den Kopf geschlagen. Ein Leben ohne meine Frau und unsere Kinder konnte ich mir überhaupt nicht vorstellen.“ David hat sich für eine Scheidung entschieden, kämpft seitdem aber mit Selbstzweifeln. „Ich frage mich, ob mich überhaupt jemand wirklich lieben kann oder ob sich alles wiederholen wird, falls ich noch einmal heirate. Mein Vertrauen ist erschüttert.“

Nach einer Scheidung muss man einfach mit einem Wechselbad der Gefühle rechnen. Vielleicht empfindet man immer noch Liebe für diesen Menschen, dem man so nahe war, mit dem man, wie die Bibel es ausdrückt, „e i n Fleisch“ gewesen ist (1. Mose 2:24). Andererseits ist da aber auch Verbitterung über das, was geschehen ist. „Selbst noch nach Jahren bist du durcheinander, fühlst dich gedemütigt und hilflos“, sagt Graciela. „Du erinnerst dich an viele schöne Momente und denkst: Er hat mir doch immer gesagt, er könne ohne mich nicht leben. War das alles nur Lüge? Wieso ist es so gekommen?“

Womit man also rechnen muss: Immer wieder kann Wut und Verbitterung über all das, was der Partner einem angetan hat, in einem hochkommen. Manchmal kann die Einsamkeit unerträglich werden (Sprüche 14:29; 18:1).

4 Die Reaktion der Kinder

„Es war schrecklich!“, erzählt José, ein geschiedener Vater aus Spanien. „Der schlimmste Moment war, als ich entdeckte, dass ,der andere‘ der Mann meiner eigenen Schwester war. Ich wollte nur noch sterben.“ José musste feststellen, dass auch seine beiden Jungs — zwei und vier Jahre alt — unter dem litten, was ihre Mutter machte. „Sie kamen mit der ganzen Situation nicht zurecht. Sie konnten nicht einordnen, wieso ihre Mutter jetzt bei ihrem Onkel wohnte und wieso ich mit ihnen zu meiner Schwester und  meiner Mutter gezogen war. Immer, wenn ich irgendwohin musste, fragten sie: ,Wann kommst du wieder?‘ Oder sie sagten: ,Papi, nicht weggehen!‘ “

Oft sind bei einem Scheidungskrieg die Kinder die vergessenen Opfer. Doch was, wenn sich die Eltern einfach nicht verstehen? Ist eine Scheidung dann nicht „für die Kinder das Beste“? Diese Ansicht ist in den letzten Jahren mehr und mehr unter Beschuss geraten, vor allem wenn die Eheprobleme nicht extrem sind. Dazu das Buch Scheidungsfolgen — Die Kinder tragen die Last: „In der Tat wären viele Erwachsene, die sich in einer sehr unglücklichen Ehe gefangen sehen, überrascht zu erfahren, dass ihre Kinder vergleichsweise zufrieden sind: Den Kindern ist es egal, ob Mama und Papa in getrennten Betten schlafen, solange die Familie beisammen ist.“

Es stimmt, Kinder bekommen meist mit, wenn sich ihre Eltern nicht verstehen, und die Spannungen können sie psychisch stark belasten. Aber einfach anzunehmen, dass eine Scheidung automatisch das Beste für die Kinder ist, könnte ein Fehler sein. Dazu äußern sich Linda J. Waite und Maggie Gallagher in ihrem Buch The Case for Marriage wie folgt: „Offensichtlich gibt die Ehe aufgrund ihrer Struktur Eltern — selbst wenn sie nicht gerade gut miteinander auskommen — die Chance, bei ihren Kindern mit einer vernünftigen und konsequenten Erziehung auf Resonanz zu stoßen.“

Womit man also rechnen muss: Die Scheidung könnte sich auf die Kinder verheerend auswirken, besonders wenn sie nicht dazu angehalten werden, zu dem anderen Elternteil ein gutes Verhältnis zu haben. (Siehe den Kasten  „Zwischen den Fronten“.)

Jeder, der an eine Scheidung denkt, sollte sich diese vier Punkte durch den Kopf gehen lassen. Wie gesagt: Es ist eine persönliche Angelegenheit, ob man sich von seinem untreuen Partner scheiden lässt oder nicht. In jedem Fall sollte man sich über die Konsequenzen im Klaren sein. Man muss wissen, was auf einen zukommt und wie man damit umgehen will.

Nach reiflicher Überlegung kommt man vielleicht zu dem Schluss, dass es doch die bessere Option ist, die Ehe aus der Krise herauszuführen. Aber ist das denn überhaupt machbar?

^ Abs. 8 Einige Namen in diesem Artikel wurden geändert.