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Jehovas Zeugen

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Erwachet!  |  Oktober 2007

Wie wir unsere Kinder schützen können

Wie wir unsere Kinder schützen können

DAS Thema Kindesmissbrauch wird eigentlich am liebsten verdrängt. Eltern schaudert es schon bei dem bloßen Gedanken daran! Leider ist aber sexuelle Gewalt gegen Kinder in der heutigen Welt eine erschreckende und traurige Realität mit oft verheerenden Folgen für die Opfer. Ist es die Sache wirklich wert, sich damit auseinanderzusetzen? Überlegen wir einmal: Was würde man nicht alles darum geben, sein Kind zu schützen! Sich über das Thema zu informieren, so unangenehm das auch sein mag, ist sicher kein zu hoher Preis. Dieses Wissen kann für den Schutz unserer Kinder entscheidend sein.

Eltern brauchen vor diesem weitverbreiteten Problem keinesfalls von vornherein zu kapitulieren. Immerhin verfügen sie über Stärken und Fähigkeiten, die dem Kind noch fehlen und die es erst nach Jahren oder sogar Jahrzehnten erlangt haben wird. Im Lauf der Zeit haben Eltern einen Grundstock an Wissen, Erfahrung und Umsicht erworben. Jetzt kommt es darauf an, diese Stärken weiterzuentwickeln und zum Schutz des Kindes einzusetzen. In diesem Artikel werden drei grundlegende Schritte gegen Missbrauch besprochen, die alle Eltern unternehmen können: 1. selbst zum wichtigsten Schutzwall für das Kind werden, 2. das Kind ausreichend aufklären, 3. konkrete Verhaltensweisen mit dem Kind einüben.

Die Eltern — der wichtigste Schutzwall

Die Hauptverantwortung für den Schutz vor Missbrauch tragen nicht die Kinder, sondern die Eltern. Darum müssen zunächst einmal sie aufgeklärt sein. Es gibt einiges, was Eltern über Kindesmissbrauch einfach wissen müssen — zum Beispiel was für Menschen Kinder missbrauchen und wie sie dabei vorgehen. Eltern stellen sich einen Kinderschänder oft als einen Fremden vor, der im Dunkeln darauf lauert, ein Kind zu entführen und zu vergewaltigen. Solche Scheusale gibt es zweifellos auch. Doch selbst wenn die Medien sehr häufig gerade von derartigen Fällen berichten, sind sie eigentlich relativ selten. In etwa 90 Prozent der Missbrauchsfälle  ist der Täter jemand, den das Kind bereits kennt und dem es vertraut.

Die Vorstellung, ein freundlicher Nachbar, ein Lehrer, ein Mitarbeiter einer medizinischen Einrichtung, ein Trainer oder ein Verwandter könnte es auf ein Kind abgesehen haben, gefällt natürlich niemandem. Die meisten Menschen verfolgen auch keine derartigen Absichten. Man braucht nicht pauschal jedem zu misstrauen, mit dem man irgendwie zu tun hat. Aber man kann sein Kind schützen, indem man sich klarmacht, wie Pädophile typischerweise vorgehen. (Siehe den  Kasten auf Seite 6.)

Dieses Wissen kann Eltern helfen, ein besserer Schutzwall für ihr Kind zu werden. Angenommen, jemand, der sich anscheinend mehr für Kinder als für Erwachsene interessiert, gibt sich besonders viel mit unserem Kind ab, macht ihm Geschenke, bietet sich als kostenloser Babysitter an oder möchte es auf einen privaten Ausflug mitnehmen. Wie würden wir reagieren? Schlussfolgern, der Betreffende müsse ein Pädophiler sein? Nein. Man sollte keine voreiligen Schlüsse ziehen. Möglicherweise hat er keinerlei Hintergedanken. Dennoch kann solches Verhalten uns veranlassen, wachsam zu sein. Die Bibel sagt: „Ein Unerfahrener glaubt jedem Wort, aber der Kluge achtet auf seine Schritte“ (Sprüche 14:15).

Klingt ein Angebot zu gut, um wahr zu sein, ist es das wahrscheinlich auch. Deshalb sollte man jeden, der sich anbietet, allein mit unserem Kind Zeit zu verbringen, genau unter die Lupe nehmen. Man sollte ihn wissen lassen, dass man zwischendurch öfter nach seinem Kind sehen wird. Melissa und Brad, junge Eheleute mit drei Söhnen, sind vorsichtig, wenn sie eines der Kinder mit einem Erwachsenen allein lassen müssen. Als einer der Jungen zu Hause Musikunterricht erhielt, sagte Melissa zu dem Musiklehrer: „Ich werde immer mal wieder reinschauen.“ So viel Vorsicht mag manchem übertrieben erscheinen; doch diese Eltern wollen lieber sichergehen.

Eltern sollten engagiert am Alltag ihrer Kinder teilnehmen: sich dafür interessieren, was sie so alles tun, wer ihre Freunde sind und worum es in der Schule gerade geht. Ist zum Beispiel ein Ausflug geplant, wäre es gut, sich genau über die Einzelheiten zu informieren. Ein Psychologe, der seit 33 Jahren Missbrauchsopfer therapiert, erwähnte, er habe zahllose Fälle erlebt, in denen Übergriffe durch simple Vorsichtsmaßnahmen der Eltern hätten verhindert werden können. Er zitierte einen verurteilten Täter, der gesagt hatte: „Die Eltern  geben uns ihre Kinder buchstäblich in die Hand. ... Sie haben es mir wirklich leicht gemacht.“ Man darf nicht vergessen, dass die meisten Täter leichte Beute bevorzugen. Eltern, die engagiert am Leben ihrer Kinder teilnehmen, sorgen dafür, dass niemand leichtes Spiel mit ihnen hat.

Eltern sollten engagiert am Leben ihres Kindes teilnehmen

Damit sich Eltern als wichtigster Schutzwall für ihr Kind erweisen können, müssen sie auch gut zuhören. Kinder sprechen in den seltensten Fällen offen über ein Missbrauchserlebnis; sie schämen sich und haben Angst vor den Reaktionen. Deshalb müssen Eltern sehr aufmerksam sein, um auch versteckte Andeutungen mitzubekommen. * Sagt unser Kind etwas, was uns Sorgen macht, wäre es gut, ruhig zu bleiben und es durch behutsames Fragen dazu zu bringen, sich zu öffnen. Sagt es zum Beispiel, ein bestimmter Babysitter solle nicht wiederkommen, könnte man nach dem Grund fragen. Erzählt es, ein Erwachsener mache komische Spiele mit ihm, könnten die Eltern fragen: „Was denn für Spiele? Was macht er dabei?“ Beklagt sich das Kind, jemand habe es gekitzelt, sollte man fragen: „Wo hat er dich gekitzelt?“ Eltern sollten die Antwort eines Kindes keinesfalls als belanglos abtun. Missbraucher erklären einem Kind, dass niemand ihm glauben wird — und nur allzu oft haben sie damit leider recht. * Wurde ein Kind tatsächlich missbraucht, ist es zudem ein enorm wichtiger Schritt in Richtung Heilung, wenn die Eltern ihm glauben und es unterstützen.

Selbst zum wichtigsten Schutzwall für das Kind werden

Das Kind ausreichend aufklären

In einem Handbuch zum Thema Kindesmissbrauch wird ein Täter zitiert, der sagte: „Überlasst mir ein Kind, das überhaupt nichts von Sex weiß, und ihr gebt mir mein nächstes Opfer.“ Diese kaltblütigen Worte enthalten eine wichtige Lektion für Eltern: Kinder, die nichts über Sexualität wissen, sind viel leichter zu täuschen. Gemäß der Bibel sind Weisheit und Erkenntnis ein Schutz vor  „dem Mann, der verkehrte Dinge redet“ (Sprüche 2:10-12). Zweifellos wünschen wir uns das auch für unsere Kinder. Daher besteht der zweite grundlegende Schritt zu ihrem Schutz darin, sie ohne Zögern über dieses wichtige Thema aufzuklären.

Wie soll man dabei aber vorgehen? Nicht wenigen Eltern ist es ziemlich peinlich, mit ihren Kindern über das Thema Sex zu reden. Den Kindern ist das Thema womöglich noch peinlicher, weshalb sie ihre Eltern von sich aus auch nicht unbedingt darauf ansprechen werden. Also liegt es an den Eltern, die Initiative zu ergreifen. Melissa erzählt: „Wir haben sehr früh damit angefangen, indem wir unseren Kindern erklärt haben, wie die Körperteile heißen. Dazu haben wir keine Babysprache benutzt, sondern die richtigen Wörter, um ihnen zu zeigen, dass kein Teil ihres Körpers irgendwie komisch ist oder etwas, wofür man sich schämen müsste.“ Nach solchen Gesprächen ergibt es sich ganz natürlich, sie über Missbrauch aufzuklären. Viele Eltern vermitteln ihren Kindern einfach, dass die Teile ihres Körpers, die von Badekleidung bedeckt werden, etwas Spezielles sind und niemanden etwas angehen.

Man sollte nicht zögern, sein Kind aufzuklären

Heather, die im vorigen Artikel erwähnt wurde, berichtet: „Scott und ich haben unserem Sohn gesagt, dass sein Penis nur ihn etwas angeht und kein Spielzeug ist. Niemand darf damit herumspielen — weder Mama noch Papa, nicht einmal ein Arzt. Wenn wir mit ihm zum Arzt gehen, erkläre ich ihm vorher, dass der Doktor nur kontrolliert, ob alles in Ordnung ist, und ihn deshalb möglicherweise dort anfassen wird.“ Beide Eltern führen von Zeit zu Zeit solche kurzen Gespräche mit ihrem Sohn. Sie versichern ihm dabei auch, dass er jederzeit zu ihnen kommen und erzählen kann, wenn jemand ihn auf eine Weise anfasst, die ihm verkehrt vorkommt oder bei der er sich unwohl fühlt. Fachleute für Kinderschutz und Missbrauchsvorbeugung empfehlen allen Eltern, mit ihren Kindern derartige Gespräche zu führen.

Vielen ist das Buch Lerne von dem großen Lehrer * dabei eine große Hilfe gewesen. Das Kapitel 32 mit dem Thema „Wie Jesus beschützt wurde“ informiert Kinder offen, aber ohne Angst zu machen, über die Gefahr des Missbrauchs und zeigt ihnen, wie wichtig es ist, sich davor zu schützen. „Das Buch ist ein ausgezeichnetes Hilfsmittel für uns, bei unseren Kindern das zu vertiefen, was wir ihnen bereits selbst erklärt haben“, sagt Melissa.

In der Welt von heute müssen Kinder wissen, dass es Personen gibt, die sie auf verkehrte Weise berühren oder sich von ihnen anfassen lassen wollen. Solche Warnungen müssen einem Kind aber weder Angst machen noch bewirken, dass es allen Erwachsenen misstraut. „Es ist einfach ein Warnhinweis für das Kind“, erklärt Heather. „Und es ist nur einer von vielen Warnhinweisen zu den unterschiedlichsten Themen. Ängstlich geworden ist mein Sohn dadurch überhaupt nicht.“

Einem Kind sollte auch eine ausgeglichene Einstellung zu Gehorsam mitgegeben werden. Gehorsam zu lehren ist nicht einfach, aber wichtig (Kolosser 3:20). Allerdings besteht die Gefahr, ins Extrem zu gehen. Wird einem Kind beigebracht, es müsse allen Erwachsenen immer gehorchen, egal unter welchen Umständen, ist es anfälliger für einen Missbrauch. Pädophile merken schnell, wenn Kinder allzu fügsam sind. Umsichtige Eltern erklären ihren Kindern, dass Gehorsam nicht absolut sein darf. Das ist weniger kompliziert, als es vielleicht klingt, zumal für Christen. Im Grunde braucht man Kindern nur zu vermitteln: „Wenn irgendjemand etwas von dir verlangt, was Jehova Gott verboten hat, musst du das nicht tun. Nicht einmal Mama und Papa dürfen etwas von dir verlangen, von dem Jehova sagt, dass es verkehrt ist. Und wenn jemand möchte, dass du  etwas Verkehrtes tust, kannst du es uns immer erzählen.“

Nicht zuletzt sollten Kinder verstehen, dass niemand von ihnen verlangen darf, ihren Eltern irgendetwas zu verheimlichen. Die Eltern sollten ihren Kindern einschärfen, es ihnen auf alle Fälle zu sagen, wenn jemand sie auffordert, etwas vor ihnen geheim zu halten. Ganz gleich, was jemand einem Kind sagt oder womit er ihm droht: Es ist immer gut und richtig, dass ein Kind zu den Eltern geht und ihnen alles erzählt — auch dann, wenn es selbst etwas falsch gemacht hat. Derlei Aufklärungsgespräche müssen Kindern keine Angst machen. Man kann ihnen versichern, dass die meisten Menschen sie niemals an verbotenen Stellen anfassen oder von ihnen verlangen würden, Gott ungehorsam zu sein oder vor ihren Eltern Geheimnisse zu haben. So wie man sich einen Fluchtweg für den Fall überlegt, dass es einmal brennen sollte, handelt es sich dabei lediglich um Informationen für den Notfall — und es kann gut sein, dass sie niemals benötigt werden.

Das Kind ausreichend aufklären

Konkrete Verhaltensweisen mit dem Kind einüben

Als dritter Schritt soll hier besprochen werden, wie man Kindern einige einfache Verhaltensweisen für den Fall beibringen kann, dass sich jemand an sie heranmachen will, wenn die Eltern nicht da sind. Häufig wird dazu eine Art Rollenspiel empfohlen. Die Eltern fragen: „Was würdest du machen, wenn ...?“, und das Kind gibt eine Antwort. Beispielsweise könnte man fragen: „Was würdest du machen, wenn wir zusammen im Supermarkt sind und uns verlieren? Wie würdest du mich wiederfinden?“ Womöglich antwortet das Kind anders als erhofft, doch dann kann man ihm ja mit weiteren Fragen auf die Sprünge helfen, wie etwa: „Hast du vielleicht noch eine bessere Idee?“

Nach dem gleichen Muster kann man sein Kind fragen, wie es sich am besten verhält, falls jemand versuchen würde, es an verbotenen Stellen zu berühren. Ist zu befürchten, dass solche Fragen das Kind beunruhigen, könnte man auch versuchen, eine Geschichte über ein anderes Kind zu erzählen. Zum Beispiel: „Ein kleines Mädchen ist bei einem Onkel, den es mag. Aber dann versucht er, es komisch anzufassen. Was meinst du? Was soll das Mädchen machen, damit ihm nichts passiert?“

Konkrete Verhaltensweisen mit dem Kind einüben

Was für eine Reaktion sollte man Kindern für derartige Situationen beibringen? Ein Fachmann schreibt: „Ein entschlossenes ‚Nein!‘, ‚Lass das!‘ oder ‚Lass mich in Ruhe!‘ kann Wunder wirken, um den Täter abzuschrecken und ihn davon zu überzeugen, dass er sich das falsche Opfer ausgesucht hat.“ Eltern sollten diese Reaktion mit ihrem Kind in kurzen Szenen durchspielen. Dann traut es sich im Ernstfall eher, laut Nein zu sagen, schnell wegzugehen und den Eltern alles zu erzählen, egal was vorgefallen ist. Es empfiehlt sich, solche Übungen regelmäßig zu wiederholen, denn auch wenn ein Kind offenbar alles gut verstanden hat, kann es das Gelernte nach einigen Wochen oder Monaten schon wieder vergessen haben.

Man sollte seinem Kind beibringen, sich einem Missbrauch entschieden zu widersetzen

Bei diesen Gesprächen sollten alle unmittelbaren Bezugspersonen eines Kindes dabei sein — Vater, Stiefvater und andere männliche Verwandte eingeschlossen. Warum? Weil alle, die an diesem Teil seiner Erziehung mitwirken, ihm dadurch signalisieren, dass sie es selbst niemals missbrauchen würden. Leider ist es aber so, dass Kinder nicht selten direkt in der Familie missbraucht werden. Der folgende Artikel befasst sich mit der Frage, wie man seine Familie zu einem Hort der Sicherheit in einer gefährlichen Welt machen kann.

^ Abs. 10 Missbrauchte Kinder geben oft nonverbale Hinweise, dass mit ihnen etwas nicht in Ordnung ist. Fällt ein Kind beispielsweise plötzlich wieder in Verhaltensweisen zurück, aus denen es schon herausgewachsen war, wie Bettnässen, Klammern oder Angst vor dem Alleinsein? Möglicherweise handelt es sich um einen stillen Hilferuf, weil es etwas erlebt hat, was es stark aufwühlt. Solche Symptome allein beweisen allerdings noch nicht, dass das Kind missbraucht worden ist. Es kommt darauf an, das Kind sachte dazu zu bewegen, den Eltern zu sagen, was ihm Kummer macht, damit sie es trösten, ihm gut zureden und etwas zu seinem Schutz unternehmen können.

^ Abs. 10 Der Einfachheit halber ist hier von einem männlichen Täter die Rede. Die Grundsätze gelten jedoch für Täter und Opfer beiderlei Geschlechts.

^ Abs. 15 Herausgegeben von Jehovas Zeugen.