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Jehovas Zeugen

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Erwachet!  |  1993-10-08

Zu Hause sexuellem Mißbrauch vorbeugen

Zu Hause sexuellem Mißbrauch vorbeugen

Monique war neun Jahre alt, als er begann, sie sexuell zu belästigen. Anfangs schaute er heimlich zu, wenn sie sich auszog, dann fing er an, nachts in ihr Zimmer zu kommen und sie an den Genitalien zu berühren. Wenn sie sich dagegen wehrte, wurde er wütend. Einmal griff er sie sogar mit einem Hammer an und warf sie die Treppe hinunter. „Niemand glaubte mir“, erinnert sich Monique — nicht einmal ihre Mutter. Der Täter war Moniques Stiefvater.

ES IST nicht der Fremde im Regenmantel, nicht der im Busch lauernde Einzelgänger, der für Kinder die größte Gefahr darstellt. Es sind die eigenen Angehörigen. Sexuelle Belästigungen finden meistens zu Hause statt. Wie kann daher das Zuhause gegen sexuellen Mißbrauch sozusagen resistenter gemacht werden?

Der Historiker Dr. Sander J. Breiner ist in seinem Buch Slaughter of the Innocents den Beweisen für Kindesmißbrauch in fünf alten Kulturen — Ägypten, China, Griechenland, Rom und Israel — nachgegangen. In Israel, so sein Fazit, gab es das zwar auch, war aber relativ selten. Wie kam das? Im Gegensatz zu den Nachbarvölkern wurden die Israeliten gelehrt, Frauen und Kinder mit Respekt zu behandeln — eine aufgeklärte Ansicht, die sie der Heiligen Schrift verdankten. Wandten die Israeliten das göttliche Gesetz auf das Familienleben an, so beugten sie auch dem Kindesmißbrauch vor. Heutzutage brauchen die Familien diese reinen und praktischen Maßstäbe dringender denn je.

Moralgesetze

Hat das biblische Gesetz Auswirkungen auf unsere Familie? Zum Beispiel heißt es in 3. Mose 18:6: „Ihr sollt euch nicht, kein Mensch von euch, irgendeinem nähern, der sein naher Verwandter nach dem Fleische ist, um die Blöße aufzudecken. Ich bin Jehova.“ In ähnlicher Weise wird auch in der Christenversammlung heute auf die Einhaltung strikter Gesetze gegen jegliche Form des sexuellen Mißbrauchs geachtet. Jeder, der ein Kind sexuell mißbraucht, riskiert es, ausgeschlossen, das heißt aus der Versammlung entfernt zu werden (1. Korinther 6:9, 10). *

Alle Familien sollten solche Gebote kennen und als Familie zusammen betrachten. In 5. Mose 6:6, 7 lesen wir die Aufforderung: „Und es soll sich erweisen, daß diese Worte, die ich dir heute gebiete, auf deinem Herzen sind; und du sollst sie deinem Sohn einschärfen und davon reden, wenn du in deinem Haus sitzt und wenn du auf dem Weg gehst und wenn du dich niederlegst und wenn du aufstehst.“ Diese Gebote den Kindern einzuschärfen bedeutet mehr, als nur ihnen gelegentlich einen Vortrag zu halten. Es erfordert regelmäßigen offenen  Gedankenaustausch. Von Zeit zu Zeit sollten sowohl die Mutter als auch der Vater ihre Anerkennung der göttlichen Gesetze gegen Inzest bekräftigen und die auf Liebe beruhenden Gründe dafür wiederholen.

Man kann außerdem Geschichten wie die von Tamar und Amnon (den Kindern Davids) verwenden, um seinen Kindern zu zeigen, daß es auf sexuellem Gebiet Grenzen gibt, die niemand — auch kein naher Familienangehöriger — jemals überschreiten darf (1. Mose 9:20-29; 2. Samuel 13:10-16).

Respekt vor diesen Grundsätzen kann sogar in der Aufteilung des Wohnraums zum Ausdruck kommen. Wie Untersuchungen in einem asiatischen Land gezeigt haben, kommt Inzest häufig in Familien vor, in denen die Kinder bei den Eltern schlafen, selbst wenn das von der finanziellen Situation her nicht notwendig ist. Ebenso ist es im allgemeinen unklug, wenn heranwachsende Kinder unterschiedlichen Geschlechts sich ein Bett oder einen Raum teilen, sofern es nur irgendwie anders möglich ist. Selbst unter beengten Wohnverhältnissen sollten Eltern ein gutes Unterscheidungsvermögen bekunden, wenn es darum geht, wo jedes Familienmitglied schlafen soll.

Die Bibel verbietet Trunkenheit und läßt anklingen, daß diese zu Perversionen führen kann (Sprüche 23:29-33). Einer Studie zufolge geben 60 bis 70 Prozent aller Inzestopfer an, der mißbrauchende Elternteil hätte getrunken, als der Mißbrauch begonnen habe.

Ein liebevolles Familienhaupt

Wie Forscher herausgefunden haben, kommt es in Familien mit einem herrschsüchtigen Ehemann öfter zum Mißbrauch als in anderen Familien. Die weitverbreitete Ansicht, Frauen seien in erster Linie zur Befriedigung der männlichen Bedürfnisse da, ist unbiblisch. Mit dieser unchristlichen Einstellung rechtfertigen es einige Männer, wenn sie sich bei ihrer Tochter das holen wollen, was sie bei ihrer Frau nicht bekommen. Diese Art der Unterdrückung kann bei Frauen unter den gegebenen Umständen den Verlust des seelischen Gleichgewichts bewirken. Viele Mütter verlieren dadurch sogar den natürlichen Drang, ihr eigenes Kind zu beschützen. (Vergleiche Prediger 7:7.) Andererseits stellte man im Rahmen einer Untersuchung fest, daß es in Familien mit arbeitssüchtigen Vätern, die selten zu Hause sind, manchmal zum Mutter-Sohn-Mißbrauch kommt.

Wie sieht es in der eigenen Familie aus? Der Vater sollte sich fragen: Nehme ich meine Rolle als Haupt ernst, oder schiebe ich sie auf meine Frau ab? (1. Korinther 11:3). Behandle ich meine Frau mit Liebe, Achtung und Respekt? (Epheser 5:25; 1. Petrus 3:7). Zählen auch ihre Ansichten? (1. Mose 21:12; Sprüche 31:26, 28). Und wie sieht es mit den Kindern aus? Betrachte ich sie als kostbar? (Psalm 127:3). Oder betrachte ich sie nur als Bürde und als leicht auszubeuten? (Vergleiche 2. Korinther 12:14.)  Wenn man verzerrte, unbiblische Ansichten über die Rollen innerhalb der Familie ausmerzt, wird das Zuhause auch vor sexuellem Mißbrauch besser geschützt sein.

Ein Ort der Geborgenheit

Eine junge Frau, die wir Sandi nennen wollen, berichtet: „Unsere ganze Familie war für den Mißbrauch geradezu prädestiniert. Sie war in der Gesellschaft isoliert, ebenso wie die Familienmitglieder untereinander.“ Isolation, Strenge und Geheimnistuerei — all diese ungesunden, unbiblischen Merkmale sind Kennzeichen von Inzestfamilien. (Vergleiche 2. Samuel 12:12; Sprüche 18:1; Philipper 4:5.) Daher muß man in der Familie für eine Atmosphäre sorgen, in der sich die Kinder geborgen fühlen. Das Zuhause sollte ein Ort sein, wo sie gestärkt und ermutigt werden und wo sie sich frei fühlen, ihr Herz auszuschütten.

Kinder haben auch ein großes Bedürfnis nach körperlichen Ausdrucksformen der Liebe wie Umarmen, Streicheln, An-der-Hand-Halten, Herumtollen. Deshalb sollte man auf die Gefahr eines sexuellen Mißbrauchs nicht überreagieren und seinem Kind diese Zeichen der Liebe nicht vorenthalten. Kindern muß durch offene, herzliche Zuneigung und Lob zugesichert werden, daß man sie wirklich schätzt. Sandi erinnert sich: „Meine Mutter hielt es für falsch, irgend jemand für irgend etwas zu loben; das würde einem nur zu Kopf steigen.“ Schweigend erduldete Sandi mindestens zehn Jahre lang sexuellen Mißbrauch. Kinder, die sich nicht sicher sein können, daß sie geliebt und geschätzt werden, sind möglicherweise anfälliger für das Lob, die „Zuneigung“ oder die Androhung von Liebesentzug seitens eines Mißbrauchers.

Kinder brauchen sehr viel von Herzen kommende, liebevolle Aufmerksamkeit

Nach Aussage eines Pädophilen, der über einen Zeitraum von 40 Jahren Hunderte von Jungen sexuell mißbraucht hatte, waren die Jungen, die ein emotionelles Bedürfnis nach einem Freund wie ihm hatten, die „besten“ Opfer. Eltern dürfen nicht zulassen, daß sich bei ihren Kindern ein solches Bedürfnis entwickelt.

Den Kreislauf des Mißbrauchs durchbrechen

Unter schweren Prüfungen sagte Hiob: „Meine Seele empfindet bestimmt Ekel vor meinem Leben. Ich will meiner Besorgnis um mich freien Lauf lassen. Ich will in der Bitterkeit meiner Seele reden!“ (Hiob 10:1). In ähnlicher Weise haben Eltern festgestellt, daß sie ihren Kindern helfen können, indem sie sich selbst helfen. In der Publikation The Harvard Mental Health Letter hieß es unlängst: „Daß es in der Gesellschaft auf starke Mißbilligung stößt, wenn Männer Schmerz zeigen, scheint den Kreislauf des Mißbrauchs aufrechtzuerhalten.“ Anscheinend ist bei Männern, die sexuell mißbraucht wurden, aber nie über den Schmerz sprechen konnten, die Wahrscheinlichkeit, selbst zu Tätern zu werden, überdurchschnittlich hoch. Gemäß dem Buch The Safe Child Book sind die meisten Täter selbst als Kind sexuell mißbraucht worden, ohne je die Gelegenheit zur Heilung gehabt zu haben. Sie bringen ihren Schmerz und ihre Wut dadurch zum Ausdruck, daß sie selbst Kinder mißbrauchen. * (Siehe auch Hiob 7:11; 32:20.)

Das Risiko für die Kinder ist auch größer, falls ihre Mutter früher mißbraucht wurde und dies nicht bewältigen kann. Wie Forscher beispielsweise festgestellt haben, heiraten Frauen, die als Kind mißbraucht wurden, oft Mißbraucher. Wenn außerdem eine Frau den an ihr begangenen Mißbrauch nicht bewältigen kann, wird es ihr verständlicherweise schwerfallen, mit ihren Kindern über Mißbrauch zu reden. Wenn es dann dazu kommt, ist sie vielleicht schlechter in der Lage, den Mißbrauch zu erkennen und daraufhin positive Schritte zu unternehmen. Als Folge muß das Kind einen furchtbaren Preis für die Tatenlosigkeit der Mutter zahlen.

So kann der Mißbrauch von einer Generation zur nächsten weitergegeben werden. Natürlich kommt anscheinend eine ganze Reihe von Opfern, die sich entschieden haben, nicht über ihre schmerzhafte Vergangenheit zu sprechen, ziemlich gut im Leben zurecht, und das ist auch gut so. Doch bei vielen sitzt der Schmerz tiefer, und sie müssen — wenn nötig mit qualifizierter  professioneller Hilfe — Anstrengungen unternehmen, die schweren Kindheitswunden zu heilen. Ihr Ziel besteht nicht darin, in Selbstmitleid zu zerfließen. Sie wollen den krankhaften, schmerzlichen Kreislauf des Kindesmißbrauchs durchbrechen, unter dem ihre Familie leidet. (Siehe Erwachet! vom 8. Oktober 1991, Seite 3 bis 11.)

Das Ende des Mißbrauchs

Werden in einer Familie die bisher erwähnten Anregungen richtig in die Tat umgesetzt, kann dies die Wahrscheinlichkeit des Kindesmißbrauchs stark herabsetzen. Allerdings gehen die Täter im geheimen vor, sie mißbrauchen das in sie gesetzte Vertrauen, und sie benutzen Strategien der Erwachsenenwelt gegenüber unschuldigen Kindern. Zwangsläufig scheinen einige trotz ihres abscheulichen Verbrechens ungeschoren davonzukommen.

Doch seien wir versichert, daß Gott sieht, was sie tun (Hiob 34:22). Wenn sie nicht bereuen und sich ändern, wird er ihre abscheulichen Handlungen nicht vergessen. Zu seiner Zeit wird er es ans Licht bringen. (Vergleiche Matthäus 10:26.) Und er wird Gerechtigkeit üben. Jehova Gott hat eine Zeit verheißen, in der all solche hinterhältigen Personen ‘von der Erde weggerissen sein werden’ und nur milde und sanftmütige Menschen, die Gott und ihre Mitmenschen lieben, am Leben bleiben (Sprüche 2:22; Psalm 37:10, 11, 29; 2. Petrus 2:9-11). Dank des Loskaufsopfers Jesu Christi haben wir die wunderbare Hoffnung auf eine neue Welt (1. Timotheus 2:6). Dann — und erst dann — wird jeglicher Mißbrauch für immer der Vergangenheit angehören.

Bis dahin müssen wir alles in unserer Macht Stehende tun, um unsere Kinder zu schützen. Sie sind so kostbar! Die meisten Eltern wären sofort bereit, zum Schutz ihrer Kinder ihre eigene Sicherheit aufs Spiel zu setzen. (Vergleiche Johannes 15:13.) Wenn wir unsere Kinder nicht beschützen, können die Folgen katastrophal sein. Wenn wir sie schützen, schenken wir ihnen etwas Wunderbares: eine ungetrübte Kindheit ohne Schuldgefühle. Sie können dann dem Psalmisten nachempfinden, der die Worte schrieb: „Ich will zu Jehova sagen: ‚Du bist meine Zuflucht und meine Feste, mein Gott, auf den ich vertrauen will‘ “ (Psalm 91:2).

^ Abs. 6 Sexueller Kindesmißbrauch liegt vor, wenn sich jemand eines Kindes bedient, um sein eigenes sexuelles Verlangen zu befriedigen. Oftmals handelt es sich bei dem Mißbrauch um das, was die Bibel als Hurerei oder pornéia bezeichnet, wie beispielsweise das Streicheln der Geschlechtsorgane sowie genitaler, oraler oder analer Geschlechtsverkehr. Einige sexuelle Übergriffe, wie das Streicheln der Brüste, eindeutig unsittliche Angebote, das Betrachten pornographischen Materials zusammen mit einem Kind, Voyeurismus und Exhibitionismus, könnten unter Umständen mit dem in der Bibel verurteilten „zügellosen Wandel“ gleichbedeutend sein (Galater 5:19-21; siehe Wachtturm, 15. Juni 1983, Fußnote auf Seite 30).

^ Abs. 19 Zwar sind die meisten Täter als Kind selbst mißbraucht worden, doch das bedeutet nicht, daß Mißbrauch aus Kindern Mißbraucher machen muß. Weniger als ein Drittel aller mißbrauchten Kinder werden später selbst zu Mißbrauchern.

 

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