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Jehovas Zeugen

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ERWACHET! 1993-10-08

Wie können wir unsere Kinder schützen?

Wie können wir unsere Kinder schützen?

„Du darfst mit niemandem darüber reden. Das bleibt unser Geheimnis.“

„Niemand würde dir glauben.“

„Wenn du das verrätst, werden dich deine Eltern hassen. Sie wissen, daß es deine Schuld war.“

„Willst du nicht mehr mein besonderer Freund sein?“

„Du willst doch nicht, daß ich ins Gefängnis komme, oder?“

„Wenn du was verrätst, bringe ich deine Eltern um.“

NACHDEM die Täter ihre perverse Lust an den Kindern befriedigt haben, nachdem sie ihnen das Gefühl der Sicherheit und Unschuld geraubt haben, verlangen sie von ihren Opfern noch mehr, nämlich ZU SCHWEIGEN. Um das Schweigen sicherzustellen, benutzen sie Scham, Heimlichtuerei, aber auch brutalen Terror. Kindern wird so ihre beste Waffe gegen den Mißbrauch geraubt, nämlich der Wille, zu erzählen, sich jemandem anzuvertrauen und einen Erwachsenen um Schutz zu bitten.

Tragischerweise arbeitet oftmals die Erwachsenengesellschaft den Mißbrauchenden in die Hände. Inwiefern? Indem sie sich weigert, die Gefahr wahrzunehmen, indem sie das Thema unter dem Mantel der Geheimhaltung hält und oft wiederholten Legenden glaubt. Ignoranz, Fehlinformationen und das Schweigen bilden eine schützende Hecke um den Täter, nicht um das Opfer.

Zum Beispiel kam die Kanadische Konferenz der katholischen Bischöfe kürzlich zu dem Schluß, daß es eine „allgemeine Verschwörung des Schweigens“ gewesen sei, die jahrzehntelang den ungeheuerlichen Kindesmißbrauch durch katholische Geistliche in großem Umfang ermöglicht habe. Auch die Zeitschrift Time sprach in einem Bericht über die weitverbreitete Geißel des Inzests von der „Verschwörung des Schweigens“ und nannte dies einen Faktor, der nur zur Fortdauer der Tragödien in den Familien beitrage.

Doch gemäß der Time fängt diese Mauer des Schweigens endlich an zu bröckeln. Warum? Mit einem Wort: Aufklärung. In der Zeitschrift Asiaweek hieß es: „Alle Experten sind übereinstimmend der Meinung, daß die beste Verteidigung gegen Kindesmißbrauch das öffentliche Bewußtsein ist.“ Um ihre Kinder zu schützen, müssen Eltern begreifen, wie real die Bedrohung ist. Man  darf sich nicht durch Irrtümer, die den Mißbrauchenden und nicht das Kind schützen, im dunkeln halten lassen. (Siehe Kasten.)

Sein Kind aufklären

Der weise König Salomo sagte seinem Sohn, Erkenntnis, Weisheit und Denkvermögen könnten ihn „von dem schlechten Weg ... befreien, von dem Mann, der verkehrte Dinge redet“ (Sprüche 2:10-12). Ist das nicht genau das, was Kinder brauchen? In einer Broschüre des FBI (Child Molesters: A Behavioral Analysis) heißt es unter der Überschrift „Das ideale Opfer“: „Für die meisten Kinder ist Sex ein Tabuthema, über das sie wenig genaue Informationen erhalten und schon gar nicht von ihren Eltern.“ Lassen wir unsere Kinder nicht zu „idealen Opfern“ werden. Dazu ist es notwendig, die Kinder aufzuklären. * Zum Beispiel sollte kein Kind die Pubertät erreichen, ohne zu wissen, wie sich sein Körper in dieser Zeit verändern wird. Durch Unwissenheit werden Kinder verwirrt, beschämt — und zu einer leichten Beute.

Eine Frau, die wir Janet nennen wollen, war als Kind sexuell mißbraucht worden, und Jahre später geschah das gleiche mit ihren eigenen beiden Kindern. Sie erinnert sich: „So wie wir erzogen wurden, haben wir nie über sexuelle Dinge geredet. Das Thema machte mich immer sehr verlegen.  Es war beschämend. Und als ich Kinder hatte, war es das gleiche. Ich konnte mit anderer Leute Kindern reden, aber nicht mit meinen eigenen. Ich glaube, das ist schlecht, denn Kinder sind ungeschützt, wenn man mit ihnen nicht über diese Dinge spricht.“

Die Vorbeugung durch Aufklärung kann schon früh beginnen. Wenn man seinem Kind beibringt, wie bestimmte Körperteile heißen, wie zum Beispiel die Scheide, die Brüste, der After und der Penis, sollte man ihm sagen, daß diese Körperteile gut sind, sie sind etwas Besonderes — aber sie sind etwas ganz Persönliches. „Andere dürfen sie nicht anfassen — nicht einmal Mutti oder Vati — und nicht einmal ein Arzt, außer Mutti oder Vati ist dabei und stimmt zu.“ * Idealerweise sollten solche Äußerungen von beiden Eltern oder jedem Erziehungsberechtigten kommen.

In dem Buch The Safe Child Book schreibt Sherryll Kraizer, daß Kinder keine Hemmungen haben sollten, jemanden, der sie belästigt, zu ignorieren, ihn anzuschreien oder von ihm wegzulaufen; allerdings würden viele mißbrauchte Kinder hinterher sagen, sie hätten nicht ungehörig erscheinen wollen. Kinder müssen daher wissen, daß einige Erwachsene schlechte Dinge tun und daß auch ein Kind niemandem gehorchen muß, der es auffordert, etwas Verkehrtes zu tun. In solchen Fällen hat das Kind das absolute Recht, nein zu sagen, genau wie Daniel und seine Gefährten es taten, als die babylonischen Erwachsenen von ihnen verlangten, unreine Dinge zu essen (Daniel 1:4, 8; 3:16-18).

Als Hilfsmittel zur Schulung der Kinder wird häufig das „Was-machst-du-wenn-Spiel“ empfohlen. Zum Beispiel könnte man fragen: „Was machst du, wenn der Lehrer dir sagt, du sollst ein anderes Kind hauen?“ Oder: „Was machst du, wenn Mutti [Vati, der Lehrer, ein Polizist] dich auffordert, von einem Hochhaus zu springen?“ Die Antwort des Kindes ist vielleicht unzureichend oder einfach falsch, doch sollte man es nicht schroff verbessern. Bei diesem Spiel ist es nicht nötig, zu schockieren oder zu verängstigen. Ja, es wird empfohlen, es auf eine sanfte, liebevolle und sogar spielerische Weise zu spielen.

Kinder müssen auch lernen, Zuneigungsäußerungen, die unpassend sind oder bei denen sie sich unwohl fühlen, zurückzuweisen. Man könnte zum Beispiel fragen: „Was machst du, wenn jemand, der mit Mutti oder Vati befreundet ist, dich auf eine Weise küssen möchte, die dir komisch vorkommt?“ * Oft ist es das beste, wenn man das Kind ermuntert, vorzumachen, was es in einer solchen Situation tun würde, und sozusagen ein „Nehmen-wir-mal-an-Spiel“ daraus macht.

Auf ähnliche Weise können Kinder lernen, auch anderen Taktiken von Mißbrauchern zu begegnen. Beispielsweise könnte man sie fragen: „Was machst du, wenn jemand sagt: ‚Du weißt, daß ich dich besonders mag. Willst du nicht mein Freund [meine Freundin] werden?‘ “ Hat das Kind gelernt, solchen Fallen zu entgehen, können andere besprochen werden, wie zum Beispiel: „Jemand sagt: ‚Du willst mir doch nicht weh tun und mich traurig machen, oder?‘ Was dann?“ Dem Kind sollte gezeigt werden, wie es durch Worte und eine klare, nachdrückliche Körpersprache sein Nein zum Ausdruck bringen kann. Mißbraucher testen ja oftmals aus, wie ein Kind auf ihre vorsichtigen Annäherungsversuche reagiert. Daher muß einem Kind beigebracht werden, sich standhaft zu widersetzen und klarzumachen, daß es jemandem davon erzählen wird.

Kindern muß beigebracht werden, sich gegen unangebrachte Annäherungsversuche durch Worte und eine klare, nachdrückliche Körpersprache zur Wehr zu setzen

Gründliche Schulung

Solche Schulung ist nicht mit einem einzigen Gespräch abgetan. Kinder brauchen viel  Wiederholung. Das eigene Urteilsvermögen ist gefordert, wenn es darum geht, wie sehr die Aufklärung ins Detail gehen sollte. Auf jeden Fall sollte sie gründlich sein.

Beispielsweise muß man unbedingt jedem Versuch eines Mißbrauchers zuvorkommen, mit dem Kind einen Geheimnispakt zu schließen. Kinder sollten wissen, daß es nie in Ordnung ist, wenn ein Erwachsener von ihnen verlangt, etwas vor irgendeinem Elternteil zu verheimlichen. Ihnen muß versichert werden, daß es immer richtig ist, zu erzählen — auch wenn sie zuvor versprochen haben, niemandem etwas zu sagen. (Vergleiche 4. Mose 30:12, 16.) Manchmal weiß der Täter von einem Verstoß des Kindes gegen die Familienregeln und erpreßt dann das Kind damit. Die Botschaft lautet: „Ich verrate dich nicht, wenn du mich nicht verrätst.“ Daher sollten Kinder wissen, daß sie nie Schwierigkeiten bekommen, wenn sie etwas erzählen, auch nicht unter diesen Umständen: es ist ungefährlich, sich auszusprechen.

Die Schulung sollte auch „drohungsresistent“ sein. Einige Mißbraucher haben vor den Augen eines Kindes ein kleines Tier getötet und dann gedroht, sie würden das gleiche mit den Eltern des Kindes machen. Andere haben ihrem Opfer gedroht, sie würden jüngere Geschwister mißbrauchen. Einem Kind muß daher der Gedanke vermittelt werden, daß es über eine sexuelle Belästigung in jedem Fall sprechen soll, gleichgültig, wie beängstigend die Drohungen sein mögen.

Hierbei kann die Bibel sehr hilfreich sein. Die nachdrückliche Betonung der Allmacht Jehovas kann der Drohung eines Mißbrauchers viel von ihrem Schrecken nehmen. Kinder müssen wissen, daß, ganz gleich, was für Drohungen geäußert werden, Jehova in der Lage ist, seinem Volk zu helfen (Daniel 3:8-30). Selbst wenn schlechte Menschen denen Schaden zufügen, die Jehova liebt, kann er in jedem Fall den Schaden wiedergutmachen und alles zum Guten wenden (Hiob, Kapitel 1 und 2; 42:10-17; Jesaja 65:17). Kindern sollte versichert werden, daß Jehova alles sieht, auch Menschen, die schlecht handeln, und gute Menschen, die ihr Bestes tun, den schlechten Menschen zu widerstehen. (Vergleiche Hebräer 4:13.)

Vorsichtig wie Schlangen

Der Pädophile, der ein Kind unter Anwendung körperlicher Gewalt mißbraucht, ist die Ausnahme. Üblicherweise ziehen die Täter es vor, sich erst mit dem Kind anzufreunden. Jesu Rat, „vorsichtig wie Schlangen“ zu sein, ist daher sehr passend (Matthäus 10:16). Eine der besten Vorsichtsmaßnahmen gegen Kindesmißbrauch ist es, wenn liebevolle Eltern ihre Kinder gut beaufsichtigen. Einige Mißbraucher halten in öffentlichen Anlagen nach Kindern Ausschau, die allein sind und mit denen sie ein Gespräch beginnen können, um ihre Neugier zu wecken. („Magst du Motorräder?“ „Willst du dir die Hundebabys in meinem Auto angucken?“) Natürlich kann man sein Kind nicht auf Schritt und Tritt begleiten. Fachleuten für Kinderbetreuung zufolge brauchen Kinder eine gewisse Bewegungsfreiheit. Vorsichtige Eltern achten jedoch darauf, ihren Kindern nicht zu früh zuviel Freiheit einzuräumen.

Eltern sollten auch sorgfältig darüber wachen, daß sie alle Erwachsenen und älteren  Jugendlichen, mit denen ihre Kinder näheren Kontakt haben, gut kennen, und sie sollten besonders vorsichtig sein, wenn es darum geht, wer sich während ihrer Abwesenheit um die Kinder kümmert. Man sollte sich vor Babysittern, bei denen sich die Kinder merkwürdig oder unwohl fühlen, ebenso in acht nehmen wie vor Jugendlichen, die anscheinend ein übersteigertes Interesse an jüngeren Kindern haben und keine Freunde in ihrem eigenen Alter. Es wäre ratsam, sich in Kindertagesstätten, Schulen oder bei Tagesmüttern genau umzuschauen. Man sollte einen Rundgang durch die gesamten Räumlichkeiten machen, mit den Betreuenden sprechen und dabei darauf achten, wie sie mit den Kindern umgehen. Haben sie etwas dagegen, wenn man überraschend auftaucht, um nach seinem Kind zu sehen? Wenn ja, dann sollte man sich nach einer anderen Möglichkeit umschauen. (Siehe Erwachet! vom 8. Dezember 1987, Seite 3—11.)

So traurig es ist: Aber selbst die allerbesten Eltern können nicht alles kontrollieren, was mit ihren Kindern geschieht (Prediger 9:11).

Wenn beide Eltern zusammenarbeiten, dann gibt es allerdings etwas, das sie kontrollieren können, nämlich das familiäre Umfeld. Und da das Zuhause der Ort ist, wo die meisten Kinder mißbraucht werden, wird sich der nächste Artikel darauf konzentrieren.

^ Abs. 13 Siehe Erwachet! vom 22. Februar 1992, Seite 3—11 und vom 8. Juli 1992, Seite 30.

^ Abs. 15 Natürlich müssen Eltern kleine Kinder baden und ihnen die Windeln wechseln und dabei auch deren Intimbereich waschen. Aber man sollte seinen Kindern frühzeitig beibringen, sich selbst von Kopf bis Fuß zu waschen; einige Fachleute auf dem Gebiet der Kinderpflege empfehlen, daß Kinder schon wenn möglich im Alter von drei Jahren lernen, sich den Intimbereich selbst zu waschen.

^ Abs. 18 Einige Fachleute warnen davor, sein Kind zu drängen, jeden zu küssen oder zu umarmen, der das gern möchte, denn das könnte die Schulung zunichte machen. Daher bringen manche Eltern ihren Kindern bei, höflich auszuweichen oder sich herauszureden, wenn jemand möchte, daß sie etwas tun, was sie nicht wollen.