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Jehovas Zeugen

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Erwachet!  |  1992-08-08

Wie schlimm ist Aids in Afrika?

Wie schlimm ist Aids in Afrika?

 Wie schlimm ist Aids in Afrika?

Von unserem Korrespondenten in Afrika

DIE Voraussagen sind allgemein bekannt. Sie haben einem das Blut in den Adern gefrieren lassen. Auf dem afrikanischen Kontinent würden Millionen Menschen Aids bekommen. Ihr Immunsystem würde zusammenbrechen, so daß die natürlichen Verteidiger des Körpers gegen die Invasion schrecklicher Krankheiten wehrlos würden. So wie bei der Pest, die im 14. Jahrhundert Europa heimsuchte, würden Tod und Verheerung in noch nie dagewesenem Ausmaß folgen.

Dann glätteten sich die Wogen wieder. Die Medien waren gesättigt, und die Öffentlichkeit wurde der reißerischen Untergangsprophezeiungen überdrüssig. Würde es wirklich so schlimm werden? Welches Ausmaß hat die Aidsepidemie in Afrika nun tatsächlich angenommen?

„Niemand weiß, wie sich die Zahlen entwickeln werden“, meint der Aidsforscher Dr. Andre Spier. Aber er ist nicht optimistisch. „Die Zahl der Fälle wird bedeutend und für die ganze Gesellschaft außerordentlich zerstörerisch sein.“ In die gleiche Richtung ging die Vorhersage, die Dr. Lars Kallings anläßlich einer internationalen Aidskonferenz in Stockholm 1988 äußerte und gemäß der es „in nur ein paar Jahren eine beängstigende Zahl an Toten geben“ werde.

Seither sind „ein paar Jahre“ vergangen. Viele der Voraussagen steuern jetzt unheildrohend auf ihre Erfüllung zu. Aus Zahlen werden Leichen. Und das Schlimmste steht uns erst noch bevor.

Die Toten und die Sterbenden

Tod und Verheerung haben eine Schneise durch viele Gebiete südlich der Sahara geschlagen. „In gewissen städtischen Zentren ist Aids“, wie einem Report in dem Wissenschaftsmagazin Nature zu entnehmen ist, „jetzt die häufigste Todesursache bei Erwachsenen und einer der wichtigsten Faktoren bei der Kindersterblichkeit.“ In einer afrikanischen Stadt kommen die Pfarrer kaum mit den Beerdigungen nach, die auf das Konto von Aids gehen.

Als sich im Oktober 1991 die Staats- und Regierungschefs der Commonwealth-Länder in Harare (Simbabwe) trafen, wurde ihnen ein Memorandum über Aids in Afrika überreicht, das ein sehr düsteres Bild zeichnete. In einigen Ländern Afrikas seien, so das Memorandum, gegenwärtig 50 bis 80 Prozent aller Krankenhausbetten mit Aidspatienten belegt. Zu dem schwer betroffenen Uganda erklärte der Aidsspezialist Dr. Stan Houston, durch Aids seien dort bereits mehr Menschen umgekommen als in den letzten 15 Jahren Bürgerkrieg in diesem Land.

Genauso beunruhigend sind die Erkenntnisse der Ärzte und Wissenschaftler in Abidjan (Côte d’Ivoire). Über einen Zeitraum von mehreren Monaten wurden in den zwei größten Leichenhallen der Stadt alle Leichen untersucht. Das Ergebnis? In der Zeitschrift Science, in der die Meldung darüber erschien, war zu lesen, daß gemäß den Untersuchungen in Abidjan Aids die „führende Todesursache“ unter erwachsenen Männern sei. Wie die Zeitschrift hinzufügte, wird in dem Zahlenmaterial „wahrscheinlich die wirkliche Mortalität infolge von Infektionen mit HIV [humanen Immunschwächeviren] unterbewertet“.

 Selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die die weltweite Ausbreitung der Krankheit beobachtet, räumt ein, daß dies nur die Spitze des Eisberges ist. Der Zeitschrift New Scientist zufolge ist die WHO „davon überzeugt, daß viele Länder Ost- und Zentralafrikas nur ein Zehntel der Aidsfälle gemeldet haben . . . Die Berichte sind unvollständig und ungenau, weil die Überwachung primitiv ist.“

Latente Infektion

Eines der schrecklichen Merkmale von Aids ist die lange Inkubationszeit, die den körperlichen Symptomen des Aidsvollbildes vorausgeht. Bis zu zehn Jahre kann der Infizierte das tödliche HIV in sich tragen. Er sieht vielleicht gesund aus und fühlt sich auch so. Solange der Betreffende sich nicht auf HIV testen läßt, so lange weiß er nichts von seiner tödlichen Krankheit — bis die Symptome auftreten. Es ist dieses scheinbar gesunde, aber infizierte Segment der Bevölkerung, durch das Aids unwissentlich verbreitet wird.

Untersuchungen über die HIV-Infektionsraten offenbaren, in welchem Ausmaß sich die tödliche Plage über Afrika ausbreitet. Wie die Zeitschrift African Affairs beispielsweise berichtete, „wird aus dem dichtbesiedelten Landstrich am Victoriasee . . . eine starke [HIV]Durchseuchung gemeldet . . ., die irgendwo zwischen 10 und 18 Prozent bei Erwachsenen liegt, die als wenig oder durchschnittlich gefährdet eingestuft wurden, und die bis zu 67 Prozent bei denen mit einer großen Anzahl von Sexualpartnern beträgt“. Desgleichen wird in der Zeitschrift Nature geschätzt, daß „sich unter der erwachsenen Allgemeinbevölkerung die Infektion seit 1984 stetig ausgebreitet und in den am schlimmsten betroffenen urbanen Zentren 20—30 % erreicht hat“. Man stelle sich das vor — fast ein Drittel der erwachsenen Bevölkerung erwartet innerhalb der nächsten zehn Jahre den Tod!

Regierungen und führende Persönlichkeiten, die bisher zögerten, die Ausmaße der Epidemie bekanntzumachen, werden sich jetzt der vollen Tragweite bewußt. Ein ehemaliger afrikanischer Präsident gab seine Zustimmung zur Aidsbekämpfung — nachdem sein eigener Sohn an Aids gestorben war! Ein anderer politischer Führer erklärte, in seinem Land gebe es 500 000 HIV-Infizierte. Die meisten von ihnen wüßten nichts von ihrer tödlichen Krankheit und würden die Plage durch ihr promiskuitives Verhalten verbreiten.

„Erzählt ihnen, was hier geschehen ist“

Mit dem Anwachsen des HIV-infizierten Bevölkerungsteils steigt im Laufe der Zeit auch die Zahl der Schwerkranken und Sterbenden drastisch an. Dies wird unsägliche Trauer und unermeßliches Leid mit sich bringen. In dem schwer von Aids gezeichneten Grenzgebiet zwischen Uganda und Tansania hat es beispielsweise den 59jährigen Khamlua getroffen. Seit 1987 hat er 11 seiner Kinder und Enkel begraben — alles Aidsopfer. „Bringt meine Klagen hinaus in die Welt“, schluchzt er, von seinem Schicksal gebeutelt. „Erzählt ihnen, was hier geschehen ist.“

Angesichts der Verbreitungswege von Aids droht das, was Khamlua in Afrika widerfahren ist, sich in vielen anderen Teilen der Welt zu wiederholen. „Aber“, so mag sich der eine oder andere fragen, „warum trägt Afrika die Hauptlast an so großem menschlichen Leid und Elend?“

[Herausgestellter Text auf Seite 3]

In einigen Entwicklungsländern „wird sich Aids bis zum Jahr 1993 zur häufigsten Todesursache entwickelt haben“ (The World Today, England)