Zurück zum Inhalt

Zurück zum Untermenü

Zum Inhaltsverzeichnis springen

Jehovas Zeugen

Deutsch

Jahrbuch der Zeugen Jehovas 2014

 SIERRA LEONE UND GUINEA

1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)

1991-2001 Im „Schmelzofen der Trübsal“ (Jes. 48:10) (Teil 2)

Das Bethel unter Beschuss!

Im Februar 1998 startete die Regierung gemeinsam mit Truppen der ECOMOG (Economic Community of West African States Monitoring Group) eine radikale Offensive gegen die Rebellen, um sie aus Freetown zu vertreiben. Es ging schrecklich zu. Leider kam dabei auch ein Bruder durch Granatsplitter ums Leben.

Ungefähr 150 Verkündiger suchten Zuflucht in den Missionarheimen in Kissy und Cockerill. Was im Bethel passierte, erzählt Laddie Sandy, einer der Nachtwächter: „Philip Turay und ich hatten Dienst. Plötzlich tauchten 2 bewaffnete RUF-Rebellen auf und verlangten von uns, die Glastüren zur Lobby zu öffnen. Sofort brachten wir uns in Sicherheit. Die beiden schossen immer wieder auf das Türschloss. Seltsamerweise ging es nicht kaputt. Sie kamen aber auch nicht auf die Idee, die Glasscheiben zu zerschießen. Genervt zogen sie wieder ab.

In der übernächsten Nacht kamen die zwei wieder, gefolgt von rund 20 entschlossenen, gut ausgerüsteten Kumpanen. Wir alarmierten sofort die anderen 5 Betheliten und rannten zum ausgemachten Versteck im Keller. Hinter den 2 großen Fässern war es stockfinster. Wir zitterten am ganzen Leib. Die Rebellen schossen sich den Weg ins Gebäude frei. Das hielt selbst das hartnäckige Türschloss nicht aus. ‚Findet diese Zeugen und schneidet ihnen die Kehle durch!‘, bellte einer. Wir saßen zusammengekauert und wagten nicht, auch nur einen Mucks von uns zu geben. 7 Stunden lang durchwühlten und verwüsteten sie alles. Endlich zogen sie wieder ab!

Wir packten unsere Siebensachen und liefen zum Cockerill-Missionarheim, dem alten Bethel, das nur ein  paar Häuser entfernt war. Unterwegs wurden wir von einer anderen Rebellen-Gang überfallen und ausgeraubt. Völlig verstört, aber froh, noch am Leben zu sein, kamen wir endlich an. Wir ruhten uns ein paar Tage aus und gingen dann zurück, um das Chaos im Bethel zu beseitigen.“

Nach 2 Monaten, inzwischen hatten die ECOMOG-Truppen alles unter Kontrolle, trafen die ersten Missionare aus Guinea wieder ein. Sie ahnten allerdings nicht, wie kurz ihr Aufenthalt werden würde.

„Operation No Living Thing“

Acht Monate später, im Dezember 1998, fand im Freetowner Nationalstadion der Kongress „Gottes Weg des Lebens“ statt, den Hunderte besuchten. Plötzlich war ein dumpfer Knall zu hören und in den Bergen stieg Rauch auf. Die Rebellen waren zurück!

In den nächsten Tagen wurde die Lage in der Stadt immer kritischer. Das Zweigkomitee charterte ein kleines Flugzeug, mit dem 12 Missionare, 8 ausländische Betheldiener und 5 Bauhelfer nach Conakry ausgeflogen wurden. 3 Tage später, am 6. Januar 1999, starteten die Rebellentruppen ihren Todesfeldzug „Operation No Living Thing“. Die Todesschwadronen verwüsteten Freetown und metzelten gnadenlos rund 6 000 Zivilisten nieder. Wahllos hackten sie Arme und Beine ab, entführten Hunderte Kinder und zerstörten Tausende Häuser.

Edward Toby, ein sehr beliebter Bruder, wurde brutal ermordet. Mehr als 200 traumatisierte Brüder und Schwestern kamen entweder im Bethel oder im Cockerill-Missionarheim unter. Andere versteckten sich in ihrem Haus. Die Zeugen, die sich im Kissy-Missionarheim versteckt hielten, brauchten dringend Medikamente. Doch die Straßen Freetowns waren lebensgefährlich und Kissy lag genau am anderen Ende der Stadt. Wer würde das  Risiko auf sich nehmen? Laddie Sandy und Philip Turay, die mutigen Nachtwächter!

„In der Stadt ging es chaotisch zu“, erinnert sich Philip. „An vielen Stellen wurden die Leute von den Rebellensoldaten kontrolliert und nach Lust und Laune schikaniert. Wegen der Ausgangssperre hatten wir tagsüber nur wenige Stunden, um weiterzukommen. 2 Tage später erreichten wir unser Ziel. Doch was uns erwartete, war ein geplündertes und ausgebranntes Missionarheim.

Als wir uns in der Umgebung umsahen, fanden wir Bruder Andrew Caulker. Er war schwer am Kopf verletzt, weil ihn Rebellen gefesselt und wiederholt mit einer Axt auf ihn eingeschlagen hatten. Erstaunlicherweise überlebte er diese Tortur und konnte sich befreien. Wir  brachten ihn schleunigst ins Krankenhaus, wo er sich langsam wieder erholte. Später wurde er Pionier.“

Von links nach rechts: Laddie Sandy, Andrew Caulker und Philip Turay

Andere Zeugen kamen unversehrt davon, weil sie als neutral bekannt waren. Ein Bruder berichtet: „Die Rebellen verlangten von meiner Frau und mir, auf der Straße mit einem weißen Tuch um den Kopf für ihre Sache zu tanzen. ‚Wenn ihr euch weigert, dann hacken wir euch ein Bein oder einen Arm ab! Oder wir legen euch gleich um!‘, drohten sie uns. Schockiert machten wir einen Schritt zur Seite und schickten ein Stoßgebet zum Himmel. Ein Nachbarsjunge erkannte unsere verzwickte Lage und sagte dem Anführer: ‚Der Mann ist harmlos. Der macht bei politischen Sachen nicht mit. Wir übernehmen das Tanzen für ihn.‘ Der Anführer gab sich damit zufrieden und wir stürzten nach Hause.“

Eine unheimliche Stille legte sich über die Stadt. Vorsichtig gingen die Brüder wieder in die Zusammenkünfte und in den Dienst. Weil sie Kongressabzeichen trugen, erkannte man sie an den Kontrollstellen sofort. Dort gab es lange Warteschlangen und viele wurden richtige Experten, wenn es darum ging, biblische Gespräche anzufangen.

Weil überall in der Stadt die Vorräte ausgingen, schickte das britische Zweigbüro 200 Hilfspakete per Luftfracht. Billie Cowan und Alan Jones flogen von Conakry nach Freetown, um die Lieferung durch die vielen Kontrollstellen zu begleiten. Gerade noch rechtzeitig vor der Ausgangssperre schafften sie es ins Bethel. James Koroma diente als Kurier und brachte Literatur und anderes Wichtiges aus Conakry mit. Auch die Brüder im abgelegenen Bo und Kenema bekamen Literatur.

Die Hilfspakete kommen in Freetown an

Am 9. August 1999 kamen die ersten Missionare aus Conakry zurück nach Freetown. Im folgenden Jahr trieb eine britische Eingreiftruppe die Rebellen aus der Stadt.  Zwar wurde noch vereinzelt weitergekämpft, doch im Januar 2002 wurde der Krieg dann für beendet erklärt. In diesen 11 Jahren verloren 50 000 Menschen ihr Leben, 20 000 wurden verstümmelt, 300 000 Häuser wurden zerstört und 1,2 Millionen wurden aus ihrer Heimat vertrieben.

Wie erging es Gottes Volk im Krieg? Jehova schenkte seinen Schutz und Segen. Rund 700 ließen sich taufen. Obwohl Hunderte ihre Heimat verlassen mussten, nahm die Zahl der Verkündiger um 50 Prozent zu. In Guinea waren es sogar über 300 Prozent! Vor allem aber sind die Brüder ihrem Gott unerschütterlich treu geblieben. Trotz „Schmelzofen der Trübsal“ waren sie unzertrennlich und standen einander liebevoll bei. Sie ließen sich nicht davon abbringen, fleißig „zu lehren und die gute Botschaft“ zu verkündigen (Jes. 48:10; Apg. 5:42).