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Franz und Hilda Kusserow mit ihren elf Kindern. Die Söhne Wilhelm und Wolfgang (Zweiter bzw. Siebter von links) wurden von den National­sozialisten wegen Kriegsdienst­verweigerung hingerichtet

25. JANUAR 2022
DEUTSCHLAND

Jehovas Zeugen bemühen sich um historische Kusserow-Dokumente

Jehovas Zeugen bemühen sich um historische Kusserow-Dokumente

Am 25. Januar berichtete die New York Times von einem Rechtsstreit zwischen Jehovas Zeugen in Deutschland und dem Militärhistorischen Museum der Bundeswehr (Dresden). Als rechtmäßige Eigentümerin hat die Religions­gemeinschaft auf Herausgabe eines umfangreichen Archivs geklagt, das Dokumente über die Familie Kusserow enthält. Es ist derzeit im Besitz des Museums. Durch die Herausgabe des Archivs würde eine moralisch höchst fragwürdige Situation richtiggestellt.

Die 13 Mitglieder der Familie Kusserow wurden von den National­sozialisten brutal verfolgt, weil sie Zeugen Jehovas waren. Die beiden Söhne Wilhelm und Wolfgang wurden als Kriegsdienst­verweigerer hingerichtet. Ihr jüngster Bruder Paul-Gerhard Kusserow, das einzige noch lebende Familienmitglied, sagt: „Meine Brüder sind dafür gestorben, dass sie den Wehrdienst verweigert haben. Ich finde es nicht korrekt, dass dieses Erbe in einem Militärmuseum verwahrt wird.“ Bei der Klage auf Herausgabe des Archivs geht es Jehovas Zeugen in Deutschland vor allem darum, diesen moralischen Widerspruch aufzulösen.

Die Religions­gemeinschaft kann belegen, dass Annemarie Kusserow, die älteste Tochter der Familie, Jehovas Zeugen in Deutschland ihr sorgsam angelegtes Archiv vermacht hat. Bei dem Archiv handelt es sich um über 1000 Dokumente wie Fotos, Zeichnungen, Abschiedsbriefe, Todesurteile und geheime Gestapo-Berichte.

Einige Zeit nach dem Tod von Annemarie Kusserow im Jahr 2005 musste die Religions­gemeinschaft feststellen, dass das Militärhistorische Museum der Bundeswehr in den Besitz des Archivs gekommen war. Das Museum erklärt, es habe das Archiv von einem Mitglied der Familie Kusserow gutgläubig erworben. Dieses Familienmitglied war nicht mehr mit Jehovas Zeugen verbunden und ist inzwischen verstorben.

Jehovas Zeugen in Deutschland haben sich fast sieben Jahre lang um eine gütliche Einigung mit dem Museum bemüht. Nachdem diese nicht erreicht werden konnte, sah sich die Religions­gemeinschaft gezwungen, auf Herausgabe des historischen Vermächtnisses zu klagen.

Sollte die Klage Erfolg haben, würden Jehovas Zeugen das Archiv in ihrem zentral­europäischen Zweigbüro in Selters (Taunus) ausstellen. Dort könnten Zehntausende von Besuchern aus aller Welt die Dokumente kostenfrei besichtigen und etwas über den unerschütterlichen Glauben der Familie Kusserow erfahren. a

a Derzeit kann das Zweigbüro aufgrund der Corona-Pandemie nicht besucht werden. Vor der Pandemie besuchten Zehntausende Zeugen Jehovas und viele andere aus dem In- und Ausland die verschiedenen Ausstellungen.