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Der erste Eindruck: Sollte man ihm trauen?

Der erste Eindruck: Sollte man ihm trauen?

 Der erste Eindruck: Sollte man ihm trauen?

EIN Arzt sitzt gemütlich im Wohnzimmer und verfolgt eine Talkshow im Fernsehen. Zu Gast ist ein irischer Staatsminister. Als sich der Arzt das Gesicht des Ministers genauer ansieht, denkt er: „Der Mann hat einen Tumor!“ Er gibt dem Minister den Rat, sich schnellstmöglich untersuchen zu lassen.

Die Diagnose stellt sich als korrekt heraus. Der Mediziner hat eine Fähigkeit bewiesen, die man auch den „klinischen Blick“ nennt. Er lieferte, gestützt auf rein äußerliche Anzeichen, eine treffende Diagnose. Manche glauben, eine Art klinischen Blick zu haben, wenn es um den Charakter, die Persönlichkeit oder die Vertrauenswürdigkeit eines Menschen geht.

Im Lauf der Jahrhunderte wurde immer wieder versucht, die Auffassung, man könne allein vom Äußeren auf den Charakter schließen, auf wissenschaftliche Beine zu stellen. Heraus kam die Physiognomik, eine Pseudowissenschaft, die sich laut Brockhaus in Text und Bild 2007 mit der „Deutung der Wesensart eines Menschen aus seiner Körpergestalt, besonders aus den Gesichtszügen“, befasste. Im 19. Jahrhundert entwickelten Anthropologen wie Francis Galton — ein Cousin von Charles Darwin — und Kriminologen wie der Italiener Cesare Lombroso ähnliche Theorien und Techniken, die jedoch im Großen und Ganzen in Vergessenheit geraten sind.

Trotzdem glauben immer noch viele, sie könnten sich allein aufgrund der äußeren Erscheinung eines Menschen ein zuverlässiges Urteil über ihn bilden. Kann man dem ersten Eindruck wirklich trauen?

Urteil nach dem äußeren Schein

Im ersten Buch Samuel wird deutlich gezeigt, wie gründlich man sich vertun kann, wenn man nach dem ersten Eindruck geht. Jehova Gott wies den Propheten Samuel an, zu einem Mann namens Isai zu gehen, um einen seiner Söhne zum künftigen König von Israel zu salben. Die Bibel berichtet: „Es geschah, als sie [die Söhne] hereinkamen und er Eliab erblickte, dass er sogleich sagte: ‚Gewiss ist vor Jehova sein Gesalbter.‘ Aber Jehova sprach zu Samuel: ‚Schau nicht auf sein Aussehen und auf die Höhe seines Wuchses, denn ich habe ihn verworfen. Denn nicht wie der Mensch sieht, sieht Gott, denn der Mensch sieht das, was vor den Augen erscheint; Jehova aber, er sieht, wie das Herz ist.‘ “ Dasselbe wiederholte sich bei sechs weiteren Söhnen. Zum Erstaunen von Samuel und Isai wählte Gott schließlich David, den achten Sohn, als künftigen König aus — einen jungen Burschen, an den überhaupt keiner gedacht hatte (1. Samuel 16:6-12).

Wie schnell man mit seinem Urteil falschliegen kann, zeigt auch ein Experiment, das ein Juraprofessor in Deutschland vor ein paar Jahren mit einigen Hundert Studenten durchführte: Der Kriminologe lud zwölf unbekannte „Gäste“ in seine Vorlesung ein, darunter den Polizeipräsidenten der Stadt, einen Staatsanwalt, den Kanzler und den Pressestellenleiter der Universität, Rechtsanwälte, Justizvollzugsbeamte sowie drei verurteilte Straftäter. Die Studenten sollten angeben, was wohl der Beruf eines jeden sei und wer von den Gästen aus welchem Grund schon einmal zu einer Gefängnisstrafe verurteilt wurde. Anhaltspunkte waren nur das Aussehen der Betreffenden und ihre Hobbys.

Das Ergebnis: Etwa 75 Prozent der Studierenden fanden tatsächlich die drei echten Straftäter heraus. Durchschnittlich 60 Prozent schoben aber auch die neun anderen Gäste in die kriminelle Ecke, obwohl sie nichts verbrochen  hatten. In dem Staatsanwalt glaubte jeder siebte Student einen potenziellen Drogendealer zu erkennen, und der Polizeipräsident sah für jeden dritten Studenten wie ein Dieb aus. Ja, wer sich auf den äußeren Eindruck verlässt, kann gewaltig danebenliegen. Wie kommt das?

Der äußere Schein kann trügen

Wenn wir jemand zum ersten Mal treffen, bilden wir uns oft auf der Grundlage früherer Erfahrungen eine Meinung über ihn. Wir neigen dann zu Verallgemeinerungen und Schubladendenken. Neben dem Äußeren können bei der Einschätzung auch Nationalität, ethnische Zugehörigkeit, sozialer Status oder Religion eine Rolle spielen.

Bestätigt sich unsere Meinung, klopfen wir uns anerkennend auf die Schulter — noch überzeugter, dass wir unserem ersten Eindruck wirklich trauen können. Wie reagieren wir jedoch, wenn wir die Person besser kennenlernen und merken, dass wir uns komplett verschätzt haben? Ehrlicherweise müssten wir dann unsere vorgefasste Meinung über Bord werfen und uns den Tatsachen stellen. Sonst könnte es sein, dass wir dem anderen einen denkbar schlechten Dienst erweisen oder ihm sogar völlig unrecht tun, und das nur, weil wir auf unser „gutes“ Urteilsvermögen so stolz sind.

Nach dem äußeren Schein zu urteilen kann nicht nur für den Betreffenden zum Schaden sein, sondern auch für einen selbst. Das war zum Beispiel bei vielen Juden im 1. Jahrhundert so. Sie sperrten sich gegen den Gedanken, Jesus könnte der versprochene Messias sein. Warum taten sie das? Weil sie sich von Äußerlichkeiten bestimmen ließen — und da machte Jesus, ein einfacher Zimmermannssohn, nicht viel her. Seine Weisheit und seine Wunder beeindruckten sie zwar, doch sie wollten nicht von ihrer vorgefassten Meinung abrücken. Die Folge? Jesus sagte: „Ein Prophet ist nicht ohne Ehre, ausgenommen in seinem Heimatgebiet und in seinem eigenen Haus“, und wandte seine Aufmerksamkeit anderen zu (Matthäus 13:54-58).

Diese Juden gehörten zu einem Volk, das den Messias schon seit Jahrhunderten erwartete. Und jetzt, wo er da war, ließen sie sich durch ihren ersten Eindruck davon abhalten, ihn anzuerkennen — ein fataler Fehler! (Matthäus 23:37-39). Ähnliche Vorurteile brachte man auch Jesu Jüngern entgegen. Viele konnten sich damals nicht vorstellen, dass ein paar einfache Fischersleute, die von den Gebildeten und den führenden Köpfen der vorherrschenden Religion verachtet wurden, etwas Wichtiges zu sagen hatten. Alle, die von ihrem ersten Eindruck nicht abrücken wollten, verbauten  sich die großartige Chance, Jünger des Sohnes Gottes zu werden (Johannes 1:10-12).

Sie haben umgedacht

Manche Zeitgenossen Jesu waren demütig genug, ihre Meinung zu ändern, als sie sahen, was Jesus alles tat (Johannes 7:45-52). Dazu gehörten beispielsweise Verwandte von ihm, die anfangs nicht ernsthaft daran gedacht hatten, jemand aus ihrer Familie könnte der Messias sein (Johannes 7:5). Wie gut, dass sie ihre Meinung mit der Zeit änderten und an ihn glaubten (Apostelgeschichte 1:14; 1. Korinther 9:5; Galater 1:19). Einige Juden in Rom waren später ebenfalls zum Umdenken bereit. Sie hörten dem Apostel Paulus zu, statt Gerüchten zu glauben, die Gegner des Christentums gestreut hatten. Manche wurden daraufhin gläubig (Apostelgeschichte 28:22-24).

Heute haben viele keine gute Meinung von Jehovas Zeugen. Aber meistens nicht deshalb, weil sie sich mit den Tatsachen auseinandergesetzt hätten oder beweisen könnten, dass die Glaubenslehren und -praktiken der Zeugen nicht mit der Bibel übereinstimmen. Was ist dann das Problem? Sie können sich einfach nicht vorstellen, dass die religiöse Wahrheit bei Jehovas Zeugen zu finden sein soll. Genau das Gleiche dachten viele über die Christen im 1. Jahrhundert.

Es überrascht nicht, wenn über Menschen, die Jesus nachfolgen möchten, negative oder abfällige Bemerkungen gemacht werden. Warum nicht? Weil Jesus zu seinen Jüngern sagte: „Ihr werdet um meines Namens willen Gegenstand des Hasses aller Leute sein.“ Dann sprach er ihnen jedoch Mut zu: „Wer . . . bis zum Ende ausgeharrt haben wird, der wird gerettet werden“ (Matthäus 10:22).

Von diesen Worten lassen sich Jehovas Zeugen heute leiten und tun ihr Möglichstes, um Menschen auf der ganzen Erde die gute Botschaft von Gottes Königreich zu bringen (Matthäus 28:19, 20). Wer seine Ohren davor verschließt, riskiert, sich den Weg zum ewigen Leben zu versperren (Johannes 17:3). Es wäre also gut, sich zu fragen: Lasse ich mich vom ersten Eindruck und von vorgefassten Meinungen leiten oder bin ich bereit, den Tatsachen unvoreingenommen auf den Grund zu gehen? Und nicht vergessen: Der äußere Schein kann trügen und der erste Eindruck ist oft falsch, doch wer die Fakten objektiv prüft, wird wahrscheinlich angenehm überrascht sein (Apostelgeschichte 17:10-12).

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Viele Juden verließen sich auf ihren ersten Eindruck und lehnten Jesus als Messias ab

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Stützt sich meine Meinung über Jehovas Zeugen auf subjektive Eindrücke oder auf Tatsachen?