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Wie die moderne Landwirtschaft die Welt verändert hat

Wie die moderne Landwirtschaft die Welt verändert hat

 Wie die moderne Landwirtschaft die Welt verändert hat

WIE beschafft sich Otto Normalverbraucher seine Nahrungsmittel? Kauft er sie oder baut er sie an? Es ist noch nicht lange her, dass die meisten Menschen Selbstversorger waren — das heißt, sie lebten von dem, was sie selbst erzeugten. Heute jedoch arbeiten in manchen Industrienationen nur noch 2 Prozent der Bevölkerung in der Landwirtschaft. Wie kam es zu diesem Wandel?

Der landwirtschaftliche Fortschritt begann langsam, beschleunigte sich dann aber zusehends. Jeder einzelne Schritt bedeutete für Millionen Familien tiefe Einschnitte. Diese Entwicklung hält bis heute weltweit an. Betrachtet man, wie sehr der Fortschritt in der Landwirtschaft das Leben verändert hat, versteht man die Welt von heute besser.

Der Beginn einer großen Umwälzung

Zu einem bedeutenden Schritt weg von der Selbstversorgung kam es in Europa erstaunlicherweise schon im 12. Jahrhundert durch die Einführung des Kummets. Mit diesem gepolsterten Bügel konnte ein Pferd arbeiten, ohne sich die Luft abzudrücken. Pferde mit einem Kummet um den Hals zogen stärker, schneller und ausdauernder als Ochsen, die zuvor eingesetzt wurden. So steigerte man die Erträge. Denn mit eisernen Pflügen konnte Land bearbeitet werden, das davor nicht kultivierbar war. Ein weiterer Schritt war der Einsatz von bodenverbessernden Pflanzen wie Bohnen, Erbsen, Klee und Luzerne, die die Erde mit Stickstoff anreichern. Das brachte reichere Ernten.

So erwirtschafteten manche Bauern einen Überschuss, den sie verkaufen konnten. Dadurch gab es in den wachsenden Städten Nahrungsmittel zu kaufen und immer mehr Menschen arbeiteten als Handwerker und Händler. Aus den Reihen wohlhabender Handwerker, Händler und Bauern kamen die Erfinder der ersten landwirtschaftlichen Maschinen.

Um 1700 entwickelte der englische Landwirt Jethro Tull eine von Pferden gezogene Sämaschine. Sie ersetzte die Aussaat mit der Hand, die mit einem hohen Saatgutverlust verbunden war. In den USA erfand Cyrus McCormick 1831 eine Mähmaschine, mit der das Getreide fünfmal so schnell geerntet werden konnte wie mit der Sense.  Ungefähr zur selben Zeit begann man in Europa Mineraldünger aus den Anden einzuführen. Der Einsatz von Maschinen und Mineraldünger führte zu einer gewaltigen Ertragssteigerung. Was bedeutete das für die Menschen?

Der landwirtschaftliche Fortschritt mit dem großen Angebot preiswerter Nahrungsmittel in den Städten legte den Grundstein für die industrielle Revolution, die sich zwischen 1750 und 1850 zunächst in England bemerkbar machte. Tausende Familien hatten keine andere Wahl, als in Industriestädte zu ziehen und in Kohlebergwerken, Eisengießereien, Werften und Textilfabriken zu arbeiten. Denn Kleinbauern, die sich die Neuerungen nicht leisten konnten, bekamen weniger Geld für ihre Produkte und konnten die Pacht nicht mehr bezahlen. Ihnen blieb nichts anderes übrig, als ihren Hof aufzugeben und in übervölkerte Elendsviertel zu ziehen, wo Krankheiten schnell um sich griffen. Nun arbeitete man nicht mehr wie in der Landwirtschaft als Familie zusammen, weil die Männer ihren Arbeitsplatz woanders hatten. Sogar Kinder arbeiteten viele Stunden in den Fabriken. Andere Länder erlebten bald ähnliche Veränderungen.

Wissenschaftliche Methoden bringen weitere Veränderungen

Um 1850 gab es einige wohlhabende Länder, die sich landwirtschaftliche Forschung leisten konnten. So ist es durch die Agrarwissenschaft bis heute immer wieder zu Veränderungen gekommen. Pflanzenzüchter, die sich mit Genetik befassten, zogen beispielsweise Pflanzen heran, die höhere Erträge brachten und widerstandsfähiger gegen Krankheiten waren. Man fand heraus, wie viel Nitrate und Phosphate bestimmte Pflanzen oder Böden benötigen. In der Wachstumsphase der Kulturpflanzen war man bis dahin mit Unkrauthacken beschäftigt gewesen. Mit dem Einsatz ausgeklügelter Unkrautvertilgungsmittel verloren jedoch viele Landarbeiter ihre Beschäftigung. Würmer, Rüsselkäfer und andere Insekten sind altbekannte Feinde des Landwirts. Mittlerweile kann er aber auf ein Arsenal von Chemikalien zurückgreifen, um fast jedem Schädling den Garaus zu machen. *

Auch das Leben der Viehbauern hat sich verändert. Dank Melkroboter und computergesteuerter Fütterung kann ein einziger Bauer mit einem Helfer bis zu 200 Kühe versorgen. Kälber und Schweine nehmen schneller an Gewicht zu, wenn sie in Ställen gehalten werden und nicht mehr im Freien. Temperatur und Fütterung lassen sich so besser überwachen.

Die Ergebnisse waren dank wissenschaftlicher Methoden oft überwältigend. Einige Landwirte erhöhten den Ertrag pro Arbeiter auf das Hundert- oder Tausendfache des vorindustriellen Stands. Wie hat sich diese Entwicklung auf das Leben der Menschen ausgewirkt?

Veränderte Lebensweise der Bauern

Maschinen haben vielerorts das Leben der Landwirte auf den Kopf gestellt. Viele Bauern und Landarbeiter müssen komplizierte Maschinen bedienen und instand halten können. Immer öfter arbeiten sie ganz allein. Vorbei ist es mit der Kameradschaft beim gemeinsamen Säen, Hacken, Jäten und Ernten.

In vielen Ländern ist ein ganz neuer Typ Landwirt in Erscheinung getreten: ein hochgebildeter Geschäftsmann, der sich auf die Massenproduktion weniger Erzeugnisse oder sogar nur eines einzigen spezialisiert hat. Er steckt eine Menge Geld in das Land, die Gebäude und die Maschinen. Doch er ist alles andere als unabhängig. Riesige Nahrungsmittelfirmen und Supermarktketten diktieren ihm nicht nur den Preis, sondern auch Sorte, Größe und Farbe seiner Erzeugnisse. Agraringenieure planen sein Produktionssystem und spezialisierte Firmen liefern ihm Dünger, Pestizide und Hybridsaatgut, genau den Besonderheiten seines Betriebes entsprechend. Er hat zwar die Arbeitsmethoden seiner Vorfahren weit hinter sich gelassen, doch kämpfen muss er immer noch. Man äußert sich auch besorgt über mögliche Folgeschäden bestimmter landwirtschaftlicher Methoden.

Die Krise hält an

In reichen Ländern werden viele Bauern weiterhin von ihrem Land vertrieben, weil sie gegen große landwirtschaftliche Kooperativen keine Chance haben. Einige halten ihr geliebtes Landleben nur noch dadurch aufrecht, dass sie zusätzlich Freizeitaktivitäten anbieten wie Ferien auf dem Bauernhof, Camping oder Golf. Manche verlegen  sich auf ein traditionelles Kunsthandwerk. Wieder andere spezialisieren sich auf Bioprodukte, Blumen, Alpakas oder Strauße.

In ärmeren Ländern, wo bis zu 80 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft leben, kommt es für viele sich selbst versorgende Kleinbauern zu dramatischen Veränderungen. Internationale Firmen, die mit industriellen Methoden arbeiten, kaufen oft das beste Land auf und bauen an, was irgendwo in der Welt auf den Markt kommt. Kleinbauern, die wenige oder gar keine Maschinen besitzen, müssen sich zur Versorgung ihrer Familien mit unfruchtbaren Böden oder winzigen Feldern begnügen.

Die massenhafte Abwanderung der Landbevölkerung in die Städte ist der Höhepunkt einer jahrhundertelangen Entwicklung. Für einige ist der Wechsel vom Land- zum Stadtleben vorteilhaft, für andere aber schmerzlich. Kaum einer Regierung ist es gelungen, Betroffenen auf wirksame und rücksichtsvolle Weise zu helfen. Die Menschheit braucht das Königreich Gottes! Nur unter seiner Herrschaft ist eine bessere Lebensweise möglich (Jesaja 9:6).

[Fußnote]

^ Abs. 10 Erwachet! empfiehlt keine bestimmte landwirtschaftliche Methode.

[Kasten/Bilder auf Seite 23]

UNTERSCHIEDLICHE WEGE

Eusebio lebt in den Anden. Er baut Feldfrüchte an und besitzt 14 Rinder. „Sie alle haben Namen“, erzählt er. „Landwirtschaft ist mein Leben. Wir bauen all unser Gemüse selbst an. Meine Frau und ich helfen unseren Nachbarn beim Pflügen und bei der Ernte und sie helfen uns. Hier hat niemand Maschinen. Wir pflügen mit Ochsen. Wo es zu steil ist, graben wir um.

Einmal starben fast alle unsere Tiere an einer Krankheit. Danach habe ich einen Schnellkurs in Tiermedizin besucht. Seitdem haben wir kein einziges Tier mehr durch eine Krankheit verloren, und ich kann sogar den kranken Tieren unserer Nachbarn helfen. Wir verkaufen auf dem Dorfmarkt Käse. Das bringt zwar nicht viel ein, trotzdem haben wir für unsere sechs Kinder immer genug zu essen.“

Richard bearbeitet mehr als 500 Hektar Land in der kanadischen Prärie. Er arbeitet ganz allein, abgesehen von einem Arbeiter, der ihm beim Säen und Ernten hilft.

„Heute ist in der Landwirtschaft die geistige Belastung größer als die körperliche“, sagt Richard. „Mein Traktor und mein Mähdrescher haben ein klimatisiertes Führerhaus. Das schützt mich vor Staub und Insekten. Ich habe Maschinen mit neun Meter Arbeitsbreite. Damit kann ich an einem Tag eine Fläche von 65 Hektar besäen oder abernten. Aber ich bin stark von den Maschinen abhängig, und da beginnt der Stress. Manchmal muss ich einen Kredit aufnehmen, um eine Maschine zu ersetzen. Ob ich ihn zurückzahlen kann, hängt von Faktoren ab, die ich nicht beeinflussen kann: Regen, Frost, Marktpreise und Kreditzinsen. Unter vielen Bauern haben die Belastungen zu Eheproblemen geführt. Es gab sogar schon Selbstmorde.“

[Bild auf Seite 21]

Mit der McCormick-Mähmaschine von 1831 konnte man Getreide fünfmal schneller ernten

[Bildnachweis]

Wisconsin Historical Society, WHi-24854