Zurück zum Inhalt

Zum Inhaltsverzeichnis springen

Irland

Irland

 Irland

„IRLAND war während des finsteren Mittelalters ‚die Insel der Heiligen und Gelehrten‘ und hielt das Licht der christlichen Lehre hoch, als es woanders schon ausgelöscht war“, schrieb Donald S. Connery in seinem Buch The Irish (Die Iren). Jedoch leuchteten die Strahlen der wahren christlichen Lehre erst nach Jahren treuer und eifriger Tätigkeit seitens Jehovas Dienern hell auf. Die Geschichte ihres Kampfes gegen ständigen Widerspruch und hartnäckigen Widerstand steht als ein Zeugnis für ihren festen Glauben und ihre Entschlossenheit und auch für ihre tiefe Liebe zu Jehova und den Menschen, denen sie zu helfen suchten. Wer sind diese Diener Jehovas, und welches ist ihre Geschichte?

In Irland leben etwas mehr als 5 Millionen Menschen. Diese sind scharf voneinander getrennt durch politische Ideologien und religiösen Haß, der sich, wie dies in den vergangenen Jahren der Fall war, leicht in offenen Konflikten und brutaler Gewalt entladen kann. Man wird aber auch feststellen, daß die Iren nicht nur herzlich und fröhlich, sondern auch gastfreundlich und gelassen sind.

Die Geschichte von der Zeit der keltischen Eindringlinge an im 4. Jahrhundert v. u. Z. über die plündernden Wikinger und Normannen bis hin zu den Königen von England ist eine einzige tragische Erzählung voll Bitterkeit, Blutvergießen und Bedrückung. Über 750 Jahre wurde Irland von England regiert. Nach einem Kampf um die Unabhängigkeit wurde die Insel im Jahre 1922 geteilt. Der nordöstliche Teil mit überwiegend protestantischer Bevölkerung verblieb dem Vereinigten Königreich. Die anderen vier Fünftel der Insel, zumeist gänzlich katholisch, wurden die unabhängige Republik Irland.

DAS GRÜNE JUWEL

Trotz der dunklen Schatten der Geschichte Irlands  leuchtet das Land in grünfarbener Schönheit. Die Insel ist wie ein Smaragd mit leicht nebligen, grünen Landschaftsbildern, eingefaßt von felsigen Küstenstrichen. Reise die etwa 270 km von Osten nach Westen, und du wirst dich erfreuen an der fruchtbaren Zentralebene des Landes, die von welligen Hügeln und eindrucksvollen Bergen umrandet ist. Reise nun die etwa 480 km von Norden nach Süden, und du wirst hingerissen sein von den malerischen Seen und Flüssen, von den herrlichen Küstenpanoramen und von der Farbenvielfalt — eine Überfülle an Grün und Blumen. Einmal gesehen, wird man Irlands Schönheit nicht so schnell vergessen!

Obwohl Irland hauptsächlich ein Agrarland ist, sind in den vergangenen Jahren einige Industrien aus dem Boden geschossen. Die wenigen Ballungsgebiete wie Dublin, die Hauptstadt der Republik, und Belfast, die Hauptstadt von Nordirland, stehen in starkem Gegensatz zu den ruhigen, friedlichen Städten und Dörfern der ländlichen Gebiete. In dieser Gegend wurde gegen Ende des 19. Jahrhunderts der Funke der Wahrheit entfacht.

C. T. RUSSELL ENTFACHT DIE WAHRHEIT

Im Jahre 1891 besuchte Charles T. Russell, der erste Präsident der Watch Tower Bible and Tract Society, Irland. Dies war sein erster Anlaufhafen, als er aus den Vereinigten Staaten anreiste, um das Predigen der christlichen Wahrheit in Europa auszudehnen. Bruder Russell, selbst schottisch-irischer Abstammung, ging in Queenstown (nun Cobh) im Süden Irlands von Bord.

Als Ergebnis seiner Arbeit wurden in Dublin und Belfast Ekklesias oder Versammlungen gegründet, und von diesen begann sich die Botschaft der Wahrheit allmählich auszubreiten. Anfänglich verbreiteten die Brüder Traktate an den Portalen der protestantischen  Kirchen und gaben mehr informell als organisiert Zeugnis. Die Zeitschrift The Watchtower von 1904 berichtet: „Auch in Irland dehnte sich die Wahrheit aus: Die treuen Geschwister in Dublin fahren fort, die Botschaft der Liebe auszubreiten, und haben dabei selbst viel Freude.“

Im Jahre 1908 besuchten etwa 300 Personen Bruder Russells Vortrag in Belfast mit dem Thema „Der Sturz von Satans Weltreich“. Zu dieser Zeit gab es in Belfast eine Ekklesia mit ungefähr 24 Bibelforschern. Nachdem sich Bruder Russell in Dublin mit ungefähr 40 Brüdern und anderen interessierten Personen getroffen hatte, sprach er dort zu einer Zuhörerschaft von mehr als tausend Menschen.

Bei einem anderen Besuch drei Jahre später traf sich Bruder Russell mit ungefähr 40 Bibelforschern in Belfast. An diesem Abend kamen etwa tausend Menschen zur Ulster Hall, um seinen Vortrag zu hören: „Welches ist das wahre Evangelium?“ In seiner Ansprache verteidigte Bruder Russell kraftvoll die Bibel gegen die höhere Textkritik und betonte nachdrücklich die Notwendigkeit, zur Bibel zurückzukehren, anstatt Bekenntnissen und Lehren von Menschen zu folgen.

MANGEL AN GEEINTEM DENKEN

Trotz hoffnungsvoller Anfänge machte das Predigtwerk noch keine großen Fortschritte. Als damals die Bibelforscher in Irland gerade anfingen, die biblische Wahrheit zu verstehen, herrschte nicht das gleiche geeinte Denken vor, wie es sich seither unter Jehovas Volk weltweit entwickelt hat. Der Grund war, daß viele Mitverbundene die Notwendigkeit übersahen, „harmonisch zusammengefügt“ zu sein, um Gottes Willen zu tun (Eph. 4:1-6, 16).

Im Jahre 1914 gab es etwa 70 Bibelforscher. Viele gaben ihrer eigenen Auslegung der Bibel den Vorzug,  wenn in den Versammlungen zum Beispiel die Buchreihe Millennium-Tagesanbruch besprochen wurde. Sie wurden selbstgefällig und dachten, ihr Bibelverständnis wäre besser. Als sich dann abzeichnete, daß das Jahr 1914 nicht das vollständige Ende dieses Systems der Dinge bringen würde, verwarfen eine Anzahl dieser Bibelforscher den Kanal der Wahrheit, den Jehova gebrauchte.

EIN GEIST DES STOLZES IN DUBLIN

Während sich der Erste Weltkrieg so dahinschleppte, wurden durch den stolzen Geist unabhängig Denkender weitere Probleme verursacht. Sie dachten, daß die von Bruder Russell vertretenen biblischen Lehren nicht von Belang wären. So entging ihnen, daß Jehova für sein Volk noch ein wichtiges Werk zu tun hatte.

Im Jahre 1919 leisteten die Wahlältesten der Versammlung Dublin offenen Widerstand gegen den Rat und die Führung der Organisation Jehovas. Sie stellten sich allem entgegen, was ihnen in der Kontrolle über die Versammlung hinderlich war. Ihre eigenen Ansichten und Gedanken wurden ausschlaggebend (Röm. 12:3). Die Ältesten lasen der Versammlung die Briefe zwar vor, die von der Gesellschaft geschickt wurden, ignorierten aber jeden Rat oder jede Anweisung, die sie enthielten. Einige wenige Treue in der Versammlung fuhren fort, das zu tun, was sie konnten, indem sie sich am Verbreiten von Traktaten und Büchern wie Der göttliche Plan der Zeitalter beteiligten. Die Mehrheit jedoch hatte nicht den Wunsch, diese Tätigkeit durchzuführen.

Charles Wilson, einer der Brüder der ersten Versammlung in Dublin, erinnert sich, wie sich an einem Abend im Jahre 1920 die Dinge zuspitzten. Zu dieser Zeit hatten die meisten schon ihre Wertschätzung für  Jehovas Organisation verloren. Er erzählt uns, was passierte:

„Wir gingen abends zur Zusammenkunft, und einer der Ältesten sagte uns, daß die Versammlung beschließen würde, uns aus der Gemeinschaft hinauszutun. Als sie uns mitteilten, daß sie mit den Internationalen Bibelforschern brechen und ihre eigene Organisation gründen würden, entgegnete ich: ‚Gut, ihr braucht uns nicht aus eurer Gemeinschaft hinauszutun. Wir verlassen sie!‘ Ich drehte mich um und verließ den Saal. Bruder und Schwester Brown und Schwester Rutland kamen mir nach.“

Ein Faktor, der entscheidend war, drehte sich um das Predigtwerk mit dem Goldenen Zeitalter und anderen Veröffentlichungen. Ein anderer war, ob man eine mehr theokratische Methode der Organisation befürworten sollte, wie sie damals im Wachtturm besprochen wurde. Es war eine sehr schwierige Zeit, die aber eine Läuterung zur Folge hatte. Von etwa 100 Gliedern der Versammlung hielten nur vier treu zu Jehovas Organisation. Die Abgefallenen zersplitterten sich in noch kleinere, in sich uneinige Gruppen mit eigenen persönlichen Führern.

Das Predigtwerk in Dublin kam fast zum Stillstand. Aber im Laufe der Zeit nahmen andere die Herausforderung an, als Kolporteure oder Vollzeitprediger die gute Botschaft zu verkündigen, und das nicht nur in Dublin, sondern in ganz Irland.

Als Ergebnis des von Geistlichen geschürten Widerstands wurden die Kolporteure manchmal aus ihren Unterkünften vertrieben. Doch waren sie stets bei Schwester Rutland, einer ehemaligen Polizistin, willkommen. Sie war eine der Treuen, die in Dublin übriggeblieben waren. Viele Brüder und Schwestern erinnern sich liebevoll an sie als „Mutter“ Rutland und sind dankbar, daß sie ihr Heim zu einem Zufluchtsort  machte, wenn es einmal hart auf hart ging. Bei „Mutter“ Rutland war immer „ein Bissen auf dem Tisch und der Teekessel im Kamin“.

IN NORDIRLAND

Ehe wir mit der Geschichte der Republik Irland fortfahren, wollen wir uns etwas mit der Entwicklung in Nordirland beschäftigen. Diese Nordostecke der Insel mit ihrem sich wellenden Ackerland und den niedrigen Gebirgen wurde im 17. Jahrhundert von Protestanten aus Britannien besiedelt. Über zwei Drittel der nordirischen Bevölkerung stammen von englischen und schottischen Protestanten ab. Inzwischen hat sich eine besonders militante Form des Protestantismus entwickelt, der sich in einem giftigen Haß auf den Katholizismus ausdrückt. Auch auf diesem Teil der Insel waren die Menschen in geistiger Finsternis und unwissend über Gottes Vorsatz — genauso verblendet durch die Lehren Babylons der Großen wie die Bevölkerung im Süden. Auch sie brauchten Hilfe, um ihre Fesseln sprengen zu können (Offb. 17:1, 2; 18:2-4).

DURCH DAS PHOTO-DRAMA DIE AUGEN GEÖFFNET

Das Photo-Drama der Schöpfung, das beginnend mit dem Jahre 1914 verwendet wurde, trug dazu bei, den Menschen die Augen zu öffnen. Diese Vorführung setzte sich aus farbigen Lichtbildern und Filmen zusammen und wurde mit Schallplatten synchronisiert. Das Photo-Drama zeigte die Durchführung des Vorsatzes Gottes, von der Schöpfung anfangend bis zum Ende der Tausendjahrherrschaft Jesu Christi. Schwester Maggie Cooper half bei der Vorführung des Photo-Dramas in ganz Nordirland.

„Jeden Abend war der Saal brechend voll, und es gab sehr wenig Gegnerschaft, aber viel Wertschätzung“,  sagte sie. „Manches Vorurteil gegen uns wurde ausgeräumt.“ Schwester Cooper erinnerte sich, daß es keine einfache Aufgabe war, das ganze Drum und Dran für die achtstündige Vorführung des Photo-Dramas zu transportieren. „Wenn ich zurückdenke“, sagte sie, „weiß ich nicht mehr, wie wir das alles schafften. Es gab so viel Hindernisse, und eine ganze Tonne an Gepäck war zu schleppen.“ Doch im Vertrauen auf Jehova waren sie in der Lage, alle Hindernisse zu überwinden.

DIE WAHRHEIT ÜBER DIE HÖLLE

Traktate, die falsche Lehren wie die der Höllenfeuerqualen bloßstellten, durchbrachen die religiöse Finsternis in Nordirland. Während des Ersten Weltkriegs zum Beispiel erregte eine Anzeige in einer Belfaster Zeitung die Aufmerksamkeit von Bob Oliver. Da stand: „Was sagt die Bibel über die Hölle? Um ein Gratistraktat zu diesem Thema zu erhalten, schreiben Sie bitte an die Internationale Bibelforscher-Vereinigung, 34 Craven Terrace, London, W.2.“ Herr Oliver, Mitglied der presbyterianischen Kirche, hatte ernsthafte Zweifel an der Lehre vom Höllenfeuer. Er antwortete also auf die Anzeige, und er erkannte die Wahrheit in dem, was er las. Dieses Traktat anzufordern war der erste Schritt auf einem Lebensweg in Jehovas Dienst bis in die heutige Zeit.

Susan Milne hatte als Mädchen viele emotionsgeladene Zeltversammlungen besucht, die von einer Anzahl Sekten der „Wiedergeborenen“ in Nordirland abgehalten wurden und bei denen ihre Prediger auf der Lehre der ewigen Verdammnis im Höllenfeuer herumritten. Susan kam zu dem Ergebnis, daß sie nicht würdig war, gerettet zu werden, weil sie niemals die Erfahrung der Rettung verspürte, die so viele andere angeblich machten, wenn sie solche Versammlungen besuchten. Aber 1922 las sie das  Traktat Wo sind die Toten? Das veränderte ihre ganze Einstellung.

Vorher war sie überrascht, als ihr Vater sagte: „Allmählich fange ich an zu glauben, daß es so etwas wie ein Höllenfeuer überhaupt nicht gibt.“ Für sie war das Gotteslästerung. Jetzt aber wußte sie, was Jesus meinte, als er sagte: „Die Wahrheit wird euch frei machen“, besonders von falschen religiösen Lehren (Joh. 8:32). Nachdem sie also das Traktat gelesen hatte, besuchte sie ihren Vater, und zu ihrer gemeinsamen Freude stellte es sich heraus, daß sie beide Literatur von der gleichen Quelle lasen, nämlich von der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung. Sie und ihr Mann, ihr Vater und andere aus der Familie, sie alle kamen zur Wahrheit.

„VERKÜNDET ... DEN KÖNIG UND SEIN KÖNIGREICH“

Schwester Milne sah schnell die Notwendigkeit zu handeln. Oft wiederholte sie das Schlagwort des Kongresses in Cedar Point 1922: „Verkündet, verkündet, verkündet den König und sein Königreich“. Als Erwiderung darauf arbeiteten sie und ihre Familie ausgiebig mit dem Buch Die Harfe Gottes, und mit Begeisterung führten sie mit dieser erleuchtenden Veröffentlichung Studienkurse durch.

Die Brüder und Schwestern, einschließlich Bob Oliver und Susan Milne, begannen in Nordirland mit dem Zeugnisgeben am Sonntag und verwendeten dabei das Buch Die Harfe Gottes. Die Leute, zu denen sie sprachen, waren tief in der presbyterianischen Tradition verwurzelt und hatten tiefe Abscheu vor allem, was man als Brechen des Sabbats ansehen könnte. Zornige Reaktionen waren an der Tagesordnung.

Die Zeugen zeigten sich auch mutig beim Verbreiten der Ausgaben des Goldenen Zeitalters, die freimütige  Botschaften enthielten, in denen die Geistlichkeit wegen ihres Schuldanteils an der Unterdrückung der Wahrheit und Verfolgung wahrer Christen angeklagt wurde. Bruder Oliver erinnert sich noch deutlich an eine Illustration in einer Sonderausgabe des Goldenen Zeitalters — ein Geistlicher, der einen Dolch schwingt, von dessen Spitze das Blut trieft. Die Bildunterschrift bezog sich auf die Botschaft aus Jeremia 2:34 (aus der King James Version): „An deinen Rocksäumen findet sich das Blut der Seelen unschuldiger Armer“.

Die Brüder trafen auch Vorkehrungen, öffentliche Vorträge zu halten, um das Königreich zu verkündigen, wo immer sie konnten. Auf diese Weise kam Bob Dempster in seiner Heimatstadt Comber in der Nähe von Belfast zur Wahrheit. Mit dem öffentlichen Bekanntwerden des Werkes wuchs aber auch der Widerstand. Als Bruder Dempster mit der Verkündigung des Königreiches anfing, gebrauchten die Geistlichen hinterhältige Methoden, um ihn daran zu hindern. Als zum Beispiel einmal große Arbeitslosigkeit herrschte, beeinflußten sie den zuständigen Beamten, Bruder Dempster die Zahlung von Arbeitslosenunterstützung zu verweigern. Aber Bruder Dempster ließ sich nicht einschüchtern. Er begann zum gegenseitigen Nutzen aller, mit der kleinen Versammlung im Haus der Familie Milne zusammenzukommen.

Mit dem Ausbreiten des Lichts vom Königreich begannen die Versammlungen langsam, aber sicher zu wachsen. Aber nicht alle Feinde der Wahrheit kamen von außen.

EINE SICHTUNG IN BELFAST

So, wie die Brüder in Dublin damals im Jahre 1920 schlechte Auswirkungen verspürten, weil die Wahlältesten einen Geist der Unabhängigkeit bekundeten,  wirkte sich dies auch in Nordirland, besonders in Belfast, aus. Es begann also eine Zeit der Sichtung. Im Brennpunkt dessen, was trennend wirkte, stand wieder die Loyalität zu Jehovas Organisation und die Begeisterung für das öffentliche Verkündigungswerk. Ein Bibelforscher, der mit Bruder Russell bei seinem Besuch 1908 in Belfast zusammengekommen war, begann eigenen Anschauungen den Vorzug zu geben. Er gründete dann sogar seine eigene Gruppe, die er „Standhafte Bibelforscher“ nannte.

Als dann später im Jahre 1917 das Buch Das vollendete Geheimnis mit seiner nachdrücklichen Verurteilung der falschen Religion veröffentlicht wurde, wurden einige ängstlich und gingen aus der Gemeinschaft hinaus. Ein prominentes Glied der Belfaster Versammlung brachte ein Schild im Schaufenster seines Geschäfts an mit dem Text: „Ich stehe in keiner Beziehung zur Internationalen Bibelforscher-Vereinigung noch zu dem Buch Das vollendete Geheimnis.“ Auch er gründete eine eigene Gruppe und behauptete, an Bruder Russells Lehren festzuhalten. Die Art, wie Prominente in der Versammlung Jehovas Kanal verwarfen, stellte den Glauben und die Loyalität der übrigen Brüder auf die Probe.

Doch eine größere Prüfung kam durch einige, die in der Versammlung blieben. Als das Predigtwerk an Schwung zunahm, schälte sich ein klarer Meinungsunterschied zwischen denen heraus, die volle Wertschätzung für die Verkündigung des Königs und des Königreiches hatten, und den Wahlältesten mit ihren gegenteiligen Ansichten.

Wie die Schriftgelehrten und Pharisäer in Jesu Tagen, die ‘den hervorragendsten Platz’ liebten, waren sie mehr an Stellungen und Vorrechten interessiert, als im Predigtwerk voranzugehen (Mat. 23:2-7). Ihr Stolz und ihre Überheblichkeit trug Unruhe und  Unzufriedenheit in die Versammlung hinein. Eine Atmosphäre des Mißtrauens und Argwohns kam auf, als jeder der Ältesten versuchte, sich selbst zu erhöhen und seine Stellung in der Versammlung zu festigen.

Als die Zeit herankam, die Ältesten zu wählen, warb man um Stimmen. Einige Älteste veranstalteten besondere „Tea parties“ und luden die Brüder und Schwestern nur zu dem Zweck ein, ihre Unterstützung zu haben und die Wahl zu beeinflussen. Weil die Ältesten es verfehlten, Christus als das Haupt der Versammlung anzuerkennen, kam es zu Zwietracht, Cliquen und Spaltungen. Dies wird trefflich durch das veranschaulicht, was im alten Korinth geschah. Weil sie ungebührlich auf Menschen schauten, waren die Glieder der Korinther Versammlung in Splittergruppen aufgeteilt, die sagten: „ ‚Ich ... [gehöre] zu Apollos‘, ‚Ich aber zu Kephas‘, ‚Ich aber zu Christus‘ “ (1. Kor. 1:11, 12).

Einige Brüder, wie Diotrephes in den Tagen des Johannes, respektierten keinerlei Anweisungen durch Jehovas Organisation und versuchten vorsätzlich, in Sinn und Herz von demütigen, unterwürfigen Brüdern Zweifel an der Gesellschaft zu säen. Auf diese Weise äfften sie den Geist von Diotrephes nach, indem sie ‘über die Brüder’ des Zweigbüros ‘mit bösen Worten schwatzten’ (3. Joh. 9, 10).

Schließlich handelte Jehova. In den Wachtturm-Ausgaben vom 15. September und 1. Oktober 1932 wurde erklärt, warum eine Gruppe reifer Brüder, Dienstkomitee genannt, die Aufsicht in der Versammlung übernehmen sollte, und nicht „Wahlälteste“. Diese neue organisatorische Vorkehrung trug dazu bei, die letzten Rebellischen aus der Organisation auszusondern, so daß in der Versammlung Belfast 12 reguläre Verkündiger verblieben, die an der Wahrheit festhielten.

 BRUDER RUTHERFORDS VORTRÄGE VERLEIHEN DEM WERK SCHWUNG

Während der 30er Jahre hielt die kleine Gruppe der Brüder in Nordirland Schritt mit der weltweiten Entwicklung unter Jehovas Volk. Freudig begannen sie, die Schallplattenvorträge Bruder Rutherfords, des damaligen Präsidenten der Watch Tower Society, vorzuführen. Bald folgten begeisternde Erfahrungen vom Gebrauch der Sprechmaschinen.

Alex Mitchell war ein Seemann. Während er 1927 als Maschinist zur See fuhr, las er die Bücher Der göttliche Plan der Zeitalter, Die Zeit ist herbeigekommen und Die Harfe Gottes und sah so das Licht der Wahrheit. Nach Belfast heimgekehrt, begab er sich sogleich auf die Suche nach jemandem, der ihm helfen würde, die Bibel zu verstehen. Einige Glieder der Standhaften Bibelforscher versuchten, ihn davon abzuhalten, die Schriften der Gesellschaft zu lesen. Aber er hatte schon den Klang der Wahrheit aus diesen Schriften vernommen und fand dann endlich die wahren Bibelforscher.

Bald begann er mit dem Predigtwerk. Er erinnert sich noch genau, wie er und Bruder Oliver sich in ganz Belfast mit der Sprechmaschine abschleppten. Sie fingen mit diesem Werk ohne ein Transportmittel an. Man stelle sich also vor, wie zwei Männer über das Land ziehen und in den Städten von Straße zu Straße stapfen mit der ganzen Ausrüstung — schwer an Ledergurten hängend, die sie sich um die Schultern geschlungen haben.

Eine der Verantwortlichkeiten Bruder Mitchells war, passende Säle ausfindig zu machen, wo sie Schallplattenvorträge wiedergeben konnten. Säle fand man schon, aber nur für einmal. Der Grund war, daß die meisten Lokalitäten unter den wachsamen Augen der Geistlichkeit standen, die dagegen war,  daß die Botschaft übermittelt wurde. Wenn die Brüder keine Säle mieten konnten, ließen sie die Sprechmaschine in den Straßen von Belfast und den umliegenden Ortschaften laufen.

Gewöhnlich suchten sie sich für die Wiedergabe der Ansprachen Straßen aus, wo Protestanten wohnten, weil diese in der Regel empfänglicher waren. Doch einmal fuhren Bruder Mitchell und Bruder Milne in eine stille Seitenstraße, ohne vorher das Gebiet zu erkunden. Wie gewöhnlich bauten sie ihre Ausrüstung auf, spielten ein bißchen Musik, um die Aufmerksamkeit zu erregen, und luden dann die Leute ein, sich den biblischen Vortrag anzuhören. Unbeabsichtigt hatten sie sich in ein erzkatholisches Gebiet begeben, wo sie irrtümlicherweise für Protestanten gehalten wurden. Die Bevölkerung begann sie mit Steinen zu bewerfen. Die Brüder brachten die Ausrüstung schnell zum Wagen und zogen sich zurück. Während sie davonfuhren, bearbeiteten die Leute die Karosserie des Wagens mit Eisenstangen und zertrümmerten die Windschutzscheibe. Außer einem Schock kamen die Brüder ohne ernsthafte Verletzungen davon. Dieser Vorfall dämpfte jedoch in keiner Weise ihren Eifer für das Werk.

Eines Nachmittags wurde Bruder Mitchell mit Kartoffeln bombardiert. Zum Glück waren sie gekocht und daher weich. Als er davonfuhr, sagte er zur Menge durch den Lautsprecher, daß er froh sei, nicht schon morgens gekommen zu sein, als die Kartoffeln noch hart waren.

Die Brüder machten auch guten Gebrauch von dem tragbaren Grammophon. Abgesehen von einigen Mißgeschicken, indem sie z. B. vergaßen, die Schallplatte einzulegen, bevor sie das Haus verließen, um in den Dienst zu gehen, wurden sie recht geschickt, dieses Instrument zu gebrauchen. Mit dem Fahrrad, einem  Grammophon, einem Satz Schallplatten und einem Karton voll Bücher waren sie gut ausgerüstet, einen ganzen Tag im Dienst zu stehen.

GESTÄRKT DURCH RUNDFUNK- UND TELEFONÜBERTRAGUNGEN

Vorträge von Bruder Rutherford aus Städten wie London und New York in Direktübertragung zu hören stärkte die Brüder sehr. Dem kraftvollen Vortrag „Schau den Tatsachen ins Auge“, der im Jahre 1938 in der King’s Hall in Belfast gehalten wurde, schenkten 2 500 Zuhörer ihre Aufmerksamkeit.

In Verbindung mit der Ankündigung dieses Vortrags haben einige Brüder noch lebendige Erinnerungen an die Informationsmärsche durch Belfast. Wegen der gespannten religiösen Atmosphäre, die zu dieser Zeit in Nordirland herrschte, zeigten sich viele ängstlich in bezug auf die Informationsmärsche. Es wurden dann aber 25 Umzüge in den Hauptstraßen der Stadt gemacht, ohne daß eine gewalttätige Reaktion erfolgte.

Einige Brüder trugen Plakate mit der Ankündigung des öffentlichen Vortrags. Andere trugen Plakate mit den Sprüchen „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“ und „Dient Gott und Christus, dem König“. Als ein junger Zeitungsreporter das Plakat „Religion ist eine Schlinge und ein Gimpelfang“ sah, fragte er: „Und das merken Sie jetzt erst?“

Der Vortrag „Herrschaft und Friede“ wurde über eine Direktverbindung von New York, Madison Square Garden übertragen. Während der Ansprache wurde der Saal in Belfast, in dem sich die Brüder versammelt hatten, von Polizisten bewacht. Die IRA (Irisch-Republikanische Armee) hatte damit gedroht, auf die Halle einen Bombenanschlag zu verüben, wenn der Vortrag nicht abgesetzt würde. Aber die  Brüder ließen sich nicht entmutigen. Die Bemühungen der IRA, die Brüder in Belfast einzuschüchtern, hatten genausowenig Erfolg wie die der Katholischen Aktion, die den Vortrag in New York unterbrechen wollte.

Die Direktübertragungen schufen eine Atmosphäre der Einheit unter den Brüdern. Trotz des patriotischen Fiebers, das anstieg, als die Kriegsbedrohung in Europa zunahm, konnte die kleine Schar der Brüder in Irland verspüren, daß sie ein Teil einer weltweit anwachsenden Organisation war. Ehe wir aber mit dem Bericht über Nordirland fortfahren, wollen wir zurückgehen und den Faden der Geschichte der Republik Irland wiederaufnehmen.

UNABLÄSSIGE GEGNERSCHAFT IM SÜDEN

Während der Zeit von 1920 bis zum Zweiten Weltkrieg gab es nur ein paar treue Brüder, die sich in Dublin abmühten; und im übrigen katholischen Süden wurde das Kolporteurwerk nur hier und da durchgeführt.

Einige Kommentare aus dem Jahrbuch der Zeugen Jehovas geben uns einen Eindruck von den Bedingungen, unter denen sie tätig waren.

1935: „In diesen Gebieten haben unsere Geschwister Schaden erlitten, einige sind körperlich mißhandelt worden und die Literatur, die dem Volke nützlich gewesen wäre, ist vernichtet worden.“

1937: „Irland ist der finsterste Teil der Britischen Insel. ... Priester ... [folgen] den Pionieren von Ort zu Ort, und wo sie Literatur finden, ... wird diese sofort vernichtet.“

1938: „Die Verkündiger der Königreichsbotschaft [sind] in diesem Jahre stark angefeindet worden ... Pöbelhaufen haben auf Veranlassung eines römisch-katholischen Priesters Jehovas Zeugen überfallen,  ... aber diese Anfeindung hat noch nicht ihren Höhepunkt erreicht.“

Bruder Pryce Hughes, der später als Vizepräsident der Internationalen Bibelforscher-Vereinigung diente, kam zu Anfang des Jahres 1926 mit seinen drei Gefährten nach Waterford in Südirland. Sie wurden von drei Brüdern willkommen geheißen, die schon früher dorthin gegangen waren. Vor der Ankunft von Bruder Hughes waren die Brüder in Waterford von Rowdys eines katholischen Pöbels angegriffen worden, die ihre Literatur als „schlechte Literatur“ verbrannt hatten.

Wenn die Brüder bei interessierten Personen Literatur zurückgelassen hatten, gingen sie schnell weiter. Sie fanden Unterkunft bei Protestanten und versuchten, soviel Gebiet wie möglich zu bearbeiten, bevor der Ortsgeistliche dahinterkam, was vor sich ging. In einer Stadt warnte die lokale Presse vor ihrer Tätigkeit, und sie wurden von den Kindern auf der Straße angespuckt. Um zu vermeiden, daß sie schnell erkannt wurden, fingen sie von der äußersten Grenze ihres zugeteilten Gebiets an zu arbeiten und beendeten ihre Tätigkeit in der Stadt, wo sie ihre Unterkunft hatten.

Bei einer anderen Gelegenheit stießen sie in dem Marktflecken Graiguenamanagh auf heftigen Widerstand. Als sie zu ihrer Unterkunft zurückkehrten, standen sie einer Menge grölender Jugendlicher gegenüber, die sie mit Steinen bewarf. „Dies war ein ‚heiliger Tag‘, der ‚Sankt-Patricks-Tag‘ “, sagte Bruder Hughes, „und den ganzen Tag lang rollten die Eselskarren in den Ort zu einer besonderen Messe. Bei dieser Messe hetzte der Ortspriester einen jeden gegen uns auf.“ Als sie davon erfuhren, räumten sie schnell das Feld und brachten ihre Habseligkeiten mit dem Fahrrad zur nächsten Bahnstation.

 Die Kolporteure lernten es, mit den ständig drohenden Gewaltakten zu leben. Einmal jagte ein Mann Bruder Hughes mit der Mistgabel quer über ein Feld. Ein anderes Mal feuerte ihm ein Bauer ganz plötzlich mit der Flinte vor die Füße.

Im Jahre 1930 traf Jack Corr, ein anderer Kolporteur, in Dublin ein. Seine Eltern waren katholisch, somit war er gut gerüstet, um mit den Katholiken, die er antraf, zu sprechen. Obwohl die irische Verfassung Religionsfreiheit garantierte, machte er die Feststellung, daß viele Leute dachten, dies treffe nicht auf das Predigtwerk der Zeugen Jehovas zu.

Bruder Corr verspürte oft den Zorn der verärgerten Geistlichen und ihrer Unterstützer. Ein Mob, vom Gemeindepfarrer angestiftet, zerrte ihn um Mitternacht aus dem Bett, und dann verbrannte man seine sämtliche Literatur auf dem Marktplatz. Ein andermal hämmerte ein Pöbel von etwa 200 Leuten an die Tür seiner Unterkunft. „Die zu Tode erschrockene Hauswirtin“, so erzählt Bruder Corr, „versuchte mich unter das Bett zu scheuchen, während sie der Menge schreckliche Flüche durch das Fenster zubrüllte. Ich brachte es fertig, sie zu beruhigen, und eine Viertelstunde später verschwand der Pöbel, wie er gekommen war, und ich konnte weitermachen, als wäre nichts passiert.“

RELIGIÖSE GEGNER WERDEN GEWALTTÄTIGER

Im Jahre 1931 trafen Victor Gurd und sein Partner Jim Corby in der Stadt Cork ein — nahebei, wo 40 Jahre zuvor Bruder Russell in Irland an Land gegangen war. Eine andere Gruppe Brüder begleiteten sie für eine Weile. Sie bearbeiteten das Landgebiet und verbreiteten die Schriftstudien und das Buch Die Harfe Gottes.

Als sie in Roscrea in der Grafschaft Tipperary  Zeugnis gaben, wurden sie von bewaffneten Männern angehalten, die ihnen sämtliche Literatur abnahmen und sie aufforderten, das Gebiet zu verlassen. Als die Brüder in ihrer Unterkunft ankamen, warteten noch mehr Schwierigkeiten auf sie. Gegner hatten sich ihrer Literatur bemächtigt, diese in Benzin getaucht und sie angezündet. Rund um dieses „Freudenfeuer“ stand die Ortspolizei, der Geistliche und Kinder aus der ganzen Gegend und sangen das Lied „Der Glaube unserer Väter“.

Um diese Zeit kam John Retter mit seinen Gefährten nach Limerick. Er war in Österreich geboren und gab vielen Deutschen Zeugnis, die sich an der Westküste Irlands angesiedelt hatten. Auch John Cooke war hier (er dient jetzt im Bethel in Südafrika). Er wurde 1936 in Dublin ins Gefängnis geworfen, weil er beharrlich Jehovas Werk durchführte.

JEHOVAS SCHUTZ IM NORDEN

In der Vorkriegszeit trieben andere Kolporteure das Werk in Nordirland voran. Sarah Hall kam 1926 in die Grafschaft Tyrone. Sie lernte 1915 in England die Wahrheit kennen, nachdem sie das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gelesen hatte. Was sie gelesen hatte, regte sie an, den Kolporteurdienst aufzunehmen.

Die meisten, mit denen sie sprach, teilten nicht ihre Wertschätzung für die Bibel. Ihre kleine, zierliche Figur und ihre sanfte Wesensart hielt eine Frau nicht davon zurück, sie mit der Mistgabel zu verjagen, oder einen Mann, der sich über ihre Botschaft erzürnte und sie als eine „Delila“ beschimpfte, vor dem Versuch, sie bei der Kehle zu packen.

Doch unerschrocken bewies sie Standhaftigkeit und Ausharren. „Alles in allem war es nicht so schlimm“, sagt sie, während sie an das Verkündigen unter den prüfungsreichen Bedingungen zurückdenkt.  „Wir gewöhnten uns daran, daß wir angeschrien wurden. Wenn wir den Herrn um Schutz bitten, dann gibt er ihn uns.“ Die Kolporteure vertrauten darauf, daß Jehova ‘mit ihnen war, um sie zu befreien’. Und das war der Fall! (Jer. 1:7, 8; Ps. 23:4, 5).

JEHOVAS FÜRSORGE

Billy Holland kam 1926 zur Wahrheit, nachdem er das Buch Der göttliche Plan der Zeitalter gelesen hatte. Wie so viele Kolporteure vertraute er fest der Zusicherung Jehovas, daß er seine Diener niemals „gänzlich verlassen“ würde (Ps. 37:25; Mat. 6:28-34).

Bruder Holland erklärte: „Manchmal ging ich ohne Frühstück weg; manchmal hatte ich ein paar Scheiben Brot ohne Butter darauf. Ich erinnere mich daran, wie ich einmal im Landgebiet in der Grafschaft Down tätig war. Nachdem ich einige Zeit im Dienst gestanden hatte, ging ich einen kleinen Pfad hinunter und lehnte mein Fahrrad an die Büsche. Ich setzte mich hin, aß mein trockenes Brot und lauschte dem Gesang der Vögel. Dann schaute ich genauer in die Büsche und sah ein paar schöne Brombeeren. Ich pflückte einige ab und legte sie zwischen meine Brotscheiben. Es schmeckte geradeso wie Brombeermarmelade — es war ein richtiger Genuß!“

Den gleichen Geist bekundete er auch, wenn das Geld knapp wurde. „Meine Schuhe gingen kaputt, und ich bekam nasse Füße“, erinnert er sich. „Dann, an einem Sonnentag, als ich die Landstraße entlangmarschierte, wurde es sehr heiß, und auf der Straße begann der Teer zu schmelzen. Der Teer füllte die Löcher in meinen Schuhsohlen. So bekam ich meine Schuhe ‚repariert‘.“ Und das völlig umsonst!

GEISTIGE VERSORGUNG WÄHREND DES KRIEGES

Während des Zweiten Weltkriegs, von 1939 bis  1945, blieb die Republik Irland neutral. Doch Nordirland mußte als ein Teil des Vereinigten Königreiches Bombenangriffe und andere Schwierigkeiten über sich ergehen lassen.

Ein Problem, das zu dieser Zeit aufkam, war die notwendige Versorgung mit geistiger Speise. Während des Krieges verbot die britische Regierung die Ein- und Ausfuhr des Wachtturms und anderer Schriften der Gesellschaft. Diese Taktik Satans, die Verbindungs- und Versorgungslinie zu durchschneiden, schlug fehl. Sie wurde durchkreuzt, indem die Gesellschaft ganz einfach Brüder an verschiedenen Orten in den Vereinigten Staaten und in Kanada damit beauftragte, den Wachtturm mit einem neutralen Deckblatt an Brüder in Belfast zu schicken.

Wenn die Ausgaben eintrafen, machten sich verantwortliche Brüder schnell an die Arbeit und vervielfältigten die Hauptartikel. Dann verteilten sie sie an die Versammlungen. Sobald diese Ausgaben einmal eingetroffen waren, mangelte es den Brüdern niemals mehr an der wichtigen geistigen Nahrung.

Bruder Bob Oliver erinnert sich daran, daß er den Wachtturm aus den Vereinigten Staaten von einem Bruder Kelly erhielt. Bruder Kelly schloß auch Berichte über das ein, was „Onkel Nathan“ (Nathan H. Knorr, der dritte Präsident der Watch Tower Society) erzählte, und übermittelte so Berichte über Kongresse usw. Manchmal fanden die Brüder einen Wachtturm oder ein Buch wie zum Beispiel Die Wahrheit wird euch frei machen mitten in einem Nahrungsmittelpaket, das sie geschickt bekamen. Wenn einmal eine nicht versteckte Ausgabe des Wachtturms unangetastet ankam, witzelten die Brüder in Belfast, daß diese dem Zensor während der Teepause entwischt sei.

 GERINGSCHÄTZIG BEHANDELT

Während des Krieges hatten die Brüder in Nordirland den ständigen leidenschaftlichen Haß der Geistlichkeit und ihrer Unterstützer, die voll hinter den Kriegsanstrengungen standen, zu ertragen. Wie recht hatte Jesus, als er sagte: „Weil ihr nun kein Teil der Welt seid, ... deswegen haßt euch die Welt.“ (Johannes 15:18, 19)!

Ein typischer Ausdruck der Geringschätzung ist der folgende Brief, den die Versammlung in Belfast im August 1943 erhielt:

„Sehr geehrte Herren!

Da ich gegen meinen Willen Empfänger eines Ihrer Blättchen geworden bin, das der allzu toleranten Öffentlichkeit aufzudrängen Sie die Unverschämtheit besitzen, möchte ich hiermit die Gelegenheit wahrnehmen festzustellen, daß ich mir ausdrücklich verbitte, daß einer Ihrer Anhänger, unter welchem Vorwand auch immer, meinen Grund und Boden betritt. Weisen Sie Ihre irregeleitete Sorte von heuchlerischen Bibelfanatikern gefälligst darauf hin, daß bei Mißachtung dieser Warnung der Übertreter gewaltsam — sehr gewaltsam — vertrieben wird. Ich werde nicht den Hund auf ihn hetzen, da ich dem armen Tier solch einen unappetitlichen Happen nicht vorsetzen möchte; doch wenn er von sich aus auf ihn losgeht, werde ich ihm gewiß kein Hindernis in den Weg legen.“

Trotz der harten Zeiten wurde jede Anstrengung unternommen, die Predigttätigkeit auszudehnen. Fuhr Jehova fort, die Arbeit all dieser treuen Brüder zu segnen? Gewiß! Als der Krieg 1945 zu Ende ging, gab es in Belfast etwa 120 und in Dublin etwa 20 Verkündiger.

 PIONIERDIENST IN DER REPUBLIK

Das Jahrbuch für 1946 zeigte, daß es in der Republik Irland keine Unterbrechung in der Verkündigung der guten Botschaft geben sollte, nachdem der Zweite Weltkrieg zu Ende gegangen war. „Viele werden sich schwerlich vorstellen können“, hieß es im Jahrbuch, „welch dunkler Flecken Südirland bezüglich des Lichtes und der Erkenntnis des Wortes Gottes ist.“ Es hieß weiter: „Auch hier tut sich eine Tür für wirkliche Pioniere auf. Wir treffen jetzt Vorbereitungen, einige dorthin zu senden.“

Fred Metcalfe, heute ein Mitglied des Zweigkomitees in Irland, war einer der ersten Sonderpioniere, die dorthin geschickt wurden. Seine Dienstzuteilung war Cork im Süden des Landes. Er und seine Pionierpartner  wurden bald die Zielscheibe des von der Geistlichkeit angestachelten Widerstandes. Um die Haßgefühle gegen Jehovas Zeugen aufzupeitschen, bezeichnete sie der Priester wiederholt als „verteufelte Kommunisten“.

Bruder Metcalfe sagte: „Für die Leute damals bedeutete der Ausdruck ‚Kommunist‘, daß wir für sie die Verkörperung des Teufels in Menschengestalt waren.“

Die Feindschaft nahm zu. „Nie hatte ich ein tieferes Verständnis von Offenbarung 12:17 als zu dieser Zeit“, sagte Bruder Metcalfe. „Der Teufel war ganz bestimmt zornig darüber, daß die Zeugnistätigkeit in diesem Gebiet begonnen wurde.“ Die Lügenpropaganda der Priester und die weitverbreitete Feindschaft gipfelten schließlich 1948 in Cork in einem Pöbelangriff auf Bruder Metcalfe und auf seinen Partner, Bruder Chaffin.

PÖBELANGRIFFE IN CORK

Einmal, als Bruder Chaffin im Predigtdienst stand, umringte ihn eine Schar kampflustiger Frauen. Sie beschuldigten ihn, ein Kommunist zu sein, und griffen ihn gewalttätig an. Da er keine Möglichkeit sah, mit diesem aufgebrachten Pöbel zu argumentieren, versuchte Bruder Chaffin, in einen Bus zu entkommen, der in der Nähe hielt. Doch die Leute im Bus beteiligten sich an der Tätlichkeit. Einige Angreifer warfen Steine, andere der brutalen Burschen schrien dagegen: „Dreckiger Kommunist!“ und: „Schmeißt ihn in den Fluß!“ Schließlich konnte er aber seinen Verfolgern entwischen, als er hinter die hohe Einfriedigung schlüpfte, die das Grundstück des Pfarrhauses umgab.

Bruder Metcalfe rappelte sich indessen auf, um mit dem Fahrrad zu entkommen, doch er wurde von dem Pöbel überwältigt. Sie schlugen und traten ihn und  verstreuten seine Literatur auf der Straße. Zu seinem Glück kam zufällig ein Polizist vorbei. Er schritt ein und zerstreute den Pöbel. „Es war Jehovas Führung“, sagte Bruder Metcalfe, „daß dieser Mann gerade zur rechten Zeit auf der Bildfläche erschien, um den Angriff abzuwehren.“

Die Gesellschaft beschloß, in dieser Angelegenheit gerichtlich vorzugehen, um klarzustellen, daß Jehovas Zeugen keine Kommunisten sind, und um das Recht auf das unbehinderte Predigen der guten Botschaft gesetzlich zu befestigen. Obwohl man die Sache immer wieder aufschob, um zu verhindern, daß sie vor Gericht behandelt wurde, fand dann schließlich im Juli 1948 die Verhandlung statt.

Der Polizist, der den Angriff abgewehrt hatte, war Katholik. Trotzdem war er bereit, vor Gericht zu erscheinen und ehrlich das zu bezeugen, was er gesehen hatte. Einige der Angreifer wurden der Gewaltanwendung überführt. Das Bekanntwerden des Falls trug viel dazu bei, mit der Vorstellung aufzuräumen, daß Jehovas Zeugen Kommunisten seien, und unser Recht zu befestigen, die gute Botschaft zu predigen. Das bedeutete jedoch noch nicht das Ende des gewalttätigen Widerstandes gegen die Wahrheit.

DER HEFTIGE WIDERSTAND HÄLT AN

In der Stadt Athlone in Mittelirland ließ zum Beispiel eine Frau ihre Wut an den Brüdern aus, indem sie ihnen einen Kessel kochendheißes Wasser hinterherschüttete. Die Bürger der Stadt sandten sogar eine Petition an die Gesellschaft, in der sie zum Ausdruck brachten, daß Jehovas Zeugen nicht mehr zurückkommen sollten — nie wieder!

Vier Sonderpioniere wurden in die Stadt Drogheda gesandt. Sie wurden mit Flinten bedroht und durch einen Pöbel gewalttätig angegriffen. Man hielt in der  Stadt eine Massenversammlung ab und faßte eine Resolution, in der die Regierung ersucht wurde, Jehovas Zeugen zu verbieten. Überall in der Stadt konnte man folgende Bekanntmachung lesen: „Katholische Aktion! Bürger von Drogheda! Es wird eine öffentliche Versammlung abgehalten ..., um Möglichkeiten zu erörtern, gegen eine gewisse Sekte vorzugehen, die in unserem Bezirk tätig ist. Der Bürgermeister und Vertreter örtlicher Organisationen werden anwesend sein.“

Wichen die Brüder angesichts dieses Widerstandes zurück? Auf keinen Fall! Sie hielten all dem Druck stand und sahen bald die Früchte ihrer Arbeit.

HÖRENDE OHREN IN DUBLIN

Dudley Levis war in Dublin unter den ersten, die in den Nachkriegsjahren auf die Botschaft der Wahrheit reagierten. Er war ein Mitglied der Kirche von Irland. Protestanten, die ohnehin in einer fast ausschließlich katholischen Umgebung lebten, sahen seinen Kirchenaustritt als Verrat an. So war er dem Spott und den Vorwürfen von früheren Bekannten ausgesetzt, die seinen neugefundenen Glauben haßten. Bruder Levis sagte: „Ich wurde sehr ermuntert durch ältere Brüder, wie zum Beispiel durch Edwin Ridgewell. Sie hatten schon vor mir echten Glauben in schwierigen Zeiten bewiesen. Ihr Beispiel stärkte mich.“

Die Zeugen konzentrierten ihr Predigen auf protestantische Gebiete, wo die Reaktion weniger heftig zu sein schien als in den katholischen Hochburgen. Doch drangen sie auch Schritt für Schritt in katholische Gebiete vor. Das war nicht einfach. Sie hatten die gleiche Einstellung wie der Psalmist: „Auf Gott habe ich mein Vertrauen gesetzt, ich werde mich nicht fürchten. Was kann der Erdenmensch mir antun?“ (Ps. 56:11; Jos. 1:9).

 EINE KATHOLISCHE FAMILIE HÖRT AUF DIE WAHRHEIT

Allmählich begannen Katholiken auf die Wahrheit zu hören. Im Jahre 1949 kam beispielsweise eine Schwester mit John Casey in Berührung. Dieser Katholik hatte großes Interesse für das, was die Schwester ihm erzählte; aber seine Frau Bridie weigerte sich, ihm das Geld für das Buch „Die Wahrheit wird euch frei machen“ zu geben. Er bat die Schwester, in der nächsten Woche wiederzukommen. Sie kam, und John nahm das Buch dankbar entgegen. „Ich habe die Wahrheit gefunden“, sagte er. „Ich habe nichts mehr mit der katholischen Kirche zu tun.“

Bridie jedoch war nicht interessiert. Sie stellte eine Frage, mit der die Brüder im Zeugniswerk wiederholt konfrontiert wurden: „Wer ist Jehova? Ist das jemand in Amerika an der Spitze eurer Organisation?“ Schließlich nahm dann auch sie die Wahrheit an, nachdem sie begriffen hatte, daß die Lehre vom Höllenfeuer, die Dreieinigkeit und andere Gott entehrende Lehren unbiblisch waren.

Wie andere, die das Licht der Wahrheit erkannt hatten, bekamen John und Bridie von ihren Angehörigen und Nachbarn Druck zu verspüren, wodurch sie davon abgehalten werden sollten, mit ihrem Bibelstudium fortzufahren. „Meine Mutter vereinbarte, daß uns jede Woche jemand von der ‚Legion Mariens‘ (eine Gruppe der Katholischen Aktion) oder der Priester besuchte“, sagte Schwester Casey. „Aber der Priester war nicht in der Lage, uns anhand der Bibel das zu widerlegen, was wir als die Wahrheit erkannt hatten. Schließlich stürmte er aus dem Haus und verdammte uns zur Hölle, weil wir die Bibel verdrehen würden.“

MISSIONARE ALS TRIEBKRAFT

Gegen Ende des Zweiten Weltkriegs wurden Pioniere  von England in kleine Städte in Nordirland gesandt. Auf dem Kongreß in Edinburg (Schottland) im Jahre 1946 trugen einige dieser Pioniere an den Präsidenten der Gesellschaft die Frage heran, ob sie die Gileadschule besuchen dürften. „Gewiß“, antwortete er, „wenn ihr versprecht, nach Irland zurückzukehren.“ Fünf Schwestern konnten dieses Versprechen einlösen.

Durch die Ankunft der Missionare von der Wachtturm-Bibelschule Gilead im Jahre 1949 wurde das Werk beschleunigt. Maurice and Mary Jones, die viel Pionierarbeit geleistet hatten, hießen diese Arbeiter willkommen. Es wurden zwei Missionarheime errichtet, eines mit der Hilfe von Bruder Jones in Dublin und ein anderes in Cork. Das Jahrbuch 1950 erklärt dazu, daß es viel harte Arbeit bedeutete, jemanden aus der geistigen Finsternis, die so viele umhüllte, zu befreien; besonders deshalb, weil die Leute noch nie eine Bibel gesehen hatten. Es heißt: „Die Leute fürchten sich, die so lange gehegten Überlieferungen fahren zu lassen, und daher verlangt der Fortschritt viel Feingefühl und Geduld.“

Die neuangekommenen Missionare bearbeiteten große Gebiete zu Fuß und mit dem Fahrrad. Oft wurden sie mit Worten und auch buchstäblich angegriffen. Sie arbeiteten hart bis spät in die Nacht, um geduldig jedes Interesse zu fördern, das sie vorgefunden hatten. (Vergleiche Hosea 11:4.)

Elsie Levis (früher Lott), eine der ersten Missionarinnen, erinnert sich, wie sie geistig auf die Verhältnisse in Irland vorbereitet wurde. „Bevor wir von Gilead abgingen“, berichtet sie, „sagte uns Bruder Franz, er betrachte Irland nach Indien als die schwierigste Zuteilung der Welt. Er meinte, daß Irland wegen der Haltung der katholischen Kirche die härteste katholische Gegend der Welt sei.“ Schwester Levis empfand das Gebiet schon als schwierig. „Aber“,  fährt sie fort, „wir wußten auch, wie das Volk durch politische und religiöse Machthaber niedergedrückt worden war, und so zeigten wir Anteilnahme für diese Menschen, denn obwohl sie sich feindselig gaben, waren sie eigentlich sehr nett.“

MISSIONARE DURCHBRECHEN DIE SCHRANKEN DES KATHOLIZISMUS

Katholische Pöbelaktionen waren für die Missionare eine ständige Bedrohung; sie hingen wie Sturmwolken über ihnen — bereit, jeden Augenblick zu bersten. Um also keinen Verdacht zu erregen und  nicht den Zorn der Nachbarn heraufzubeschwören, arbeiteten die Missionare im Haus-zu-Haus-Dienst getrennt, aber in Sichtweite. Ehe sie das Missionarheim verließen, um in den Dienst zu gehen, wiederholte jeder mit seinem Dienstpartner die für diesen Tag festgelegte Zeichensprache mit der Hand oder durch Achselzucken. Diese Gesten dienten als stille Warnung vor einem sich nähernden Mob.

Mildred Barr (früher Schwester Willet; jetzt mit ihrem Mann John im Bethel in Brooklyn) erinnert sich an einen Tag, an dem sie mit ihrem grauen Motorrad in den Dienst fuhr. Ihre dunkelbraunen Satteltaschen aus Spaltleder — vollgepackt mit Predigtdienstliteratur, der Mittagsmahlzeit, der Teeflasche und den Überschuhen — hingen über dem hinteren Schutzblech des Motorrads. Sie und Frieda Miller fuhren in ein katholisches Gebiet in Dublin. Dort angekommen, trennten sie sich und parkten ihre Räder an verschiedenen Stellen, wobei sie sich vergewisserten, daß die Räder außer Sichtweite der Wohnungsinhaber waren, aber nahe genug, sie schnell zu erreichen für den Fall, daß sie rasch verschwinden mußten.

Mildred befestigte ihr Motorrad mit Kette und Schloß an einem Geländer und begann mit dem Zeugnisgeben von Haus zu Haus. Sie erinnert sich an folgendes: „Ich sprach mit einer sehr interessierten Frau, als diese plötzlich die Augen weit aufriß und ihr die Kinnlade herunterfiel. Ich fragte sie: ‚Was ist denn passiert?‘ Keine Antwort, nur dieser starre Angstblick. Ich drehte mich um und sah einen Pöbel von acht oder neun Frauen, die das Eingangstor zum Haus blockierten. Aus einem Augenwinkel nahm ich Frieda wahr, die mir das Handzeichen gab — aber es war zu spät. Andere Frauen rannten auf das Haus zu. Ich wußte, daß ich nicht mehr durch das Tor entkommen konnte. So flitzte ich quer durch den Garten,  stürmte durch den Nachbargarten, setzte über eine Mauer und sauste zu meinem Motorrad.

Frieda hatte eben ihr Motorrad gestartet; aber meines war noch angekettet. Ich schloß es auf und schwang mich auf den Sattel — aber das Motorrad startete nicht. Ich hatte die Zündkerze in meiner Tasche! Nun also die Zündkerze hineingeschraubt, nochmals den Starter getreten und nichts wie weg! Aber nicht schnell genug — und darüber lachen alle heute noch. Eine Frau, einen Mop schwingend, rannte mir nach. Sie stieß den Mop durch einen Rost des Abwasserkanals, und als ich davonjagte, schwang sie den Mop. Und aus dem Mop floß die Abwasserbrühe über meinen Kopf und den ganzen Rücken. Als ich Frieda einholte, sagte sie: ‚Mann! Mildred, ih! Wenn wir heimkommen, komm mir bloß nicht ins Haus!‘

Als wir im Missionarheim ankamen, erzählte sie den anderen Missionarinnen, was vorgefallen war. Sie legten beim Garten Zeitungspapier für mich aus, damit ich darauf lief, und sie begossen mich eimerweise mit Wasser. Tagelang lieh mir jeder von seinem Parfüm. Immerhin kamen aus dieser Ecke Dublins doch einige zur Wahrheit.“

Bridie Casey erinnert sich an eine andere Begebenheit in Dublin. Sie war mit einem Missionar im Predigtdienst, und eine katholische Frau sagte zu ihnen, daß sie mit ihrem Kopf doch nur gegen Mauern anrennen würden. Die Antwort des Bruders spiegelt den Geist dieser Missionare wider. „Das mag schon sein“, sagte er, „aber zumindest fangen einige Steine schon an zu wackeln!“ Ja, die Missionare wurden zu einem Rammbock, der die Mauern zertrümmerte, hinter denen die katholische Macht die aufrichtiggesinnte irische Bevölkerung gefangenhielt.

PÖBELANGRIFF BEI LIMERICK

Obwohl die Leute in Irland meistens freundlich und  gastfrei waren, konnten die religiösen Führer einige doch zu Gewalt anstiften. Am 13. Mai 1956 ging Stephen Miller, ein Missionar, mit einem neuen Verkündiger in einem Landgebiet im Westen des Landes in den Predigtdienst. Plötzlich versperrte ihm und seinem Gefährten ein Pöbelhaufen den Weg. Sie sprangen auf ihr Motorrad, um zu entkommen. Aber der Mob verfolgte sie mit ihren Autos, bis sie schließlich in einer Sackgasse in der Falle saßen.

 Der Mob, von einem Priester angeführt, umringte Bruder Miller. Einer der Schläger gab Bruder Miller einen Kinnhaken. Dann nahmen sie ihm sämtliche Literatur ab und verbrannten sie auf dem Platz des kleinen Dorfes Cloonlara nahe bei Limerick.

Bei dem späteren Gerichtsverfahren kam das Vorurteil der Richterschaft zum Vorschein. Der Priester und acht andere Aufrührer wurden freigesprochen. Den Schläger, der Bruder Miller angegriffen hatte, sprach man zwar schuldig, ließ ihn aber frei. Bruder Miller und sein Partner wurden auf Bewährung und gegen eine Kaution von je 200 Pfund freigelassen. Welch ein Zerrbild der Gerechtigkeit! Das Gericht sprach den Pöbel frei und verurteilte diejenigen, die angegriffen worden waren! Obschon sich in Dublin die Behandlung der Zeugen besserte, hielt man in vielen ländlichen Gebieten immer noch hartnäckig an mittelalterlichen Ansichten und Methoden fest.

MIT ZWEIERLEI MASS GEMESSEN

Die Ungerechtigkeit und die Vorurteile gegen Jehovas Zeugen waren zu offenkundig, um übersehen zu werden. Die Zeitungsmeldungen in der ganzen Republik brachten eine Woge des Protests und der Empörung mit sich. Einem protestantischen Geistlichen hatte der religiöse Dunstvorhang, hinter dem die strittigen Punkte vernebelt werden sollten, nicht den Blick trüben können. In der Zeitung Dublin Evening Mail vom 28. Juli 1956 legte er unter dem Titel „Religiöse Freiheit“ energisch seine Ansicht dar.

„Mitglieder der Legion Mariens besuchen meine Pfarrkinder, um Lehren zu verbreiten, die ich äußerst mißbillige. Kann ich nun annehmen, daß ich meine Leute zusammentrommeln, Hand an die ‚Legionäre‘ legen und ihre Bücher verbrennen darf (und darf ich einem von ihnen vielleicht auch einen Kinnhaken verpassen, um zu zeigen, daß auch wir  Christen sind!), und kann dann erwarten, daß sie, wenn sie Beschwerde einlegen, eine Bewährungsfrist erhalten und wir freigesprochen werden?

Oder gibt es ein Gesetz für die Legion Mariens und ein anderes für Jehovas Zeugen?“

Viele andere, auch wenn sie mit den Lehren von Jehovas Zeugen nicht einiggingen, waren der Ansicht, daß die Religionsfreiheit, die in der Verfassung der Republik Irland garantiert wird, respektiert werden sollte. Der Artikel 44 der Verfassung besagt: „Gewissensfreiheit und das freie Bekenntnis und Ausüben der Religion sind, unter Einhaltung der öffentlichen Ordnung und der Moral, jedem Bürger garantiert.“

Die Abneigung gegen Jehovas Volk und der Widerstand gegen ihr Werk saßen jedoch noch sehr tief. In einem Limericker Lokalblatt wurde etwas später im gleichen Jahr folgender Appell an die katholische Leserschaft gerichtet:

„Wir appellieren ernsthaft an jeden, der von Repräsentanten der Gesellschaft [Jehovas Zeugen] angesprochen wird, sich nicht mit ihrer Propaganda zu befassen und entschieden eine Diskussion mit ihnen abzulehnen. Irgendwelche ihrer Schriften, die Leser entgegengenommen haben, sollten sofort vernichtet werden. Die Kirche wünscht so entschieden, daß wir ihre teuflischen Lehren ablehnen, daß jeder Katholik, der Schriften der Gesellschaft liest, sich der Exkommunikation aussetzt. Irlands Religionserbe, das unter Verfolgung durch Jahrhunderte überliefert wurde, sollte nicht gegen ein Brooklyner ‚Linsengericht‘ eingetauscht werden.“

„GOTTES WEG IST LIEBE“

Ein Sonderfeldzug war darin herausragend, das Licht vom Königreich hell leuchten zu lassen. Im Jahrbuch von 1954 nannte man ihn „ohne Zweifel  den größten Beitrag, die Wahrheit in Eire [Republik Irland] zu predigen“. Was war das? Es war die landesweite Verbreitung der Broschüre Gottes Weg ist Liebe. In dieser 32seitigen Broschüre mit vier grünen Harfen auf der Titelseite wurden ausschließlich katholische Bibelübersetzungen zitiert. In ihrer klaren und einfachen Darlegung der biblischen Grundlehren fand sie besonders Anklang bei Katholiken. Arthur Matthews, der jetzt Koordinator des Zweigkomitees von Irland ist, und seine Frau Olive sowie Olives Bruder und seine Frau gehörten zu denen, die einen Anteil an diesem besonderen Werk hatten.

„Wir legten unsere Ersparnisse zusammen“, erzählte Bruder Matthews, „und waren so in der Lage, günstig einen alten Morris 10 zu kaufen. Keiner von uns konnte fahren, aber in einer ruhigen Straße in der Nähe von ‚Mutter‘ Rutland hatten wir bald den richtigen Dreh heraus. Nach wenigen Tagen brachen wir — unsere ganze Ausrüstung für das Zeugnisgeben im Wagen verstaut — in das Gebiet auf.“

Auf der Suche nach einer Unterkunft hatten sie aber wenig Erfolg. So verbrachten sie dann eine sehr kalte und schlaflose Nacht im Wagen. Am nächsten Tag entschieden sie sich zum Kauf eines Wohnwagens. Es war zwar riskant, denn in der Vergangenheit hatte man Wohnwagen von Brüdern überfallen und zerstört, aber sie hatten keine andere Wahl. Sie verkauften einige Sachen und erhielten so etwas Geld, um sich einen etwa 4 Meter langen Wohnwagen zu kaufen. Sie machten zwar haarsträubende Erfahrungen, als sie den Wohnwagen über holprige und zuweilen bergige Straßen bugsierten, aber sie hatten wenigstens das Unterkunftsproblem gelöst.

Sie hatten ein großes Gebiet zu bearbeiten, denn südlich von Dublin — die ganze Strecke, etwa  250 km, bis nach Cork — gab es keinen einzigen Verkündiger. Um soviel wie möglich zu erreichen, begann die Gruppe jeden Morgen um 8 Uhr mit dem Predigtdienst. Sie begaben sich an das äußerste Ende des ausgewählten Gebiets und arbeiteten auf den Wohnwagen zu. Um Überfälle auf ihr Eigentum zu vermeiden, brachten sie den Wohnwagen an einen anderen Standort, wenn sie in dem Gebiet zu predigen begannen, wo sie den Wohnwagen abgestellt hatten. Hatten sie eine größere Ortschaft zu bearbeiten, versuchten sie, alle Leute noch vor Sonntag zu erreichen, bevor der Priester unzweifelhaft von der Kanzel aus über sie herziehen würde.

Die zwei ausdauernden Ehepaare fanden viele Menschen, die noch nie mit Jehovas Zeugen in Berührung gekommen waren. Häufig erklärten die Wohnungsinhaber, daß ihnen von der Kirche aus verboten worden sei, sogar die Bibel zu lesen. „Aus diesem Grund“, erzählte Bruder Matthews, „hatten wir außer der Broschüre Gottes Weg ist Liebe auch Ausgaben der katholischen Douay-Bibel bei uns, die wir selbst gebrauchten und auch den Leuten anboten.“

Die Broschüre half den Brüdern, mit dem Gedanken aufzuräumen, am besten nur bei Protestanten vorzusprechen. Jeder wurde erreicht. Sie verbreiteten mindestens 20 000 dieser Broschüren im östlichen Teil des Landes, während eine andere Gruppe eine ähnliche Tätigkeit im Westen durchführte. Und sie trafen viele gastfreundliche Leute an. „Wir brauchten uns nie Kartoffeln oder Milch oder dergleichen zu kaufen“, berichteten Bruder und Schwester Matthews.

ENDLICH — EIN KÖNIGREICHSSAAL IN DUBLIN!

Bis dahin war die Versammlung in Dublin an allen möglichen Stätten zusammengekommen, aber keine  davon war passend. In einer Zusammenkunftsstätte über dem Pferdestall einer Wäscherei war es nicht ungewöhnlich, Ratten zu sehen, die auf den Dachsparren Hetzjagden veranstalteten. Die Brüder entschieden daher, daß es an der Zeit sei, eine Stätte für ihren ausschließlichen Gebrauch zu bekommen. Nach vielem Suchen konnten sie ein Gebäude mieten, das als Garage gedient hatte. Es befand sich im Süden Dublins in James Place — einer schmalen Seitenstraße, die von der Baggot Street abging.

Diesen alten Besitz in einen Königreichssaal zu verwandeln war eine Aufgabe für Beherzte. Mit gewaltigen Anstrengungen bauten die Brüder das alte Gebäude in einen schönen Königreichssaal um. Zur Einweihung im Jahre 1953 waren 134 Personen anwesend.

Am 3. Dezember 1954 hatte der neue Königreichssaal besondere Besucher aus der Weltzentrale zu Gast — Bruder Frederick W. Franz und Bruder Grant Suiter. Mehr als zwanzig Missionare, die mit ihrer Predigttätigkeit die Insel in Flammen setzten, waren ebenfalls anwesend, um diese Brüder zu hören.

In den darauffolgenden Jahren diente der Dubliner Königreichssaal auch als Versammlungsstätte für alle Kreiskongresse, die in der Republik abgehalten wurden. Kannst du dir vorstellen, wie sich so ungefähr 200 Brüder und Schwestern in einen kleinen Raum von etwa 13,5 m auf 6,5 m hineinquetschten? Auf der Stiege, die nach oben führte, konnten nicht zwei Personen auf einmal hinaufgehen. Während der Kongresse wurde im oberen Stockwerk das Essen zubereitet, und es mußte dann von Hand zu Hand — jeder Teller einzeln — zu den unten Wartenden weitergereicht werden. Gewiß war der Saal nicht so schön wie heute ein moderner Königreichssaal, aber verglichen mit anderen Örtlichkeiten, die sie benutzt hatten, war dies das Paradies!

 EIN ZWEIGBÜRO ERRICHTET

Das Jahr 1957 brachte das Werk in Irland ein gutes Stück voran. Bruder Knorr traf Vorkehrungen, in Dublin ein selbständiges Zweigbüro zu errichten. Bis dahin wurde Dublin als Literaturlager benutzt, und das Werk stand unter der Aufsicht des britischen Zweiges.

Das neue Zweigbüro befand sich im Norden in einem dreistöckigen Haus, 86 Lindsay Road. Jetzt  konnte man die ganze Aufmerksamkeit auf die besonderen Bedürfnisse Irlands richten. Nordirland verblieb jedoch zu dieser Zeit unter der Leitung des britischen Zweiges. Das Werk in der Republik Irland wurde vom neuen Zweigbüro aus beaufsichtigt.

DAS VERSAGEN DER CHRISTENHEIT OFFENKUNDIG

Trotz des anhaltenden religiösen Spotts stellten die Brüder die Christenheit bloß und zeigten, was sie in Wirklichkeit war. Eines der Werkzeuge, das sie gebrauchten, war die Ausgabe des Wachtturms vom 1. November 1958 (deutsch: 1. Januar 1959). Sie enthielt eine auf dem Kongreß „Göttlicher Wille“ gefaßte Resolution. In dieser Resolution wurde das totale Versagen der Christenheit bloßgestellt, die Menschen auf Gottes Königreich als die wirkliche Lösung für die Probleme der Menschheit hinzuweisen.

Die Ausgabe wurde weit unter der Geistlichkeit in Irland verbreitet. Und welch eine Reaktion sie hervorrief! Eine Ausgabe kam zurück — auf der Titelseite war „Quatsch“ darübergeschmiert. Eine andere wurde von einem Geistlichen zurückgesandt mit folgender Mitteilung:

„Schicken Sie mir diesen Müll nicht noch einmal ... Sie arbeiten für den Teufel, und das für Geld ... Lassen Sie das rechtschaffene irische Volk in Ruhe. Sie werden es sowieso nicht beeinflussen können. Ich wiederhole: Senden Sie mir diesen Müll nicht noch einmal zu. Ich habe davon kein einziges Wort gelesen.“

Aber einige unter dem „rechtschaffenen irischen Volk“ hatten einen Hunger nach der Wahrheit und waren dafür empfänglich. Für die meisten jedoch war es schwierig zu glauben, daß die Brüder von einem Geist echter Selbstlosigkeit und Liebe angetrieben wurden und sogar ihre Zeit und ihre Mittel einsetzten,  um anderen zu helfen, die Wahrheit kennenzulernen. Genauso schwierig war es für sie zu glauben, daß die, die auf die Wahrheit hörten, es nicht für Geld taten. Unzählige Lügengeschichten waren im Umlauf, die besagten, daß Interessierte Geld oder andere Vorteile erhielten, wenn sie den Zeugen zuhörten.

IN WEXFORD VOM PÖBEL ANGEGRIFFEN

Das Klima für das Ausbreiten der guten Botschaft in Irland verbesserte sich allmählich. Aber nicht alle Menschen hörten sich die Königreichsbotschaft auf friedliche Weise an. Besuchen wir zum Beispiel einmal zusammen das malerische Wexford im Südosten des Landes. Es ist das Jahr 1960.

Bruder Alex Turner und seine Frau waren etwa zehn Monate in Wexford, als es Unannehmlichkeiten gab. Bruder Turner stand im Haus-zu-Haus-Dienst. Als er mit einigen Leuten sprach, tauchte ein Priester hinter ihm auf. „Geben Sie mir diese schmutzige Literatur“, schrie ihn der Priester an, und er versuchte, Bruder Turners Predigtdiensttasche wegzuschnappen. Es versammelte sich eine Menschenmenge und mit ihr noch ein zweiter Priester. Als sich Bruder Turner weigerte, die Tasche zu übergeben, wurde er angefallen und geschlagen. Er und seine Frau entkamen aber, und sie gingen zur Polizeiwache, um den Überfall anzuzeigen.

Obwohl damals in Wexford keine Verkündiger wohnten, war die Einwohnerschaft über die Tätigkeit der Pioniere aufgebracht. Der Haß übertrug sich auf die Rechtsprechung. Einige Erklärungen, die der Bezirksrichter während des Prozesses abgab, verdeutlichen dies recht gut:

„Ich sehe mich zu folgenden Schlußfolgerungen veranlaßt: daß dieses Verfahren nur deshalb eingeleitet und uns auf dramatische Weise aufgenötigt wurde,  um für Jehovas Zeugen Reklame zu machen; daß diese Leute sich verschworen haben, die Geistlichkeit in Mißkredit zu bringen und ihr den Rang streitig zu machen; daß sie nach meinem Dafürhalten einen kurzsichtigen und von vornherein zum Scheitern verurteilten Versuch unternehmen wollen, die Bevölkerung dieses Landes und dieser Grafschaft zu bekehren. Jetzt und in der Vergangenheit haben sie ihre unwillkommene Aufmerksamkeit einer unwilligen Zuhörerschaft aufgenötigt. ... Ich bin fest davon überzeugt, daß diese Leute gegen den althergebrachten Glauben der Einwohner von Wexford eine Attacke geritten haben, eine Attacke, die fehlgeschlagen ist, fehlschlagen wird und fehlschlagen muß.“

Es gab keinen Zweifel, für wen der Richter Sympathie bekundete und daß wenig Aussicht auf Gerechtigkeit bestand. Vor Gericht leugneten beide Priester, Bruder Turner angegriffen zu haben. Sie wurden lediglich der Gewaltandrohung für schuldig befunden, kamen aber sonst ungeschoren davon.

In ganz Irland und England berichteten die Zeitungen über diesen Vorfall. Anfänglich hatte der Gerichtsfall eine feindliche Reaktion zur Folge. Er brachte aber auch etwas Gutes mit sich. Eine nachteilige Berichterstattung über die ungesetzlichen Handlungen der Priester und des Pöbels schien solch ein ungesetzliches Verhalten einzuschränken. Als sich die Leidenschaften abkühlten, sahen vernünftigdenkende Leute ein, daß diese Art der Gewalttätigkeit völlig unangebracht war.

In der Tat, einige Zeit später, als in Wexford eine Versammlung gegründet wurde, nahm einer der Priester, die an dem Überfall beteiligt waren, das Buch Die Wahrheit wird euch frei machen entgegen, und er entschuldigte sich bei einem Bruder für seine Beteiligung an diesem Vorfall.

 DIE ANWESENHEIT VON PIONIEREN MACHTE SICH BEMERKBAR

Auch im Westen des Landes machte sich die Anwesenheit der Pioniere bemerkbar. Ein Lokalblatt schrieb über ihre Tätigkeit: „Donegal wurde aufs neue von einer Landplage heimgesucht, die übler ist als Füchse oder Dachse. Ein Heer von Männern und Frauen — einige kreuzen mit Motorrollern auf — machen Haus-zu-Haus-Besuche in Stadt und Land und lassen unentgeltlich Zeitschriften zurück.“

Wie groß war dieses „Heer“? Zwei Pionierinnen auf ihrem Motorroller! Und durch was wurde diese Reaktion hervorgerufen? Es war die ausgedehnte Verbreitung der Sonderausgabe der Zeitschrift Erwachet! vom 8. Oktober 1960 (deutsch: 8. Januar 1961) mit dem Titel „Die katholische Kirche im 20. Jahrhundert“. Die Berichterstattung über das Zeugniswerk der zwei Pionierinnen erinnert einen an das „Heuschreckenheer“, das von dem Apostel Johannes in Offenbarung 9:1-10 beschrieben wird.

Pioniere wie diese spielten in den 50er und 60er Jahren eine große Rolle beim Predigen der guten Botschaft vom Königreich. Damals existierten in der Republik Irland nur vier oder fünf Versammlungen. Sonst gab es nur kleine Gruppen von Pionieren und Verkündigern, die bereit waren, unter allen möglichen Entbehrungen und Schwierigkeiten ihren Dienst durchzuführen.

Sichere Unterkünfte zu bekommen war für die Pioniere in abgelegenen Zuteilungen immer noch ein großes Problem. In den meisten Städten war es nahezu unmöglich, eine Bleibe zu finden. Für viele Sonderpioniere war es einfacher, außerhalb der Städte in Landgebieten leerstehende Hütten zu mieten. Es war weniger wahrscheinlich, daß sie diese schnell wieder räumen mußten. Die Gesellschaft  stellte Möbel zur Verfügung, für die die Pioniere eine sogenannte „Miete“ zahlten. Die Hütten dienten auch als Versammlungsstätte für Interessierte. Als die Feindschaft sich legte, konnten die Sonderpioniere in die Städte umziehen. Der Eifer der Pioniere war ein Hauptfaktor für das zahlenmäßige Wachstum der Zeugen in der Republik von 211 Verkündigern im Jahre 1962 auf 253 im Jahre 1965.

INTERNATIONALER KONGRESS — 1965 IN DUBLIN

Als bekanntgemacht wurde, daß Jehovas Zeugen 1965 in Dublin einen internationalen Kongreß abhalten würden, war die Bevölkerung bestürzt. Sobald das Ereignis Formen annahm, wurde offensichtlich, daß eine Anzahl Personen dagegen waren, daß der Kongreß stattfände.

„Man könnte einen Roman über die Schwierigkeiten schreiben — eine Reihe von Ereignissen ließen den Eindruck entstehen, daß es mit dem Kongreß einfach nicht voranging“, erzählt Arthur Matthews, der die Kongreßvorbereitungen überwachte. „Aber die Anstrengungen, den Kongreß vorzubereiten und ihn dann abzuhalten, erzeugten einen guten Geist unter allen Brüdern.“ Wie kämpften sie gegen die Entmutigung an, als sich die Probleme häuften? Bruder Matthews stellte sich auf seinem Schreibtisch eine Karte mit dem Text aus Sprüche 24:10 auf: „Hast du dich entmutigt gezeigt am Tag der Bedrängnis? Deine Kraft wird karg sein.“

Unter einigen Mitgliedern des Stadtrats machte sich fanatische Gegnerschaft breit. Es stand in ihrer Macht, uns den Gebrauch des Fußballstadions zu verbieten, das wir für den Kongreß gemietet hatten. Ein Ratsmitglied bezeichnete die Zeugen als „eine Bedrohung“, und andere Mitglieder drängten darauf, daß man den Zeugen nicht erlauben sollte, die  Einrichtungen zu benutzen. Ein anderes Ratsmitglied wies jedoch klugerweise darauf hin, daß es ein Armutszeugnis sei, wenn man keine Erlaubnis erteile, den Kongreß abzuhalten — und das in einem Land, das selbst für viele Jahre das Opfer religiöser Bedrückung war.

Das irische Touristenbüro „Bord Failte“ war dafür, daß der Kongreß stattfinden sollte. Doch ein aufgebrachter Protestler schrieb an das Lokalblatt: „Will ‚Bord Failte‘ die irische Nation zum Gespött der Welt machen? Seine Haltung bedeutet eine größere Bedrohung für die katholische Kirche als die Tätigkeit der Zeugen Jehovas und aller anderen Unterstützer der falschen Religion zusammengenommen.“

Ein Korrespondent verglich die Zeugen mit dem berüchtigten Ku-Klux-Klan und der Mafia und stellte die Frage: „Will denn jemand diese Leute überhaupt hier haben?“ Dies löste eine wohlwollende Erwiderung aus, die besagte, der Schreiber, der Jehovas Zeugen angegriffen habe, „sollte sein Haupt in Scham verhüllen“.

ALLE HINDERNISSE ÜBERWUNDEN

Schließlich wurde die Erlaubnis, den Kongreß abzuhalten, erteilt. Doch die Probleme fingen erst an. Es erwies sich als unmöglich, eine nahe gelegene Stätte für die Essensausgabe zu finden. Das bereitete wirklich Kopfzerbrechen, bis die Stadionverwaltung zusagte, daß die Brüder auf dem Fußballfeld ein Zelt aufstellen könnten. Die Männer, die das Zelt anlieferten, lehnten es jedoch ab, es auch aufzustellen. Die Brüder mußten nun die Dinge selbst in die Hand nehmen, obwohl sie wenig Erfahrung hatten. Doch Jehova kam ihnen zu Hilfe. Männer von einer anderen Firma, die Tische und Stühle anlieferten, hatten auch Erfahrung darin, wie man Zelte aufstellt. Als sie  das Dilemma sahen, boten sie den Brüdern praktischen Rat und Hilfe an.

Arthur Hewson, der Kongreßaufseher, erinnert sich daran, wie schwierig es war, für all die erwarteten Delegierten Unterkünfte zu finden. „So schnell, wie wir Zimmer fanden, so schnell übte auch der Priester Druck aus, und sie wurden wieder abgesagt“, berichtet er. „Alles in allem wurden 50 Prozent der aufgenommenen Unterkünfte wieder abgesagt; und sogar einige Hotels hatten ‚alle Zimmer belegt‘, wenn wir Nachfrage hielten.“ An manchen Tagen wurden mehr Zimmer abgesagt als gefunden.

Doch die Brüder drängten voran im Vertrauen darauf, daß der Kongreß stattfinden würde, so es Jehovas Wille sei. Schließlich fand man dann doch für mehr als 3 500 Zeugen Jehovas genügend passende Unterkünfte in den Wohnungen der Einwohner Dublins. Und was war das Ergebnis? Das Vorurteil gegen die Zeugen fing an zu zerbröckeln. „Man hat uns nicht die Wahrheit über euch erzählt“, sagten einige Vermieterinnen nach dem Kongreß. „Der Priester hat uns angelogen, aber da wir euch jetzt kennen, könnt ihr jederzeit gerne wiederkommen.“

All die vielen verschwörerischen Maßnahmen, die dazu dienen sollten, den Kongreß zu einem Mißerfolg zu machen, schlugen fehl. „Ich habe noch keinen Kongreß erlebt, bei dem Jehovas Geist nicht gegenwärtig war“, erzählt Bruder Hewson, „aber nie habe ich einen Kongreß erlebt — weder vorher noch nachher —, auf dem Jehovas Geist sich in solch einer Weise offenbarte.“ Die Heftigkeit des Widerstandes machte den Sieg nur noch bemerkenswerter. Er stärkte den Glauben der Brüder an Jehovas Verheißung: „Sie werden gewißlich gegen dich kämpfen, aber sie werden nicht die Oberhand über dich gewinnen. Denn ich bin mit dir, um dich zu retten und dich zu befreien“ (Jer. 15:20).

 EIN WIRKLICHER DURCHBRUCH

Dieser internationale Kongreß im Jahre 1965 war ein Wendepunkt in der Tätigkeit der Zeugen Jehovas in Irland. Es wurde sehr viel darüber berichtet, und vieles davon war sehr positiv. Zum erstenmal zeigte das staatliche Fernsehen Bilder von einem Kongreß der Zeugen Jehovas. Auch von der Taufe wurde eine gute Berichterstattung gegeben. Weil man keine Schwimmhalle finden konnte, trafen die Brüder Vorkehrungen für die Taufe im Meer — ein Strandbad längs einer Mole in der Dublin Bay. Dem peitschenden Regen und den bitterkalten Winden trotzend, symbolisierten 65 Personen ihre Hingabe an Jehova.

Bruder Frederick W. Franz (der später der vierte Präsident der Watch Tower Bible and Tract Society wurde) hielt am letzten Kongreßtag vor einer Zuhörerschaft von 3 948 Personen eine aufrüttelnde Ansprache über das Thema: „Die Weltregierung auf der Schulter des Friedefürsten“. Bruder Franz hatte sich gedanklich gut auf die Bevölkerung Irlands eingestellt und zitierte ausschließlich aus der katholischen Douay-Bibel. Welch ein großartiges Zeugnis!

GANZ IRLAND UNTER EINEM ZWEIGBÜRO

Das darauffolgende Jahr 1966 brachte eine andere ausgezeichnete Verbesserung mit sich: Das ganze Land — der Norden und der Süden — kam unter die Aufsicht des Zweigbüros in Dublin zu stehen. Politisch und religiös war Irland weiterhin geteilt, aber Jehovas Volk war nun in jeder Hinsicht geeint. In jenem Jahr gab es 268 Zeugen in der Republik Irland und 474 in Nordirland — eine große Bruderschaft von 742, die zusammenarbeitete, um den Willen Jehovas zu tun.

NEUTRALITÄT UNTER DRUCK BEWAHRT

In den turbulenten 70er und 80er Jahren nahmen  besonders in Nordirland nationalistische Bewegungen zu, und der Terrorismus eskalierte. Was war das Ergebnis? In diesem nordöstlichen Teil der Insel verschärften sich immer mehr die Gegensätze zwischen der katholischen und protestantischen Bevölkerung.

Norman Richards diente in Nordirland als einer der Kreisaufseher, als die Schwierigkeiten begannen. Er erinnert sich daran, wie man die Brüder unter Druck setzte, damit sie für die eine oder andere Seite Partei ergreifen sollten.

„Man wollte die Brüder dafür gewinnen, sich an den nächtlichen Patrouillen der Selbstschutzverbände zu beteiligen und daran, Barrikaden zu errichten, um das Gebiet abzuriegeln“, erzählt Bruder Richards. „Die Bewacher erwarteten Beiträge, um die Auslagen, die sie zur Verteidigung ihres Gebiets benötigten, bezahlen zu können. Und sie versuchten an alle Häuser ihre nationalistischen Fahnen zu hängen.“

Doch die Brüder blieben trotz der Einschüchterungsversuche standhaft. Keiner machte Kompromisse, und so wurde allen bald klar, daß sich die Brüder in diesem Kampf völlig neutral verhielten. Man erkannte bald die Einstellung der Zeugen zum Krieg, ihre Ansicht über die Fahne und ihre Entschlossenheit, „kein Teil der Welt“ zu sein (Joh. 17:16; Jes. 2:2-4; 1. Kor. 10:14; 1. Joh. 5:21).

Wenn die Brüder ihren Standpunkt verdeutlichten, trafen sie in der Allgemeinheit gewöhnlich auf Feindseligkeit. Nachbarn, die paramilitärische Aktivitäten unterstützten, sprachen meist nicht mehr mit ihnen. Als die Brüder aber fortfuhren, im Rahmen des biblisch Erlaubten freundlich und hilfreich zu sein, wurden sie mit der Zeit wieder anerkannt, und ihre strikte neutrale Haltung wurde respektiert.

 LERNEN, MIT SCHWIERIGKEITEN ZU LEBEN

Als die Gewalttaten ihren Höhepunkt erreichten, verspürte man in den verschiedenen Teilen der Provinz die allgegenwärtige Gefahr von Schießereien und Bombenanschlägen. Der Abenddienst kam zum Erliegen, da die Leute sich fürchteten, nach Einbruch der Dunkelheit die Tür zu öffnen. Aber die Rückbesuchs- und Heimbibelstudientätigkeit nahm ständig zu.

Verständlicherweise waren die Menschen ängstlich, wenn jemand bei ihnen vorsprach, den sie nicht kannten. „An einem Sonntagnachmittag“, erinnert sich Bruder Richards, „klopften wir an eine Tür, und ein Mann machte vorsichtig auf. Wir stellten uns vor und erklärten ihm, weshalb wir vorsprachen. Er zog die Hand hinter dem Rücken hervor, und wir sahen, daß er einen geladenen Revolver darin hielt. ‚Ich bin Polizist‘, sagte er, ‚und ich dachte, sie könnten von der IRA sein.‘ “

Wie stellten sich die Brüder auf diese kriegsähnlichen Bedingungen ein? Sie befolgten Jesu Rat aus Matthäus 10:16, „vorsichtig“ zu sein und nichts zu riskieren. Wenn sie im Predigtdienst waren und irgendwo in der Nähe eine Bombe explodierte, flochten sie das mit in ihre Darbietung ein und sagten in etwa: „Wissen sie, daß Gott verheißt, daß solche Dinge einmal ein Ende haben werden?“ und fuhren dann mit der Unterhaltung fort. Natürlich kam es nicht in allen Teilen Nordirlands zu Ausschreitungen, noch waren die terroristischen Aktivitäten jederzeit gegenwärtig. „Wir mußten nicht jeden Tag Bomben und Kugeln aus dem Weg springen“, sagte ein Bruder, „die meiste Zeit verlief ohne Zwischenfälle.“

ÜBERALL DIE GUTE BOTSCHAFT VERBREITEN

Anfang der 70er Jahre drohten paramilitärische Aktivisten den Brüdern, man würde sie erschießen,  wenn sie in bestimmte Gebiete gingen. Die Vorsicht gebot ihnen deshalb ein zeitweiliges Fernbleiben. So wurden eine Anzahl katholischer Gebiete in Belfast vom Zeugniswerk ausgenommen. Einer der Brüder berichtete, wie sie die Tätigkeit in diesen Gebieten wiederaufnahmen. Er wohnte in Belfast an der Grenze von katholischem und protestantischem Gebiet. Er und seine Frau nahmen ihr kleines Kind im Kinderwagen mit, und allmählich arbeiteten sie sich in den katholischen Sektor vor. Bald schlossen sich ihnen auch zwei Sonderpioniere an. Mehr und mehr wurden sie akzeptiert, und als noch andere Verkündiger mitkamen, hatten sie in diesen Gebieten bald gruppenweises Zeugnisgeben organisiert.

Was diente den Zeugen in den katholischen Gebieten zum Schutz? Es war ihre Neutralität! Eine Erfahrung veranschaulicht dies: „Etwa drei oder vier Monate nachdem wir in einem Gebiet zu arbeiten begonnen hatten, lud uns ein Mann in sein Haus ein. Im Verlauf der Unterhaltung erzählte er uns, daß Jehovas Zeugen in dieser Gegend willkommen seien. Er bemerkte unsere Neutralität in politischer Hinsicht, die sich, wie er sagte, gänzlich von der Handlungsweise so vieler Priester unterscheide. Als ich erwähnte, daß ich in der Gegend schon seit einiger Zeit predigte, konnte er mir genau Zeit und Ort des Beginns meiner Tätigkeit im Gebiet angeben, und er sagte mir, daß wir von Anfang an ständig beobachtet worden seien.“

Einmal hielten Soldaten den Bruder an und nahmen ihn zur Befragung mit ins Hauptquartier. Sie wollten ihn als Informanten für ihre Sicherheitsstreitkräfte gewinnen, und er sollte während seiner Predigttätigkeit als Spitzel tätig sein. Nachdem er jedoch erklärt hatte, daß er ein Zeuge Jehovas und somit politisch neutral sei, ließen sie ihn gehen.

 Eine Anzahl Brüder aus England waren in eine Versammlung zugezogen, die nahe an der Grenze zwischen Nordirland und der Republik Irland lag. Durch etwa 200 Bomben und ständigen nächtlichen Aufruhr und Schießereien war der Stadtkern in einer Zeitspanne von zwei bis drei Jahren zerstört worden. Doch während all dieser Zeit verspürten die Brüder Jehovas schützende Hand. Zuweilen warnten die Anwohner die Zeugen, bevor es losging. Trotz ständiger Unruhen hielten die Brüder stets ihre Zusammenkünfte ab und setzten ihren Dienst fort. „Zeitweise wurde den Sicherheitsstreitkräften zu bestimmten Gebieten der Zutritt untersagt“, erzählte uns ein einheimischer Bruder, „aber die Brüder konnten jederzeit in diese Gebiete gehen, um zu predigen — obgleich einige von ihnen Engländer waren —, weil sie stets ihre Neutralität bewiesen hatten.“

PERSONENVERWECHSLUNG

Manchmal jedoch befanden sich einige Verkündiger bei ihrer Predigttätigkeit in Gefahr. Auf Jehova vertrauend und indem sie ruhig Blut bewahrten, konnten die Brüder entkommen, ohne ernsthaft Schaden zu nehmen. Ein junger Sonderpionier wurde beispielsweise mit einem Angehörigen der Sicherheitsstreitkräfte verwechselt. Er erzählt:

„Ich machte einige Rückbesuche in einer Siedlung, die dafür bekannt war, daß die Leute dort stark mit der IRA sympathisierten, als ein Wagen heranbrauste; einer der Insassen richtete ein Gewehr auf mich und befahl mir einzusteigen. Die Männer im Wagen durchsuchten mich sogleich. Zuerst dachte ich, daß sie mich jetzt erschießen würden, da sie mich mit einem Soldaten in Zivilkleidung verwechselten. Sie fuhren mich zu einem Haus und schlossen mich in einen kleinen Schuppen ein. Mir erschien es, als dauerte es eine Ewigkeit. Dann holte man mich  heraus, verband mir die Augen und führte mich in das Haus, wo ich endlos lange ausgefragt wurde — wer ich sei und was ich hier in dieser Gegend machen würde. Gleich zu Beginn betete ich zu Jehova, mir zu helfen, daß ich ihnen keinen Grund zu einer übereilten Handlung gäbe durch das, was ich sagen oder tun würde.

Ich erklärte, daß ich ein Zeuge Jehovas sei und nur daran interessiert sei, den Leuten zu helfen, die Bibel zu verstehen. Ich bekam mit, wie einige Männer den Inhalt meiner Predigtdiensttasche untersuchten, und hörte sie Kommentare über meine Haus-zu-Haus-Notizen machen. Einer der Männer verließ den Raum und sagte: ‚Halte ihn mit dem Gewehr in Schach, und wenn er irgendeine falsche Bewegung macht, dann jag ihm eine Kugel durch den Kopf!‘ Nach einer Weile kam der Mann zurück. Er mußte etwas herausgefunden haben, was meine Geschichte glaubhaft machte, denn er sagte den anderen, daß ich freigelassen werden könne. Immer noch die Augen verbunden und das Gewehr in den Rippen, wurde ich zum Wagen zurückgebracht und in der Nähe des Stadtzentrums freigelassen.

Ich bin sicher, daß Jehovas Geist mir geholfen hat, ruhig zu bleiben, und mich befähigte, das Richtige zu sagen und zu tun, so daß sie klar meine neutrale Haltung erkennen konnten. Am gleichen Nachmittag begleitete mich mein Partner zu einem vereinbarten Rückbesuch bei einer Person in der gleichen Siedlung, und auch danach arbeiteten wir noch öfter dort, ohne noch einmal belästigt zu werden.“

ALS JEHOVAS ZEUGEN ERKANNT

Ein andermal arbeiteten zwei Pioniere in der kleinen Grenzstadt Crossmaglen in Nordirland. Für viele in diesem Gebiet waren sie Fremde. Ihnen war nicht bekannt, daß die IRA kurz zuvor Flugblätter  verteilt hatte, um die Einwohner des Ortes zu warnen, daß bald eine Spezialeinheit der britischen Armee, die SAS (eine hochtrainierte Einheit, die oft in Zivil operierte) eintreffen würde. Die Ortsbewohner argwöhnten in den Pionieren Mitglieder der SAS.

Die Brüder hatten ihre Besuche beendet und waren auf dem Nachhauseweg. Da sie auf den Bus warten mußten, gingen sie noch einen Kaffee trinken. Sie fragten die Inhaberin des Kaffeeausschanks, ob der Bus schon im Ort angekommen sei. Erzürnt beschuldigte sie sie, Soldaten zu sein, und stürmte hinaus. Die Brüder gingen auch hinaus. Als sie draußen auf den Bus warteten, fuhr ein Auto mit einigen Männern vor. Sie gingen in den Kaffeeausschank, kamen kurz darauf wieder heraus, fuhren langsam um den Häuserblock, hielten dann bei den Brüdern an und stellten ihnen einige Fragen. Die Brüder dachten, es seien IRA-Schützen. Sie erzählen uns, was als nächstes geschah:

„Der Bus kam an — ein alter verbeulter Kasten. Wir zahlten und stiegen ein. Dann bemerkten wir, daß die Männer, die uns befragt hatten, sich ernsthaft mit dem Busfahrer besprachen. Bald darauf fuhr der Bus ab, und zur gleichen Zeit fuhr auch das Auto mit diesen Männern los. Wir befürchteten, daß sie miteinander vereinbart hätten, sich irgendwo außerhalb des Ortes auf einer ruhigen Landstraße zu treffen. In der Nacht zuvor war nämlich ein Kleinbus in diesem Gebiet angehalten worden. Man hatte zehn Männer in einer Reihe aufgestellt und neun von ihnen erschossen.

Die Kilometer nach Hause kamen uns endlos vor, doch während wir uns der Stadt näherten, wurde uns klar, daß sich nichts abspielen würde. Als wir den Busfahrer baten anzuhalten, damit wir aussteigen konnten, fragte er uns: ‚Sagt mal, habt ihr irgendwelche  von euren Büchern dabei?‘ Offensichtlich kannte er uns, und wir gaben ihm die neuesten Ausgaben der Zeitschriften Wachtturm und Erwachet! Dann fragten wir ihn, wer die Männer waren, die uns ausgefragt hatten. ‚Ach, macht euch keine Sorgen‘, antwortete er. ‚Ich wußte, wer ihr seid. Ich hab’s ihnen erklärt. Macht euch überhaupt keine Sorgen. Ihr seid jetzt außer Gefahr.‘ “

HÖRENDE OHREN IN KATHOLISCHEN GEBIETEN

Jahrelang hatte in Nordirland die Wahrheit fast nur in protestantischen Gebieten hörende Ohren gefunden. Aber immer mehr zeigten jetzt Katholiken Interesse, da sie feststellten, daß dieses System ihnen nichts bieten konnte und die Kirche es versäumt hatte, sich an biblische Grundsätze zu halten. Ein junger Katholik, der als Krankenpfleger arbeitete, wurde im Haus-zu-Haus-Dienst angetroffen. Wie reagierte er?

„Es waren Engländer“, sagte er über die Brüder, die bei ihm vorgesprochen hatten, „und mein erster Gedanke war, daß kein Fremder kommen solle, um uns in Irland über Religion zu belehren.“ Aber die Brüder gebrauchten auf geschickte Weise die Bibel, um auf seine Einwände und Fragen einzugehen. Seine Geringschätzung schlug in Respekt um, und er nahm das Buch Die Wahrheit, die zu ewigem Leben führt. Er wollte mehr über Gottes Wort wissen, da er feststellen mußte, daß er überhaupt nichts über die Bibel wußte, obwohl drei seiner Onkel katholische Priester waren. Als er sich dann arbeitsmäßig veränderte, verlor er den Kontakt mit den Brüdern.

Die Schwierigkeiten in Nordirland nahmen zu, und so konnte er in dem Krankenhaus, in dem er arbeitete, unmittelbar die schrecklichen Auswirkungen der Schießereien und Bombenanschläge sehen. Um diesem  Horror zu entfliehen, fing er an zu rauchen und zu trinken. Er fragte sich immer wieder: „Warum passiert das alles? Warum läßt Gott das zu?“ Doch während der ganzen Zeit erinnerte er sich auch an seinen ersten Kontakt mit der Wahrheit, und es wurde ihm bewußt, daß in der Bibel die Antworten zu finden waren. So brachte er sein Leben in Ordnung und betete, daß Gott ihm helfen möge.

Als er seine Eltern besuchte, erwartete ihn eine freudige Überraschung. Sein jüngerer Bruder studierte mit Jehovas Zeugen die Bibel! Er erzählt: „Wir saßen bis vier Uhr morgens zusammen, um über das zu sprechen, was mein Bruder gelernt hatte. Es war wundervoll zu lernen, daß es einen Gott gibt, der sich um uns kümmert, der die Erde reinigen und Krankheit und Tod beseitigen wird. Aber ich hatte noch viel zu lernen.“

Er kehrte zu seiner Arbeit nach Londonderry zurück. Eines Morgens klingelte es. Normalerweise hätte er die Klingel nicht gehört, da er Nachtschicht arbeitete. Diesmal wachte er aber auf und ging schlaftrunken an die Tür. Zwei Schwestern, die dachten, daß niemand zu Hause sei, waren schon wieder am Weggehen. Er fragte sie, ob sie Zeugen Jehovas seien. „Als sie dies bejahten, sprang mein Herz vor Freude“, erzählte er uns, „und ich bat um ein Bibelstudium.“ Wie viele andere, die katholisch erzogen worden waren, machte er rasch Fortschritte in der Wahrheit.

DIE WIRKLICHE LÖSUNG FÜR DIE SCHWIERIGKEITEN

In einem anderen streng katholischen Gebiet in Belfast waren zwei junge Frauen in politische Kämpfe und in paramilitärische Aktivitäten verwickelt. Schließlich dämmerte es ihnen, daß sie nicht auf dem richtigen Weg waren. Es kamen ihnen Zweifel, ob der  Haß, den ihre Mitgenossen empfanden, und auch der Mangel an Respekt für das Leben, den Menschen zeigen, die im Interesse ihrer Sache verstümmeln und töten, richtig seien.

Als ein Verkündiger bei ihnen zu Hause vorsprach und über die Wahrheit redete, waren sie zuerst einmal skeptisch. Aber allmählich erkannten sie, daß Gottes Verheißung auf eine Regierung, die alle Dinge auf der Erde wieder zurechtbringen wird, die einzig praktische Lösung für die Probleme in Belfast war (Ps. 46:8, 9; Jes. 2:4; Dan. 2:44). Anfänglich fiel es ihnen schwer zu glauben, daß man in ihrem Umfeld neutral bleiben könne; als sie aber mit den Brüdern im Königreichssaal zusammenkamen, konnten sie sehen, daß christliche Neutralität möglich ist. Sie erfuhren, wie man wahre Einheit und Liebe unter Christi Nachfolgern praktiziert, und sie machten bald in der Wahrheit Fortschritte (Joh. 13:34, 35).

JEHOVA LÄSST ES WACHSEN

Jehova kann den Samen der Wahrheit in den Herzen der Menschen wachsen lassen, auch wenn er für Jahre darin geschlummert hat (1. Kor. 3:6, 7). Solche können dann sehr schnell Fortschritte machen. Dies wird durch die Erfahrung einer Schwester, die im Straßendienst stand, veranschaulicht.

„Ich war eher etwas nervös, als ein Mann mit einer Einkaufstüte in jeder Hand recht zielstrebig auf mich zusteuerte“, berichtet sie. „Er hielt an, stellte seine Tüten ab und fragte mich, ob ich Zeuge Jehovas sei. Als ich ihm dies bestätigte, bat er um ein Exemplar des ‚roten Buches‘ (Du kannst für immer im Paradies auf Erden leben). Dann kam die Überraschung. Er fragte, ob jemand kommen und mit ihm ein Bibelstudium durchführen könne!“

Dieser Mann hatte im Jahre 1963 von einem Arbeitskollegen das Buch erhalten „Babylon die Große  ist gefallen!“ Gottes Königreich herrscht! Er hatte es gelesen und auch erkannt, daß es die Wahrheit enthält, aber nichts unternommen. Einige Zeit danach — er war noch ledig — betete er zu Jehova und legte folgendes Versprechen ab: Wenn Jehova ihm eine Frau und Kinder schenken würde, würde er die Kinder so erziehen, daß sie Jehova dienten. Inzwischen waren etwa 20 Jahre vergangen, er war verheiratet und hatte vier Kinder, aber hatte noch nicht sein Versprechen erfüllt. Nun stand er wegen persönlicher Probleme in der Gefahr, seine Familie zu verlieren.

Seine geistigen Bedürfnisse erkennend, begab er sich auf die Suche nach den Brüdern. Von einem seiner Nachbarn erfuhr er, an welcher Straßenecke man die Zeugen an jedem Samstag um die Mittagszeit finden könnte. So machte er sich auf, um sie zu suchen. Von Anfang an besuchte er regelmäßig die Zusammenkünfte und brachte auch seine Kinder mit. Als er Jehovas Maßstäbe besser verstand, nahm er Änderungen in seinem Leben vor. Zwei Monate nachdem er den Kontakt mit den Brüdern wiederaufgenommen hatte, besuchte er seinen ersten Kreiskongreß. Dieser gab ihm auch die Kraft, vom Rauchen loszukommen.

Dann aber kam eine echte Prüfung. Wegen des Drucks von seiten ihrer Familie sprach seine Frau wochenlang nicht mehr mit ihm, und sie drohte schließlich, ihn zu verlassen, wenn er die Wahrheit nicht aufgeben würde. Es war schon eine Ironie, daß gerade das, was er durch die Wahrheit retten wollte, nämlich seine Ehe, nun gefährdet war, weil er Jehova diente. Er kam aber zu der vernünftigen Schlußfolgerung, daß für ihn und für seine Familie alles verloren sei, wenn er jetzt die Wahrheit aufgäbe. So blieb er standhaft. In Wirklichkeit aber wollte ihn  seine Frau gar nicht verlassen. Sie stand nur unter dem Druck ihrer Familie. Jetzt gibt sie zu, daß sie längst nicht mehr zusammen wären, wenn ihr Mann kein Zeuge Jehovas geworden wäre.

STÄNDIGES WACHSTUM AUCH IN DER REPUBLIK

Die Beharrlichkeit, mit der die Brüder und Schwestern das Licht der Wahrheit überall leuchten ließen, brachte auch in der Republik Irland gute Ergebnisse.

Ein katholisches Ehepaar grämte sich über den Tod ihrer vierjährigen Tochter. Einige Nachbarn sagten, daß sie sterben mußte, „weil Gott sie im Himmel haben wollte“, und daß „sie nicht für diese Welt bestimmt war“. Für die trauernden Eltern ergab dies keinen Sinn. „Wir waren gute Katholiken“, sagten sie. „Wir gingen zur Messe und glaubten an Gott, aber wir konnten nicht begreifen, warum sie sterben mußte!“

Die Mutter willigte in ein Studium ein, doch für ihren Mann war die Wahrheit zunächst nicht attraktiv. „Keine Geburtstage! Keine Weihnachten! Alle Zusammenkünfte besuchen! Keine Zigaretten mehr! Das ist nichts für mich“, dachte er. Insgeheim bewunderte er aber seine Frau für ihre wachsende Ergebenheit Jehova gegenüber. In der ersten Zeit, als die Brüder zum Bibelstudium kamen, verschwand er stets durch die Hintertür. Später aber blieb er dabei und hörte zu und lernte die Wahrheit schätzen.

Er war ganz erschüttert, als er erfuhr, daß Jehova in Wirklichkeit der wahre Gott ist. „Ich dachte, er wäre irgendein Millionär in Amerika“, sagte er. Schließlich war die ganze Familie im Dienst Jehovas vereint. Ihr Glaube an den wahren Gott gab ihnen dann auch viel innere Stärke, als ihr ältester Sohn ganz plötzlich an Leukämie starb. Der Bruder sagte: „Wenn wir nicht die Wahrheit erkannt und unsere  Brüder in der Versammlung gehabt hätten, hätten wir uns das Leben genommen.“

Ein anderer Katholik war ratlos angesichts all der Ungerechtigkeit und des Leids in der Welt. Der Vietnamkrieg, die schrecklichen Zustände in Biafra, Millionen von Menschen, die in einer Welt der Fülle den Hungertod starben — all das schien so sinnlos. Um der schmerzlichen Wirklichkeit zu entfliehen, begann er zu trinken. Als er mit der biblischen Botschaft in Berührung kam, wurde ihm der Grund für die Existenz dieses schrecklichen satanischen Systems der Dinge erklärt.

Er machte in der Wahrheit Fortschritte und ging ganz im Dienst Jehovas auf. Als er Brüder in Belfast besuchte, begleitete er sie im Dienst von Haus zu Haus in einem Viertel, wo „Loyalisten“ (Anti-Nationalisten) wohnten. Zuvor hätte er nicht einmal im Traum daran gedacht, Nordirland zu besuchen, geschweige denn, sich in ein Viertel zu wagen, wo Loyalisten wohnen. Aber nun war er hier. Er wurde eingeladen, in eine Wohnung einzutreten, und der Wohnungsinhaber fand heraus, daß der Bruder katholisch gewesen war. Er fragte ihn deshalb: „Als sie Katholik waren, haben sie die IRA unterstützt?“ Der Bruder dachte, der Mann könnte gewalttätig werden, denn er war erst vor kurzem aus der Haft entlassen worden. Man hatte ihn mit einem Gewehr erwischt, mit dem er einen Katholiken töten wollte. So sagte der Bruder: „Jetzt bin ich kein Katholik mehr. Ich bin ein christlicher Zeuge Jehovas. Als ein wahrer Christ würde ich niemanden für irgendeine Regierung oder für irgendeinen Menschen töten.“ Daraufhin schüttelte der Wohnungsinhaber ihm die Hand und sagte: „Jede Art von Töten ist schlecht. Ihr tut ein gutes Werk. Macht weiter so!“

 DIENEN, WO HILFE NOT TUT

Eine große Hilfe, das Werk in Irland zu beschleunigen, war die Bereitschaft vieler Brüder aus anderen Ländern, dorthin zu ziehen, wo Hilfe not tat. Sie folgten einem Ruf, ähnlich wie ihn der Apostel Paulus hörte: „Komm herüber nach Mazedonien, und hilf uns!“ (Apg. 16:9). Dies erforderte eine tiefe Liebe zu Jehova und einen echten Geist der Selbstaufopferung. Doch sie erzielten gute Ergebnisse und wurden reich belohnt.

Natürlich mußten Schwierigkeiten überwunden werden. Man mußte einen Arbeitsplatz finden und dafür sorgen, daß die Kinder die Schule besuchten. Aber diese Brüder und Schwestern stellten Jehova auf die Probe, und er hat sie nie im Stich gelassen. „Unsere Kinder lebten sich schnell ein“, sagte ein Ehepaar, „und durch den Umzug beschäftigten wir uns als Familie mehr mit geistigen Dingen.“ Ein Familienvater äußerte sich dazu, wie nützlich sich der Umzug nach Irland für seine Familie auswirkte: „Es half uns, daß wir nicht durch die Dinge dieser Welt abgelenkt wurden, und wir haben es geschafft, daß unsere Familie im Pionierdienst steht.“

Weitere Unterstützung erhielten die Versammlungen auch durch mutige Pioniere, von denen die meisten aus Großbritannien kamen. Nachdem einige von ihnen eine Familie gegründet hatten, ließen sie sich sogar ganz in Irland nieder. Viele Pionierehepaare kamen ursprünglich mit dem Gedanken nach Irland, nur für ein oder zwei Jahre zu bleiben und dann wieder in ihre Heimat zurückzukehren. Einige taten dies, und sie leisteten einen vorzüglichen Beitrag zum Fortschritt des Werkes hier im Land. Anderen hingegen war es möglich, in Irland zu bleiben.

In Irland ist es für Ehepaare ganz normal, eine große Familie zu haben und deshalb so schnell wie möglich Kinder zu bekommen. Aus diesem Grund fanden es die Iren merkwürdig, daß Pionierehepaare keine Kinder hatten. Wenn die Einheimischen herausfanden, daß die Pioniere, die sie besuchten, keine Kinder hatten, sagten  sie oft mit besorgter Stimme: „Ich zünde für Sie eine Kerze an.“ Hatten aber Pionierehepaare, die ansässig geworden waren, später einmal Kinder, wurden sie von der einheimischen Bevölkerung viel eher akzeptiert. Die Versammlungen wurden gefestigt. Statt eines ständigen Wechsels der Pioniere in verschiedenen Dienstzuteilungen stabilisierten sich die Verhältnisse.

Etwa 30 der 80 Versammlungen haben eine gute Grundlage an Ältesten und anderen Verkündigern durch Familien, die im Pionierdienst standen und sich hier niederließen. In einer Versammlung kamen vier der fünf Ältesten als Pioniere nach Irland. Warum blieben sie hier? Sie antworten: „Es ist unser Zuhause geworden.“ „Wir wollten weiterhin dort dienen, wo Hilfe not tut.“ „Es schien nicht angebracht zu sein, dorthin zurückzukehren, wo keine Hilfe not tat.“ Jehova segnete ihren Dienst. Im Jahre 1982 gab es in Irland 2 021 Zeugen.

Während das Werk in Nordirland und in der Republik Irland gedieh, war zu erwarten, daß auch die Dämonen tätig sein und sich bemühen würden, den Fortschritt zu hindern. Eine Waffe, die sie wiederum benutzten, war Abfall.

ERNEUTER ABFALL IN DUBLIN

Im Jahre 1982 entwickelte sich hauptsächlich im Gebiet von Dublin eine besonders bösartige Form des Abfalls. Einigen Brüdern gefiel es nicht, wie die Versammlung geleitet wurde, und sie zogen die Gesamtheit der Lehre, die von Jehovas Volk als die Wahrheit anerkannt wird, in Frage. Sie vertraten die Ansicht, daß jeder Christ in der Lage sein sollte, in Glaubensfragen selbst zu entscheiden.

Heimlich und auf betrügerische Weise säten sie im Sinn anderer den Samen des Zweifels in bezug auf Lehren. Man zog die Lauterkeit der Glieder der leitenden Körperschaft in Frage. Die Sektierer, die als Älteste und Dienstamtgehilfen dienten, schwächten die organisatorischen  Anweisungen ab. Von der Bühne aus und auch heimlich bei anderen Gelegenheiten verbreiteten sie eigene Vorstellungen und untergruben so das Vertrauen anderer in Jehovas Organisation.

Als die rebellische Haltung immer mehr zutage trat, bemühten sich treue Älteste in der Versammlung, den Sektierern zu helfen, ihr geistiges Gleichgewicht und ihren Glauben wiederzuerlangen, damit sie geistig keinen Schiffbruch erlitten (1. Tim. 1:19). Die treuen Brüder waren sich der Gefährlichkeit einer solchen Situation, wie sie der Apostel Paulus und der Apostel Petrus vorausgesagt hatten, bewußt (Apg. 20:30; 2. Pet. 2:1, 3).

John Barr von der leitenden Körperschaft und Robert Pevy, der in Irland im Pionierdienst stand und jetzt im Bethel in Brooklyn dient, boten ihre Hilfe an. Von ihren Ferien, die sie in Großbritannien verbrachten, nahmen sie sich Zeit und kamen herüber nach Irland, um mit den Brüdern zu reden und sie zu ermuntern. Sie führten mit ihnen ausführliche Gespräche und erörterten mit ihnen gründlich viele Fragen, die in bezug auf Glaubenslehren entstanden waren. Es stellte sich dann aber heraus, daß die vorgebrachten Zweifel der Unzufriedenen nur fadenscheinige Ausreden waren. Die eigentliche Frage war: War dies Jehovas Organisation oder nicht?

Als es immer offensichtlicher wurde, daß die Abtrünnigen, die dem irrigen Denken anheimgefallen waren, die Wahrheit ablehnten, bemühten sich die Ältesten weiterhin, ihnen zu helfen. Gleichzeitig sahen sie aber auch die Notwendigkeit, dem Rat des Apostels Paulus, den er Timotheus gab, zu folgen, ‘gewissen Leuten zu gebieten, nicht eine andere Lehre zu lehren’ (1. Tim. 1:3). Wie Paulus Timotheus warnend sagte, würden sich die Lehren solcher Abtrünnigen „ausbreiten wie Gangrän“. Den Ältesten blieb letzten Endes keine andere Wahl, als solche Personen aus der Versammlung hinauszutun (2. Tim. 2:17).

 Nachdem diejenigen, die Gottes Wort verworfen hatten, entfernt worden waren, konnte das Werk wieder gedeihen. Im Jahre 1982, als der Abfall begann, gab es in Irland durchschnittlich 2 021 Zeugen Jehovas. Die Anzahl wuchs 1983 auf 2 124, 1984 auf 2 278, 1985 gab es 2 403 Zeugen, 1986 waren es 2 472 und im Mai 1987 gab es eine Höchstzahl von 2 661 Verkündigern. Dieser ständige Fortschritt dauert immer noch an. Die Ergebenheit der Brüder wurde völlig erprobt, doch die Mehrheit stellte ihre Lauterkeit gegenüber Jehova und seiner Organisation vor die Treue zu irgendeinem Menschen. Sie wußten, wo die Wahrheit zu finden ist und aus welcher Quelle sie sie empfangen hatten, und hielten daran fest. Sie fuhren mit dem wichtigen Werk des Predigens und Lehrens fort.

„MEIN BUCH MIT BIBLISCHEN GESCHICHTEN“ IN IRISCH

Alles, was Jehovas Volk die ganzen Jahre an Schriften in Irisch zur Verfügung stand, waren ein oder zwei Traktate und eine Broschüre. Sie waren deshalb begeistert, als sie im Jahre 1982 auf ihrem Bezirkskongreß das Buch Mein Buch mit biblischen Geschichten in Irisch erhielten. In Irland wird zwar hauptsächlich Englisch gesprochen. In letzter Zeit jedoch lebte das Interesse an Irisch (eine alte keltische Sprache) wieder auf. In einigen Landesteilen (Gaeltacht-Gebieten) wird es als einzige Sprache gesprochen. Nun hatten die Brüder wirklich etwas in der Hand,  was sie in diesen Gebieten anbieten konnten — besonders Menschen, die an ihrer einheimischen Sprache interessiert waren.

Viele Lehrer einschließlich unterrichtender Priester und solcher, die dem katholischen Lehrorden der „Christlichen Brüder“ angehörten, nahmen das Buch Mo Leabhar de Scéalta ón mBíobla, wie es in Irisch heißt. Die Art und Weise, wie das Buch aufgenommen wurde, zeigte, daß viele ihre Haltung gegenüber Jehovas Zeugen geändert hatten. Ein Priester — die Situation etwas übertreibend — drückte sich folgendermaßen aus: „Wenn wir von euch vor 30 Jahren Literatur entgegengenommen hätten, wären wir auf dem Scheiterhaufen verbrannt worden.“

In einer Schule trafen zwei Schwestern die Direktorin, eine Nonne, an. Als die beiden Zeuginnen ihr außerhalb des Lehrerzimmers Zeugnis gaben, schaute sie sich das Buch an und sagte sogleich: „Warten Sie einen Augenblick.“ Nach ein paar Minuten kam sie zurück mit Geld in der Hand und sprach: „Geben Sie mir bitte neun dieser Bücher.“ In einer anderen Schule betrachtete sich der Lehrer, der für den Einkauf der Lehrbücher zuständig ist, das Geschichten-Buch in Irisch und bestellte dann einen Satz von 35 Büchern für eine Klasse.

Auch Personen, die nicht im Lehrberuf stehen, sind von der einfachen Schilderung des biblischen Berichts in dem Buch beeindruckt. Einige, die normalerweise keine Literatur von Jehovas Zeugen entgegengenommen hätten, kauften das Buch.

Ein Bruder sprach bei einer Frau vor, für die er einmal einige Arbeiten verrichtet hatte. Er erwähnte, daß er das neue Buch in Irisch habe. Doch sie sagte, daß sie „mit Jehovas Zeugen nichts zu tun haben wolle“. Jedoch zeigte er ihr das Buch; aber sie meinte: „Ich glaube nicht, daß das Buch ein Imprimatur hat.“ Der Bruder gab zu, daß es nicht die Druckerlaubnis der katholischen Kirche habe, zeigte aber der Frau, daß am Ende  jeder Geschichte auf die Schriftstellen verwiesen wird. „Und was springt dabei für Jehovas Zeugen heraus?“ fragte sie — immer noch etwas zögernd. Der Bruder erklärte ihr, daß Jehovas Zeugen lediglich daran interessiert sind, jedem zu helfen, die Bibel zu verstehen. Dies sei der Grund, weshalb ein Buch wie dieses gedruckt worden sei. Dann nahm sie ein Geschichten-Buch  entgegen. Bei einem Rückbesuch fragte sie: „Wird in diesem Buch der Name Jehova nicht ein bißchen zu oft verwendet?“ Sie war sehr überrascht, als der Bruder ihr aus dem Wörterbuch ihrer Kinder zeigte, daß Jehova der wirkliche Name Gottes ist und mehr als 7 000mal in den ursprünglichen Handschriften vorkommt.

Eine andere Schwester besuchte ihre Nachbarn mit dem Geschichten-Buch, das sie sowohl in Englisch als auch in Irisch dabeihatte. Ihre Kinder gehen mit vielen anderen Kindern aus der gleichen Siedlung in die Schule. Ihr wurde bewußt, daß sie mit ihren Nachbarn noch nie so richtig über die Wahrheit gesprochen hatte. Sie bat Jehova um Kraft und ging dann in den Predigtdienst. Da man sie als eine der Nachbarinnen erkannte, wurde sie oft hereingebeten, und sie konnte einige gute Gespräche führen. Schließlich gab sie 75 Geschichten-Bücher ab!

AUSDEHNUNG UND VERSTÄRKTE BAUTÄTIGKEIT

Da immer mehr Menschen die Wahrheit annahmen, entstand ein anderes Bedürfnis — ein größeres Zweigbüro und bessere Zusammenkunftsstätten für die Versammlungen wurden benötigt.

Im Jahre 1980 konnte man in Dublin die neuen Zweigeinrichtungen der Bestimmung übergeben. Jahrelang waren die Räumlichkeiten des Zweigbüros zu eng gewesen. Bruder Fred Metcalfe erzählt uns, wie ihnen der Platzmangel einige Probleme bereitete. „Zuweilen mußten wir den Tisch im Speisesaal für Schreibarbeiten und andere Bürotätigkeiten benutzen. Um Literatur an die Versammlungen auszugeben, mußten wir hinunter an das Ende des Gartens gehen. Der Schuppen, den wir dort hatten, war der einzige passende Lagerplatz.“

Nach 12jähriger Suche konnten die Brüder ein geeignetes Grundstück finden und es dann kaufen, und  die Brüder in Irland brachten dafür die meisten benötigten Mittel auf. Ein schönes Zweigbüro wurde gebaut. Mit den besseren und größeren Einrichtungen konnte die sich mehrende Arbeit bewältigt werden, während das Einsammlungswerk in Irland sich ausdehnte. Der Königreichssaal, der zum Zweigbüro gehörte, erfüllte nicht nur den Zweck als dringend benötigte Zusammenkunftsstätte für die wachsenden Versammlungen. Er weckte auch das Interesse, andere Königreichssäle zu bauen, und setzte für sie neue Maßstäbe.

Bis dahin gab es nur sehr wenige Versammlungen, die einen eigenen Königreichssaal hatten. Entweder fehlte es an den erforderlichen Mitteln, weil es nur wenige Verkündiger gab, oder es war wegen der vorherrschenden Voreingenommenheit nicht möglich, passende Einrichtungen zu mieten. Einige Versammlungen kamen in engen Räumen zusammen, die viele Stockwerke hoch lagen. Die Zusammenkunftsstätten waren kalt und feucht, und man konnte sie kaum heizen. Eine Versammlung benutzte ein Gebäude, das außen mit Wellblech verkleidet war. Den einheimischen Kindern machte es viel Spaß, längs des Saals an dem Wellblech mit Stöcken entlangzuklappern, während die Brüder die Zusammenkünfte abhielten.

Eine Anzahl kleinerer Versammlungen kommen immer noch in gemieteten Räumlichkeiten in Hotels oder an anderen Stätten zusammen, aber immer mehr konnten einen Königreichssaal bauen. Die Brüder und Schwestern folgten freudig dem Rat: „Ehre Jehova mit deinen wertvollen Dingen“ (Spr. 3:9).

KÖNIGREICHSSÄLE IN SCHNELLBAUWEISE

Das Errichten von Königreichssälen in Schnellbauweise hat auch das Interesse der Brüder in Irland geweckt. Statt viele Monate oder sogar Jahre harte Arbeit für den Bau eines Königreichssaals zu verrichten, konnten sie nun in weniger als zwei Tagen gebaut  werden! Auf diese Weise erhielten die Versammlungen ausgezeichnete Zusammenkunftsstätten, ohne daß das Königreichspredigtwerk für längere Zeit unterbrochen werden mußte. Wo diese Säle errichtet wurden, war dies auch ein wirkungsvolles Zeugnis.

Der erste Saal in Schnellbauweise entstand im Juni 1985 in Downpatrick in Nordirland. Die erfahrene Baumannschaft setzte sich hauptsächlich aus Brüdern aus Großbritannien zusammen, die völlig auf eigene Kosten nach Irland gekommen waren. Sie wurden von einheimischen Brüdern unterstützt, die Handwerker waren, und von vielen anderen freiwilligen Helfern. Über 600 Freiwillige waren an diesem Projekt beschäftigt.

Als der Gedanke der Schnellbauweise zum ersten Mal vorgeschlagen wurde, stieg angesichts der geringen Anzahl der Brüder die Frage auf: „Läßt sich dies auch in Irland verwirklichen?“ In vollem Vertrauen auf Jehovas Unterstützung setzte die Versammlung ihre Pläne in die Tat um. „Wir spürten, wie wir von Jehova angetrieben wurden“, berichten die Brüder. Und der Glaube der kleinen Versammlung von 19 Verkündigern wurde belohnt, als sie sahen, wie der neue Königreichssaal vor ihren Augen rasch der Vollendung entgegenging.

Andere Versammlungen folgten. Bald hatte Irland eine eigene Mannschaft, um Säle in Schnellbauweise zu errichten. Wie war dies möglich? „Es war deshalb von Erfolg gekrönt“, sagte der Bruder, der die Bauaufsicht hat, „weil die Brüder und Schwestern sich unter dem Einfluß des Geistes Jehovas zusammenschlossen.“

Eine Versammlung baute ihren Saal trotz strömenden Regens in weniger als 36 Stunden. An einem anderen Ort besuchten Hunderte der einheimischen katholischen Bevölkerung den Bauplatz nach der Messe am Sonntagmorgen. Einige waren so beeindruckt, daß sie großzügig zu den Verpflegungskosten für die Bauarbeiter beisteuerten.

 VIELVERSPRECHENDE ERNTEAUSSICHTEN

Wie sich doch im Verlauf von 80 Jahren die Dinge verändert haben! Ein Bruder bemerkte, daß vor 20 Jahren die Sonderpioniere in seiner Versammlung nur etwa 10 Zeitschriften in einem Monat verbreiten konnten, trotz des Einsatzes von 150 Stunden im Predigtdienst. Es ergaben sich demzufolge nur wenig Möglichkeiten für Rückbesuche. Heute kann jeder Versammlungsverkündiger durchschnittlich jeden Monat 13 oder 14 Zeitschriften abgeben. Die Verbitterung und der Haß, die man oft in den vergangenen Jahren verspürte, sind verflogen.

Heute ist der Predigtdienst viel leichter, da es kaum zu Gewalttätigkeit und Pöbelaktionen kommt. Man verspürt zwar immer noch Widerstand, doch sind die Menschen viel eher bereit, auf die Wahrheit zu hören. Im vergangenen Jahr wurden 1 683 Heimbibelstudien durchgeführt. Das ist ein gutes Anzeichen für weiteres Wachstum.

Bruder Russell bemerkte am Ende seiner Reise im Jahre 1891: „England, Irland und Schottland sind Gebiete, die zur Ernte bereit sind und darauf warten.“ Als die Dinge zum Schlimmsten standen, mögen einige gedacht haben, die Ernte könne wohl niemals eingebracht werden und das Licht der Wahrheit werde wohl niemals das Dunkel durchbrechen, das Herz und Sinn der irischen Bevölkerung verfinsterte. Es dauerte zwar ein bißchen länger als ursprünglich erwartet, aber schließlich sieht man die Ernte, auf die man so lange hoffte. In 81 Versammlungen stehen jetzt 2 661 Verkündiger im Predigtdienst.

Es verbleibt noch viel Arbeit zu tun; aber mit dem Segen Jehovas auf seinen ergebenen Dienern in Irland werden noch viele die Wahrheit erkennen. Alle treuen Diener Jehovas in Irland lassen den Ruf Jesu widerhallen: „Ja, die Ernte ist groß, aber der Arbeiter sind wenige. Bittet daher den Herrn der Ernte, daß er Arbeiter in seine Ernte aussende“ (Mat. 9:37, 38).

 [Karte/Bilder auf Seite 71]

(Genaue Textanordnung in der gedruckten Ausgabe)

IRLAND

SCHOTTLAND

ATLANTISCHER OZEAN

BELFAST

Londonderry

Downpatrick

Newry

Donegal

Crossmaglen

Drogheda

DUBLIN

Athlone

Galway

Roscrea

Limerick

Wexford

Waterford

Cork

Irische See

WALES

 [Ganzseitiges Bild auf Seite 66]

[Bild auf Seite 89]

Fred Metcalfe, einer der ersten Sonderpioniere, die der Republik Irland zugeteilt wurden

[Bild auf Seite 95]

Sieben der ersten Missionarinnen, die 1949 nach Irland kamen, von links nach rechts: Mildred Willett (jetzt Barr), Bessie Jones, Joan Retter (jetzt Miller), Joey Orrom, Elsie Lott (jetzt Levis), Ann Parkin (jetzt Carter), Barbara Haywood (jetzt Steffens)

[Bilder auf Seite 98]

Olive und Arthur Matthews (oben rechts). Während des Feldzugs im Jahre 1953 mit der Broschüre „Gottes Weg ist Liebe“ benutzten sie mit Olives Bruder und dessen Frau diesen 4 m langen Wohnwagen.

[Bild auf Seite 104]

Das erste Zweigbüro in Irland, 86 Lindsay Road, Dublin

[Bilder auf Seite 130]

Das gegenwärtige Zweiggebäude in Finglas, Dublin und die Glieder des Zweigkomitees, von links nach rechts: Peter Andrews, Arthur Matthews (Koordinator des Zweigkomitees) und Fred Metcalfe

 [Bilder auf Seite 135]

Oben: Der erste Königreichssaal in Schnellbauweise in der Republik Irland, im Mai 1986 in Dun Laoghaire errichtet

Mitte und unten: Der erste Königreichssaal in Schnellbauweise in Nordirland, im Juni 1985 in Downpatrick errichtet