Am 14. Dezember 2017 platzten russische Beamte in den Kolomjaschskij-Kongresssaal der Zeugen Jehovas in Sankt Petersburg, riegelten das Gebäude ab und übernahmen die Kontrolle darüber. Bei der Razzia wurde kein Zeuge Jehovas im Saal verletzt und das Gebäude scheint unbeschädigt zu sein.

Aufnahme der Sicherheitskamera von der Razzia durch russische Beamte

Der Kongresssaal ist das größte Gebäude der Zeugen, das seit der Entscheidung des Appellationssenats des Obersten Gerichts der Russischen Föderation vom 17. Juli 2017 von russischen Behörden beschlagnahmt worden ist. Gemäß der Entscheidung des Obersten Gerichts wurde die Auflösung aller Rechtskörperschaften der Zeugen in ganz Russland angeordnet, ihre Tätigkeit verboten und die Beschlagnahme ihres Eigentums verfügt.

Beamte im Kongresssaal

Der 2002 renovierte Kongresssaal hat 1 500 Sitzplätze und wurde von örtlichen Versammlungen für große religiöse Zusammenkünfte genutzt. Anwälte der Zeugen erfuhren, dass die Behörden den Kongresssaal auf die Russische Föderation als Eigentümerin umschreiben ließen. Danach wurde das Gebäude auf einen neuen Eigentümer übertragen: ein benachbartes Gesundheitszentrum, das bereits am Eingang ein neues Schild angebracht hat.

Die Beschlagnahme folgte nur eine Woche nach einem Gerichtsentscheid, in dem die Inbesitznahme von Gebäuden angedroht wurde, die die Zeugen als ihre Zentrale in der Nähe von Sankt Petersburg nutzen. Die Entscheidung annullierte einen 17 Jahre alten Vertrag zwischen der Zentrale der Zeugen in Russland und der Watch Tower Bible and Tract Society of Pennsylvania. Bei erfolgloser Berufung ebnet die Entscheidung russischen Behörden den Weg für die Beschlagnahme dieses und anderen ausländischen Eigentums der Zeugen in Russland.

Jehovas Zeugen betrachten das Vorgehen der russischen Regierung als einen schweren Fall von religiöser Intoleranz, die sie nicht nur der Religionsfreiheit beraubt hat, sondern auch ihres Eigentums — von dem ein großer Teil von russischen Bürgern, die nur über geringe Mittel verfügen, gekauft und renoviert wurde. Die Zeugen nutzen jedes vorhandene Rechtsmittel gegen das Vorgehen der Regierung, darunter Anträge beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte und Beschwerden beim UN-Menschenrechtsausschuss.